2. Exzellenz & Ganzheitlichkeit

Mit der Erfindung des Buchdrucks wurden Zugang und Verteilung von Wissen nachhaltig verändert. Das bisherige Selbstverständnis der Dichter wurde in Frage gestellt. Das Weltnetz revolutioniert den Wissenszugang noch radikaler als der Buchdruck. Was an Wissen nicht nachgefragt wird, verkommt zur Marginalie. Umgekehrt erschliesst das Weltnetz abgelegene Spezialgebiete und abseitige Expertisen. Marginalien erhalten auf diese Weise eine zweite Chance. Die Quantitätsspirale dreht sich somit nicht in Richtung Exzellenz. (…)

Im Internet organisieren sich die vereinzelten Artisten wieder wie ursprünglich Stämme, die über die Fingerspitzen, Augen und Ohren miteinander verbunden sind. Die Verständigungsgrundlage sind Zeichen, Symbole und Sounds. Das verändert jede Vorstellung nationaler oder lokaler Arten der Kommunikation – hoffentlich zum Positiven. Während sich die Schere zwischen Theorie und Praxis weiter öffnet, wächst die Distanz zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und kulturellem Leben. Es gilt, sich für ein Mehr an interkultureller Kompetenz einzusetzen und eine Vielfalt zu erschliessen. Nach diesem ironischen Beipacktext ist Lyrik: 58 Prozent Poesie, 11 Prozent Theorie, 31 Prozent Philosophie.

Ein Spannungsfeld offenbart sich in der Gegenläufigkeit von Ganzheitlichkeit und Spezialisierung. Immer mehr Lyriker bewegen sich innerhalb des Literatur–Betriebs der Selbstreferenzierung. Sie suchen im Weltnetz die herkömmliche Geschlossenheit der Literatur zu erhalten. Unbemerkt unterlaufen sie aber dabei, was Schriftstellerei ausmacht: Ganzheitlichkeit. Von hier aus ist es nicht weit zur Spezies der Transferspezialisten, die das erarbeitete Wissen in Poesie übersetzen. Poesie zu verfertigen, ist zu 89 Prozent Instinkt, diese Inspiration nutzt allerdings überhaupt nichts, wenn man kein Hirn hat, um Poesie durch Faktenwissen in der Sprache zu verorten. Diese Dialektik von Intuition und Informiertheit macht Lyrik erst zur Poesie.

/ A.J. Weigoni: VerDichtung – Über das Verfertigen von Poesie. vordenker.de

3 Comments on “2. Exzellenz & Ganzheitlichkeit

  1. seit dem erscheinen dieser meldung geht mir der letzte satz nicht aus dem kopf:

    „Diese Dialektik von Intuition und Informiertheit macht Lyrik erst zur Poesie.“

    mein zitieren von brinkmanns „kunst vergessen & anfangen“ war ein vorläufiger notbehelf, in welche richtung meine kritik zielt. ich sehe das problem in den NICHT NÄHER INHALTLICH definierten begriffen: was IST „intuition“ und was IST „informiertheit“ und was nicht? solange begriffe wie bei weigoni stark und hohl eingesetzt werden, muß man sich als leser der hypnotischen wirkung bewußt entziehen anstatt ihrer ELITÄREN verlockung zu verfallen! begriffe bekommen sehr leicht einen rein abstrakten, metaphysischen charakter, wenn man sich nicht traut zu sagen, was man KONKRET damit meint, und diese technik der inhaltslosen einführung von wörtern als starke begriffe dient gerne zur vertuschung, daß der schreiber selbst nicht näher weiß, was er damit meint, sondern eher nur fasziniert ist von einer „idee“, mit der da intellektual hohl herumjongliert wird.

    aus HUMANISTISCHER sicht kann ich nur entgegnen: JEDER mensch IST informiert, denn die frage ist nicht dialektisch, OB jemand informiert sei oder gar nicht, sondern inwiefern und worüber. damit das jetzt nicht genauso abstrakt klingt wie weigoni selbst, möchte ich das wie üblich an mir selbst als beispiel veranschaulichen: meine spezialgebiete sind ja seit jahren die krankheitsdiagnose „somatoforme störung“ und sogenannte „mystische“ erfahrungen. ich habe unmengen bücher zu beiden themen verschlungen und mit unzähligen sogenannten „fachleuten“ aus beiden gebieten tiefschürfende gespräche geführt. irgendwann kommt dann der punkt, da fühlt man sich einfach „kompetent“, ohne genau sagen zu können, wodurch eigentlich. es entsteht ein gesamtgefühl, eine gesamtanschauung, vielleicht das gefühl, eine art „überblick“ über das thema zu haben. man merkt bei weiteren gesprächen und büchern, daß sich die erkenntnisse und foschungsergebnisse wiederholen und sich immer mehr mit den eigenen erkenntnissen decken oder/und die eigene kritische haltung weiter verfeinern.

