68. Feiern oder weitererzählen

Bei Fixpoetry ein schönes Gedicht von André Schinkel:

Den Minotaurus erlegen

Wir sind, um den Minotaurus zu erlegen: der
Unsere Jungfern frißt, der in den Labyrinthen
Die Knochen verstreut, eine Spur zu legen
Für uns. Jäger sind wir, von Jägern Gejagte,
Mit flatternden Lanzen, lächerlichen Gehörnen,
Durchschrittenen Hufen. Wir sind, um den
Minotaurus zu töten: scharf prallen die Schwerter
Gegen die Spiegel, zersplittern die Fesseln;
Und jeder Blick fällt in uns, unsere Milliarden
Mägen, die an uns verdaun.

Schön meint: es liest sich gut. Der Minotaurus wird dreimal genannt, zweimal die kühne Konstruktion: „Wir sind, um den M. zu erlegen“. Was läßt mich zögern? Man weiß nicht genau, wo es hinausläuft. Vielleicht der Schluß, die Milliarden – soviele Menschen gabs in der Antike nicht. Aber das ist recht wenig. Nein, es wird mir nicht zwingend. Liest sich gut (nicht so blechern wie manches von Grünbein), aber zu wenig Biß.

Ich las grad Dirk Uwe Hansens doppelte Sappho-Nachdichtung. Einmal in schnörkellose Prosa und daneben die Umdichtung. Den steinalten Fragmenten wird Modernität wiedergegeben – die sie zweifellos hatten, vor 2600 Jahren. Ähnliches fand ich bei dem chinesischen Künstler Walasse Ting, der 1000 Jahre alte chinesische Klassik in ein Pidgin English übersetzt:

Large Bed

She smells like garden
Flower gone, my bed too large
Already three years
Fragrance not gone
She not return
Bed still too large

(Nach Li Bai)

Die alten Dichter aus Griechenland und China klingen mir zeitgenössischer als der Zeitgenosse. – Der Schluß von Schinkels Gedicht erinnert mich an ein Gedicht von Karl Mickel, von dem ich vermute, daß er Schinkel auch viel bedeutet. „Ich lieg und verdaue den Fisch“. So endet das berühmte Gedicht „Der See“, um das Mitte der 60er eine heiße Debatte entbrannte – Tugendwächter wollten die Lyrik des Ländleins DDR vor Irrwegen bewahren. (Ihre Stimme schallt auch heut ohne Ende, ich glaube, auch Horaz und Li Bai blieben von ihr und von ihnen nicht verschont.) Aber Mickel setzte sich durch. Antikebezüge gibts in „Der See“, „Die Elbe“ oder „Hippopotamos“ – Gedichte, die heute dem Bildungsbürger, der vielleicht seinen Grünbein in der FAZ liest, auch gefallen könnten. Fast auch gefallen könnten. (Nein, doch eher nicht. In einem Nachruf stand: “Die Deutschen haben einen großen Dichter verloren. Weiß der Himmel, ob sie verdienen, dass sie es merken.”).

Ich entscheide mich für das vielleicht drastischste seiner „Antiken“: Ode nach Horaz II/13. Horazens Ode ist rätselhaft, aber der Schalk blitzt doch sehr deutlich hervor. Er hat sich, scheints, den Kopf von einem herabfallenden Ast verletzt und flucht wie ein Bierkutscher auf den der ihn dort pflanzte. Horaz geht recht frei mit dem Mythos um. So versetzt er Orion vom Himmel (wo er bis heute als Sternbild glänzt) in die Unterwelt. Rudolf Alexander Schröder übersetzt im Versmaß inclusive damit verbundener Verrenkungen, so daß das Geschimpf recht abgemildert klingt: „Der Wehrmann scheut des parthischen Bogners Flucht, / Lateinerfaust und Fessel der Partherschütz“, häh? Mickel nimmt den Dichter als Zeitgenossen. Er verfährt ähnlich frei wie Horaz mit ja auch schon tausendjähriger Überlieferung. Bei ihm spielt die Szene in seiner Berliner Wohnung, die so leichtgebaut ist, daß die Nachbarn alles mithören müssen; den Klogang einbegriffen. Tür nicht laut schließen! Den Bogen zum Ruhm des Gesanges kriegt er trotzdem:

Ode nach Horaz II/13

Scheißkerl, der du mein scheiß Haus bautest,
Verflucht bist du mit deinen Voreltern!
Den kleinsten Raum der Wohnung mir herrichten
Daß der mich hinrichtet! der Blitz
Soll dich beim Scheißen erschlagen, du Kackarsch!
Wer bestach dich und mit wie Viel
Mich, den Dichter, zu weglagern?

