2009 Jan #1-30

30. American Life in Poetry: Column 198

This column has had the privilege of publishing a number of poems by young people, but this is the first we’ve published by a young person who is also a political refugee. The poet, Zozan Hawez, is from Iraq, and goes to Foster High School in Tukwila, Washington. Seattle Arts & Lectures sponsors a Writers in the Schools program, and Zozan’s poem was encouraged by that initiative.

Self-Portrait

Born in a safe family
But a dangerous area, Iraq,
I heard guns at a young age, so young
They made a decision to raise us safe
So packed our things
And went far away.

Now, in the city of rain,
I try to forget my past,
But memories never fade.

This is my life,
It happened for a reason,
I happened for a reason.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 2007 by Seattle Arts & Lectures. Reprinted from „We Will Carry Ourselves As Long As We Gaze Into The Sun,“ Seattle Arts & Lectures, 2007, by permission of Zozan Hawez and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.


29. Lieder nach Eva Strittmatter

Der Berliner Pianist, Komponist, Bandleader und Musikpädagoge Manfred Schmitz (Jahrgang 1939) vertonte nun Gedichte Eva Strittmatters und machte daraus einen Zyklus von 20 Liedern; Chansons von zart und verhalten bis kraftvoll und mitreißend. Als Interpretin dafür gewann er die 1969 in Ilmenau geborene Schauspielerin und Sängerin Susanne Kliemsch, mit der er bereits erfolgreich andere Chanson-Programme realisiert hatte. Jetzt ist „Ich mach ein Lied aus Stille“ auf CD erschienen, was die beiden Protagonisten zum Anlass für ein besonderes Veröffentlichungskonzert in Dresden nehmen. / Sächsische Zeitung

Susanne Kliemsch/Manfred Schmitz

11.1., 20 Uhr, Kleines Haus, DD

14 Euro im Vorverkauf


28. Dirk von Petersdorff wird Professor in Jena

„Lehrerausbildung ist unser Kerngeschäft“, sagt Prof. Dr. Dirk von Petersdorff. Der frisch ernannte Lehrstuhlinhaber für Neuere deutsche Literatur der Universität Jena beschreibt damit nicht nur die eigene „starke Affinität zur Schule“. Der 42-jährige Neu-Jenaer macht dadurch auch deutlich, dass Geisteswissenschaften für ihn zu einer Profession führen. „Literaturwissenschaft sollte man nie aus der Lebenspraxis herauslösen“, erläutert von Petersdorff sein Credo, das er auch den Studierenden aller Studiengänge in Jena vermitteln möchte. / idw 7.1.


27. Hölderlins Rhythmus

Previšic tritt mit dem Anspruch auf, eine objektiv feststellbare Lücke in der germanistischen und komparatistischen Literaturwissenschaft schließen zu wollen: Er untersucht den Rhythmus der Gesänge Friedrich Hölderlins aus den Jahren 1795 bis 1808 und konstatiert dabei einen tiefgreifenden Wandlungsprozess, welcher als „metrische Dekomposition“ bezeichnet wird. / Torsten Mergen,literaturkritik.de Nr. 1, Januar 2009

Boris Previsic: Hölderlins Rhythmus. Ein Handbuch.

Stroemfeld Verlag, Frankfurt a. M. 2008.

320 Seiten, 32,00 EUR.

ISBN-13: 9783861091851


26. Marica Bodrožic – eine deutsche Dichterin aus Dalmatien

Dass die Wörter nicht nur Wörter sind und ihre außergewöhnliche Kombinatorik eine ganz andere Wahrheit zum Vorschein kommen lässt, zeigen vor allem die beiden Gedichtbände. Schon ihre zunächst durchaus rätselhaften Titel sind Programm: „Ein Kolibri kam unverwandelt“ heißt der eine, „Lichtorgeln“ der andere. Wobei man sich bei den synästhetisch durchwehten Textflächen der „Lichtorgeln“ durchaus nicht sicher sein kann, ob es sich hier überhaupt um einen Gedichtband handelt oder ob der universalpoetisch freie Umgang mit Sprachpartikeln nicht vielmehr jegliche Gattungsgrenze aufsprengt. Kindheit, Muttersprache, Naturempfinden und Balkankrieg bleiben auch hier thematische Bezugspunkte, und natürlich immer wieder auch die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Sprache. „Wenn Marica Bodrožic die Einheit der Synästhesie in Sprache vereinzelt, gewissermaßen in Einzelteile zerlegt, dann entstehen jene unvermeidlichen Wortinseln, die nur das Wagnis, ins Unheimliche des Dazwischen einzutauchen, miteinander verbinden kann“, bemerkt Nadja Wünsche in der „FAZ“. / Klaus Hübner, literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2009

Ein Kolibri kam unverwandelt. Gedichte. Salzburg 2007 (Otto Müller)

Lichtorgeln. Gedichte. Salzburg 2008 (Otto Müller)

Die Sprachländer des Dazwischen. Essay. In: Uwe Pörksen / Bernd Busch (Hg.): Eingezogen in die Sprache, angekommen in der Literatur. Positionen des Schreibens in unserem Einwanderungsland (= Valerio 8). Göttingen 2008 (Wallstein)


25. Geübter Steilpass – lyrische Collagen von Andreas Noga

Vor kurzem stieß ich durch Zufall auf eine Statistik der Stiftung Lesen, aus der hervorging, dass in Deutschland jeder Vierte überhaupt keine Bücher liest. Auch die dort aufgeführten „Gelegenheitsleser“ verzeichnen laut Umfrage einen leichten Rückgang, während die Zahl der „Viel-Leser“ (mehr als 50 Bücher pro Jahr) mit rund 3 Prozent stets gleich bleibt. Leider war dieser Statistik nicht zu entnehmen, um was für Bücher es sich dabei handelt, denn die Frage nach Anspruch und Umfang ist dabei ja nicht gänzlich unbedeutend. Und so hätte es mich gefreut, wenn neben der Quantität und der (zugegeben sehr subjektiv empfundenen) Qualität der konsumierten Bücher auch das Kriterium der Nachhaltigkeit Berücksichtigung gefunden hätte – denn was ist ein Buch, von dem nichts hängen bleibt, das zum einen Auge rein und zum anderen raus geht, ohne Spuren zu hinterlassen, Neugier zu schüren oder Lücken zu schließen? Wer diese schmierige Formel noch länger in den Händen wendet, die Temperatur langsam erhöht und die Inhalte um das Beiwerk reduziert, kristallisiert über kurz oder lang die „Inspiration“ heraus, die dafür sorgen kann, dass ein Text beim Leser nachwirkt, wenn die eigentliche Lektüre längst abgeschlossen ist.

