43. Natan Zach

Der kleine, kräftige Mann, der, akkurat gekleidet, die Tür öffnet, ist einer der einflussreichsten Dichter Israels, seine Lyrik Teil der dortigen Alltagskultur und in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

«Womit versüsst man Tage, wenn nicht mit Gedichten», heisst es in einem seiner Verse. Seit 1955 versüsst der 1930 als Harry Seitelbach in Berlin geborene Zach die Tage, wobei er alles andere als ein poetischer Zuckerbäcker ist. Mit seiner ironischen, pathosfreien Dichtung hat er die hebräische Lyrik in die Moderne geführt. Er prägt sie bis heute – als «bitterer, sehr kalter Romantiker». Umso mehr wundert es, dass erst jetzt im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp ein Buch erschienen ist, das es deutschsprachigen Lesern erlaubt, sich wenigstens mit einem Querschnitt von Zachs Schaffen bekanntzumachen. «Verlorener Kontinent» lautet der Titel der mit siebenundachtzig Seiten viel zu bescheiden ausfallenden Gedichtsammlung. Warum so spät? Der Israelpreisträger gibt sich gleichgültig: «Ich habe eben fünfzig Jahre nichts getan, um ein Buch in Deutschland zu veröffentlichen.» (…)

Vor drei Jahren pries Zach, der in Jerusalem bei Martin Buber, Ernst Simon, Hugo Bergmann studiert und später in England promoviert hatte, in einer TV-Sendung die Kultur der Aschkenasim. Sie sei nicht vergleichbar mit derjenigen orientalischer Juden – denn diese kämen «aus Höhlen». Sein Rassismus erboste viele Intellektuelle, seine Ankündigung, an der nächsten Gaza-Flottille teilzunehmen, hingegen die Politiker. In der Knesset wurde darüber abgestimmt, ob man Zachs Gedichte aus den Schulbüchern entfernen solle. Die Mehrheit war dagegen. Doch Zach sucht keine Mehrheiten. Ihm sind Dissidenten näher und Einzelgänger. Schon in den 1950er Jahren liess er Leonard Cohen bei sich übernachten, später freundete er sich mit Yitzhak Rabin an, traf sich mit Nelson Mandela oder Jürgen Fuchs. (…)

Insgesamt sieben Sprachen spricht er. «Da hat mir mal jemand gesagt, oh, Sie sind ja ein Genie. Ich habe geantwortet: Wer sieben Sprachen spricht, ist kein Genie, sondern ein Flüchtling.» (…)

An der Hebräischen Universität in Jerusalem entwickelte sich Anfang der 1950er Jahre eine neue literarische Strömung: «Likrat» nannte sich eine Gruppe junger Dichter, und ebenso hiess die von ihnen herausgegebene literarische Zeitschrift. Natan Zach war ihr Kopf.

«Likrat» leitete eine Wende in der Lyrik des jungen Israel ein. Sie hatte Auswirkungen sogar auf die Entwicklung der Prosa. Bis dahin hatten Pathos und ein hochtrabender Stil die hebräische Literatur bestimmt; die Lyrik orientierte sich stark am russischen Symbolismus und verherrlichte, auf sozialistisch-zionistischer Ideologie fussend, die neu gewonnene Heimstatt des jüdischen Volkes in Erez Israel. Indem er sich der Alltagssprache bediente, mit Bedeutungen spielte und anstelle der ideologischen die dichterische Weltanschauung in den Mittelpunkt des Schreibens rückte, die individuelle Erfahrung thematisierte anstatt die des Kollektivs, revolutionierte Zach die Literatur des Landes, in dem er mit seinem kulturellen Hintergrund ein Aussenseiter war. / Carsten Hueck, NZZ

Natan Zach: Verlorener Kontinent. Gedichte. Aus dem Hebräischen von Ehud Alexander Avner. Jüdischer Verlag bei Suhrkamp, Frankfurt am Main 2013. 87 S., Fr. 28.50.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: