89. Vom Syndikat der Futuristen zu Dada

Kaum jemand weiss indes, dass Dada auch im fernen Kaukasus durch umtriebige Adepten vertreten war, die mit aufsehenerregenden, bisweilen skandalösen Auftritten und Publikationen lautstarke Präsenz markierten. Insgesamt vier Dichter- und Künstlergruppen sind zwischen 1917 und 1925 in der georgischen Hauptstadt Tbilissi (Tiflis) als dadaistische Stosstrupps angetreten, um mit dem gesunden Menschenverstand kompromisslos abzurechnen und aufzuräumen. Die russische Literarhistorikerin Tatjana Nikolskaja legt nun unter dem Titel «Avantgarde und Umfeld» ein Buch vor, das die Rezeption und Fortentwicklung des Dadaismus in Georgien materialreich dokumentiert und dessen Protagonisten im gesamteuropäischen Kontext vorstellt.

Erste dadaistische Spurenelemente wurden um 1917 durch das «Syndikat der Futuristen» nach Tbilissi vermittelt. Wortführer des Syndikats waren nebst dem georgischen Maler Lado Gudiaschwili die aus Moskau angereisten Autoren Ilja Sdanewitsch und Aleksei Krutschonych, die sich zuvor schon als Impulsgeber des Kubofuturismus einen Namen gemacht hatten. (…)

Aus dem «Syndikat der Futuristen» ging die Gruppe «41°» hervor, die unter der Leitung von Igor Terentjew und mit Unterstützung von Krutschonych zur wichtigsten Fraktion des georgischen Dadaismus werden sollte. Rund fünfzig Buchveröffentlichungen – Manifeste, theoretische Schriften, «transmentale» Gedichte und Dramen – erschienen ab 1917 bis 1919 in einer Auflage von jeweils 250 Exemplaren. Die mehrheitlich illustrierten und typographisch kühn komponierten Bücher gaben sich schon durch ihre Titel als dadaistische Artefakte zu erkennen: «Zärtlichkeitsrekord» und «17 Stusswaffen» (Terentjew), «esEl zu mietEn» und «Janko könIg der albAner» (Sdanewitsch), «Malacholie im Kopfstand» und «Fettsucht der Rosen» (Krutschonych) und anderes mehr.  / Felix Philipp Ingold, NZZ

Tatjana Nikolskaja: Avangard i okrestnosti. Ivan-Limbach- Verlag, St. Petersburg 2002. Gleichzeitig mit der vorliegenden Untersuchung ist erstmals in russischer Sprache eine umfassende Dokumentation über die internationale Dada-Bewegung und deren Anfänge in Zürich erschienen (Dadaizm v Cjuriche, Verlag Respublika, Moskau 2002).

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