105. „Die netten Rentner von nebenan“

Man darf annehmen, dass bis zu fünfzig Prozent der Hochschullehrer und Mitarbeiter des Kulturbetriebs Informanten des Geheimdienstes waren. Fast alle diese Personen leben heute in Deutschland. Sie sind die netten Rentner von nebenan. Keine Institution hierzulande fühlt sich aufgerufen, genauer hinzusehen.

Für Dieter Schlesak aber ist Oskar Pastior der wichtigste Spitzel. Jedenfalls meint er dies nach einem flüchtigen Blick in seine eigene Akte behaupten zu können. Dabei gibt es zwei eher nichtssagende Berichte von „Stein Otto“ in dieser Akte, während IM „Ludwig Leopold“, das ist der Dichter Alfred Kittner, mit über einem Dutzend zumeist gewichtigeren Berichten darin vertreten ist, ebenso die Informantin „Tatiana“, deren bürgerlicher Name noch nicht bekannt ist.

Alfred Kittner, der 1906 in Czernowitz geborene und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Bukarest lebende Dichter und Herausgeber, kannte sich in der literarischen Szene Bukarests bestens aus. Vielfach hatte er die jüngeren Dichter gefördert, die er anschließend bei der Securitate anschwärzte. Am 18. Juni 1968, zwei Monate nachdem Oskar Pastior sich entschieden hatte, in Deutschland zu bleiben, teilte Kittner seinem Führungsoffizier mit, Schlesak habe ihn am 10. Juni besucht „und bei dieser Gelegenheit auch über Pastiors Entscheidung, in Deutschland zu bleiben, gesprochen. Schlesak nannte dies eine ,Schweinerei’, nicht nur gegenüber den Behörden, die ihm vertraut hatten, sondern auch seinen Schriftstellerkollegen gegenüber, die nun wahrscheinlich nicht mehr das gleiche Vertrauen genießen wie bisher. Seiner Meinung nach hört Oskar Pastior durch sein Wegbleiben auf, ein wertvoller Dichter zu sein, denn nur die enge Bindung an sein Land, an die spezifische Welt Siebenbürgens hat seiner Dichtung Authentizität und Wert verliehen.“  …

In Deutschland leben mittlerweile fast alle ehemaligen IMs und fast alle Opfer dieser IMs, darauf hat Herta Müller mehrfach hingewiesen. / Ernest Wichner, Tagesspiegel 7.3.

 

One Comment on “105. „Die netten Rentner von nebenan“

  1. danke dafür. viel mehr in der richtung bitte! DIESE rentner sind wie die SURROGATES, und wer den film mit bruce willis kennt, weiß aus einer szene, was für schwindlige kopfschmerzen man kriegt, wenn man solchen identitätskulissen & -kostümen im alltag ausweichen muß… so manch ein POLITISCHES aber auch manch ein ESOTERISCHES gedicht wird durch diesen ganz normalen wahnsinn beeinflusst, weil dann das dichten wie eine reinigende energie, ja ein ritual wie eine gegenwaffe gegen die perversion wirkt, um nicht gänzlich durchzudrehen… EKELN ist da noch ein gelinderes ventil, um WEITER ZU MACHEN, als wäre nichts geschehen…
    http://poemie.jimdo.com/pseudonyme/tom-t-wie/

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