61. Zwei neue Übersetzungen der Shakespeare-Sonette

Nachdichtung oder Übersetzung, Verfremdung oder Eindeutschung, philologische Akribie oder poetische Freiheit – zwischen diesen vermeintlichen Polen bewegen sich die gut siebzig Gesamtübertragungen der Sonette Shakespeares, die in deutscher Sprache vorliegen. Mit Claus Eckermanns und Alexander Gieses Übersetzungen reihen sich nun zwei weitere Gesamtübertragungen ein – und natürlich steht außer Frage, dass auch diese beiden Übersetzungen mit ihrer jeweils eigenen interpretatorischen Perspektive einen Beitrag zur Rezeption leisten; denn Eckermann und Giese gelingt es, eine jeweils eigene Tonart anzuschlagen und diese konsequent durchzuhalten. Beide Übersetzungen sind weit entfernt von Ulrike Draesners „Radikalübersetzung“ (2000), die auf eine Aktualisierung der semantischen Felder in Richtung Technik und Wissenschaft setzt und dabei Wortschöpfungen wie „tintenstrahl-füße“ hervorgebracht hat. Modernisierung ist hier nicht das Gebot der Stunde, vielmehr ist beiden Übersetzern daran gelegen, Shakespeares Klang- und Bildraum als eigenständige literarische Welt vorzustellen. Verglichen mit Christa Schuenkes Übersetzung (1999, 52011), die sich in den letzten Jahren als maßstäblich durchgesetzt hat, wirken beide Übersetzungen allerdings archisierend, wobei sich Eckermann an einem barocken, bisweilen manierierten Stilideal orientiert, während Giese das lyrische Ich als Stimme des Sturm und Drang entwirft. Insofern markieren beide Übersetzer stilistisch sehr deutlich, dass sie das Paradigma der romantischen Liebe, das dem frühneuzeitlichen Liebesdiskurs nur bedingt gerecht wird, als Rezeptionsrahmen für nicht geeignet halten.

Eckermanns Zugriff ist geradezu historisierend. Tongebend ist – trotz der fünfhebigen Jamben – ein barockes Dichtungsmodell, das antithetische Gegenüberstellungen und überhöhte Bildhaftigkeit auskostet: „confounding age’s cruel knife“ (Sonett 63) wird zu „des welken Alters scharfer Klinge“, „But if that flower with base infection meet, / The basest weed outbraves his dignity“ (Sonett 94) wird zu „Doch wo die Blum auf welkes Siechtum stieß, / Schlägt ihren Wert gar Unkraut, öd und siech. “ Diese Bildhaftigkeit schafft Distanz, entrückt die Sonette aus der Alltagserfahrung und betont deren Literarizität. Keineswegs anbiedernd ist diese Übertragung: Eckermann will es seinen Lesern sichtlich nicht leicht machen, sie sollen beim Lesen oder Rezitieren nicht vergessen, dass sie sich in einem sprachlich-formalen Kunstwerk bewegen. Es gelingt jedoch nicht immer, die angebotenen Bilder mit Leben zu füllen: mir jedenfalls fällt es schwer, eine „Blum“ zu sehen, die „auf welkes Siechtum stieß“. Zugegeben, Sonett 94 gilt als besonders schwer zu übersetzen. Shakespeares lyrisches Ich ist hier enigmatischer als sonst: Das Herrschaftsideal, das mit botanischen Vanitas-Motiven ins Bild gesetzt wird, bleibt obskur, die Botschaft, die sich an den „fair youth“ richtet, unklar. Trotz dieser Ambiguitäten ist Shakespeares Sprache jedoch direkt und aggressiv: Shakespeare verweist mit „infection“ recht deutlich auf die Syphillis, wählt mit „outbraves“ eine ironisch gebrochene Konversion, die der konventionellen Gegenüberstellung von Blume und Unkraut einen kühnen Anstrich gibt. Es gelingt Eckermann nicht immer, diese Nuancen im Register und Lexikon zu retten.

(…)

Auch Giese nutzt Abweichungen vom fünfhebigen Jambus äußerst spärlich, und doch wirkt seine Übersetzung luftiger, metrisch weniger streng organisiert. Verglichen mit Eckermanns Übertragung ist die Anrede direkter, der Sprachduktus lässiger, geradezu keck an manchen Stellen. Dieser Eindruck mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass Giese Wortwiederholungen nicht scheut. In Sonett 8 verwendet er beispielsweise viermal das Wort „süß/Süßes“ und sucht nicht nach Synonymen, im Sonett 152 begegnen uns „schwört“, „Bettschwur“, „Schwören“, „schwor“, „Schwüre“, „schwör’n“, „geschworen“, „schwören“. Gieses Liebender, aber auch der mahnende Freund zuvor, haben beide keine Zeit, nach trefflichen Worten zu suchen und ihre Ausdrücke zu modulieren. Diese Haltung zeigt sich besonders deutlich an Sonett 66, dem Meilenstein für deutsche Übersetzungen:

Bin alles müd’, nach Todesruh’ ich schrei,
Da doch Verdienst zum Bettler nur geboren,
Und nicht’ge Nullen sich freu’n an Narretei,
Und reinste Treu elendig falsch geschworen,
Und gold’ner Ruhm, schmachvoll wird er missachtet,
Und Mädchentugend rücksichtslos geschändet,
Und höchst Vollkomm’nes unverdient verachtet,
Und selbst Kraft in schwacher Herrschaft endet,
Der Kunst die Zung’ bindet die Staatsgewalt,
Und Narrheit doktorgleich treibt Wissenschaft,
Und echte Wahrheit wird verkannt als Einfalt,
Und wertvoll Gut gerät in schlimme Haft;
Müd dieser Welt ließ gern ich alles sein,
Wär nicht – stürb ich – mein Liebstes ganz allein.

Nicht großes Pathos, kein uferloser Zorn, sondern eine tiefgehende und gefasste Empörung spricht aus diesen Versen. Giese bricht mit der Anaphora in Zeile 9 und hebt mit seiner Anklage neu an. Und auch metrisch lässt sich dieser Sprecher nicht vereinnahmen: „geboren“, „geschworen“, „missachtet“, „geschändet“, „verachtet“, „endet“ wenden sich gegen das Diktat des Metrums. Somit ist diese Übertragung näher an den Übersetzungen von Lachmann (1820) und Gelbcke (1867) als an der zusatzfüßigen von Biermann (2004) oder der metrisch idealtypischen von Schuencke (1999) [Für eine ausführliche Rezension der Biermann-Übersetzung von Jürgen Gutsch siehe literaturkritik Nr. 10, Oktober 2004; ein Interview mit Christa Schuenke, das Christa Jansohn geführt hat, ist abgedruckt in literaturkritik Nr. 4, April 2014].

/ Felix Sprang, literaturkritik.de

William Shakespeare: Der Zeit entgegen – Shakespeares Vanitas Sonette [Tonträger]. Jacques Breuer liest Shakespeare.
NOA NOA Hörbuchedition, München 2012.
1 CD, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783932929793

William Shakespeare: Die Sonette. Englisch und deutsch.
Übersetzt aus dem Englischen von Claus Eckermann.
Haag + Herchen Verlag, Hanau 2012.
328 , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783898466486

William Shakespeare: Shakespeare Sonette.
E-Book.
Übersetzt aus dem Englischen von Alexander Giese.
Aumayer Druck + Verlag, Munderfing 2013.
164 Seiten, 4,90 EUR.
ISBN-13: 9783902923011

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