Andreas Noga, 1968 geborener, im Westerwald lebender Lyriker und Lyrikredakteur der Zeitschrift „Federwelt“, ist ein Mensch, der gegenüber der Inspiration offen ist. Sein neuester, bereits vierter Gedichtband „Orakelraum“, als neunter Band der hochkarätig besetzten Lyrikreihe der Silver Horse Edition erschienen, weist denn auch durch die Kategorisierung „lyrische Collagen“ auf das Fertigungsverfahren dieser Texte hin: Fundstücke aus unterschiedlichsten Printmedien, Schlagzeilen, Überschriften und Gedichten anderer Autoren, aus denen er mittels Assoziation neue Bilder geschaffen hat.

Aus wenigen Wörtern spinnt Noga neue Fäden, neue Zusammenhänge, nimmt alte Motive auf und bringt sie in neue Konstellationen, wobei er sich als aufmerksamer Beobachter erweist, der gerade die zwischenmenschlichen Beziehungen fein auszuleuchten und auszudrücken vermag.

schweigsam

noch bliebe ein rest zu sagen
mein mund ist vorübergehend geöffnet

dann wieder geschlossen
die speerspitzen mit denen du zielst

sind vergiftet –
wenn man stille fotografieren könnte

wäre mein schweigen ein fisch
glatt und silbern

und er sähe aus der tiefe
zu dir hoch

Ein runder, vielseitiger Lyrikband, von dem genügend hängen bleibt, um

a) einen Tag im Büro zu überstehen, kurz vor dem Jahresabschluss,

b) einen einsamen Abend mit miserablem Fernsehprogramm ignorieren zu können, und

c) mit der einen oder anderen Zeile ein eigenes Gedicht zu beginnen.

Ein inspirierter, inspirierender Gedichtband.

/ stefan heuer

Andreas Noga: „Orakelraum“ – Lyrische Collagen

Silver Horse Edition

40 Seiten, 6,80 €

Limitierte Auflage von 100 nummerierten und signierten Exemplaren

ISBN: 978-3-937037-24-0


24. Übrigens

Befreit diese Gesellschaft von diesem Lärm, so dass die, die Ohren haben, sie nutzen, um gute Musik zu hören.

Der amerikanische Jazzmusiker Charlie Mingus (Mehr: WDR Podcast)


23. THESE WALLS WILL HAVE TO GO

Three newly discovered poems by Langston Hughes have their first known publication in the January 2009 issue of Poetry magazine.

BY ARNOLD RAMPERSAD

POETRY MEDIA SERVICE

Langston Hughes wrote these simple poems* in 1930, as the Great Depression loomed in America. By the end of 1933, in the depths of the crisis, he had composed some of the harshest political verse ever penned by an American. These pieces include „Good Morning Revolution“ and „Columbia,“ but above all, „Goodbye Christ.“ Here the speaker of the poem ridicules the legend of Jesus in favor of the radical reality of Marx, Lenin, „worker,“ „peasant,“ „me.“ Around 1940, under severe pressure from conservatives, Hughes repudiated „Goodbye Christ“ as an unfortunate error of his youth. However, in 1953 he was again forced to condemn this poem when he appeared, by subpoena, before Senator Joseph McCarthy’s infamous subcommittee probing allegedly „un-American“ activities by some of our leading scholars, scientists, and artists.

At his core, Hughes was a lyric poet entranced by the charms and mysteries of nature. Nevertheless, political protest was a key aspect of his writing virtually from his high-school days, when many of his classmates were the children of Jewish and Catholic immigrants from Europe who taught him the importance of protesting against injustice. A stirring voyage to colonial Africa in 1923, when he was barely twenty-one, only intensified his commitment to protest art.

These discoveries are minor poems, but reflect some of his abiding concerns and images.

The second poem, which begins „I look at the world,“ is cut from Hughes’s radical poetic cloth. Again one hears echoes of some of his better-known poems. The words „And this is what I see“ followed, as in a sermon-like refrain, by „And this is what I know“ is a familiar rhetorical device in his work. Familiar, too, are the conceits of narrow assigned spaces that almost suffocate blacks, „silly“ walls that pen them in, and, both ominously and beautifully, „dark eyes in a dark face.“

The brevity of these poems conserves their power and, in doing so, prevents them from becoming boring. Again, they are simple– but we must remember that Hughes lived as an artist by the idea that simplicity at its best is or can be complex. Surely these three poems do not widely expand our knowledge of Hughes or his art. However, they remind us poignantly, in their lancing grace, of the qualities that made him the poet laureate of his people and an American master. Hughes saw such poems both as „mere“ propaganda and also as necessary acts of the committed poet. As a black writer facing racism on a daily basis, he had a remarkably precise sense of scale, as well as an inspired knowledge of the words and rhythms of speech that would best convey his messages to blacks and whites alike. The truth is that we cannot have too many poems by Langston Hughes, no matter how modest they seem to be on the surface.

*These poems were written in pencil on the endpapers of Langston Hughes’s edition of An Anthology of Revolutionary Poetry (Active Press, 1929). They were discovered by Penny Welbourne, a rare book cataloger at the Beinecke Rare Book and Manuscript Library at Yale University, where the Hughes Papers are housed. Please visit poetryfoundation.org to see a facsimile slideshow of the original.

I look at the world

I look at the world
From awakening eyes in a black face–
And this is what I see:
This fenced-off narrow space
Assigned to me.

I look then at the silly walls
Through dark eyes in a dark face–
And this is what I know:
That all these walls oppression builds
Will have to go!

I look at my own body
With eyes no longer blind–
And I see that my own hands can make
The world that’s in my mind.
Then let us hurry, comrades,
The road to find.

Arnold Rampersad is the author of the two-volume The Life of Langston Hughes and editor of The Collected Poems of Langston Hughes. This article first appeared in Poetry magazine. Distributed by the Poetry Foundation. Read more about Langston Hughes, and his poetry, atwww.poetryfoundation.org.

© 2009 by Arnold Rampersad. All rights reserved.


22. Darf zurück

„Leben wie ein Baum, einsam und frei, und brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht.“ Mit diesen Versen aus dem Gedicht „Davet“ (Die Einladung), ist der größte türkische Lyriker des 20. Jahrhunderts, Nazim Hikmet, auch in Deutschland bekannt geworden. Lange war der Dichter, der mit „Menschenlandschaften“ das berühmteste Epos über Anatolien schuf, in seiner Heimat verfemt, jetzt soll er offiziell rehabilitiert werden. Gestern beschloss das türkische Kabinett, ihm post mortem seine Staatsbürgerschaft zurückzugeben und die Rückkehr von Nazim Hikmets sterblichen Überresten in die Heimat zu ermöglichen. / taz 6.1.

