Rat des toten Dichters

Ernst Schumacher beschäftigt sich in der Berliner Zeitung (u.a.) mit Edmund Stoibers 1998er Brechtrede in Augsburg und schließt:

    An dieser Stelle höre ich wieder einmal Brecht , wie er mit seiner meckrigen Stimme auf „datschiburgerisch“ aus seinem Stahlsarg auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof uns Nachgeborenen und noch Lebenden zuruft: „Ja, ihr miaßet tatsächli mea vo vorne anfange, aber des soll eich it entmutige!“ („Ja, ihr müsst tatsächlich wieder von vorne anfangen, aber das soll euch nicht entmutigen!“) / BZ 4.1.02

Club der lebendigen Dichter

Willkommen zum großen Gedichtwettbewerb 2002. Wir freuen uns, wenn Sie sich mit Ihrem Gedichte-Beitrag beteiligen. Wie in den Vorjahren winken tolle Preise und eine kostenlose schriftliche Bewertung Ihres Beitrages durch unsere Jury!
Willkommen im Club der lebendigen Dichter!

Wer darf mitmachen?

Jeder, der ein selbst verfaßtes Gedicht in deutscher Sprache einsendet, nimmt am Gedichtwettbewerb 2002 der teil. Der Wettbewerb ist also wieder für jedermann offen, die Teilnahme ist kostenlos. Aufgefordert mitzumachen sind insbesondere auch solche Autoren, die bisher noch nie veröffentlicht wurden.

Thema, Form und Stil des Gedichtes

Thema, Form und Stil des Gedichtes können vom Teilnehmer frei bestimmt werden.

Die Preise

Wie in den Vorjahren werden erneut 6.000 EURO als Geld- und Sachpreise zur Verfügung gestellt. Der erste Preis ist mit 500 EURO dotiert, der zweite Preis mit 300 EURO, der dritte Preis mit 200 EURO. Weitere 200 Preisträger erhalten attraktive Sachpreise.

Einsendeschluss ist der 30. April 2002

Pablo Antonio Cuadra

Der nicaraguanische Schriftsteller Pablo Antonio Cuadra ist am Mittwoch im Alter von 89 Jahren in Managua gestorben. Cuadra hatte sich nicht nur als Romancier, Dichter und Journalist einen Namen gemacht. (sda)
MANAGUA. Er mischte sich auch immer wieder in die wechselvolle Politik seines Heimatlandes ein. In jungen Jahren gründete er die so genannte Bewegung der Avantgarde in Zentralamerika. Im Lauf der Jahre machte er sich mit Werken wie «Poemas nicaraguenses» (Nicaraguanische Gedichte), «El jaguar y la luna» (1959, Der Jaguar und der Mond) und «Cantos de Cifar» (1971) einen Namen. Als Mitglied der nicaraguanischen Akademie der Sprache wurde er mehrfach für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Der Landbote 4.1.02
Nachruf auch FAZ 5.1.02

Vitorino Nemésio

Vitorino Nemésio hatte schon zu Lebzeiten viele Leser, inzwischen werden es immer mehr. Anlässlich seines 100. Geburtstages am 19. Dezember 2001 zeigt die Lissabonner Nationalbibliothek bis März 2002 eine kleine, sehr feine Ausstellung über den portugiesischen Schriftsteller, Journalisten und Akademiker, der eigentlich ein Insulaner war. Denn geboren wurde er in Vila da Praia da Vitória auf der Azoren-Insel Terceira, umgeben von Einsamkeit und Meer. Und das nimmt man mit sich in die ganze Welt.

Nemesio schrieb: über 9000 Briefe, Tagebücher aus einem Zeitraum von 50 Jahren, 13 Bände Lyrik, fünf Bände Romane und Erzählungen, 17 Bände Geschichte, Kritik und Reiseberichte.

Süddeutsche 3.1.02

Andrew Waterhouse

Zum Freitod des britischen Lyrikers Andrew Waterhouse schreibt der Guardian:
Early in Andrew Waterhouse’s collection is a poem of striking prescience: „This is a forest./Here is a car/in the forest./That is a person/in the car/in the forest./This is a quiet forest.“ Inevitability is a concept to conjure with. But it is essential not to romanticise, says Linda France. „Andrew was there to show us how to live, not how to die.“

The Illustrated Calf

The vellum pages of old manuscripts will take on the curves of their original shape over time.
An Introduction to Book Restoration
J. Makepeace

After various centuries the Book’s pages
finally bent and realigned, escaped
their tight gatherings and the library,
stood upright once more, four legged, wet nosed.
The covers sat in place on the animal’s back,
like a saddle or stunted wings. Some words
became clearer: on its tongue caelorum ,
along the tail beau quisant . Fine initials
followed the lines of the ribs, in the fur
grew spirals and knots between the eyes
a cross flamed. Of all the evangelists,
poor Mark came off worst, being far too close
to the arse for comfort. Now, Luke’s healing hand
settles over the calf’s heart and it shivers
in the rain, takes a second first breath,
kicks out, begins to gallop across the grass.

