Literaturverrückt

Literaturverrückte Schwaben, vor allem wenn sie aus der ehemaligen Arbeitervorstadt Heslach stammen, neigen offenbar zur Renitenz. In seinem autobiografischen Gedicht holzrauch über heslach (2007) hatte der Ex-Heslacher und Wahl-Berliner Ulf Stolterfoht von der verblüffenden revolutionären Sozialisation der jungen Vorstadt-Community berichtet. Diese Subkultur nährte sich, so die Legende seines Gedichts, in den aufsässigen 1970er Jahren von revolutionären Schriften anarchosyndikalistischen Ursprungs, darüber hinaus von Free Jazz, Stechäpfeln, Tollkirschen und anderen bewusstseinserweiternden Substanzen – und nicht zuletzt von Weizenbier und experimenteller Lyrik. Die Begeisterung für eine Poesie der experimentellen Aushebelung der geläufigen Sprache entzündete sich beim jungen Stolterfoht nach dem Besuch eines berühmten Jazz-Festivals. An den Pfingsttagen des Jahres 1983 pilgerte Ulf Stolterfoht aus Stuttgart mit vielen anderen Jazzbegeisterten nach Moers am Niederrhein, in das Mekka der improvisierten Musik, und hatte dort eine Art Offenbarungserlebnis. Im Auftritt einer wunderbaren kleinen Band, der Skeleton Crew, entdeckte er das Modell einer unerhörten Freiheit. Von den anarchischen Kompositionen der Tonkünstler nahm er dann die Lizenz für eine eigene poetische Freiheit – die Freiheit der spielerischen Wort- und Satzbildung.

(…)

„Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis – dann ist es Brueterich Press“: Der launige Werbeslogan verweist auf die Zielrichtung dieser Edition. Der annoncierte „hohe Preis“ indes erweist sich als koketter Schwindel. Die 20 Euro pro Band entsprechen längst den Marktüblichkeiten und können sogar durch ein Abonnement der kompletten Brueterich-Reihe auf 15 Euro pro Buch gesenkt werden. Ästhetisch gibt es aber keinen Rabatt: Die Passion für das Extrem-Poem ist zum Leitfaden des Programms geworden.

Die ersten drei Titel zeigen an, wohin die Reise geht. Der derzeit wohl bedeutendste Ästhetiker der Gegenwart, der österreichische Dichter Franz Josef Czernin, veröffentlicht im Band Beginnt ein Staubkorn sich zu drehn eine Auswahl seiner Essays zur Gegenwartsliteratur, die sich mit der von Czernin bekannten Akribie mit grundsätzlichen Fragen befassen, etwa mit dem Verhältnis von „Poesie, Autor und Intentionalität“ oder den für die Dichtung möglichen „Verwandlungen“. Am Ausgangspunkt dieser poetologischen Erkundungen steht eine Einsicht des Romantikers Novalis: „Dass wenn einer bloss spricht um zu sprechen, er gerade die herrlichsten, originellsten Wahrheiten ausspricht. Will er aber von etwas Bestimmtem sprechen, so lässt ihn die launige Spache das lächerlichste und verkehrteste Zeug sagen.“

Diese Novalis-Sätze bilden so etwas wie das ästhetische Grundsatzprogramm der Brueterich Press. Sie gelten auch für die zwei anderen Introduktionen des neuen, wagemutigen Verlags, Hans Thills Gedichtband Ratgeber für Zeugleute und Oswald Eggers Gnomen & Amben. (…) / Michael Braun, literaturblatt

  • Hans Thill, Ratgeber für Zeugleute. Gedichte. BP 001. 128 Seiten, 20 Euro
  • Franz Josef Czernin, Beginnt ein Staubkorn sich zu drehn. Ornamente, Metamorphosen und andere Versuche. BP 002. 136 Seiten, 20 Euro
  • Oswald Egger, Gnomen & Amben. BP 005. 88 Seiten, 20 Euro

www.brueterichpress.org

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