Schlagwort: Lyrikzeitung

Er hat es nötig

Mit ihm ging ich, weil er schrieb:
»Sehen wir uns wieder, will
ich gern wieder in die Lehre gehn.«
Er hat es nötig.

Der gedichteproduzierenden Industrie

Thomas Glatz Riechen Sie es auch?Riechen Sie es auch?Jedes GedichtVerströmt einen Ihm eigenenCharakteristischenGeruchDieses hier Riecht nach Vanille und Essig.Nein, ich rieche nichts.Ich glaube da nicht so recht dran.Das ist doch nur eine weitere Lüge Der gedichteproduzierenden Industrie! Aus: Am Erker. Zeitschrift für Literatur Nr.… Continue Reading „Der gedichteproduzierenden Industrie“

Schwarze Sonne

Und Mägde rannten barfuß in die Wälder
und Knechte ritten fort auf alten Gäulen –
der Bauer weinte wild: ach Hahn, mein Hähnchen!

Süß

Wenn du bei mir liegst, mußt du leise sagen:
»Rühr meine Schulter an, die Hüfte und das Knie.«
Ich würde sonst so Süßes niemals wagen.

Bei Neumond

Bei Neumond
kam ich auf’s Dach
mit dem Spiegel und Kräutern und einem Achat.
Eine kalte Sichel passierte den Himmel
sperrte den Flug der Taube.

Rilke 150

Der König ist sechzehn Jahre alt.
Sechzehn Jahre und schon der Staat.
Er schaut, wie aus einem Hinterhalt,
vorbei an den Greisen vom Rat

Brief

was uns angeht, hier, da wir noch leben, bleibt alles wie’s ist
wir gehen dahin und atmen den allen gemeinsamen Hauch,
ausgedünnt dieses alltägliche Leid

Anne Dorn (1925-2017)

Alle Maschinen schrumpfen zum Standby.
Abbruch des projektierten Lebens. Wohltat
der alten Fragen, die von innen strahlen.

May Song

May you be happy eternally,
As long as you love me.

Ihr dummen Kerle

Ihr dummen Kerle, die ihr Frauen
grundlos anklagt, ohne zu sehen,
dass ihr selbst die Ursache seid
für das, was ihr ihnen unterstellt

Luftzug von tausend Jahren

»Und die einen Völker gingen nach Norden
andere aber – nach Süden.
Und ihre Wege trennten sich für tausend Jahre
aber nur die vorwärts gingen
hinterließen Städte und Dörfer
Gräberfelder und zerschlagenes Geschirr
und die zu spät kamen –
sammelten hinter jenen die Stille auf«

es muss ein Wolf gewesen sein

es muss ein Wolf gewesen sein
sonst wär sie ja nicht querfeldein
zurück in ihre nackte Sicherheit
und hätte sich nicht so in Richtung Mond gesträubt

spielte wie teufel im zwielicht

Taube
gedanken,im blutstrom pochend, verpassen da
wie schrecklich träge sprache ist

wer entlässt die angst

wohin gehen die alten ideen
wenn niemand mehr sie denkt?
wer entläßt die angst
ihrer blinden verbote
wer schließt ihre geschlossenen
augen ein für allemal?

Du im Gehorchen und Befehlen schwach

Mit vierzig Jahren wardst du eingezogen
Zum Kriegsdienst noch. Man schrieb mit blauem Stift
Dir auf die nackte Brust, schwach eingebogen,
Wie einem Hammel, den das Schlachtlos trifft,
Roh eine Nummer auf, ’s ist nicht gelogen.
Ich löschte mühsam später erst die Schrift
Von meiner Haut, eh ich mit Pappkarton
Nach Vorschrift dir gefolgt zur Garnison.