Auf mich stürzte die Scheißhausdecke
Wenn ich gesessen
Hätte! als sie herabbrach, von außen
Warf ich die Tür zu: zärtlich. Ätzende Nebel!
Donner! als wüte der Abgrund, in dem ich
Läge jetzt, kalkbeworfen, wenn lautarsch
Ich erschüttert hätte das Bauwerk rechtzeitig.

Der dich bezahlte, der wußte, daß ich
Schallend furze: aufs Heiligste, bei dem Beruf!
Ein Leiseschiß und ich bin gerettet!
Der Erfinder des Schiffs ist der Erfinder des Schiffbruchs
Damoklesdecken von VEB Volksbau
Niedrigste Kosten äußerster Nutzeffekt
Maurer meucheln Maurer, Klempner Klempner
Soldaten Soldaten, die Arschficker!

Wie soll die Nachwelt aus vollen Latrinen
Rekonstruieren die Hälfte der Menschheit
Wenn ich nicht dichte? Achgehtmirwegihr!

Das ist doch von anderm Holz. Der feiert die Antike nicht, oder nur indem er sie ernstnimmt.

3 Comments on “68. Feiern oder weitererzählen

  1. einfach nur weil thematisch naheliegend die wiederhörempfehlung: »The Bed’s Too Big Without You« von police, vielleicht ihr bestes

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  2. trotz Li Bai ist mir nicht ganz klar, was zu dieser triade führt, wie auch, was es mit diesem einstiegsgedicht auf sich haben soll.
    nach meinem ermessen würde Schinkels gedicht in einer anthologie der späten 50er bis ende 60er nicht auffalen – in (mit) thematik, duktus,
    dialektik & sophismus sowie einer gewissen kryptischen aktualistätsvalenz und der klimax am schluss.
    allein der rhythmus der anfangszeilen hebt sich etwas davon ab; da waren die meisten vertreter eher einer erwählten begrifflichkeit und tragweite ihrer gedanken verpflichtet & erlegen … nur bei „scharf prallen die Schwerter / Gegen die Spiegel“ da benötige ich schon 2 paar schuhe, die mir – selbst wenn es womöglich noch so tief und präzise gedacht und gesättigt ist – ob der eleganz & finesse der verszeilen ausgezogen werden!

    das gedicht fiele auch nicht in einer sammlung begabter schüler bzw. jungdichter auf, paar jahre später noch, d.h. vor der herrschaft des langgedichts im parlandoton usw. … ich meine das gar nicht so abschätzig – bei oder trotz jugendbedingter neigungen zu altersweisheit/en finden sich in solchen anthologien, neben unvermeidlichen ungelenkheiten und ultra expressiven zeilen, durchgehend erfrischende, unverbrauchte, originelle formulierungen und gedankengänge, weniger routiniert, wiederkäut oder gesucht als bei so manchen damals arrivierten federn und bezugsgrößen.
    als beipiel 2 zeilen (einer ehemaligen kollegin, auch eine derer, die bald darauf oder irgendwann zu schreiben aufhörten, die mir seit meiner gymnansiumszeit in den 70ern im gedächtnis geblieben sind, wie ich sie selber auch später gern geschrieben hätte) aus „Vorläufige Protokolle“,
    einer sammlung die in den frühen 70ern bei uns noch erscheinen konnte; der titel des gedichtes war, glaube ich, „Xerxes & Artaxerxes“!
    “ … uhr sein / am handgelenk der zeit …“

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    • na ich denke du erklärst es mit deinen Überlegungen zu Schinkels Gedicht ganz gut. Es war Gedicht des Tages bei der überaus geschätzten Seite von Fixpoetry, ich lese die Rubrik fast täglich, und ich wollte darüber nachdenken, warum es ein Ungenügen zurückläßt. Vergleich mit anderen Texten, die in Gegenstand oder Behandlung vergleichlich sind, halte ich für ein probates Mittel.
      Hätte ich das nicht gemacht, hätten wir schließlich auch deine Gedanken nicht zu lesen bekommen. So verstehe ich Zeitung.
      (Meine Anthologie, ich sagte es zum Start und wiederholte es gelegentlich, ist keine Versammlung von Lieblingsgedichten, sondern ein immer lückenhaftes Tagebuch meiner Zusammenstöße mit Gedichten. Walasse Tings Li Bai-Variation stand schon einmal drin.)

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