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Es ist 22.18 Uhr, als Felizitas Leitner ein Novum verkündet: Erstmals seit Bestehen des Lyrikwettbewerbs „Hochstadter Stier“ kommt es im Rennen um den 2. Publikumspreis zu einem Stechen. Moderatorin Leitner, Ehefrau des Verlegers Anton G. Leitner und Mitorganisatorin der zum siebten Male ausgetragenen Dichter-Konkurrenz, lässt erneut Stimmzettel austeilen, und die beiden Aspirantinnen tragen noch einmal ihre preiswürdigen Zeilen vor. Die Berlinerin Jo Lenz setzt sich danach mit 59:29 gegen Verena Liebers aus Bochum durch. Die Frühlingshoffnung ihres kräftig „berlinernden“ Gedichts „Schneesehen“ obsiegt gegen die rhythmische Kindheitserinnerung vom „Trampolinsommer“.
Für jeden scheint etwas geboten beim diesjährigen „Hochstadter Stier“, und die Wahl fällt alles andere als leicht: Dass Hans-Werner Kube mit seinem Beitrag vom unbeirrbaren Raucher nicht nur nikotingeschädigte Herzen „im Qualm“ erobern würde, darauf hätte man allerdings wetten mögen. Der aus Witten kommende Gewinner des Publikumspreises erfreute die Leute mit den kosequent zu Ende gepafften Zeilen (Auszug): „…meine Zunge ist versehrt / meine Lunge frisch geteert / schick dem linken Fuß / einen Abschiedsgruß / muss das linke Bein / denn für ewig sein? / doch solang ich hauche / auf dem Bauche krauche / rauch ich, schmauch ich / weil, das brauch ich“ – tosender Beifall nicht nur von den Privatversicherten im Raum.
Wie beinahe in jedem Jahr wich der Geschmack des Publikums beim „Hochstadter Stier“ auch heuer ziemlich weit ab von dem der Fach-Jury: „Meine Erfahrung ist es seit einigen Jahren, dass wir uns relativ rasch einig sind“, sagte Erich Joos im Namen seiner Ko-Juroren Müller-Wieland und Ludwig Steinherr, ehe er den Sieger der Experten bekannt gab: Andreas Peters, aus Tscheljabinsk stammender, in Kirgistan aufgewachsener und in Bad Reichenhall wohnender Russlanddeutscher, überzeugte mit dem Beitrag „Ewiges Feuer“, der laut Jury „formale Souveränität bis zuletzt“ bewies. / Thomas Lochte, Münchner Merkur
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