60. Feuer und Eis

Die junge Welt beschreibt einen Film mit Gedicht. Darin sitzen zwei junge Leute auf einer Wiese:

Sie, die Wiese, sieht zunächst ganz so aus, als wäre sie dazu geschaffen, es auf ihr zu treiben. Das liegt einfach nahe. Oder sich statt dessen (endlose Sublimierung) lieber Gedichte vorzulesen. Letzteres geschieht. Ein Gedicht vom Ende der Zeiten. Christlich. Ironisch. Allegorisch. Bella/Kristen Stewart rezitiert ihrem Vampir »Fire and Ice« von Robert Frost. Und weil dieses Gedicht so überdeutlich die Handlung allegorisiert, daß es auf eine gute Dosis selbstreflexiver Ironie des Ganzen schließen läßt, sei es hier wiedergegeben. Es ist nicht all zu lang:

»Some say the world will end in fire, / Some say in ice./ From what I’ve tasted of desire/ I hold with those who favor fire./ But if it had to perish twice, / I think I know enough of hate/ To say that for destruction ice/ Is also great/ And would suffice.« (Manche sagen, die Welt endet im Feuer. Andere sagen im Eis. Was ich von der Begierde gekostet habe, genügt mir, es mit denen zu halten, die das Feuer favorisieren. Doch müßte ich zweimal vergehen, dann denk’ ich, den Haß wohl gut genug zu kennen, um zu sagen, daß auch das Eis für die Zerstörung bestens geeignet ist und genügen würde).

Das Gedicht ist in seiner Konzisheit kaum angemessen zu übersetzen. Ich hab es mal so versucht:

Einige sagen, die Welt stirbt durch Feuer.
Andere, durch Eis.
Nach allem, was ich von Begierde weiß,
halt ich’s mit denen, die das Feuer
vorziehn, Sollte sie jedoch zweimal
sterben, weiß ich von dem Ungeheuer
Haß genügend, um zu sagen, Eis
reichte allemal
zur Vernichtung aus.

– Alles kriegt man nie mit herüber. Das Versmaß hab ich zurückgelassen, obwohl es dem Gedicht keineswegs äußerlich ist. Es sind bis auf die verkürzte zweite Zeile ganz reguläre vierhebige Jamben. Die beiden letzten Zeilen sind nur durch Einfügung des Reims getrennt und ergeben zusammengenommen ebenfalls einen jambischen Vierheber – iambic tetrameter sagen die Briten, die im Unterschied zu uns an einer Fußmetrik festhalten. Das vorliegende Gedicht zeigt, daß es in der englischen Sprache liegende Gründe dafür gibt. Unbarmherzig in oder eben auf vier Füßen schreitet der Vers voran, die Verkürzung im zweiten Vers unterstreicht nur die Unbarmherzigkeit: Some – world – end – fire / some – ice / … think – know – nough – hate … Zack! Zack! Zack! Zack! Wäre man Sportreporter und spielte ein wenig die Chauvikarte, könnte man sagen: Boom-boom-boom-boom-Jambus. Vielleicht hat ja die Einsilbigkeit der meisten Grundwörter im Englischen zu dieser Wirkung beigetragen. Während im Deutschen Klopstock daran zweifelte, daß die griechischen Versfüße den Vers wirklich tragen, und stattdessen mit Wortfüßen experimentierte, fallen Vers- und Wortfuß bei den Briten fast zusammen.

Die Regelhaftigkeit der Frostschen Jamben wird auch durch die Umstellung im ersten und zweiten Vers, SOME say the WORLD will END in FIRE / SOME say in ICE…, keineswegs unterbrochen, sondern gerade unterstrichen. Es handelt sich um die schon den alten Griechen bekannte Form der Anáklasis, eine nicht nur erlaubte, sondern geforderte Abweichung vom jambischen Schema, die darin besteht, daß gelegentlich ein Fuß umgestellt wird. Noch Brecht und Benn lernten das in der Schule und benutzten es selbstverständlich für ihre Verse, die wir weniger gebildeten Neuen für unregelmäßig halten. Lektüretip für Wißbegierige: Leif Ludwig Albertsen – der Däne ist mein Lieblingsmetriker –, Mörikes Metra. Flensburg 1999.

Der Angelsachse Robert Frost ist via Metrik dem Erfinder des Jambus ganz nahe: dem Griechen Archilochos, der etwa 680 bis 630 vor Christus lebte. Von Anfang an hat der drei- und vierfüßige Jambus bei Archilochos diese Wucht, die Griechen sprachen ihm bannende Wirkung zu. (Außer zur Gefahrenabwehr nutzte der Grieche dieses Versmaß auch zum Schmähen seiner Feinde, eine Unterart des Bannens.)

Nachtrag:

Ich korrigiere den Schluß:

……………………..Eis
ist auch ganz gut
und reichte aus.

So hat es vielleicht ein Stück mehr der originalen Bissigkeit und außerdem wenigstens zum Schluß das Originalmetrum.

2 Comments on “60. Feuer und Eis

  1. Im Lesen mitgemacht (obwohl eigentlich keine Zeit dazu – und daher mittig schwerfällig und am Schluß eher läppisch-verläppernd als lakonisch):

    Endet die Welt in Feuer / oder in Eis? / Aus allem, was mir teuer / denk ich wohl: im Feuer. / Doch in Doppelsterbens Kreis / weiß ich wohl genug vom Haß / zu sagen: Sterben in Eis/ endet auch das / was ich weiß.

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