76. Einige Bemerkungen zur Poesie aus Taiwan und zum übersetzerischen Dialog

Von Volker Sielaff

(Aus dem Vorwort des von ihm herausgebenen Bandes „Der Humor der Wolken – Moderne Poesie aus Taiwan“)

Der Herausgeber schreibt dazu:

im Auftrag der TAIPEH BOOK FAIR FOUNDATION habe ich die Lyrikanthologie „Der Humor der Wolken – Moderne Poesie aus Taiwan“ herausgegeben. Wie der Untertitel schon sagt, soll das Büchlein – vor allem den deutschen Leser – mit der Poesie Taiwans bekanntmachen. Die meisten Übersetzungen fertigten Sinologen an, einige Gedichte habe ich, mit Hilfe von Tang Wei … selbst nachgedichtet.

Die Sammlung wurde für den Auftritt Taiwans auf der Frankfurter Buchmesse zusammengestellt, aber Tang Wei aus Taipeh und ich werden das Buch auch in Dresden vorstellen: am 21. Oktober, 19 Uhr im Stadtmuseum, Wilsdruffer Straße 2 und auf Einladung der Zeitschrift „Ostragehege“ (die zudem an diesem Abend ihr 15jähriges Bestehen feiern wird).

Alles begann mit einem Gedicht. Oder sollte ich besser sagen: einem Geschenk? Denn das Gedicht wurde mir von Wei Tang überreicht, nachdem ich, als Gast einer internationalen Übersetzer-Werkstatt, aus meinem Buch „Postkarte für Nofretete“ vorgelesen hatte. Für sie, die bereits mehr als 30  Bücher aus dem Deutschen ins Chinesische übersetzt hatte, stellte jenes Gedicht den ersten Versuch einer Übertragung aus dem Chinesischen in die für sie gar nicht mehr so fremde deutsche Sprache dar. Der Titel des Gedichtes gefiel mir. Es ging eine fast sommerliche Ruhe von ihm aus: „Glück nur zwischen einer Kanne Apfeltee-Zeit“.

Mir sagte besonders das Wort „Apfeltee-Zeit“ zu, von dem ein gewisser Zauber auszugehen schien. Die „Apfeltee-Zeit“, das mußten wohl jene kostbaren Minuten oder Stunden sein, in denen wir, auch nach der Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies, „auf den Kissen die die Zeit anhalten“ einfach glücklich sind. Ich las das Gedicht, während mein Zug schon ins Elbtal einfuhr. Zur Linken waren durch das Zugfenster die ersten Weinberge zu sehen. Ich las und korrigierte eine Zeile und noch eine, ersetzte ein Wort durch ein anderes, das mir treffender erschien. Doch dann machte ich einen fatalen Fehler. Ich glaubte, mich von meinem Lieblingswort trennen zu können, weil mir schien, daß es  dem Gedicht nichts hinzufügte, was dieses nicht ohnehin schon in sich trug. Ich schickte meine bearbeitete Fassung nach Taipeh, zu Wei Tang. Die las sie, fand sie schön, legte aber umgehend Einspruch ein: das Wort „Apfeltee-Zeit“ könne man unter keinen Umständen durch das Wort „Apfeltee“ ersetzen. Ich verstand ihren Einwand und nahm mir das betreffende Gedicht noch einmal vor. Jetzt stand da wieder „Apfeltee-Zeit“, und nur in der letzten Zeile liess ich „Apfeltee“ stehen, weil ich den Schluss in dieser Form intensiver und stärker fand.

In der darauffolgenden Zeit schickte mir Wei Tang weitere Übersetzungen chinesischsprachiger Gedichte. Eine kleine Auswahl daraus findet sich in diesem Buch, andere sind bereits in der Literatur- und Kunstzeitschrift „Ostragehege“ erschienen.

Als Wei Tang und ich uns zwei Jahre später in Berlin wiedersahen, zeigte sie mir „Pink Noise“, das transparente Buch der Dichterin Hsia Yü. „Wie ein Eisblock im Aquarium“, sagte Wei. Die Seiten dieses 2007 erschienenen Werkes sind aus durchsichtigem Kunststoff, die Texte in chinesischer und englischer Version überlagern einander. Man muß, will man die Gedichte dieses Bandes lesen, ein weißes Blatt dazwischenschieben. Mir scheint das weiße Blatt eine schöne Metapher für die Übersetzung von Poesie und für das Dichten im allgemeinen zu sein. Beginnt doch damit jeder geschriebene Text. Mit dem weißen Blatt, das unsere Gedanken und Bilder aufnimmt. Als Ideogramme, wo ein Zeichen für einen Begriff steht, wie im Chinesischen. Oder als Buchstaben, wo ein Zeichen für einen Laut steht, wie im Deutschen. (…)

