88. Gedichte aus der Zelle

Rohes Fleisch essen und in den eigenen Schuhen laufen

Von Rainer Komers

Unter der Überschrift „Gedichte aus der Zelle“ veröffentlichte die taz am 28. Juli 2012 meinen Artikel über Leben und Werk des Lyrikers Spoon Jackson. Als 19-jähriger hat er im Streit einen Menschen getötet und tourt seitdem durch kalifornische Gefängnisse, darunter San Quentin und Folsom State Prison. Zurzeit ist er in Lancaster im Großraum Los Angeles eingesperrt nicht weit von seinem Geburtsort Barstow, den er bis zu seiner Verhaftung 1977 nie verlassen hatte. In San Quentin besuchte er Poetik-Kurse der Lyrikerin Judith Tannenbaum und schrieb sein erstes Gedicht:

No Beauty in Cell Bars – Keine Schönheit in Zellengittern

Ruhelos, nicht schlafen können
Schlüssel, Gitter, die Gewehre werden geladen
Jahr für Jahr
Endlose Echos
Von Stahl küsst Stahl

Lärm
Ständiges Schreien
Nichts wird gesagt
Vegetierende Gesichter, verlorene Gesichter
verstaubte Gesichter

Ein Lebenslänglicher
Ein Träumer
Das Morgen, ein Traum
Das Gestern, eine Erinnerung
Beides eine Wolke, die vorüberzieht

Mit diesen Zeilen beginnt auch Spoons Gedichtsammlung „Versensporn 11“. Tom Riebe von der Jenaer Edition „Poesie schmeckt gut“ hatte den taz-Artikel über Spoon gelesen, schrieb ihm daraufhin nach New Folsom und vereinbarte die Herausgabe seiner Gedichte in Deutschland. Dem schmalen Band ist eine DVD von Michel Wenzers Film „Three Poems by Spoon Jackson“ beigefügt, mit dem die Rezeption seiner Lyrik in Europa begonnen hatte.

Bei einer Durchsicht der Sammlung fällt auf, dass Mitgefangene und Personal, aber auch Besucher oder Freunde und Unterstützer darin nicht vorkommen. Und ein US-Gefängnis ist vollgestopft mit Menschen, es gibt kaum Platz und Gelegenheit, um dort allein zu sein. Nur in seiner 2010 in den USA erschienenen Sammlung „Longer Ago“, aus der auch die meisten Gedichte in „Versensporn 11“ entnommen sind, gibt es unter der Überschrift „Light Pole – Lichtmast“ eine kurze Aufzählung des Personals im Gefängnishof:

Ich sitze am Fuß des Lichtmastes
Um mich herum sind überall Leute.
Auf dem Basketballfeld machen drei
Mexikaner Liegestütze, hören
Soft-Rock-Musik im Radio.

Hinter dem Basketballfeld versammeln sich
Christen unterschiedlicher Hautfarben
Um zu ihrem Gott zu beten.

Während Afroamerikaner Dominosteine
Auf den Tisch knallen
Hinter mir.

Ich sitze dort an dem Lichtmast
Lese Shakespeare.

In „Beauty in Cell Bars – Schönheit in Zellengittern“, dem letzten Gedicht der Sammlung, appelliert Spoon an die Nichtgefangenen, ihr eigenes stahlvergittertes Gefängnis zu sehen, in das sie eingesperrt sind, nicht ohne ihr eigenes Zutun, wenn sie „unnatürlichen und unwirklichen (‚unreal’) Gedanken erlauben, Mauern und Dämme zu bauen und Grenzen zu ziehen“ und dadurch Schönheit, Licht und Liebe, das Paradies in sich selbst ausschließen. In solchen Zeilen gerät das Gedicht zur Predigt, zum Gebet, aber wer könnte ihm das verwehren, dem 57-jährigen, der eine lebenslange Strafe, LWOP – Life Without Parole, verbüßt? In den USA bedeutet LWOP buchstäblich ‚lebenslang’, ist LWOP eine andere Art Todesstrafe – the other death penalty. Aber der Dichter erlaubt es sich nicht, sich in seinen Gefühlen, Sehnsüchten, Träumen, auch tiefster Verzweiflung zu verlieren, sondern zwingt sich, der Wirklichkeit, der ‚realness’ ins Auge zu sehen, und er bekennt, „I am not a poet“. Wenn Lehrer und Herausgeber auf seinen Gedichten „herumhacken wie auf einem Kohlkopf und deren Essenz herauspressen wie Saft aus einer Zitrone“, dann drängt sie sich spätestens wieder auf, seine ‚realness’, dann gibt es für ihn „keine Schmetterlinge, Blumen, Liebe und Lügen im Zuckerguss“ mehr. Leben und Werk lassen sich bei ihm nicht trennen:

I am not a poet; I am just a jester in life
clowning and amusing readers with words.