„Es ist ein Schritt hin zur Anerkennung unterschiedlicher Meinungen, Sprachen und Volkszugehörigkeiten, der nötig ist, um Mitglied der EU zu werden“, sagte Dogu Ergil, Politikwissenschaftler an der Universität Ankara. / AP

Mehr: FAZ.net 7.1. / Welt 7.1. / ND 7.1. / BBC news

In L&Poe: 2001 Jan # Nazim Hikmet wird rehabilitiert; 2001 Jun # Machmud Darwisch ist einer der letzten Dichter; 2002 Jan # John Berger über Nazim Hikmet; 2002 Jan # Hikmet fesselnd; 2002 Jan # Gefängnis für Gedichte; 2002 Jan # Atatürks verlorener Poet; 2002 Feb # Warum es die Türkei nicht schafft; 2002 Mrz# Hikmet 100; 2002 Jul # Human Landscapes; 2002 Dez # Poesie am Schaufenster; 2005 Mai #5. Das Wetter ist seltsam geworden; 2005 Jun #6. Lyrikpolizei; 2005 Nov #90. Philadelphia feiert; 2006 Okt #19. Alain Lance ausgezeichnet; 2007 Okt #38. Die Brücke. Forum für antirassistische Politik und Kultur 145; 2008 Okt #54. Hikmet-Auswahl; 2008 Okt #58. Türkei: früher lyriklastig; 2008 Okt #62. Versfelsen; 2008 Okt #69. Hikmets Traum; 2008 Okt #72. Die Einäugigen und die Lyrik


21. Chomsky, Mandelstam, Stein

Es waren die Erkenntnisse des amerikanischen Sprachwissenschafters Noam Chomsky, die in den sechziger Jahren für Inger Christensen die Legitimation der schriftstellerischen Tätigkeit begründeten. Dessen Gedanken «über eine angeborene Sprach-Fähigkeit und über allgemein gültige formale Regeln für den Satzbau, die (. . .) zugleich ermöglichen, dass ins Unendliche Sätze generiert werden», hätten sie mit einem «phantastischen Glücksgefühl» erfüllt, bemerkte sie, «eine nicht beweisbare Gewissheit, dass die Sprache eine unmittelbare Verlängerung der Natur» sei. Dank Chomsky verspürte sie «dasselbe <Recht> zu sprechen wie der Baum, Blätter zu treiben».

Jedes strukturierte Sprechen war damit gemeint, auch die Stellungnahmen der Bürgerin. Gerade in den Jahren ihrer Anfänge galt Inger Christensen als eminent politische Autorin. Sie äusserte sich mit Versen etwa zu Fragen des Städtebaus. Im Winter 1969/70 konnte man ihre Texte von Kopenhagener Hauswänden lesen. Zeilen daraus wurden allenthalben zitiert, gerieten zum Fanal: «Eine Gesellschaft kann wie aus Stein sein (. . . ), bis jemand damit anfängt, eine Stadt aufzubauen, eine Stadt, die weich ist wie ein Körper.» …

Christensen war mit deutschen Dichtern vertraut, von Goethe über Novalis und Kleist bis Heissenbüttel. Handkes «Linkshändige Frau» hatte sie ins Dänische übersetzt. Sie las Robert Walser, nicht weniger als Mallarmé, Rimbaud, René Char. Sie lebte mit Mandelstam und Shakespeare und Gertrude Stein. / Beatrice von Matt, NZZ 6.1.

Mehr: Die WeltTagesspiegel / Westdeutsche Zeitung / Neue Westfälische / Kölner StadtanzeigerBLKSZ / Badische Zeitung (Michael Braun) / The StraitsTimesZeit / Der Standard


20. Glausers Gedichte

Die Berliner Literaturkritik annotiert eine Ausgabe der Gedichte des vor allem als Krimiautor bekannten Schweizers Friedrich Glauser (1896-1938), die arg verspätet 70 Jahre nach seinem Tod erscheinen.

GLAUSER, FRIEDRICH: Pfützen schreien so laut ihr Licht. Nimbus Verlag, Wädenswil 2008. 70 S. mit Anh., 22 €.

Ebenfalls annotiert und mit 2 Leseproben vorgestellt wird eine Auswahl von 100 Gedichten Johannes R. Bechers.

Johannes R. Becher

Hundert Gedichte

Herausgeber: Jens-Fietje Dwars, Nachwort: Jens-Fietje Dwars

Leinen, 164 Seiten,

Erschienen bei: Aufbau-Verlag

978-3-351-03245-6

12,95 € *) / 25,40 Sfr


19. Die Wörter der Geister

Man kann vielleicht widersprechen, wenn heute gesagt wird, der neue, von Gizzi und Killian herausgegebene Band sei das Werk Jack Spicers, des Kaliforniers, dessen biographische Einzelheiten auf eine Weise mythologisiert wurden, daß er selber es gewiß geschmacklos nennen würde. Mehr als jeder andere Dichter seiner Generation betonte Spicer das Unpersönliche am Erscheinen eines Gedichts von „außen“: unter dem Einfluß von „Gespenstern“, „Marsmenschen“ und, wichtig: „der Toten“. In Anlehnung an W.B. Yeats‘ Methode geistiger Séancen (Yeats‘ Frau Georgie kanalisierte die Wörter der Geister für den Dichter zum Mitschreiben) vertrat Spicer die Meinung, daß die persönliche Geschichte des Dichters unbedeutend sei im Vergleich mit dem viel größeren Spielraum des Gedichts. Er verfüge nicht über die Worte: sie seien die materiellen Einmischungen, die ihm erlaubten, ein Anderes in seine dynamischen und komplexen Perspektiven einzuschließen. / Dale Smith, Bookslut

My Vocabulary Did This to Me: The Collected Poetry of Jack Spicer (Wesleyan Poetry) (Hardcover)

by Jack Spicer (Author), Peter Gizzi (Editor), Kevin Killian (Editor)

Vgl. L&Poe 2008 Dez #107. Lyrik und Politik

18. Inger Christensen gestorben

Immer wieder ist die dänische Dichterin Inger Christensen als Kandidatin für den Nobelpreis im Gespräch gewesen, doch die bedeutendste Literaturauszeichnung der Welt blieb ihr am Ende versagt. Im Alter von 73 Jahren starb, wie erst am Montag bekannt wurde, Dänemarks bedeutendste Lyrikerin der Gegenwart bereits am Freitag. …

„Berlingske Tidende“ schrieb einmal, die Dichterin habe von Zeitströmungen unabhängige Lyrik und Prosa mit enormer Leuchtkraft geschaffen. „Sie erinnert immer wieder an die Überwindung einer großen Trauer“, hieß es. Man könne sagen, dass sie ihr literarisches Genre „revolutionär erneuert“ habe, wenn diese Begriff nicht so schlecht zur scheuen und sich selbst fast verleugnenden Persönlichkeit der Dichterin passe. Christensen trat als Person öffentlich kaum in Erscheinung. …

Als „Meisterwerk europäischer Poesie“ wurde „Schmetterlingstal. Ein Requiem“ gerühmt: Es enthält einen klassischen Sonettenkranz mit vierzehn Sonetten und dem abschließenden Meistersonett. Christensens Requiem entfaltet in einem Spiel von kindlichen Verwandlungen in verschiedenen Schmetterlingsarten eine „Symmetrie der Trauer“. Wirklichkeit und Vorstellung lassen sich in ihren Werken kaum auseinanderhalten. Zur Jahrtausendwende erschien „Der Geheimniszustand und Das Gedicht vom Tod“, eine Sammlung von Essays und Lyrik.

