42. Die Lieb ist blind

textkette. gute gedichte ins facebook

Lyrikzeitung dokumentiert die gemeinfreien Texte der auf Facebook vor wenigen Tagen begonnenen virtuellen Anthologie Textkette. Ausgehend von einem Gedicht Kurt Tucholskys entwickelte sich in kurzer Zeit eine umfangreiche, schier exponentiell wachsende Anthologie nach folgendem Verfahren: Wer bei einem bereits vorhandenen Gedicht auf “Gefällt mir” klickt, erhält von der Person, die das Gedicht vorgeschlagen hat, einen Autor benannt, von dem er/sie wiederum ein Gedicht auswählen muß.

Ausgewählt von Michael Gratz im Auftrag von Roland Erb (unter ein Gedicht von Ossip Mandelstam).

DIe Lieb ist blind / und gleichwohl kan sie sehen /
hat ein Gesicht / und ist doch stahrenblind /
sie nennt sich groß / und ist ein kleines Kind /
ist wohl zu Fuß / und kan dannoch nicht gehen.
Doch diss muß man auff ander’ art verstehen:
sie kan nicht sehn / weil ihr Verstand zerrint /
und weil das Aug des Herzens ihr verschwindt /
so siht sie selbst nicht / was ihr ist geschehen.
Das / was sie liebt / hat keinen Mangel nicht /
wie wohl ihm mehr / als andern / offt gebricht.
Das / was sie liebt / kan ohn Gebrechen leben;
doch weil man hier ohn Fehler nichtes find /
so schließ ich fort: Die Lieb ist sehend blind:
sie siht selbst nicht / und kans Gesichte geben.

Sibylla Schwarz (1621 Greifswald – 1638 Greifswald)

Mehr zur Textkette hier

So geht es: Textkette – Gute Gedichte auf Facebook Das Prinzip ist einfach – jede Person, welche bei einem Gedicht der Reihe „gefällt mir“ klickt, bekommtt eine(n) AutorIn zugewiesen. Dann einfach ein Gedicht raussuchen, posten (auf der eigenen Pinnwand oder hier oder beides) und so die lyrische Kette fortsetzen.

12 Comments on “42. Die Lieb ist blind

  1. Ach sieh an:
    http://www.perlentaucher.de/efeu/2014-02-15.html

    Auf Facebook wird gerade eine Anthologie gemeinfreier Gedichte erstellt, erzählt die Lyrikzeitung, die das Projekt offenbar initiiert hat. Das funktioniert so: „Ausgehend von einem Gedicht Kurt Tucholskys entwickelte sich in kurzer Zeit eine umfangreiche, schier exponentiell wachsende Anthologie nach folgendem Verfahren: Wer bei einem bereits vorhandenen Gedicht auf ‚Gefällt mir‘ klickt, erhält von der Person, die das Gedicht vorgeschlagen hat, einen Autor benannt, von dem er/sie wiederum ein Gedicht auswählen muß.“ Auf eine Leserfrage, warum das über Facebook laufen muss, antwortet die Lyrikzeitung: „weil ich dort mit über 300 autoren vernetzt bin. wie könnte ich das sonst?“

    Wobei es natürlich überwiegend keine gemeinfreien Gedichte sind.

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    • vielleicht weil perlentaucher den unterschied zwischen einem netzwerk mit seinen kettenspielen (zur zeit werden wurstbilder gepostet, vorher gedichte) und meinem projekt einer anthologie verstanden hat. in meiner anthologie, sollte sie zustandekommen, werden alle rechtlichen aspekte geklärt werden müssen. es gibt auch inhaltliche und technische, die auch interessant sind und auch noch ungelöst. deshalb steht übrigens über jedem beitrag: „Lyrikzeitung dokumentiert die gemeinfreien Texte der auf Facebook vor wenigen Tagen begonnenen Anthologie Textkette.“ sie können es wie jeder überprüfen. ob das abschreiben von gedichten durch enthusiasten, wie es weltweit tausendfach geschieht, früher ins poesiealbum, heute in privaten blogs, ob das zitieren aus zeitungsrezensionen oder aus gedichtbänden, ob das einbetten von videos, ja ob das verlinken verboten, kostenpflichtig und strafbar ist, wird von juristen, politikern, autoren usw. diskutiert, prozessiert, paraphiert und was weiß ich -iert. wahrscheinlich setzt sich die rigidere variante durch, die in der musik zb die gema vertritt. vier takte darf ein kabarettist aus einem lied zitieren, ab dem fünften kostets und die reichsten musiker kriegen ein bißchen mehr zurück. ich schätze, in 1, 2 jahren wird das durchgesetzt sein. die zeitungen wird das nicht retten, die musikindustrie? weiß ich nicht. die lyriker werden nicht reicher. aber die enthusiasten, wie „R“ sich ausdrückt, werden keine gedichte mehr abschreiben. so wird noch alles gut.

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    • IM DIENSTE DER HÖHEREN SACHE, da kennen die Enthusiasten nichts. Musst fast schon aufpassen, dass du wegen der Frage nicht abgestraft wirst.

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      • okay, okay, wo milde ironie als strafe durchgeht, muß man ernsthaft antworten. ernsthafte antwort: sibylla schwarz starb am 10.8.1638. hätte es damals ein urheberrecht gegeben und entspräche es dem heute in deutschland gültigen, wären ihre werke etwa ab 1709 gemeinfrei gewesen. ich hoffe, damit niemanden abgestraft zu haben wie es sonst vorgekommen sein mag und verweise auf den ersten satz dieses und jedes anderen beitrags dieser serie.

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  2. „Liken“ habe ich gerade versucht. Ich kann Kommentare sehen, aber fürs Liken, da muss ich wohl bei Facebook sein oder mich registrieren…hab ich was falsch gemacht?

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    • ja, wahrscheinlich geht es nur für registrierte benutzer. ich kann nur wiederholen, es ist eine „probebohrung“, die sich aus einem „kettenspiel“ bei facebook ergab. sollte sich das projekt anderswo realisieren lassen, wird man lösungen suchen. einstweilen kann ich nur die texte zugänglich machen. natürlich nur rechtefreie oder gestattete. danke fürs interesse.

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  3. Ich würde auch ein Gedicht posten, sogar in irgendeiner „Kette“, z.B. in der Lyrikzeitung“, aber weshalb via Facebook? Da will ich nicht dabei sein…Und man bekommt etwas „zugewiesen“? Dann verzichte ich ..- Aber bitte, Herr Dr. Gratz, weshalb machen Sie denn da mit? Bei Facebook, meine ich,. ..nicht beim Auffordern zum Gedichte posten

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    • die antwort ist einfach: weil ich dort mit über 300 autoren vernetzt bin. wie könnte ich das sonst? es gibt überall risiken, handy benutzen (ich habe keins), mit kreditkarte zahlen, kundenkarten, eMail usw. ich protokolliere dort nicht mein leben, sondern kommuniziere mit kollegen; mit manchen täglich. viele nachrichten der lyrikzeitung erfahre ich dort. was das anthologieprojekt betrifft, wir probieren mal aus, was man machen kann. bis jetzt sieht es gut aus. vielleicht läßt sich das woanders und besser zugänglich weiterführen. – haben sie probiert, ob sie die textketteseiten sehen können, wenn sie nicht mitglied sind? es sollte möglich sein. vielleicht auch posten ohne mitgliedschaft? es wäre gut, wenn andere ihre erfahrungen mitteilen.

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