Kleines Glossar des Verschwindens

In der NZZ-Reihe Kleines Glossar des Verschwindens schreibt Thomas Kling über die Totenrede. / NZZ 2.2.02

Die tägliche Buchung

„Als ginge es um eine Wette, / wie lange man noch vorhanden“ – mit diesen Worten beschrieb Karl Krolow, was ihm gegen Ende seines Lebens geschah: Bis kurz vor seinem Tod am 21. Juni 1999 schrieb er oft mehrere Gedichte an einem Tag, über 700 in drei Jahren, 150 Gedichte allein in den letzten zwei Lebensmonaten. Die „tägliche Buchung“, wie er dieses Schreiben nannte, war ihm lebensnotwendig in einem ganz elementaren Sinn: es galt, sich der eigenen Existenz zu vergewissern und dem Tod – von Wort zu Wort und von Zeile zu Zeile – zu widerstehen. (Klappentext) – In der Süddeutschen vom 2.2.02 bespricht Hilmar Klute den Band:

Karl Krolow: „Die Handvoll Sand.“. Gedichte aus dem Nachlass
Insel Verlag, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3458192239
Gebunden, 71 Seiten, 11,80 EUR

Langston Hughes

In celebration of his centennial, NPR features a reading by the poet. Hughes reads his poem „I too am America“ (Audio from Weekend All Things Considered .) February 2002

Kleiner Dienst am grossen Mann

Unter dieser sprechenden Überschrift bespricht Christiane Zintzen „Fragwürdige Publikationen nach dem Tode Ernst Jandls“ / NZZ 31.1.02

Maconas

“ Die Gazette “ v. 31.1.02 veröffentlicht das Gedicht „Maconas“ von Gerburg Garmann mit Autorkommentar:

Die Maconas waren ein Teil der Inkakultur. Als erwählte „heilige“ Frauen lebten sie auf dem Machu Pichu nahe dem Sonnentempel. Ihre Aufgaben umfaßten das Weben von Gewändern, generell die Zubereitung von Mahlzeiten und das Brauen eines bestimmten alkoholischen Getränkes (chica) für die Priesterschaft und den Inka-Adel.

Fouad el-Auwad

Die NZZ druckt ein Gedicht von Fouad el-Auwad – wie immer – online! – ohne Verseinteilung, falls es denn welche hat. Aber wer das wissen will, muß die Zeitung kaufen. (Wer die sogenannte Druckerausgabe benutzt, dem wird gar der Autor vorenthalten). Der Autor stammt aus Syrien und lebt seit 15 Jahren in Aachen. / NZZ 30.1.02

Hölderlin-Sammlung erhält wertvolle Handschrift

Stuttgart. DPA/ BaZ . Die weltgrösste Sammlung von Handschriften Friedrich Hölderlins (1770-1843) in Stuttgart ist um eine Attraktion reicher.
Ein amerikanischer Privatbesitzer hat der Württembergischen Landbibliothek die vollständige 17-seitige Niederschrift des Hölderlin-Hymnus “ Der Archipelagus “ aus dem Jahr 1800 geschenkt, wie die Bibliothek mitteilte.
Das Gedicht umfasst 296 Verse und wurde zuerst 1804 in den „Vierteljährlichen Unterhaltungen“ veröffentlicht.

Equations in poetry and science

Equations are the cornerstone on which the edifice of science rests. Yet, argues Graham Farmelo, they can be as exquisite as the finest poetry.

Saturday January 26, 2002
The Guardian

During a radio interview given by Philip Larkin in May 1974 to promote his High Windows collection, he pointed out that a good poem is like an onion. On the outside, both are pleasingly smooth and intriguing, and they become more and more so as their successive layers of meaning are revealed. His aim was to write the perfect onion.

The poetry of science is in some sense embodied in its great equations, and these equations can also be peeled. But their layers represent their attributes and consequences, not their meanings.

This is an edited extract from Graham Farmelo’s introduction to the collection of essays, It Must Be Beautiful: Great Equations Of Modern Science (published next month by Granta, Ł20).