Über sich selbst und den Antrieb zum Schreiben erklärte Christensen einmal: „Ich bin eine ganz normale Sterbliche, mache Essen und treibe alles Mögliche. Nur manchmal, und es geschieht eigentlich selten, vergesse ich, was ich gewusst habe. Dann muss ich es noch einmal formulieren.“ / FAZ.net

Nachrufe: FR 6.1. / FAZ 6.1. /

In L&Poe: 2001 Jan # Nacht der Poesie auf dem Potsdamer Platz; 2001 Mrz # Die Sterndeuter (7); 2001 Mrz # Lyrik auch mal in der taz; 2001 Jun # Die sechsten Frauenfelder Lyriktage; 2001 Jun # Das erste Internationale Literaturfestival Berlin; 2001 Jun # Auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin; 2001 Jun # Über das erste Internationale; 2001 Sep # Sechste Frauenfelder Lyriktage; 2001Okt # Inger Christensen las in Göttingen; 2002 Feb # Banater Alphabet; 2002 Feb# Much of; 2002 Mai # In dem frechen Online-Literaturmagazin “ fackel „; 2002 Mai # Christensen in Hombroich; 2002 Aug # Über das Jubiläum des Künstlerhauses; 2002 Sep # Ledergerbers Gedichtladen; 2003 Mrz # det/das: Kling über Christensen; 2003 Jun # Det/ Das: Abschied von Mallarmés Moderne; 2003 Sep # Universalgedicht det/ das; 2003 Sep # Drittes Internationales Literaturfestival Berlin; 2004 Jun #5. Inger Christensen in Dresden; 2005 Jan #51. Wiederverzauberung. Inger Christensen 70; 2005 Jan #52. Todesaufschubsdichtung; 2005 Jan #65. Christensen missing; 2005 Jun #73. „Das. Das war es. Jetzt hat es begonnen.“; 2005 Aug #26. Irrtum; 2005 Sep #5. Alphabet der Welt; 2005 Sep #58. Scandinavian, Germanic, and Slavic Poetry Today; 2006 Jan #90. Dansk kulturkanon; 2006 Feb #15. Dänische Lyrik; 2006Feb #89. Die dänische Lyrikerin; 2006 Mrz #38. Irische Lyrik Live auf der Leipziger Buchmesse; 2006 Apr #43. Dante und der Fanatismus (der Anderen); 2006 Mai#44. Dichterfest in Kopenhagen; 2006 Mai #57. Homilettrie für Christensen; 2006Sep #48. Was er liest; 2006 Dez #79. Lyrik boomt im Internet; 2007 Mai #30. Poesie graphisch – Skandinavische Lyrik auf Bodoniblättern; 2007 Dez #62. Wie fahrendes Volk; 2008 Jun #75. „So tun, als ob“; 2008 Jul #43. 28. ERLANGER POETENFEST; 2008 Jul #57. Inger Christensen und Kathrin Schmidt in Ahrenshoop; 2008 Jul #61. 9. poesiefestival berlin erfolgreich beendet; 2008 Aug#111. Irrwitzig & melodiös; 2008 Nov #18. Stein-Zerfledderung


17. Alice Salomon Poetik Preis 2009 an Rebecca Horn

Fr 16.1. und Sa 17.1.

Der Poetik-Preis wird jährlich von der Alice Salomon Hochschule Berlin vergeben. Erstmals wurde er 2007 verliehen, kurz nachdem die Alice Salomon Hochschule Berlin als erste in Deutschland den Masterstudiengang „Biografisches und Kreatives Schreiben“ einführte.

Der Preis ist eine Hommage an seine Namensgeberin. Für die Sozialreformerin Alice Salomon stellten bereits vor 100 Jahren Kunst und Kultur wichtige Inspirationsquellen zur Erforschung und zur geistigen Reflexion der Welt dar.

Mit dem Preis werden Künstlerinnen und Künstler ausgezeichnet, die durch ihre besondere Formensprache und künstlerische Vielfalt zur Weiterentwicklung der literarischen sowie visuellen und musischen Künste beitragen. Die Betonung liegt dabei auf der künstlerischen Interdisziplinarität, die sich auch in den Kulturangeboten der Hochschule wieder findet.

Rebecca Horn hat seit dem Beginn der siebziger Jahre ein Werk geschaffen, das sich aus Performances, Filmen, skulpturalen Raum-Installationen, Zeichnungen, Fotoübermalungen und Gedichten zusammenfügt. Die Kunstwerke bieten dem Betrachter die Möglichkeit, mythische Bilder zu assoziieren und kulturgeschichtliche, literarische und philosophische Bezüge herzustellen.

Fr 16.1. 18:00 Poetik-Vorlesung Rebecca Horn

mit Filmvorführung und Projektionen von Installationen

Musik: Hayden Chisholm (Komponist)

Ort: Alice Salomon Hochschule Berlin,

Alice-Salomon-Platz 5, 12627 Berlin

U5 bis Hellersdorf (23 Min vom Alexanderplatz)

Eintritt frei

Sa 17.1. 19:00 Preisverleihung

Laudatio: Joachim Sartorius (Intendant Berliner Festspiele)

Lesung: Rebecca Horn

Musik mit Kompositionen von Hayden Chisholm

Ort: Berlinische Galerie,

Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin-Kreuzberg

Eintritt frei

Um Anmeldung wird gebeten unter 030 – 883 96 23

Eine Veranstaltung der Alice Salomon Hochschule Berlin in Kooperation mit der Literaturwerkstatt Berlin.

