65. Der große Bruder Franz Villon

Manche mögen nur den einen und verachten den andern, oder umgekehrt. Manche hassen beide. Ich liebe beide, so wie beide Brecht und Villon liebten. Wie auch sonst. Biermann, Villon und Degenhardt müssen es mit mir aushalten. Der eine ist gestern gestorben, der andere feierte heute seinen 75. Geburtstag. Hier ihrer beider Villon.

Franz Josef Degenhardt: Große Schimpflitanei

Wolf Biermann: Ballade auf den Dichter François Villon

Hier die Texte

F.J.DEGENHARDT: GROSSE SCHIMPFLITANEI

Große Schimpflitanei
zusammengestellt aus den zahlreichen Schreiben an den Dichter und Sänger

1. Gesang
Lieber Doktor Degenhardt.
Drecksau mit dem Ulbrichtbart,
Zonenknecht, Sowjetspion.
warte nur Dich kriegn‘ wir schon
Rote Wanze. Schweinehund,
Jauche spritzt aus deinem Mund,
Abschaum von der schlimmsten Art.
Gaskammer für Degenhardt.
Stalin- Bolsche- Kommunist,
daß du bald verrecket bist.

2. Gesang
Sprücheklopfer und Ästhet
ohne Progressivität,
kleiner Hofnarr, Bürgersohn,
hast nur Alibifunktion.
Konterrevolutionär,
Feigling, Spießer, Kleinbürger
auf dem Einzelgängertrip
mit der Klampfenpolitik,
mieser Traditionalist,
daß du bald verrecket bist.

3. Gesang
Sehr geehrter Linksanwalt,
gehörst ganz einfach abgeknallt,
superkrimineller Star.
Gangster im Gerichtstalar,
Sprengstoffdealer, Bombenfranz,
Meinhofbumser – ab den Schwanz,
rote Advokatensau,
hau ich dir die Fresse blau,
Anarchist und Linksfaschist.
daß du bald verrecket bist.

4. Gesang
Etablierter Millionär,
wo sind deine Kohlen her?
hast ‘ne Villa im Tessin
und ‘nen Puff in Westberlin,
fährst ‘n roten Cadillac,
fette Laus am Wohlstandssack,
die vom Sozialismus singt,
und dabei Campagner trinkt,
Ausbeuter, Kapitalist,
daß du bald verrecket bist.

Abgesang
Meinem alten Schutzpatron,
Dieb und Dichter, Franz Villon,
sing‘ ich oft auf seinem Grab,
lacht der sich die Eier ab
über diese Litanei,
und dann singen wir zu zwei:
Wenn ich an dem Galgen häng
und mir wird der Hals zu eng,
weiß nur ich, wer da so log
und wie schwer der Arsch mir wog.

Textfassung aus den 90er Jahren:

Große Schimpflitanei
zusammengestellt aus den zahlreichen Schreiben an den Dichter und Sänger

1. Gesang
Lieber Doktor Degenhardt.
Drecksau mit dem Ulbrichtbart,
Zonenknecht, Sowjetspion.
Hofsänger der Reaktion,
Kreml-Barde. Schweinehund,
Jauche spritzt aus deinem Mund,
Abschaum von der schlimmsten Art.
Gaskammer für Degenhardt.
Revisionist – Kommunist,
daß du bald verrecket bist.

2. Gesang
Sprücheklopfer und Ästhet
ohne Progressivität,
kleiner Hofnarr, Bürgersohn,
hast nur Alibifunktion.
Konterrevolutionär,
Feigling, Spießer, Kleinbürger
auf dem Einzelgängertrip
mit der Klampfenpolitik,
mieser Traditionalist,
daß du bald verrecket bist.

3. Gesang
Sehr geehrter Linksanwalt,
gehörst ganz einfach abgeknallt,
superkrimineller Star.
Gangster im Gerichtstalar,
Sprengstoffdealer, Bombenfranz,
Terrorist, ab mit dem Schwanz,
rote Advokatensau,
hau ich dir die Fresse blau,
Anarchist und Linksfaschist.
daß du bald verrecket bist.

4. Gesang
Etablierter Millionär,
wo sind deine Kohlen her?
hast ’ne Villa im Tessin
und ’nen Puff in Westberlin,
fährst ’n roten Cadillac,
fette Laus am Wohlstandssack,
die vom Sozialismus singt,
dabei kifft und Krimsekt trinkt,
Ausbeuter, Kapitalist,
daß du bald verrecket bist.

Abgesang
Meinem alten Schutzpatron,
Dieb und Dichter, Franz Villon,
sing ich oft auf seinem Grab,
lacht der sich die Eier ab
über diese Litanei,
und dann singen wir zu zwei:
Wenn ich an dem Galgen häng
und mir wird der Hals zu eng,
weiß nur ich, wer da so log
und wie schwer der Arsch mir wog.