Ich bin beim Übersetzen auf Interlinearversionen angewiesen. Auf der anderen Seite gibt mir das die Freiheit, mich in das Gedicht einzufühlen und einzulesen. Was ist eine Übersetzung? Wie viel oder wie wenig hat sie noch mit dem Original zu tun? Es geht, soviel ist sicher, immer um Annäherung. Man kommt, als Übersetzer bzw. Nachdichter dem Original mehr oder weniger nahe. Man erreicht es nie. Vielleicht handelt mein Gedicht „Nähe des Falters“ auch vom Übersetzen, von der Schwebe zwischen den Dingen und den Worten:

„Du hast sie noch nicht erreicht.
Schon bist du einmal getroffen
Vom letzten Flügelschlag.“

Dank Internet und E-Mail wechselten die verschiedenen Fassungen schnell zwischen Wei Tang und mir hin und her. Doch unversehens fanden wir uns darin (Verszeile für Verszeile, während zwar nicht der Apfeltee, doch aber der Grüne Tee auf dem Tisch im Garten des Literaturhauses in der Fasanenstraße dampfte), Entsprechungen in der deutschen Sprache zu suchen. Entsprechungen in Wörtern, Strukturen, Rhytmen. Vielleicht sind das ganz neue Gedichte geworden, Adaptionen ihrer Originale? Vielleicht kommen sie ihren Originalen und dem, was die taiwanesischen Dichter ausdrücken wollten, nahe. Wichtig ist: ein Austausch findet statt. Die Poesie ist in Bewegung.

„Beim Schälen der Birne um Mitternacht“ ist der Titel eines Gedichtes von Luo Fu, des „primus inter pares“ der modernen taiwanesischen Poesie, das wir in Berlin zusammen übersetzten. Andere Gedichte, etwa „Mond im Fluss“ von Zhou Mengdie, der wie viele junge Poeten erst 1947 als Studentensoldat vom Festland nach Taiwan übersiedelte und dort der einflussreichen Lyrikergruppe „Blauer Stern“ beitrat, wurden von Martin Winter übersetzt. Zhou Mengdies Poesie ist stark von der klassischen chinesischen Philosophie und dem Buddhismus beeinflusst, es wird kein Zufall sein, daß der Mond in seinem Gedicht sich ausgerechnet im Ganges spiegelt. Ich denke, dieser Dichter hat eine tiefe Beziehung zum Fliessenden, zum Wasser und zur Fähre, die sich, ein „dreieckiger Traum“, darauf bewegt. Das Fliessen ereignet sich im Verborgenen, wird kaum bemerkt. Auch das Blut fliesst in uns, aber wir merken es kaum. (…)

Den 1928 geborenen Luo Fu kann man als eine Art Vorläufer der sogenannten „obskuren Lyriker“ Taiwans begreifen. Ich habe von ihm zwei Zeilen gelesen,

die man auch poetologisch verstehen kann: „Trinken und Dichten / Geschehen meist ganz spontan“. Wahrscheinlich ist es nicht ganz so einfach, denn gerade Luo Fu`s Gedichte sind sehr genau gearbeitet, voller Anspielungen und Zeichen. Aber für den Dichter ist Spontanität wichtig, die erste Assoziation, die erste Zeile oder der erste Strich, wie bei Cy Twombly.

Interessant finde ich die engen Verbindungen mancher taiwanesischen Lyriker zur westlichen Literatur. Nicht wenige von ihnen haben in den USA studiert und an dortigen Universitäten Lehraufträge angenommen. Das ist etwa der Fall bei Zheng Chouyu, einem „Modernisten“, dessen lakonischen Ton man aus der westlichen Dichtung zu kennen glaubt.

Luo Fu

Beim Schälen der Birne um Mitternacht

Frierend und durstig
sehe ich mit ruhigem Blick
auf dem Teetisch um Mitternacht
eine koreanische Birne.

Eine meine Hände
schön kühlende
bronzegelb schimmernde
Birne,
die nach dem Schnitt
in ihrer Brust
einen tiefen, tiefen Brunnen
sichtbar werden läßt.

Schockiert
nehme ich
ein Stück der rohen Birne
zwischen Daumen und Zeigefinger.

Unschuldiges Weiß.
Das Messer fällt zu Boden,
ich beuge mich, es aufzuheben.

Ach! Überall dort
meine bronzegelbe Haut.

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