31. Großes Wörterschießen!

Das Misstrauen, die Sprachskepsis erreicht um 1900 in Philosophie und Literatur einen Höhepunkt; der berühmteste aus solcher Skepsis hervorgegangene Epochentext ist Hofmannsthals Chandos-Brief 1902. Heute weniger bekannt, doch der Erinnerung durchaus würdig ist das radikale Sprachdenken von Fritz Mauthner. Ein hübsches Denkmal hat der von Mauthner zutiefst beeinflusste Christian Morgenstern dem Lehrmeister errichtet, und zwar in der satirischen Montage ‚Aus dem Anzeigenteil einer Tageszeitung des Jahres 2401‘. Auf Mittelachse gesetzt erscheint hier folgende Ankündigung: ‚Vorankündigung / 22. November Fritz-Mauthner-Tag 22. November / Spectaculum grande / Großes Wörterschießen! Preise bis zu 1000 M! / Mittelpunkt der Veranstaltung: / Zehnmaliges Erschießen des Wortes / ,Weltgeschichte“ / durch je zehn Scharfschützen / zehn deutscher Stämme. / Das Festcomité / der Vereinigung zur ordnungsgemäßen Erschießung / verurteilter Wörter.‘

Dies drückt sehr schön den Impuls des Mauthnerschen Misstrauens aus, die Wendung gegen den leeren, mehr noch: den faulenden, korrupten Begriff. Die Sprache muss gesäubert werden. Das rabiat Anarchische dieses Destruktionsvorhabens, in dem sich schon der Dadaismus anzukündigen scheint, hat aber nichts gemein mit völkischen Bestrebungen zur ‚Sprachreinigung‘, nicht das Fremde soll eliminiert werden, sondern das Dummgewordene, nicht das Undeutsche, sondern das Antisprachliche, das der vernünftigen Kognition Entgegenstehende. Die dreiste Simulation von Sinn durch die abgehalfterte Phrase, das ist es, was ‚erschossen‘ werden soll. …

In einem bekannten Gedicht, das der vierten der zu den Galgenliedern zusammengeschlossenen Sammlungen den Titel gab, ‚Der Gingganz‘, lässt Morgenstern zwei Gegenstände in einem Wandergespräch agieren: ‚Ein Stiefel wandern und sein Knecht /von Knickebühl gen Entenbrecht.‘ Bei der Unterhaltung zwischen einem Stiefel und dessen Stiefelknecht erwächst die Figuration des ‚Gingganz‘ aus der vom Stiefel gesprochenen Zeile: ‚Ich ging ganz in Gedanken hin.‘ Der Sammlung setzt Morgenstern nun den Satz voraus: ‚Gingganz ist einfach ein deutsches Wort für Ideologe‘, was die Entschuldigung des Stiefels unnachgiebig kommentiert. Denn Versunkenheit in Gedanken heißt genau deren Kontaminierung durch die trügerische Logik der Sprache: ‚Urplötzlich auf dem Felde drauß / begehrt der Stiefel: Zieh mich aus!‘ / Joachim Kalka, SZ 28.6.

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