Vorschau Literaturwerkstatt Berlin:

Di 27.01. 20:00 und Do 29.01. 20:00

Zwischen Europa und etwas anderem – Poesie aus der Ukraine vorgestellt von Juri Andruchowytsch

Di 3.2. 20:00

Valerio Magrelli – Dreißig Jahre danach

Do 5.2. 20:00

Lyrikdebüts 2008 – Ein Querschnitt

Lesung und Gespräch mit Timo Berger (Berlin), Lisa Elsässer (Walenstadt/Schweiz), Mara Genschel (Berlin), Andrea Heuser (München)

Moderation: Peter Geist (Literaturwissenschaftler, Berlin

Di 10.02. 20:00

Dieter M. Gräf: Buch Vier. Buchpremiere

Di 24.2. 20:00

Die Lyrikpreisträger des Jahres 2008

Lesung mit Christian Futscher (Wien), Sylvia Geist (Ronnenberg), Wulf Kirsten (Weimar), Barbara Köhler (Duisburg), Monika Rinck (Berlin) und Ulf Stolterfoht (Berlin)

Ort: Berliner Rathaus, Rathausstr. 15, 10178 Berlin


16. siegen ist avantgarde

es gibt eine neue Crauss-CD. im juli 2008 hatte der dichter einen ungewöhnlichen auftritt im lyrik kabinett münchen. an jenem tag war es besonders heiss, und die stadt war besonders schön in dieser hitze. die menschen, die aus münchen und teilweise aus augsburg zu der doppellesung von Crauss und Norbert Lange ins lyrik kabinett gekommen waren anstatt es sich in einem weissbiergarten gemütlich zu machen, wussten also, was sie taten.

so herrschte eine selbst im lyrik kabinett sehr seltene konzentration, eine aufgeladene stille, die es den beiden lesenden nicht einfacher machte, falls sie auf spontane reaktionen hofften. Pia-Elisabeth Leuschner, mitarbeiterin im lyrik kabinett, hat den abend im juli, wie sie schrieb, als einen der spannendsten des letzten jahres in erinnerung. dass sich dies auf die CD übertragen hat, ist dem techniker Tobias Reiterer als auch dem intensiven vortrag von Crauss zu verdanken.

der autor hatte zu dieser lesung erstmals seit jahren texte, die sonst crausstypische höhepunkte in der mitte oder am ende der präsentation sind, ganz nach vorne genommen: ‚blumen‘ und ‚ein paar flüchtige‘ wurden dadurch zu einem sehr eindringlichen auftakt.

neben texten aus ‚alles über ruth‘, etwa dem opener ’nachtzug‘ und der das publikum in eine unheimliche stimmung versetzenden ‚angst in person‘ kommen auf der CD bisher unveröffentlichte texte wie die pilotengedichte ‚blackbox‘ und ‚august und acker‘ zu gehör, als bonus gibts ‚cavensmänner II‘ aus ‚campari & jazz‘ sowie ein re-work des auch auf ‚whisky & funk‘ enthaltenen ‚mehr‘. ’noch mehr‘ ist ein bislang unpublizierter mix.

„siegen ist ein gerücht,“ schreibt Ulrich van Loyen in seiner einführung zur lesung. „wer daraus schliessen möchte, es gebe siegen überhaupt nicht, hat auf eine sehr vertrackte weise recht. siegen – und bielefeld natürlich – stellen nämlich die avantgarde dar, den vorschein der längst eingetretenen und deshalb so schwer zu begreifenden zukunft. Crauss ist ein dichter aus siegen, was auch bedeutet, dass er provinzialität und weltläufigkeit auf eine weise kombiniert, die der erfahrung der brd auf ihrem weg vom zerfaserten nationalstaat zur globalisierung entspricht.

‚der abstand zwischen hier und mir wird kürzer‘, heisst es in einem gedicht, die stadt wird zur haut des dichters, zu seinem auge, das sich selber sieht. Crauss liegt damit ganz in der linie der von Baudelaire initiierten lyrischen moderne. ‚der atem wolkt so denkst du/ könnte es in siegen auch sein.‘ aber so ist es dort nicht, weil siegen erst siegen ist, wenn man sich in berlin befindet, das heisst, wenn das begehren nach entgrenzung wieder zu sich selbst zurückkehrt.“

alles über ‚Crauss live in münchen‘ gibts hier


15. Büchertisch-Idee: Alle übersetzten Lyrik-Titel des Jahres 2008

„Wie schreibt der BuchMarkt in seiner täglichen Feuilleton-Zusammenfassung immer so hübsch: eine Idee für einen aktuellen Büchertisch“, erinnert uns Verleger und Übersetzer Christian Lux und schlägt vor:

„Wäre die „nahezu vollständige Liste der übersetzten Lyrik im Jahr 2008 nicht eine wunderbare Idee für einen gewagten, aufregenden, bunten Büchertisch im ansonsten so langweiligen novitätenarmen Januar?“

Finden wir auch, und sollte die nachstehende Liste doch unvollständig sein, bitten wir unter redaktion@buchmarkt.de um Ergänzung. / BuchMarkt


14. Gert Jonke gestorben

Er entwickelte eine Universalpoesie der mit den Menschen ausgesöhnten Dinge: Der Kärntner Prosaautor und Dramatiker* ist am Sonntag 62-jährig einem Krebsleiden erlegen

In Gert Jonkes Sprachwelt schienen alle Sachzwänge auf ebenso wunderbare wie absolut welteinmalige Weise aufgehoben. Naturgegenstände, die gegenüber der Fantasie ihre Zweckmäßigkeit im Allgemeinen durchzusetzen pflegen, bildeten in den Texten dieses Universalpoeten eine Verschubmasse von eigensinniger Intelligenz und hoher Beweglichkeit. Natur, so lehrte es der Kärntner Jonke, ein aus der Zeit gefallener Urenkel von Schlegel, Novalis und Brentano, ist mit sozialem Sinn begabt. Sie vermag innerhalb der Grenzen der Grammatik nach eigenem Gutdünken zu schalten und zu walten. Sie rebelliert verlässlich gegen alle schnöden Zwecksetzungen, die ihr von außen aufgezwungen werden. Sie schafft am laufenden Band neue Tatsachen, deren bloße Verzeichnung der auftrumpfenden Selbstgewissheit der Recht- und Machthaber zärtlich und gar nie aggressiv ins Gesicht schlägt. / Ronald Pohl, DER STANDARD 5.1.

Friederike Mayröcker schreibt: „Da ist mein Schmerz, er widersetzt sich: es darf nicht sein es soll nicht Wahrheit sein: er war ein Freund sein schmerzlich lächelndes Gesicht wenn ich ihn traf, ich traf zuletzt ihn in der Straße, er war in Eile, eilte fort. Dahin, der große Dichter. Ich wink ihm nach.“ / Der Standard

Nachrufe: FR 5.1.

* Aber er war auch Lyriker. Letztens konnte man ihn als Teilnehmer an der Akltion Wurfgedichte erleben.

