70. Authentisch

Der Begriff „authentisch“ wird vornehmlich im Kontext der Quellenkritik verwendet. Ein in diesem Sinn unverfänglicher Gebrauch des Wortes liegt beispielsweise bei David Hume vor, dem vor 300 Jahren geborenen Philosophen, der sich 1775 mit der Echtheit der vermeintlich original-gälischen Ossian-Gedichte beschäftigte, die in der Lesewelt einen gewaltigen Eindruck hinterlassen hatten.

„Gerade die Art, in welcher es das Dokument der Öffentlichkeit präsentiert wird, schafft einen Vorbehalt gegen seine Authentizität … Man hätte doch erwarten können, dass der vorgebliche Sammler und Übersetzer der Öffentlichkeit mitgeteilt hätte: ‚Dieses Teil bekam ich von dieser Person, an diesem Ort; jenen anderen Teil von einer anderen Person. Ich korrigierte meine erste Fassung durch die Erzählung einer dritten … ‚ Durch eine solche Geschichte der allmählichen Entdeckungen hätte er dem Ganzen das Ansehen der Wahrscheinlichkeit gegeben.“

In dem Text über die Authentizität der Schriften Ossians scheinen zunächst zwei Zuschreibungen vorrangig: Ein Dokument unbekannter Herkunft wird nach Jahren wenn nicht Jahrhunderten „vorgefunden“, es ist plötzlich einfach „da“, im wörtlichen Sinne vorhanden, „zur Hand“. Zum andern wird gefragt, ob das Dokument echt und original sein kann. Zu der Positivität des Dokuments kommt eine Prüfung der Plausibilität. Kommen in dem Text vielleicht Sachen vor, welche der Datierung und Lokalisierung des alten Dokuments widersprechen?

Um dies zu überprüfen, sucht David Hume nach Anzeichen, die dafür sprechen, dass dieser Text nicht so alt sein kann, wie von ihm behauptet wird. Wenn sich das Personal in den gälischen Gedichten aus dem barbarischen 3. Jahrhundert so chevaleresk benimmt wie üblicherweise nur Ritter des 17. Jahrhunderts, dann kommen Zweifel auf. Wenn in dem unbekannten Bild eines Meisters Farben verwendet werden, die es zur behaupteten Zeit noch nicht gegeben haben kann, dann muss das Bild gefälscht sein. Am Schluss einer solchen einfachen Prüfung des Authentischen, mag sie nun für die Gedichte Ossians, die Schriften der Vorsokratiker, für Hitlers Tagebücher oder für überraschend aufgetauchte Bilder auf einer Auktion gelten, stehen klare Wertungen: Was vorliegt, ist Original oder Fälschung. / Versuch über das Authentische. Von Matthias Sträßner. DLF

Außerdem u.a.:

  • Drittens: Rilkes Torso. Das Authentische wird zum Archaischen.
  • Fünftens: Nacktkultur, Fidus und Birkenstock. Die Berufung des Authentischen auf Heidegger ist ein Übersetzungsproblem.
  • Sechstens: Blut und Wein in Ernst Jüngers Tagebuch oder: Warum authentische Tagebücher häufig besonders künstlich sind.

 

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