Wolf Biermann: Ballade auf den Dichter François Villon

1

Mein großer Bruder Franz Villon
Wohnt bei mir mit auf Zimmer
Wenn Leute bei mir schnüffeln gehn
Versteckt Villon sich immer
Dann drückt er sich in‘ Kleiderschrank
Mit einer Flasche Wein
Und wartet bis die Luft rein ist
Die Luft ist nie ganz rein

Er stinkt, der Dichter, blumensüß
Muss er gerochen haben
Bevor sie ihn vor Jahr und Tag
Wie’n Hund begraben haben
Wenn mal ein guter Freund da ist
vielleicht drei schöne Fraun
Dann steigt er aus dem Kleiderschrank
Und trinkt bis Morgengraun

Und singt vielleicht auch mal ein Lied
Balladen und Geschichten
Vergisst er seinen Text, soufflier
Ich ihm aus Brechts Gedichten

2

Mein großer Bruder Franz Villon
War oftmals in den Fängen
Der Kirche und der Polizei
Die wollten ihn aufhängen
Und er erzählt, er lacht und weint
Die dicke Margot dann
Bringt jedesmal zum Fluchen
Den alten alten Mann

Ich wüsste gern was die ihm tat
Doch will ich nicht drauf drängen
Ist auch schon lange her
Er hat mit seinen Bittgesängen
Mit seinen Bittgesängen hat
Villon sich oft verdrückt
Aus Schuldturm und aus Kerkerhaft
Das ist ihm gut geglückt

Mit seinen Bittgesängen zog
Er sich oft aus der Schlinge
Er wollt nicht, dass sein Hinterteil
Ihm schwer am Halse hinge

3

Die Eitelkeit der höchsten Herrn
Konnt meilenweit er riechen
Verewigt hat er manchen Arsch
In den er musste kriechen
Doch scheißfrech war Francois Villon
Mein großer Zimmergast
Hat er nur freie Luft und roten
Wein geschluckt, geprasst

Dann sang er unverschämt und schön
Wie Vögel frei im Wald
Beim Lieben und beim Klauengehn
Nun sitzt er da und lallt
Der Wodkaschnaps aus Adlershof
Der drückt ihm aufs Gehirn
Mühselig liest er das „ND“
(Das Deutsch tut ihn verwirrn)

Zwar hat man ihn als Kind gelehrt
Das hohe Schul-Latein
Als Mann jedoch ließ er sich mehr
Mit niederm Volke ein

4

Besucht mich abends mal Marie
Dann geht Villon so lang
Spazieren auf der Mauer und
Macht dort die Posten bang
Die Kugeln gehen durch ihn durch
Doch aus den Löchern fließt
Bei Franz Villon nicht Blut heraus
Nur Rotwein sich ergießt

Dann spielt er auf dem Stacheldraht
Aus Jux die große Harfe
Die Grenzer schießen Rhythmus zu
Verschieden nach Bedarfe
Erst wenn Marie mich gegen früh
Fast ausgetrunken hat
Und steht Marie ganz leise auf
Zur Arbeit in die Stadt

Dann kommt Villon und hustet wild
Drei Pfund Patronenblei
Und flucht und spuckt und ist doch voll
Verständnis für uns zwei

5

Natürlich kam die Sache raus
Es lässt sich nichts verbergen
In unserm Land ist Ordnung groß
Wie bei den sieben Zwergen
Es schlugen gegen meine Tür
Am Morgen früh um 3
Drei Herren aus dem großen Heer
Der Volkespolizei

„Herr Biermann“ – sagten sie zu mir
„Sie sind uns wohl bekannt
Als treuer Sohn der DDR
Es ruft das Vaterland
Gestehen Sie uns ohne Scheu
Wohnt nicht seit einem Jahr
Bei ihnen ein gewisser
Franz Fillonk mit rotem Haar?

Ein Hetzer, der uns Nacht für Nacht
In provokanter Weise
Die Grenzsoldaten bange macht.“
– ich antwortete leise:

6

„Jawohl, er hat mich fast verhetzt
Mit seinen frechen Liedern
Doch sag ich ihen im Vertraun:
Der Schuft tut mich anwidern!
Hätt ich in diesen Tagen nicht
Kurellas Schrift gelesen
Von Kafka und der Fledermaus
Ich wär verlorn gewesen

Er sitzt im Schrank, der Hund
Ein Glück dass Sie ihn endlich holn
Ich lief mir seine Frechheit längst
ab von den Kindersohln
Ich bin ein frommer Kirchensohn
Ein Lämmerschwänzen bin ich
Ein stiller Bürger. Blumen nur
In Liedern sanft besing ich.“

Die Herren von der Polizei
Erbrachen dann den Schrank
sie fanden nur Erbrochenes
Das mählig niedersank.

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