Was rauchte ich Schwaden zum Mond

Das spielerische Element in Koneffkes Lyrik, ihr poetischer Übermut, zeigen sich nicht nur thematisch, sondern auch in der Lust an der Form, an Reimen und gewagten Halbreimen, am furiosen Galopp durch Rhythmus und Klang, am freudigen Einbringen von Wörtern wie Schwuppdiwupp und Papperlapapp, oder, wie Koneffke in „Happy End“ fragt: „was nutzt das sein Pensum abpesen / hopp foppt uns ein Mop und macht Mobbing / und putzt einen putzmunter weg“. Den Eindruck, Koneffke treibe es in manchen Passagen nicht nur auf die Spitze, sondern weit darüber hinaus, wiegt die pure Freude an seinen sprachlichen Kapriolen auf. / FR 6.3.02

Jan Koneffke: „Was rauchte ich Schwaden zum Mond“. Gedichte. DuMont Buchverlag, Köln 2001, 87 Seiten, 19,80 .

Die kurze Geschichte der dt. Literatur

Martin Mosebach widerspricht heftig einer Rezension von Heinz Schlaffers Buch „Die kurze Geschichte der dt. Literatur“ (s. hier ):

Die Bedeutung dieser Werke ist Schlaffer nicht bekannt: herablassend schreibt er von „den Stifters und Mörikes und Eichendorffs “ – allein dieser Plural sollte ein gerichtliches Nachspiel haben. / Süddt. Ztg 5.3.02

Enzensbergers Polemik

Außerdem erfahren wir in der Süddeutschen, daß Hans Magnus Enzensberger den Zorn der norwegischen Journalisten auf sich gezogen hat, indem er sie als provinziell beschimpfte:

„Leider scheint keiner verstanden zu haben“, schreibt „Aftenposten“ („Die Abendpost“) über seinen Auftritt, „dass dieser Mann nur in einem Land eine Rolle spielen kann, dessen Journalismus so schlecht wie der norwegische ist. In einem großen Land wäre er bloß ein Blatt im Wind gewesen, in Afghanistan hätte er sich zu einem Medizinmann auf dem Dorf aufgeschwungen und seine Kunstwerke aus Sand errichten müssen.“/ Süddt. Ztg 5.3.02

Am 7.3.02 druckt die FAZ Enzensbergers Polemik.

Inszenierung von Schrotts Gilgamesh

Gerhard Stadelmaier bespricht die Wiener Inszenierung von Schrotts Gilgamesh:

Nun hat der sehr prätentiöse Schriftsteller Raoul Schrott , Jahrgang 1964, ein gelehrter Poesienerforscher und poeta doctus, aber doch wohl mehr doctus als poeta, die ältere babylonische Fassung mit der Unterweltsreise des Gilgamesh verschnitten und in ein altertümelnd flottes Neudeutsch übersetzt, das dem Epos den Prunkmantel der Gefälligkeit („Enlil schluckte seinen Stolz“, „Was mich betrifft, kann ich schwören“, „Doch kaum hatte er sich auf seinen Hintern gehockt“) mit derartigen Knüffen und Püffen und Nähten so maßschneiderartig umhängt, daß gar nicht groß auffällt, wie sehr die Nachdichtung des Postpoeten Schrott doch oft nur von der Stange kommt. / FAZ 5.3.02
Siehe auch NZZ 5.3.02 (Paul Jandl) / FR 5.3.02 / Die Zeit 11/2002

Gedicht mit Auto

Neben einer Rede von Iso Camartin (über Gott als das Urautomobil) gibt es in der NZZ vom 4.3.02 ein Gedicht mit Auto von Lioba Happe.