In L&Poe: 2003 Apr # Sprechsonate; 2005 Aug #81. «Lyrik am Fluss» ; 2005 Okt#100. Über eine Sprechsonate; 2006 Feb #41. Kolleritsch 75; 2006 Feb #49. Über eine Akademietheater-Ehrung ; 2008 Nov #7. Lyrik und Medien


13. Mein Wort zum neuen Jahr

stammt von Ray Bradbury und erschien im Tagesspiegel am 20.8. Ich gebe es hiermit an alle L&Poe-Leser weiter:

Tu, was du liebst, und liebe, was du tust! Man sollte niemals etwas tun, was man nicht liebt. Die meisten Filme und Bücher heute werden von Menschen gemacht und geschrieben, die das Leben nicht lieben. Die würde ich am liebsten in den Hintern treten und Ihnen sagen: Verdammt noch mal, Ihr seid lebendig! Das ist ein Wunder, es ist großartig, du kannst lieben! Wenn du also dein nächstes Buch schreibst oder die nächste politische Partei gründest, dann muss das aus Liebe zur Menschheit geschehen und um den Menschen beizubringen, wie man liebt. Wenn du nicht tust, was du liebst, dann ändere das, und zwar sofort! …

Ich glaube weder an Lehrer noch an Universitäten, ich glaube an Bibliotheken. Die ideale Ausbildung besteht in meinen Augen darin, dass man sich zehn Jahre in eine Bibliothek setzt, ein Buch nach dem anderen liest und auf diese Weise allmählich zu Sinn und Verstand kommt.


12. Wenn

Sie das Glück hatten, die Nummer 66 der Zeitschrift Schreibheft zu bekommen (erschien vor über 2 Jahren, 2006), freuen Sie sich und bewahren sie gut auf. Die Nummer darf nicht mehr verbreitet werden, weil sie einige Texte des amerikanischen Dichters Louis Zukofsky (1904-1978) unlizenziert abgedruckt hat. Es handelte sich um Auszüge und Materialien zu Zukofskys 800-Seiten-Poem „A“ (die Gedichte Zukofskys wurden übersetzt von Benedikt Ledebur, Ulf Stolterfoht und Oswald Egger). Außerdem brachte das Heft u.a. Auszüge aus Zukofskys Briefwechsel mit Ezra Pound und William Carlos Williams sowie Norbert Hummelts Neuübersetzung der Four Quartets von T.S. Eliot sowie Texte von Michael Donhauser, Aris Fioretos, Robert Creeley und Gennadij Ajgi. Eine Fundgrube, wie immer. (Achja: Eigentum ist Diebstahl).

Louis Zukofsky in L&Poe: 2007 Feb #38. Contemporary Poetry Review – February;2008 Jul #83. THE HEFT OF WORDS; 2008 Sep #4. unHealed


11. Berlin-Gedicht: ’08/15 Jahresendgedicht

Das 41. Berlin-Gedicht! Ein guter Vorsatz soll noch im alten Jahr erfüllt werden: Die Fortführung meiner Berlin-Gedichtreihe, die zum Ende des Jahres unter der Mammut-Lesetour und einer kurzzeitigen Akzentverschiebung (die herbstlichen Lemurengedichte in diesem Blog) zu leiden hatte. Zum Jahresausklang möchte ich der Tradition anschließen und – wie im letzten Jahr – auch 2008 ein berlinerisches Fazitgedicht widmen.

In Wort und Ton gibt es weitere 40 Berlin-Gedichte z.B. zu Alexa, Reichstagskuppel, Simon Dach Straße, Mediaspree, Siegessäule und und. Und. / Frank Klötgens Berlingedicht im Tagesspiegel


10. Hände

Hören Sie hier in einem Guardian-Video das Gedicht „These are the Hands“ von Michael Rosen, britischer Kinder-Laureate.


9. Katjuscha, Katjuscha

Der britische Lyriker Sean O’Brien, der 2007 als einziger Autor im gleichen Jahr den Forward- und den TS Eliot-Preis gewonnen hat, schrieb zu der Nachrichten aus Gasa das Gedicht „Katjuscha, Katjuscha“. Dieses Gedicht ist keine Botschaft, sagt der Autor, sondern es drückt den Schrecken im Angesicht der Ereignsse aus. In den 18 kurzen Zeilen kehrt der Refrain „Katjuscha, Katjuscha“ mehrfach wieder. Er habe den Namen der Rakete benutzt, der wie ein russischer Kosename klinge, ein Kindername, erklärte O’Brien. Es sei Gebet und Wiegenlied – und zugleich gehe es um etwas Schreckliches. / Alison Flood, Guardian 2.1.

Hier das Gedicht


8. Kramerlieder

Der verdienstvollen Aufgabe, an den vergessenen österreichischen Schriftsteller Theodor Kramer (1897 – 1958) zu erinnern, widmet sich Georg Siegl. Der Gitarrist und Sänger hat zu 22 Gedichten des Autors Melodien verfasst, und die so entstandenen Lieder mit kleinem Ensemble – Sängerin Doris Windhager (Roland Neuwirth Extremschrammeln ) und Multi-Instrumentalist Adula Ibn Quadr (u.a. Wiener Tschuschenkapelle) – im Studio eingespielt. / Kulturwoche

Beim Stromwirt – Lieder nach Texten von Theodor Kramer

Label/Vertrieb: Extraplatte (2008)


7. „Du mit deinem leisen Lächeln“

Pünktlich vor Weihnachten schlägt die große Stunde vieler Musik- und Literaturverlage: Unter Aufbietung lautester Werbetrommeln kommen die „größten Erfolge“ eines Künstlers in neuer Aufmachung als „Best of“ in den Handel, um neben vollen Kassen oftmals auch ein flaues Gefühl zu hinterlassen. Einzelne Stücke/Texte werden auf Teufel komm raus zur ominösen „Gold-Collection“ zusammengeschraubt und in dubiose Zusammenhänge gebracht, 20 alte Tracks in Zweit- oder Drittverwertung, garniert mit einem neuen Bonus-Track, den der Sammler unbedingt haben muss…

Sind diese herz- und sinnlos (sinnlos schon deshalb, weil die Singles nur im seltensten Fall die besten Stücke eines Künstlers sind…) zusammengeschusterten Produkte die Regel, so gibt es selbstverständlich auch Ausnahmen, die umso erfreulicher sind. So ist nun beim Waldgut Verlag, der sich fernab des Mainstreams seit längerem um die Lyrik verdient macht, unter dem Titel „Du mit deinem leisen Lächeln“ eine Sammlung Werner Buchers erschienen – ein Buch, das gesammelt den Frauen gewidmete Gedichte enthält und seine Berechtigung schon dadurch erfährt, dass es sich um Texte aus mehreren Jahrzehnten und inzwischen nur schwer zugänglichen Bänden handelt.