    nun beginnt aber für mich das spannende erst: wenn nämlich dann LYRIK aus den „kompetenzthemen“ ersteht, kann ein leser nicht unbedingt im gedicht selbst nachvollziehen, wie intuitiv und wie informiert der dichter ist, denn das gedicht selbst verrät nicht zwanghaft eine bestimmte intuition oder bestimmte informationen, sondern es schreibt sich aus einer quelle des bewußtseins, wo in einer art panoramischen gesamtschau alles abgespeichert ist und dann auf eine poetische metaebene überschwappt. so jedenfalls ergeht es mir beim schreiben.

    weigonis hypothese, was „poesie“ erst ausmache, erzeugt -so meine ich es herauszulesen- einen eher zwanghaft rationalen leistungsdruck, mit den konkret verwendeten wörtern in einem gedicht die überinformiertheit darstellen, ja geradezu beweisen zu müssen, fast schon als schadensersatz für die ansonsten fehlenden bewertungskriterien für „gute“ und „richtige“ lyrik! das führt dann zu den lyriksorten, die ich in meinem metasozialen antipoetik-essay als „epigonisch“ und „experimentell“ bezeichnet habe, aber im grunde betrifft es die beiden anderen attribute auch (existenziell und engagiert): der ICHHAFTE lyriker versucht so viel wie möglich information mit so viel wie möglich intuitiver kraft zu verwursten, das ist wie ein übertriebenes pressen bei verstopfung! erst das LOSLASSEN vom ICH (als dem bewußtseinsgefäß, wo alle informationen schön vorsoritert abrufbereit stehen) erlaubt der intuition aber freien lauf, und das VERTRAUEN darin, daß die passenden informationen AUTOMATISCH im text verarbeitet werden, kann jetzt erst überhaupt beginnen!

    DAS führt dann zu lyrik, die sich KEINEN kriterien mehr unterwirft sondern FREI schwebend aus der spontaneität der poetisierenden kraft des dichters entsteht! darum könnte man oftmals bei auch sehr kurzen, eher kryptisch anmutenden gedichten an jedes wörtchen im text ein sternchen anfügen und dann auf literweise sekundärliteratur verweisen – und das nicht nur bei sogenannten „begriffen“ sondern bei letztlich ALLEN wörtern! zum beispiel das wort „das“ oder das wort „und“ könnte der dichter seitenlang auseinandernehmen, um zu erklären, in bezug auf welches thema (die informiertheit im hintergrund) es in seinem speziellen text gemeint ist, quasi WARUM seine intuition „befahl“, es zu verwenden! aber er kann es auch verheimlichen und das gedicht einfach gedicht sein lassen.

    war es breton, von dem man die geschichte kennt, daß er ein automatisches gedicht schrieb, dessen „sinn“ er selbst nicht verstand, aber dann selbst erst ZWANZIG JAHRE SPÄTER genau das erlebte, was in dem gedicht ausgedrückt war! er hatte also NACHTRÄGLICH die informiertheit gewonnen, die seine intuition bereits vorher verarbeiten konnte! was würde weigoni zu solch einem „wunder“ wohl sagen??? wird er sich genauso wie philip im gold darüber AUSSCHWEIGEN, wenn man sich die mühe macht, seine meldung zu kommentieren? manche autoren scheinen mir hier gerne „starke“ meinungen zu zeigen, ohne sie diskutiert haben zu wollen. das ist natürlich völlig ok, weil jedermenschs eigener gusto, aber ich finde es persönlich sehr schade, da jeder kommentar doch beweist, daß ein lyrikzeitungsleser NEUGIERIG wurde, sich mit der meldung gründlicher zu befassen, etwas in ihm angeregt hat. der autor schuldet einem nichts, aber es bereichert doch sehr, wenn auf kommentare reagiert wird 🙂

    guten morgen

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