23. Der Wahrheit nachsinnen – Viel Schmerz!

Von Walter G. Goes (ARTus) • Bergen auf Rügen

Am 3. November 1914 starb »von eigener Hand gefällt« (Else Lasker-Schüler) in Krakau der Dichter Georg Trakl. Zeichnung: ARTus
Am 3. November 1914 starb »von eigener Hand gefällt« (Else Lasker-Schüler) in Krakau der Dichter Georg Trakl.
Zeichnung: ARTus

Auf den Dichter Georg Trakl (1887-1914) stieß ich zunächst durch Radierungen des Leipziger Künstlers Hans Schulze (1904-1982). Er zeigte mir Blätter zu Gedichten Trakls um das Jahr 1971 in seinem Atelier.

Schulze, ein Solitär unter den Künstlern Mitteldeutschlands, eine unter Insidern geschätzte, weil eigenwillige Persönlichkeit, war geprägt durch seine Ausbildung an der bis zur Nazi-Zeit freigeistigen Breslauer Akademie. Er hatte weitgespannte literarische Interessen und wusste diese in fantastische Bild-Kompositionen zu modeln. Sie vermittelten so gesehen einen gänzlich anderen Kunstdiskurs, als ihn der Tenor des in der DDR sonst Vermittelten vorgab.
Ein neu eingesetzter Leiter des damaligen Kreiskulturhauses Bergen auf Rügen, der gegenüber ungewöhnlichen Initiativen offen war und damit auch die Einrichtung einer Kleinen Galerie beförderte, ermöglichte im Jahr 1973 eine Präsentation von Arbeiten Schulzes, auch die zu Gedichten Trakls.

Zwei Jahre später, endlich, erschien bei Reclam Leipzig eine erste Werkauswahl »Gedichte« von Georg Trakl, in einer Auswahl zusammengestellt von Franz Fühmann und mit einem Nachwort von Stephan Hermlin versehen. Diese schmale 118-Seiten-Broschur war ein Ereignis. Der mit der Nummer 614 versehene Band aus Reclams Universal-Bibliothek sollte die Vorlage für mein Diplom im Jahr 1979 bilden, das ich mit Trakl-Illustrationen an der Kunsthochschule Weißensee abzuschließen gedachte. Als die Drucklegung in den schuleigenen Werkstätten beendet war, schickte ich ein Exemplar unter dem frei gewählten Titel »Verfall« an Franz Fühmann. Und… erhielt am 16. Mai 1979 Post vom Ostberliner Strausberger Platz 1. Einen Brief, der mich noch heute in Aufregung versetzt: »… haben Sie herzlich Dank für Ihr Geschenk. Es kam in einem seltsamen Augenblick: Ich sitze in meinem Essay seit Wochen an einer Analyse von Trakls Verfall und Ihr Band deckte sich mit einem der Resultate, zu denen ich kam. Es ist schwer zu sagen, auf welche Weise, doch dies Zusammentreten hat mich stark berührt. Ich erwidere Ihr Buch dann mit dem meinen, falls es erscheint. Und wenn, dann ja nicht vor dem letzten Quartal 1980. Dank + Händedruck«.
Den mir versprochenen Vorzugsband, bei Reclam 1981 in nur 115 Exemplaren erschienen, erhielt ich erst nach dem Tod Fühmanns über ein Hamburger Versandantiquariat. Bezeichnet ist er mit der Nr. 4 und enthält einen Autograph Fühmanns, eine Originalabschrift des Trakl-Gedichts »Im Schnee«, das die erschütternde, bis heute oft zitierte Zeile »Der Wahrheit nachsinnen – Viel Schmerz!« enthält.
Ein Schmerz, der den Dichter im November 1914, im Angesicht der Verrohung und des blinden Ausgeliefertseins der Menschen durch den Krieg, umbrachte. ARTus

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 662 von Walter G. Goes (ARTus) • Bergen auf Rügen

Eine gekürzte Version erscheint in der Ostsee-Zeitung Rügen am 8. November 2014

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