Thesen zur sozial-realistischen Lyrik

von Enno Stahl

I

Die westliche Gegenwartsgesellschaft hält sich für restlos geklärt, aber sie ist es nicht. Statt dessen Fragmente: keine soziale oder politische Idee, die einen Zusammenhang herstellte, kein Ethos, keine Aussicht, kein Ziel. Statt dessen wirtschaftliche Stagnation, sozialer Niedergang, Verelendungstendenzen.

II

Die kulturellen Produkte, deren Aufgabe es wäre, Mißstände zu markieren, zivilisatorische Möglichkeiten auszuloten, sie ignorieren diesen ernüchternden Status Quo. Ihre innere Botschaft – so überhaupt vorhanden – wird überzeichnet von ihrem Vermarktungsbegehren, wird übertönt “vom Winseln der Ware um Konsum”. Oder sie haben sich ein eigenes Ghetto zugewiesen, in dem sie gefahr- und folgenlos deuten und bedeuten können, verstiegenen Wendungen und Weisen nachgehend, fernab von gesellschaftlicher Wahrnehmung, außerhalb von Empfinden und Begreifen nicht-expertenhafter Rezipienten.

III

Für kaum eine Disziplin im Rahmen der Künste gilt das so sehr wie für die Lyrik. Sie hat den Kontakt zu den Menschen verloren, die Dichter sind ihr eigenes Publikum. Ein zirkuläres System ist entstanden, das – alimentiert durch Stipendien und Preise – sich selbst zu genügen meint. Doch dieses System steht vor dem Kollaps. Die Lyrik muss sich selber ihre Adressaten suchen: um gesellschaftliche Relevanz zurück zu gewinnen, muss sie in einem neuen Sinne sozial-realistisch werden: über und für die Gemeinschaft handeln.

IV

Eine solche Lyrik muss sich der gesellschaftlichen Lage bewusst werden, muss wirklich hinsehen, muss hinaus gehen in die städtische Wirklichkeit, muss echten und normalen Menschen begegnen, muss die wahren Gedanken und Probleme der arbeitenden oder nicht-arbeitenden Bevölkerung kennen lernen. Am Schreibtisch allein, in der Dichtklause des Künstlerdorfs, lassen sich diese Kenntnisse nicht erarbeiten.

V

Ein neuer Zugang zum Material, zum Schreiben selbst: es geht um eine soziale Topographie, um die Dokumentation waltender, bio-politischer Prozesse, um die Rolle, die Lyrik darin spielt, und um eine weltanschauliche Perspektive: wo stehst du, wenn du sprichst?

VI

Die sozial-realistische Lyrik behandelt das, was unmittelbar gegeben ist – sie sucht nicht neo-klassizistisch die Antike mit dem Auge des Textes, missachtet Pseudo-Mythen, beschäftigt sich nicht vorrangig mit eigenen Befindlichkeiten. Ihr Thema ist der Alltag, Weltlichkeit, das “Zuhandene”.

VII

Die sozial-realistische Lyrik ist daher Gebrauchslyrik: sie betreibt keine überflüssige Verrätselung, sondern bemüht sich um Verständlichkeit. Sie weiß um ihren gesellschaftlichen Standpunkt und bindet diesen mit ein.

VIII

Sie vermittelt soziale Bilder: Symbole und Metaphern aus dem Repertoire der unmittelbaren Anschauung dessen, was jedem von uns bekannt ist, was uns jeden Tag begegnet. Doch die sozial-realistische Lyrik stellt sie in einen neuen Zusammenhang. Sie zeigt Widersprüche auf, weist auf Ungleichheiten hin, die immer noch oder gerade jetzt wieder auftreten – von Politik und Wirtschaft explizit ausgeblendet, von den Medien als beliebig wiederholbare “Armuts-Version” ihres Inhalts beraubt.

IX

Auf diese Weise kann die sozial-realistische Lyrik mittel- und sogar unmittelbar einwirken. Sie kann – langwellig betrachtet – über die “Gestaltung kosmischer Schwingungen” (Deleuze/Guattari, 1000 Plateaus, S. 472), soziale Funktionen ausüben, doch nur dann, wenn sie ein Restpotenzial an subversiver Wahrheit birgt.

Sie kann aber auch direkt durch die Thematisierung sozialer Gehalte agieren, durch die poetische Aufwertung vermeintlich “niederer Gegenstände” (Personen, Orte, Sachverhalte), etwa als “Ghetto-Gesang” jenen eine Stimme leihen, die sonst nie eine haben werden.

X

Nur zu oft ereignet sich die sozial-realistische Lyrik, entsteht bzw. präsentiert sich live: Mündlichkeit, ‘spoken word’, öffentlich vorgetragener Text, sie sucht die Begegnung mit dem Publikum, Kommunikation ohne Barriere. Das verändert ihr Erscheinungsbild, ihre Form: Gedichte mit Songcharakter, ein mitreißendes Element, das den Ort der Poesie verändert, öffentliche Lyrik als soziales Sprechen.

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