„Du mit deinem leisen Lächeln“ – der im schweizerischen Frauenfeld beheimatete Waldgut Verlag ehrt den in Zürich geborenen Autor, orte-Herausgeber und Verleger mit einem reizvoll ausstaffierten Band, der sehr persönliche Zueignungen präsentiert, von denen es vermessen wäre, sie als Unbeteiligter, als mit dem Dichter nicht bekannter Leser verstehen zu wollen. Es gilt, dies nicht als Einschränkung, sondern als Chance zu verstehen, sich den Texten und den diese bevölkernden Frauen absolut unvorbelastet zu nähern. Gleich zu Beginn begegnet man der Angebeteten, unter deren Füßen selbst der klebrigste Hundekot zu Gold zu werden scheint, wenn sie ihn denn in schwebendem Zustand überhaupt berührt (… dein Lachen / bringt Freude so manchem Ort, ahnst du, / dass ich deinen Mantel touchierte, bevor / ich ging und ihn beneidete, weil / er diese Haut spüren darf? – aus dem bislang unveröffentlichten „Ob du’s ahnst?“). Man begegnet einer in Weltwahrnehmung und Vertrautheit begründeten Intensität (… Nicht / einmal ein zitterndes Wort / fand den Weg aus meinem zugeriegelten Mund, ein / Gespräch wuchs trotzdem in dir, in mir / und wollte nie aufhören, schier betäubt / von der Chance, die uns so unerwartet / überfiel… – aus „An eine, die vorüberging“); man begegnet natürlich auch der Geliebten, jenem Wesen, ohne das ein Gedichtband über die Frauen nur unvollständig sein kann: Komm / ganz leise, / du meine Liebe, & wenn du gehst, / weil deine Angst / es verlangt / oder der Terminplan… aus „Eine Bitte“, entnommen dem Gedichtband „Zeitzünder“, orte Verlag 1987. Immer wieder sind es auch zufällige Bekanntschaften, die Bucher zu denken geben, ihn inspirieren, zumindest beeindrucken, wie jene im „Busgedicht“: Du standest neben mir, / ich spürte, noch sind / die Spermien in deinem Schoß, / die dein Freund dir offerierte / kurz vor dem Aufstehen… Eine großzügige Auslegung erfahren einige Texte, in denen zwar der Terminus der holden Weiblichkeit aufrecht erhalten wird, obwohl es sich, wie in „Hundwiler Höhi“ (aus dem Gedichtband „Weitere Stürme sind angesagt“, Appenzeller Verlag 2002) um impressionistische Landschaftsskizzen handelt: Wie eine Frau / liegst du da, / ganz offen, ganz nackt, ein / Versprechen fast, / zur Linken die Felsen des Säntis, / rechts die sanftere Waldstatt, / zwei Geliebte, die deinen / struppigen Schoß nie erreichen.

Ist es angebracht, von Werner Bucher als einem Mann im fortgeschrittenen Alter zu sprechen? Nun, da er in diesem Jahr seinen 70sten Geburtstag gefeiert hat, möchte ich es mir erlauben. Aber was kann einem das Alter schon anhaben, wenn man sich und sein Leben, seine Zärtlichkeit und Geilheit, Liebe und Leidenschaft in so wunderbaren Gedichten festgehalten hat? Große Gedichte, geschrieben mit Herz und Bauch.

/ stefan heuer

Werner Bucher: „Du mit deinem leisen Lächeln“ – Gedichte

Waldgut Verlag, Frauenfeld 2007

Broschur, 92 Seiten, 16,00 €

ISBN: 978-3-03740-363-1


6. Wilhelm-Busch-Preis 2008

Der Wilhelm-Busch-Preis für satirische und humoristische Versdichtung wird jährlich in Stadthagen, der Heimatregion von Wilhelm Busch, verliehen. Stifter sind die Schaumburger Landschaft, die Schaumburger Nachrichten und die Sparkassenstiftung Schaumburg.

Seit 2006 ist er in zwei Sparten unterteilt: in den eigentlichen Wilhelm-Busch-Preis und in den zusätzlichen Wilhelm-Busch-Förderpreis als Wettbewerbspreis. (Zuvor war er ein reiner Wettbewerbspreis.) Der Hauptpreis ist seit 2006 mit 10.000 Euro dotiert, das Preisgeld für den auch teilbaren Förderpreis beträgt 1.500 Euro.

Das sagt Wikipedia, das – anders als die Homepage des Preises – auch schon den jüngsten Preisträger kennt:

2008 F. W. Bernstein; Förderpreise: Christian Maintz und Christian Mahnke

Vgl. L&Poe 2005 Okt # 57. Den Wilhelm-Busch-Preis; 2006 Sep #109. Wilhelm-Busch-Förderpreis 2006 vergeben. Zum Glück gibt´s noch Morgenstern; 2006Dez #8. Wilhelm-Busch-Preis posthum an Robert Gernhardt verliehen

Bernstein bei L&Poe: F.W.: 2003 Nov # Im titel-Magazin 47 bespricht Klaus Hübner; 2003 Dez # Kein Droste(Wiglaf) ohne Bier(mann), bitte sehr:2004 Jun#30. Der Spaß hat auch seine Meister; 2004 Okt #8. Bernsteins Eigeschrei; 2005Dez #34. 5000 Karikaturen für Frankfurt; 2006 Jan #34. Zum Tode des Zeichners;2006 Feb #85. LESERBRIEF – KOMPLETT DÖSIG. EINE REPLIK; 2006 Feb #93. Büchermarkt; 2006 Jul #30. G&B; 2006 Jul #31. Elche & Molche; 2006 Nov #97. Komisch; 2007 Jan #32. Klassisches; 2007 Jul #59. Hell und schnell; 2008 Mrz #22. F.W. Bernstein 70; 2008 Apr #130. Frühling; 2008 Jun #67. Lyrik.8 bei den Europäischen Wochen Duftende Wortwelten in Passau


5. Frys Lyrikschule

Der 51-jährige Filmstar, Theatermacher und Romancier aus London kennt sich also auch mit der Dichtung aus. Genauer: Er ist bekennender Hobbydichter. Er will mit seinen Gedichten keinen Ruhm erlangen, es mache ihm einfach Freude, zu dichten, sagt er, und man glaubt ihm das sogar.

Vor allem ist er nämlich ein Liebhaber und Kenner der Dichtkunst. Ansprechende Lyrik kann einer nur verfassen, wenn er sich in der Geschichte dieser Kunst auskennt, lautet sein Credo. Fry legt großen Wert auf die Form. Um sie zu brechen, muss man sie kennen, sagt er. Mit diesem wertkonservativen Ansatz dürfte er in unserer experimentiermüden Zeit viel Zustimmung finden.

Gratis gibt es die Form allerdings nicht. Muss ich das alles wissen? fragt der Hobbydichter in uns, der vielleicht nur ein paar Limericks schreiben möchte. Sofern er das Buch nicht längst wieder auf den Büchertisch gelegt (und einen Fehler gemacht) hat, darf er auch das tun, in einer der zwanzig „praktischen Lyrikübungen“. Aber zuerst muss er durch die harte Schule der Metrik. Ganz vorne muss er anfangen, bei den einfachsten Formen der Akzentuierung, aber schon bald wird er wissen, was ein Enjambement ist und was eine pyrrhische Substitution; einen Jambus wird er da schon im Traum erkennen können.