The Guardian 3.1.02

Kerstin Hensels Liebesgedichte

Was ich hier aus Versen herauslese und in Prosa zu übersetzen versuche, enthält etwas Ungewöhnliches, ja Einmaliges in der Liebeslyrik. Ich muss hinzufügen: der von Frauen. Denn männliche Liebeslyrik handelt – im allgemeinen, falls ich Ausnahmen nicht kenne – nicht von Genossenschaft, von Egalität, sondern, sofern sie nicht auf Leibliches beschränkt ist, vom Aufblick der Geliebten. Das Ungewöhnliche hier aber ist das Fehlen einer Klage. Damit enthalten die Gedichte eine Trauer, die so, wie sie hier erscheint, neu ist in Kerstin Hensels Lyrik. Ihr Wort ist Einsamkeit – einmal »ein feiges Tier«, ein andermal »ihr süßes Kommen«. Manchmal ist es nicht mehr zu ertragen: »Manchmal mit zerkauter Zunge / Spuck ich dir die Hohen Lieder / Vor die Füße…«. Gilt der sächsische »komische Blick« auch dann noch, wenn »Die Ersten« bereits aus dem Leben gehn? Ein Hauch Ironie, als hätten sie es so gewollt, die doch einst zum Kreis der weltverändernden Freunde gehörten, scheint wie eine Art Selbstschutz. Am Ende: »Es ist alles besprochen / Und der Tod sagt zu mir: Nimm dir Zeit. / Ich geh / Schon mal vor.« / Ursula Püschel, Neues Deutschland 3.1.02

    Kerstin Hensel: Bahnhof verstehen. Gedichte 1995–2000. Luchterhand. 115 Seiten, Broschur, 8,50 Euro.

Zum Tod von Ian Hamilton

Die englischen Lyriker verfehlen liebend gern ihren Beruf. Andrew Motion , der gerade als Hofpoet waltet, wäre viel lieber Bob Dylan geworden. Seinen Vorgänger Ted Hughes trieb es zur Jagd. In Feld, Wald und auf den Fluren stellte er dem Wild nach oder doch wenigstens den Frauen. Ian Hamilton wäre am liebsten Fußballer geworden, aber sie haben ihn schon in der Schule nie mitspielen lassen.
Er rächte sich, wurde einer der bösartigsten Kritiker und schrieb eine hymnische Monografie über Paul Gascoigne. Im Hauptberuf aber verfehlte er weiter seine Berufung, arbeitete also beim Times Literary Supplement und gründete eigene Literaturzeitschriften. / Süddeutsche Ztg 3.1.02

Literaten am Lenkrad

sks. «Hei, wie wir fliegen! Immer den Tod entlang . . . / Wie wir ihn höhnen und verspotten, der uns am Leben sitzt! / Der uns die Gräben legt und alle Strassen krümmt – ha, wir verlachen ihn! / Und die Wege, die überwundenen, vergehen vor uns», dichtete in der Manier expressionistischer Todesversuchung der rasende Poet Alfred Lichtenstein im Jahre 1911. Auf der Spur der Beschleunigung ist das Automobil in den poetischen Raum gefahren. / NZZ 3.1.02

327 km/h oder Ach, wer doch ewig Auto fahren könnte. 50 exemplarische Gedichte. Mit einem Nachwort von Anton Hunger, Illustrationen von Johannes Vennekamp, hrsg. von Horst Brandstätter und Peter Salomon. Verlag Klaus G. Renner, München 2001. 120 S., 50 Abb., Fr. 70.-.

Unter dem Licht der Zeit

Stefan Weidner rezensiert den poetischen Briefwechsel zweier (dreier?) Dichter/ FAZ 2.1.02

Adonis / Analis, Dimitri

“ Unter dem Licht der Zeit. Briefwechsel “ Deutsch von Peter Handke
Jung und Jung Verlag, Salzburg 2001, ISBN 3902144130
Gebunden, 85 Seiten, 20,40 EUR

Wanderungen durch Schwaben

„Das freundliche Haus, das an den Österberg angelehnt, gegen die Neckarbrücke herabschaut, ist Ludwig Uhlands Haus; weiter unten, in einem von den Wellen bespülten Turme, träumt seit 33 Jahren Friedrich Hölderlin und brütet über seinem verstummten Saitenspiel.“ So schaut Gustav Schwab im Kapitel über die Stadt Tübingen auf seine Zeit. / Gustav Schwabs „Wanderungen durch Schwaben“, Berliner Zeitung 2.1.02

Middle-aged male poets

Haxton ’s new collection, “Nakedness, Death, and the Number Zero,“ does contain several powerful pieces, primary among them some notably solid love odes. But taken as a whole, this is a disappointing collection. Although Haxton weaves together wildly disparate structures and voices — high lyrical and low cynical, overstuffed short story and spare ode to the moon — the book ends by seeming scattershot rather than wide-ranging, lacking an authoritative charisma that would make the poems memorable rather than merely smart. (incl. first chapter)

