99. Maya Angelou (1928-2014)

Der 20. Januar 1993 ist ein bitterkalter Tag in der amerikanischen Hauptstadt Washington. Als eine schwarze Frau über den riesigen, roten Teppich zum Podium an den Treppenstufen des Kapitols schreitet, macht sie sich gefasst auf kühlen Wind und drückt ihren dicken, dunklen Mantel fest an sich. Dann steht sie am Pult und schaut einen Moment in die Menschenmenge um sie herum. Die Zooms der neugierigen Fernsehkameras fahren auf die 64-Jährige mit den grossen Ohrringen zu, die Schar der Mikrofone harrt der Worte aus berufenem Munde. Schliesslich hebt die hochgewachsene Künstlerin den Kopf, atmet ein und beginnt, ihr Gedicht «On the Pulse of Morning» mit sanfter, sonorer Stimme vorzutragen. Der ganze Erdball schenkt ihr Gehör.

Es war der am 4. April 1928 in St. Louis geborenen Maya Angelou nicht an der Wiege gesungen worden, dass ein frisch gewählter US-Präsident sie bitten würde, zu seiner Inauguration ein Gedicht zu verfassen und vorzutragen. Doch genau dies tat Bill Clinton. Und ehrte damit eine Autorin, die bereits zahllose Auszeichnungen und Preise erhalten hatte. Nach Robert Frost, der 1961 bei der Amtseinführung John F. Kennedys sein Poem «The Gift Outright» deklamierte, war es das zweite Mal, dass jemand aus dem Kreis der Dichter und Denker eine Hauptrolle bei einer der wichtigsten Zeremonien der Vereinigten Staaten spielte. Angelou fand den richtigen Ton, als sie die Aufbruchstimmung der Clinton-Ära in freudige Strophen über ein neues, traumhaftes Amerika fasste. Einerseits folgte sie Frost – wie Clinton seinem Vorbild Kennedy huldigte – und sah eine goldene Natur. Andererseits bedachte sie im Kontrast zum Vorgänger die Minderheiten. Die sechssprachige Afroamerikanerin lieferte dabei kein kaschiertes Parteiprogramm, sondern blieb ihrem Œuvre treu.

Dieses ist in sämtlichen Facetten letztlich optimistisch, obwohl es den harten Kampf schwarzer Frauen um Existenz und Akzeptanz ins Zentrum stellt. Das Gedichtwerk, das recht wenig erforscht ist, umspannt eine Reihe respektabler Bände, die von «Just Give Me a Cool Drink of Water ‚Fore I Diiie» (1971) bis zu «Life Doesn’t Frighten Me» (1996) reicht. Kenner greifen gern zur 1994 gedruckten Gesamtausgabe, die Angelous Qualitäten als Lyrikerin in ganzer Breite zeigt: Spürbar wird zum einen das Gefühl für Rhythmus, so in den Zeilen von «Times-Square-Shoeshine-Composition», dessen knappe Sätze das flinke Bürsten eines Schuhputzers perfekt reflektieren. Ferner ist da die zärtliche Sprachgewalt einer exakten Beobachterin, etwa zu finden in «London», und markantes historisches Bewusstsein, das neben anderem in «Ain’t That Bad?» deutlich wird. / Thomas Leuchtenmüller, NZZ

Nach dem Inaugurationsgedicht „On the Pulse Into Morning“ schnellte die Auflage von Angelous Gedichtbänden nach oben und sie genoss den Ruf „als gütige Urgroßmutter Amerikas, als Mahnerin zu Einheit und Vernunft“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ zuletzt schrieb. / Spiegel

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