Es ist eine Freude, wie Fry das Heben und Senken und Silbensetzen in unsere Köpfe und auf unsere Zungen bringt und dabei lehrt, auf die Nuancen zu achten. Das Kapitel über die Metrik ist der Glanzpunkt des Buches, es alleine macht das Buch zu einer lohnenden Lektüre nicht nur für Hobbydichter, sondern auch für Schüler, Studenten oder Literaturprofessoren, die – kann ja mal vorkommen – leider gerade nicht präsent haben, was ein Trybrachis oder ein Molossus ist. / MICHAEL ANGELE, SZ 27.12.

STEPHEN FRY: Feigen, die fusseln. Entfessle den Dichter in dir. Aus dem Englischen von Birke Bossmann, Anne Bussmann, Susanne Grübl, Christel Klink, Andreas Mahler, Christina Matthies, Sandra Meder, Jens Müller, Gabriele Schrettle, Birgit Schwan, Karin Sleuser, Christine Voland, Maike Wal. Aufbau Verlag, Berlin 2008. 475 Seiten, 22,95 Euro.


4. XXIV. Nosside Poetry Prize 2008

Daniela Raimondi, Italienerin aus London, gewann den Hauptpreis beim XXIV.Nosside Poetry Prize 2008. Dichter in 29 Sprachen aus 40 Ländern aller Kontinente beteiligten sich am Wettbewerb. Außerdem gab es 4 Gewinner, 10 Besondere Erwähnungen, 20 Ehrenerwähnungen und 37 Erwähnungen. Der Preis will Gedichte aus möglichst vielen Sprachen berücksichtigen – Ureinwohner- und Minderheitensprachen ebenso wie Dialekte eingeschlossen – und allen Kommunikationsformen (Schreiben, Video und Musik) würdigen.

Präsident der Jury war Giuseppe Amoroso (Italien), Mitglieder: Teresa Maria Albano (Montenegro), Mayerin Bello Valdéz (Kuba), Giuseppe Cardello – Musik (Italien), Ana Lourdes de Hériz (Spanien), Janet Lewis (Italien/ UK), Rosamaria Malafarina (Italien), Paolo Minuto – Video (Italien), Patricia Peterle (Brasilien), Angelo Rizzi (Frankreich). David Lecona Rodríguez (Mexiko), Antonio Rossi (Italien). Allgemeiner Sekretär Mariela Johnson Salfrán (Kuba) und Sekretär für Brasilien und portugiesische Sprache: Rosalie Gallo (Brasilien).

Der einzige weltweite Wettbewerb für unveröffentlichte Gedichte entfaltete sich 2008 in 2 Etappen: die „Reise von Reggio Calabria in die Welt“ und die „Reise von Dichtern der Welt nach Reggio Calabria“. Die erste Etappe brachte Veranstaltungen in 13 europäischen Sädten, darunter Havanna, Mexiko City, New York, Moska, Sao Paulo und Brasilia. In der letztgenanten Stadt wurde der Nosside-Preis für ein Lebenswerk an den brasilianischen Dichter Thiago de Mello verliehen, der sich seit langem für das Natur- und Kulturerbe des Amazonasgebietes einsetzt.

Die 4 ersten Preise gingen an: Ada Incudine (Rom), Yogalehrerin; Vera Marcia Paráboli Milanesi, Psychologin (Brasilien); Carlos Urzúa, Universitätsprofessor, Mexiko, und Fredy Romeiro Campo Chicangana, Anthropologe (Kolumbien), der auf Ketschua schreibt, der alten Sprache der Inka-Zivilization.

Die 10 Besonderen Erwähnungen: Rosa María Barrios (Kuba), Carmen Arévalo Chacón (Venezuela), Tatiana Danilyants – Video Poetry (Rußland), Giovanni Favasuli, Africo-Dialekt (Italen), Stanka Gjuric – Video Poetry (Kroatien), Agnes Shun Ling Lam (Hong-Kong-China-Singapur), Giovanni Longo (Italien), Thomas Mussenge – Tshiluba-Sprache (Kongo), Patrick Sammut (Malta), Rosane Zanini (Brasilen / Schweiz). Die Ehrenerwähnungen und Erwähnungen gehen nach Italien (17), Brasilien (10), Kuba (8), Malta (2), Bosnien (2), Ekuador (2) und je 1 nach Rußland, Venezuela, Chile, Serbien, Argentinien, Montenegro, Panama, Australien, Costa Rica, El Salvador, Philippinen, Finnland, Frankreich, Griechenland, Mexiko und Tunesien.


3. Sanfter Autor

Im Leben und in der Literatur ist es schwer, den Augenblick festzuhalten, den Moment der Glückseligkeit, das Jetzt. Die Hoffnung sieht nach vorwärts, die Erinnerung blickt zurück, und die Gegenwart liegt irgendwo dazwischen. Im autobiografischen Rückblick ist sie schwerer einzufangen als im Gedicht, das bleibt, wenn es gelungen ist, für immer gegenwärtig. Und Andreas Okopenko sind Gedichte gelungen, die das schaffen, immer noch sind diese Gedichte zu wenig bekannt – kein Wunder bei diesem sanften Autor, dem das Marktgeschrei so gar nicht liegt. / Bernhard Fetz, Ö1

Hör-Tipp

Ex libris, Sonntag, 4. Jänner 2009, 18:15 Uhr

Buch-Tipp

Andreas Okopenko, „Erinnerung an die Hoffnung. Gesammelte autobiografische Aufsätze“, Klever-Verlag


2. American Life in Poetry: Column 197

I suspect that one thing some people have against reading poems is that they are so often so serious, so devoid of joy, as if we poets spend all our time brooding about mutability and death and never having any fun. Here Cornelius Eady, who lives and teaches in Indiana, offers us a poem of pure pleasure.

A Small Moment

I walk into the bakery next door
To my apartment. They are about
To pull some sort of toast with cheese
From the oven. When I ask:
What’s that smell? I am being
A poet, I am asking

What everyone else in the shop
Wanted to ask, but somehow couldn’t;
I am speaking on behalf of two other
Customers who wanted to buy the
Name of it. I ask the woman
Behind the counter for a percentage
Of her sale. Am I flirting?
Am I happy because the days
Are longer? Here’s what

She does: She takes her time
Choosing the slices. „I am picking
Out the good ones,“ she tells me. It’s
April 14th. Spring, with five to ten
Degrees to go. Some days, I feel my duty;
Some days, I love my work.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 1997 by Cornelius Eady, from his most recent book of poetry, „Hardheaded Weather: New and Selected Poems,“ A Marian Wood Book, Putnam, 2008. Reprinted by permission of Cornelius Eady. Introduction copyright © 2008 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.


1. Ablegen

Das muß man einfach ablegen, dieses Bedürfnis, das verstehen zu wollen. … Mich kann eine einzelne Zeile glücklich machen.

Die österreichische Lyrikerin Sonja Harter. Mehr bei O1



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