68. Leuchten, auch ohne Kontext

Regelmäßig reist Leisten nach Marokko, wo 2009 auch in arabischer Übersetzung sein faszinierender Prosaband „Marrakesch, Djema el Fna“ erschien, und die Eindrücke, die er dort und auch in zahlreichen Ländern Europas gesammelt hat, finden sich in seinen neuen Gedichten wieder. Er ist ein Dichter, bei dem Text und Auftreten zueinander passen. Er spricht mit ruhiger Stimme. Wenn er seine Texte vorträgt oder von seinen Aufenthalten in Marokko berichtet, dann mischen sich Glück und Nachdenklichkeit mit einer bedächtigen Melancholie – was vielleicht genau die Stimmung ist, die es braucht, um die arabische Seele verstehen zu können. In einem Gedicht mit Eindrücken aus dem Ourika-Tal heißt es: „in dieser höhe / gehört dein vertrauen jemandem, stumm, // den du nicht kennst, ohne ihn wärest du / hier verloren. in die luft buchstabierst du // die einzigen wörter, die dir erinnerlich sind. / das echo allahs ruft uns zurück, // ein windhauch, der in dir verschwindet.“ …

… Denn Leisten reibt dem Rezipienten seine Intertextualität nicht so aufdringlich und pseudointellektuell unter die Nase, wie es heute so mancher Lyriker gerne tut, um in erster Linie von der Gehaltlosigkeit seiner Gedichte abzulenken. Nein, im Gegenteil, Christoph Leisten nimmt den Leser nicht nur bei der Hand, er nimmt ihn auch bei all seinen Sinnen, und er lässt ihn immer im richtigen Augenblick los, um ihn seine eigenen Schlüsse ziehen zu lassen, wie zum Beispiel hier: „aschewolken, blaupausen, unsichtbare / fesseln des himmels. leer bleibt die luft / in diesen tagen. schon scheinen die vögel // anders zu singen, aber wer wüsste dies // zu deuten. täglich sondersendungen, / simulatoren, krisenstäbe, im konjunktiv // parlierend, bis die ultimaten sich wieder / verschieben. dann erneut: homerisches gelächter. gehen wir zurück in die geschichte.“ Und auch hier, aus dem Zusammenhang gerissen, weil solche Verse auch ohne Kontext leuchten können: „müdigkeit, die liebe, sehnsucht / nach schiffchen aus papier, wo / alles tragende ansonsten versiegt.“  / Gerrit Wustmann, cineastentreff

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