Lyrikzeitung & Poetry News

26. Mai 2009

123. Ilana Shmueli aus Czernowitz

Do 28.5. 20:00

Du bist so nah – und wieder nicht

In Lesung und Gespräch Ilana Shmueli Autorin, Jerusalem  Moderation Thomas Sparr Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M.  Einführung André Schmitz Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin

Ilana Shmueli (*1924 Czernowitz), die frühe und späte Freundin Paul Celans, bezeugt durch ihr Werk und ihr Leben eine ganze Epoche europäischer Lyrik. Über die Begegnung mit Celan hat sie ein Buch verfasst: „Sag, daß Jerusalem ist“ (Edition Isele 2000). Im Suhrkamp Verlag erschien 2004 ihr Briefwechsel mit Paul Celan von 1967 bis 1970. Ilana Shmueli schrieb Gedichte „Zwischen dem Jetzt und dem Jetzt“ und das Buch „Ein Kind aus guter Familie. Czernowitz 1924–1944“, aktuell erschienen ist „Zeitläufe – ein Brief“ (alle Rimbaud Verlag). Im Mai wird ihr Werk mit dem Theodor Kramer Preis, vergeben für Schreiben im Widerstand und im Exil, ausgezeichnet. In der Begründung heißt es: „‚Spät und tief‘ sind die Gedichte Ilana Shmuelis auf uns gekommen, wie aus einer anderen Zeit und einem anderen Raum. Ortlosigkeit und Wortlosigkeit, die Erfahrung, unbeheimatet und sprachlos zu sein, ist eine der Wurzeln, aus denen ihre Dichtung hervorwächst. Und dennoch verbinden sich ihre Verse in äußerster Verknappung des Ausdrucks mit einem reichen Strom von Vorstellungen. Es ist eine große Lebendigkeit, die hier von sich zeugt, die gegen Enge, Kälte, Vorurteil anrennt. Shmuelis Dichtung ist ‚Zwischenruf, Einspruch, Widerwort, Aufschrei‘“. Seit 1944 lebt Ilana Shmueli in Israel und hat die Sozialpädagogik des Landes mit aufgebaut.

In Lesung und in einem Gespräch mit Thomas Sparr, Geschäftsführer des Suhrkamp Verlags, lernen wir Ilana Shmueli kennen. Auszüge aus dem Film „Der Klang der Worte – Deutsche Sprache in Jerusalem“ (2008, Regie: Gerhard Schick) machen mit ihrem Leben in Israel vertraut.

 

Eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Suhrkamp Verlag. Mit freundlicher Unterstützung des Goethe-Institutes.

 

Kontakt:

Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstr. 97/Kulturbrauerei
10435 Berlin

mail@literaturwerkstatt.org

 

Verleihung des Theodor-Kramer-Preises, Der Standard / Die Jüdische

11. Mai 2009

81. Pier Paolo Pasolini

Einsortiert unter: Deutschland, Italien, Schweiz — Tags:, , , , , , — lyrikzeitung @ 21:49

Eine verkehrte Geschichte, eine verdrehte Geschichte, eine verstellte Geschichte: Mehr als drei Jahrzehnte nach dem grausamen und bis heute nicht restlos aufgeklärten Tod des Poeten im Schmutz der vor den Toren Roms gelegenen Hafenstadt Ostia ist sein Name noch immer gegenwärtig. Nicht aber mehr sind es jedoch seine Dichtungen, obwohl sie zum Schönsten gehören, was das vorige Jahrhundert an lyrischer Poesie hervorgebracht hat: „E quale forza nel voler mutare / il mondo – questo mondo perduto / in malinconie, in allegrie pasquali…“ („Welche Kraft liegt im Wunsche, / die Welt zu verwandeln, zu erlösen / aus Schwermut zu österlichen Freuden . . . „).

Man stelle sich einmal vor, von Dante Alighieri sei nur noch das Prosawerk greifbar – und auch dieses nur unvollständig -, nicht aber mehr das große Versepos der „Divina Commedia“ und die Lyrik. Im sonst so italienfreudigen Deutschland ist eben dies die desolate Editionslage des Werks von Pier Paolo Pasolini (1922-1975). Hier ist trotz früherer Ausgaben und vorhandener Übersetzungen seit Jahren keine einzige Auswahl oder Sammlung seiner Gedichte im Buchhandel mehr lieferbar, was eine Schande ist, die man gar nicht genug beklagen kann.

Aber auch Italien scheint mit „il poeta Pasolini“, wie die Trauerrede des Freundes und Kollegen Alberto Moravia gewiss nicht nur der Alliteration wegen prononcierte – damals, als Tausende von Menschen dem Sarg mit dem von brutaler Gewalt bis zur Unkenntlichkeit entstellten Leichnam durch die verstopften Straßen der römischen Altstadt folgten -, eine ganze Tradition zu Grabe getragen zu haben: Seit den Tagen Dantes galt ihr der Dichter als eine persona publica, die auf gleicher Augenhöhe mit den Mächtigen an einer öffentlichen politischen Kultur teilhat.

Diese liquidiert und durch die telekratische Seifenoper ersetzt zu haben, ist das Resultat der Ära Berlusconi, die einschneidender und irreversibler noch als die faschistische Ära ist, welche mit Mussolinis Abtritt so rasch zerplatzte, als habe es sie nie gegeben. / VOLKER BREIDECKER, SZ 11.5.

Pier Paolo Pasolini „Wer ich bin“. Bis zum 1. Juni im Museum Strauhof, Zürich, Augustinergasse 9; www.strauhof.ch. Anschließend (14.6.- 6.9.) im Centre Dürrenmatt Neuchâtel; danach (17. 9. – 22.11.) im Literaturhaus und Käthe-Kollwitz-Museum Berlin

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