Bashô

In der Netzeitung v. 26.1.02 schreibt Oliver Fueglister über drei Haikus von Bashô, darunter diesen:

Der Frühling scheidet:
Die Vögel weinen – selbst den Fischen
Kommen die Tränen.

Das Lavanttal ist ein Apfeltal

Auf Streuobstwiesen wachsen krüppelig, grazil oder mächtig himmelgreifend museale Baumindividuen, die es sonst kaum noch gibt. Sie tragen den gelbfleischigen Lavanttaler Bananenapfel, den Kronprinz Rudolf und den bräunlichen Lederapfel, die innen rötliche Ilzer Rose und die Schafsnase wie den Ponapfel, beides Winteräpfel, die gut bis ins späte Frühjahr halten. …
Und hier in diesem Tal spielt die vielleicht merkwürdigste Geschichte der modernen deutschsprachigen Literatur.

Trink mit mir von allen Freudenarten!
Weh- und Wermut wachsen jetzt von selber
auch der Apfel wird schon immer gelber,
wenn er reif ist, steht der Tod im Garten.

Oh, wir werden sie verzückt verzehren,
Tod und Apfel und die schwarzen Kerne –
doch das Feuer unsrer Hungersterne
wird das Erdblut töten und vermehren.

/ Angelika Overath schreibt in der NZZ vom 26.1.02 über „Die merkwürdige Geschichte der Dichterin Christine Lavant“.

Christine Lavant: Herz auf dem Sprung. Die Briefe an Ingeborg Teuffenbach. Im Auftrag des Brenner-Archivs (Innsbruck) herausgegeben und mit Erläuterungen und einem Nachwort versehen von Annette Steinsiek. Otto-Müller-Verlag, Salzburg 1997. 212 S., Fr. 32.80.
Christine Lavant: Das Wechselbälgchen. Erzählung. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Annette Steinsiek und Ursula A. Schneider. Otto-Müller-Verlag, Salzburg 1998. 124 S., Fr. 27.50.
Christine Lavant: Das Kind. Erzählung. Hrsg. nach der Handschrift im Robert-Musil-Institut und mit einem editorischen Bericht versehen von Annette Steinsiek und Ursula A. Schneider. Mit einem Nachwort von Christine Wigotschnig. Otto-Müller-Verlag, Salzburg 2000. 104 S., Fr. 23.50.
Christine Lavant: Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Annette Steinsiek und Ursula A. Schneider. Otto-Müller-Verlag, Salzburg 2001. 160 S., Fr. 27.50.

Sonette an den Orkus

Steht am Ende nun die Synthese von Dasein und Ich? Orpheus verliert Eurydike für immer, weil er nicht den Willen hat, dem Herrscher der Unterwelt wie auch Eurydike selbst zu vertrauen. Dabei braucht es etwas Vertrauen ins Dasein, um mit diesem zu verschmelzen. In Ehrenspergers Orkus besteht jedoch die Gefahr des misstrauischen Rückzugs: «Da fragte ich den Mond, / was für ein Instrument er denn am / liebsten spielen wolle. // […] ‹Am liebsten spiel ich Xylophon, / weil es mit seinem Ton zu meinem / Schein nicht stört und man ihn auf // der Erde gar nicht hört.›» Zu verlockend ist es für die empfindliche Seele, sich in ihre Nische zurückzuziehen, um dem Schmerzgesang zu frönen. Oder gibt es nur den Schmerz? / Landbote 26.1.02

Serge Ehrensperger: Sonette an den Orkus, 168 Gedichte zur Zeitenwende. Nachwort von Michel Raus. Lyrikedition 2000, München 2001, 224 Seiten, Fr. 29.–.