/ NYT 30.12.01*)

Mahmoud Darwish: Poet for professors & taxi drivers

„Many people in the Arab world feel their language is in crisis,“ the Syrian poetry critic Subhi Hadidi said.
„And it is no exaggeration to say that Mahmoud is considered a savior of the Arab language.“
A Darwish reading in Cairo or Damascus draws thousands of people, from college professors to taxi drivers. …
In November he won the Lannan Foundation Prize for Cultural Freedom, which carries a $350,000 award. „Darwish’s poems are searing, precise and beautiful,“ said Janet Vorhees, the foundation’s executive director for programs. „He has been a voice for people who would not otherwise be heard.“

/ NYT 22.12.01*)

Paulus Böhmer nicht mehr Geschäftsführer des Frankfurter Literaturbüros

Sein Nachfolger ist Werner Söllner, der schon seit etlichen Jahren mit der Institution als freier Mitarbeiter verbunden und vertraut ist; Böhmer wird dafür in den Status eines freien Mitarbeiters wechseln…
Wer mit dem Schreiben so intensiv befasst ist, kann es auf Dauer nicht in den Freizeitbereich verweisen; dass mit diesem Zwang nun Schluss ist, ist für Böhmer der eigentliche Fortschritt beim Statuswechsel. Lange Gedichte verbrauchen große Autoren-Energie. Sorgfältiges Durcharbeiten der eigenen Texte benötigt die beste Zeit des Tages, die Organisation von Sprache auch nach klanglichen Gesichtspunkten ein waches inneres Ohr, in dem nicht ständig das letzte Telefongespräch nachklingt. Und demnächst wird das große Kaddish, work in progress der vergangenen Jahre, im Schöffling-Verlag erscheinen.


Der Literaturbote Nr. 64 widmet sich den Autoren Ror Wolf und Paulus Böhmer. Zu beziehen im Hessischen Literaturbüro, Tel. 069 / 40 58 95 23, Fax 40 58 95 62, email: Literaturbuero.Frankfurt@onlinehome.de./ Frankfurter Rundschau 2.1.02

And no one thinks this odd or wrong

British poetry is currently in a rich, interesting state. The one thing wrong with it is that it is not being read. Or not by the people you would think are its natural audience: the culture-minded middle classes. Most people who „did English“ at college, or go to plays and Vermeer exhibitions, do not open a book of modern poems from one year to the next. You would think that enjoying contemporary poetry is part of a full cultural life. Increasingly, since the 1960s, it hasn’t been. The media, who use „poetry“ as a metaphor for anything from Tiger Woods‘ swing to a retro sofa-leg, tend to assume it is difficult, elitist, or „irrelevant.“ Books editors do not need to know anything much about it except big names, and no one thinks this odd or wrong.

Außerdem erfahren wir in diesem Artikel (anläßlich der Verleihung des Eliot-Preises am 20. Januar durch die Witwe des Dichters (?!), daß dieser Preis noch nie an eine Frau ging und daß die englischen Dichter in eine Pound- und eine Eliot-Linie zerfallen:

If you put the books shortlisted for the 2001 Eliot prize into teams, you would find more on the Eliot side (with Bunting as back-up) than the Pound side. You might describe the Eliot group as rationally comprehensible, politically-underpinned lyric, focusing on landscape and society. . / Ruth Padel: Death of the reader, Prospect 1.1.02

Günter Kunert über Probleme mit Gedichten in Schnell-Lesezeiten

Wahrlich, ich lebe in Zeiten, da die Dichter wenig gelten. Vorbei die gute alte schlechte Zeit, während welcher man noch einander Gedichte vorlas, von ihren Worten bewegt oder erregt, zumindest im Einklang, in seelischer Übereinstimmung mit den Sprachgebilden. Und ganz unauffällig fand bei derlei gemeinsamen Unterhaltsamkeiten auch etwas statt, dass man mit einem trockenen Begriff „Belehrung“ nennen könnte. Nämlich Belehrung über das wundersame Wesen der Sprache.
Zeilen prägten sich dann einem ein. Verse blieben im Gedächtnis, Intonation und Rhythmus weckten die Aufmerksamkeit für Genauigkeit. In einem weitaus umfassenderen und auch strengerem Maße forderte die Dichtung, die Lyrik, etwas vom Leser oder Zuhörer, was ihm oft die Prosa nicht abverlangte. Nämlich sich um Verständnis für verbale Bilder zu bemühen und ihre Hintergründigkeit, manchmal auch ihre Rätsel zu ergründen.
Ich weiß, der heutige, auf Hurtigkeit gestrimmte Leser besitzt nicht mehr, was früher kostenlos vorhanden war, und zwar die Muße, um sich mit einem sprachlichen Kunstwerk zu befassen. Alles soll sofort kapiert werden, leicht verstanden, flüchtig aufgenommen, rasch vergessen.
(Laudatio auf Heinz Czechowski , Nordwest- Zeitung 26.11.01) – Aber woher weiß er das, übrigens? …