Dichtender „Che Guevara des Donbass“

Bei Indymedia das Porträt des Anführers der Brigade Prisrak (Gespenst) Alexej Mosgowoj, auch »Che Guevara des Donbass« genannt. (Zuletzt in Deutschland in den Nachrichten, als die Tageszeitung junge Welt zu ihrer Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz „Alexej Markow, Gründer und politischer Kommandeur der Kommunistischen Einheit der Brigade »Prisrak« im Donbass“ als zugeschalteten Teilnehmer präsentierte). Manchen gefällt es, den Krieg im Donbass als eine Art neuen Spanienkrieg zu sehen.

Kyrylo Tkachenko, der Verfasser des Beitrags,

war Mitbegründer und Co-Redakteur der ukrainischen Zeitschrift für Soziale Kritik »Spilne« und politischer Aktivist in der Free-Mumia-Bewegung. Während seines Studiums in München war Kyrylo mehrere Jahre lang in deutschen linken Zusammenhängen aktiv. Er publizierte als Autor u.a. im Unrast-Verlag und unterstützte zuletzt in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Arbeiterprojekte in der Ostukraine.

In der dritten Folge seines Artikels (von sechs) geht es um den Kommandeur, und der ist oder war auch Dichter. Hier ein Auszug:

In der Tat sah man Mosgowoj nicht selten mit einer Mütze á la Che Guevara auf dem Kopf. Dass er auch ab und zu eine Kosaken-Mütze anhatte oder gar mehrmals in der Uniform der konterevolutionären Weißen Garde posierte, störte seine linken Verklärer weniger.

Vor dem Beginn der russischen Besatzung war Mosgowoj ein Dichter. Ein wahnsinnig schlechter Dichter, nebenbei angemerkt, der offensichtlich krasse Probleme mit der russischen Sprache hatte. Umso interessanter sind die Gedichte in ihrer Naivität. Die Absicht des Verfassers war es offensichtlich, einen tiefen Einblick in seine erstaunliche Seele zu gewähren. Und so bedienen wir uns derselben.

Ein Lieblingsthema Mosgowojs war die Revolution und der Bürgerkrieg. Mosgowoj beweint die besiegten Weißgardisten und schreibt Trauriges über die konterevolutionären Kadetten und Kosaken. Indem Mosgowojs lyrisches Ich sich an den Panzerkreuzer Aurora wendet, dessen Schuss der Legende zufolge als Signal zur Oktoberrevolution diente, äußert es sich folgendermaßen:

Hallo du, Idol der roten Brühe,
das Pest rauskotzt.

[…]

Der letzte Schuss fiel,
Das Echo hört man bis heute.
Ohne viel Bedenken
Erklärte dein Kapitän Terror dem Lande!

[…]

Gedichte antikommunistischen Inhalts schrieb der künftige »Che Guevara des Donbass« sehr gerne. Dagegen sucht man bei Mosgowoj vergeblich nach Verklärung der UdSSR, antifaschistischen Motiven oder sonst etwas »Linkem«.

Wirklich spannend sind auch seine Dichtereien über Frauen: »Sie sind keine boshaften Wesen / Manchmal sind sie sogar zärtlich« usw. Voll cool sind auch seine Hymnen an Wodka: »Und Wodkalein, das ist doch ein Wunder! / Ein Zaubergetränk, ein Traum. / Du trinkst nicht? Dann bist du ein Langweiler / Denn Frauenschönheit ist darin [im Wodka]«. Und so weiter und so fort, eine ziemlich klischeehafte »russische Seele«, mit allem Drum und Dran.

Das einzige »Revolutionäre«, was man beim dichtenden »Che Guevara« finden kann, ist ein sonderbares Gedicht namens »Es ist Zeit, ein bisschen zu schießen« sowie eine Prophezeiung über sein eigenes Schicksal: »Es bleibt nur noch, das eigene Blut mit der Hölle zu verwachsen. / Dort für immer zu brennen ist mein sündiges Los«.

Vor der russischen Besatzung war Mosgowoj nichts weiter als eine komische und für den postsowjetischen Raum nicht untypische Gestalt, ohne Bedeutung und Einfluss. Doch seit dem Frühjahr 2014 änderte sich alles von Grund auf. Die ehemals harmlosen Witzfiguren schafften es auf einmal aus der Marginalität in die höchsten Kollaborateurs-Ämter. Sie wurden wichtig. Sie kamen an Waffen und Macht. Sie durften über Leben und Tod entscheiden.

Seit dem Frühjahr 2014 hatte auch unser Held keine Zeit mehr für Dichtung. Der ehemalige Berufssoldat Alexej Mosgowoj organisierte eine Mörder-Bande und begann, zu predigen. Er meinte, dass er »erst jetzt angefangen hat zu leben«.

In einem Interview bestätigte Mosgowoj, dass Prisrak keine Gefangenen nimmt. Er meinte auch, dass er gerade damit beschäftigt sei, drei Raketen des Typs Totschka-U zu kaufen (d.h. einen Sprengkopf mit über 160 Kilo Sprengstoff darin), um auf Kyiw »draufzuballern«.

Er erklärt auch seine Beweggründe: »Wie viele anderen Menschen in Neurussland kann ich nicht mit der Ideologie leben, die Kiew vom Westen aufgezwungen wird. Ich kann keine gleichgeschlechtlichen Ehen akzeptieren, keine Jugendgerichte, die es Eltern verbieten, ihre Kinder zu erziehen. Überhaupt hat man uns von unseren Wurzeln losgerissen. Und jetzt wird es uns verboten, wir selbst zu sein.«. Ansonsten kein Wort über Kommunismus oder Sozialismus. Nur Schimpferei über »Faschisten« und Versprechungen, »es bis nach Kiew zu schaffen«.

Interessanterweise verrät er im selben Interview, dass sich seiner Brigade bald »Antifaschisten aus Deutschland anschließen werden«.

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