Langston Hughes 100

Wie im Gedicht «I, too» (1925) schimmert im Aufsatz ein Slogan der Bürgerrechtsbewegung durch: «We know we are beautiful.» «And ugly, too» – diese anschliessenden Worte exemplifizieren weitere Charakteristika des Stils von Hughes: Oft relativiert er das Gesagte, oft überrascht er mit seinen kritischen Aussagen über Schwarze, oft enden die Kreationen mit einer Pointe. In dem Essay nennt Hughes das für diese neue schwarzamerikanische Literatur gewünschte und verwendete Personal (einfache Leute im urbanen Norden), obendrein zentrale Inspirationsquellen (mündliche Traditionen, so Spirituals). …
Dem radikalsten Hughes begegnet man in «Good Morning Revolution» und in «Goodbye Christ» (beide 1932). In Letzterem heisst es: «Listen, Christ, / You did alright in your day, I reckon – / But that day’s gone now. (. . .) The world is mine from now on – »./ Thomas Leuchtenmüller, NZZ 26.1.02

Norman Elrod (Hrsg.): Langston Hughes, 1902-1967. Ein amerikanischer Dichter, der den Dornenweg der Politik ging. Lyrik in englischer Sprache und in deutscher Nachdichtung. Althea-Verlag, Zürich 2002. 858 S., Fr. 46.50.

Chamisso-Preis für persischen Autor Said

München (red). Die Liebe und das Exil sind das Grundmotiv, um das seine Texte – Lyrik wie Prosa – kreisen. Jetzt erhält der in Teheran geborene Autor Said den Adalbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung. Die mit 15000 Euro dotierte Auszeichnung wird an Schriftsteller nichtdeutscher Sprachherkunft vergeben. Der Preis wird am 21. Februar 2002 in der Münchner Residenz verliehen. / Saarbrücker Zeitung 25.1.02

Gedichte von Joachim Sartorius

Andere Gedichte sind weit hermetischer. «Aus dem Glossar der Prostitution in Algier» etwa spult einen vielzüngigen Kanon von Namen, Imperativen oder, wer weiss: Stellungen, Produktbezeichnungen, Flüchen ab, der die harte Kunstwelt nordafrikanischer Bordelle suggeriert, käuflich offen und letztlich geschlossen wie der Raum des Gedichts. Es beginnt:

Aufrecht im Arian Bandmaster und Begum couill‘-à-cul estoc fado klaren, klagenden Kopfes fissa fissa kouça Locken aus falschem Jet

[Achtung: Gedichte in der NZZ Online verlieren irgendwie die Zeileneinteilung!] / Angelika Overath, NZZ 24.1.02

Joachim Sartorius: In den ägyptischen Filmen. Gedichte. Mit einem Nachwort von Cees Nooteboom. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2001. 105 S., Fr. 12.20.

Master from Deutschland

But which poets happen to translate well is unpredictable. Paul Celan , a German-speaking Romanian Jew, was long thought untranslatable, his deeply hermetic poetry depending on nuance, ambiguity and verbal duplicity. But Celan, who died in 1970, wrote one of the most famous of post-war poems, “Deathfugue”, a haunting incantation about the Holocaust:

black milk of daybreak we drink it at evening
we drink it at midday and morning we drink it at night
we drink and we drink
we shovel a grave in the air where you won’t lie too cramped

“Death”, he concludes, with German fugues in mind, “is a Master from Deutschland.” The quotation comes from a new translation by Celan’s distinguished biographer, John Felstiner. It is at least the fourth that this reviewer has read and, though not the best of them, it comes across as powerfully as any. Mr Felstiner’s ear is a shade less subtle than his rival Michael Hamburger ’s, but several of his readings are newly illuminating. “Selected Poems and Prose of Paul Celan” is the largest selection yet published and, along with the famous pieces, includes some essays, lectures and early poems. Despite his elusiveness, Celan seems to inspire English translators, so that he, like the much more accessible Czeslaw Milosz , must now be seen as a classic of world literature. /Über neue Übersetzungen von Czeslaw Milosz, Joseph Brodsky und Paul Celan ins Englische schreibt ein (online) Ungenannter in The economist , 24.1.02