My writing is not ambiguous, hiding truths behind veils.
It hasn’t much grammar, rhyme or meter
no form to cast spells on the unsuspecting reader.

Er vermeidet Kunstgriffe, Tricks, die den Leser überraschen, verzaubern sollen. In einem Haiku, den er mir in seiner nur schwer lesbaren Handschrift aus Folsom schrieb, fasst er seine sechsunddreißigjährige ‚Wahrheit’ wie unter dem Brennglas zusammen:

Three plastic windows
……..I can see
…………….Only the tops of far trees

Pflanzen und Tiere, die Jahreszeiten und das Geschehen am Himmel nehmen einen breiten Raum in den Gedichten ein. Mit der belebten Natur fühlt er sich brüderlich verbunden, sie weckt das Tier (the ‚beast’) in ihm, spiegelt seine Gefühle. Besonders ist er den Vögeln zugetan. Das Titelfoto zeigt ihn am Gitter zum Gefängnishof sitzend, in ein wortloses Gespräch viertieft. Draußen sind Tauben versammelt, die er vorher gefüttert hat. Oder später, es ist bald Mitternacht, ist ein Frosch auf die Fensterbank seiner Zelle gehüpft, dessen Unterkiefer tickt wie der Sekundenzeiger einer Uhr. Das lyrische Ich sitzt auf dem Spülkasten der Toilette, sieht dem Frosch in die Augen, „and still he sits. // So do I. I am in prison / but through him I am free / Free, free tonight.“ Schon im nächsten Gedicht „At Night I Fly“ kippt die Stimmung wieder: „I see my thoughts, my feelings / my love crash / like seas on ships.“ Und in den Schlussstrophen ist der Mond eine Fehlprägung, ein verunstalteter Silberdollar, der allein im eigenen Universum schläft, nicht länger ein Stern ist: „Today I died / I died yesterday and tomorrow / At night I fly.“ Das Urteil ‚Lebenslänglich’ erlebt der Dichter als Vivisektion, als Zeitzertrümmerung, als „being killed by a slower execution than the people on death row“. Er fühlt sich „wie mit Zuckersirup eingestrichen nackt auf einem Ameisenhügel abgelegt“, wo selbst die Erinnerung an das kurze Leben in Freiheit, an die kleine Stadt Barstow in der Mojave Wüste, an Mutter, Vater, Brüder und Freunde, seine Ausflüge ans trockene Flussbett des Mojave River, zum B-Hill, an die wilden Spiele und Kämpfe auf der Crooks Street zur Pein wird:

Schmerzliche Erinnerungen, die verloren waren
Trauer im Herzen
Runzeln im Gesicht.

Jede Falte in meinem Gesicht
ist nur ein Vorzeichen
der Freude, mit der ich darum kämpfe,
die Trauer im Herzen
zu überwinden…

…um dann mit bewundernswerter Selbstdisziplin wieder die Kurve zu kriegen zurück zu seiner Wirklichkeit mit ihrem kraftvollen ‚realness’ beat: „Realness eats raw meat / and does not waver / nor drift on the currents / He has the staying power / of the sun / Realness walks only in his / own shoes.“

Gedichte schreiben, wie Spoon Jackson es tut, heißt, Kassiber in Zeilenform schreiben, persönlich und direkt, wie es William Carlos Williams gefordert hat: „…the writing / be of words, slow and quick, sharp / to strike, quiet to wait, / sleepless” – gleichzeitig bedeutet es, am Rand einer Klippe zu stehen, die Welt, das Universum (ein letztes Mal) zu umarmen. Die Lücke, das tiefe Loch dazwischen erzeugt die Spannung.

Spoon ist aus seiner Nische herausgetreten, hat seine Gedichte und seine ‚realness’ in Telefonhörer und Mikrofone gesprochen, zwischen Buchdeckeln gedruckt und ins Netz gestellt. Er hat sie und sich mit der Welt draußen verbunden. Mein allererster Brief an ihn endete mit dem Satz: „I hope and wish that you have to recite your poems not any longer over a crackling phone from a California prison but face to face to your audience – now!” In Abwandlung der Schlusszeilen von “Light Pole” könnte es dann einmal heißen:

„Wir sitzen dort am Lichtmast / Hören Jackson.“

Ende Oktober 2013 hat die Radiojournalistin Kate Laycock ein Telefongespräch mit Spoon, damals noch in Folsom State Prison, geführt, das von der Deutschen Welle weltweit gesendet wurde:

http://www.dw.de/worldlink-crime-and-punishment-2013-10-26/e-17123516

Inzwischen hat Spoon ein Gnadengesuch an Jerry Brown, den Gouverneur von Kalifornien, gestellt, das zusammen mit unseren Unterstützerbriefen im Februar überreicht wurde. Darin bittet er um die Umwandlung seiner lebenslangen Strafe, die ihm nach 37 Jahren Haft eine Entlassung auf Bewährung erlauben würde.

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