Celan

In der FAZ vom 4.3.02 bespricht Ernst Osterkamp u.a.:

Celan , Paul / Einhorn, Erich : „Einhorn: du weißt um die Steine …“ Briefwechsel
Friedenauer Presse, Berlin, 2001, Taschenbuch, 32 Seiten, 9.20 EUR

Celan, Paul : Werke, Band 6, Die Niemandsrose, 2 Teile. Historisch-kritische Ausgabe
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2001, Gebunden, 416 Seiten, 82.00 EUR

Das Recht des Schwans

vom Friederikenhof leitete sich aus der Einsicht ab, dass es mehr schlechte als gute Verse gab und auch andere Poeten das Dichten deswegen nicht aufgaben. Die Leute genossen Kempnersche Verse, oder sie verdammten sie – gleichviel: «Pilz des Glücks ist dieser eine, / Jener Stiefpilz des Geschicks, / Einem sind als O die Beine, / Andern wuchsen sie als X.» / Jost Nolte in der Berliner Morgenpost über Friederike Kempner (4.3.02)

Junggesellenmaschine

Weil das Schöne das Wunderbare ist und zugleich eine
Junggesellenmaschine,
brauchen wir die Surrealisten dringender denn je : So lautet die Botschaft einer wissenschaftlichen Bekenntnisschrift, die im steingrauen Gewand daherkommt. Der fast farblose Umschlag mit dem rätselhaften Titel kennzeichnet dieses Buch als ein Erzeugnis aus dem Hause Klostermann und einen Beitrag in der Reihe „Das Abendland“. Der Umschlag steht außerdem mit der Autorin im Bunde. Grau ist das Packpapier, damit kein Augenschmaus ablenkt von den sinnlichen Ekstasen, die im Innern beschworen werden. Das spröde Design trägt die Beweislast: Es ragt in die Dingwelt und bleibt ihr enthoben. Es ist ein versinnlichtes surrealistisches Symbol. …
In der Tat ist „im Zeitalter der Virtualität ein vor- surrealistisches Verhältnis zu den Dingen nicht mehr denkbar“. Breton, Soupault & Co. inszenierten lustvoll den Schock der Bildüberflutung, der über uns Glasfaserkabelkunden längst hereingebrochen ist. Und Hugo Ball hatte ganz gewiss recht, als er in sein Notizbuch schrieb: „Das Wort hat jede Würde verloren. Das Wort ist zur Ware geworden.“
ALEXANDER KISSLER, Süddeutsche 2.3.02

RITA BISCHOF: Teleskopagen, wahlweise. Der literarische Surrealismus und das Bild. Klostermann Verlag, Frankfurt a. M. 2001. 442 Seiten, 49 Euro.

gattin des meeres

In ihrem Islam-Dossier bringt die NZZ vom 2.3.02 von Fouad el-Auwad das Gedicht „gattin des meeres“ . Der Musiker, Lyriker und Architekt aus Syrien lebt in Aachen.

Verrisse für „Sascha Anderson“

gibts am 2.3.02 in der taz , wo FRAUKE MEYER-GOSAU konstatiert:

Ichzentrierte Beschreibungssprünge, Novalis-Zitate und spätexpressionistisches Dichterlallen: Der Prenzlauer-Berg-Dichter und gewissenhafte Stasispitzel Sascha Anderson hat mit „Sascha Anderson“ vor allem eine Autobiografievermeidung geschrieben

und in der Süddeutschen (Ijoma Mangold).

modern poetry

One of the biggest changes in modern poetry is its escape from the page to the performance

– sagt Peter Davison in einem Essay im Atlantic monthly, March 2002 – mit Links auf zahlreiche Hörgedichte im Netz, wie diesem:

The ninety-six-year-old Stanley Kunitz, a recent poet laureate, recites a poem he first encountered seventy-five years earlier, Gerard Manley Hopkins’s „God’s Grandeur.“.

Radio- bzw. Fernsehtips

Literatur im Foyer. Mit Sascha Anderson diskutieren Peter Böthig, Carl Corino, Bert Papenfuß. Moderation: Martin Lüdke. Sonntag 24.2.02, 9.45 Uhr, 3sat.

Jandl-Inszenierung

Über eine Jandl-Inszenierung im Kölner a.tonal.theater schreibt der Kölner Stadtanzeiger:

Nun kann man sich Jandls Lautkaskaden zuwerfen wie Bälle, die von einem fixierten Spieler zum nächsten wandern. Nichts lenkt hier ab von dem, was diese Aufführung inspiriert hat: Gedichte, aneinander gereiht, aufeinander getürmt, gestapelt und verschachtelt. Jandls Lyrik, ohnehin Sprechdichtung in ihrer reinsten Form, findet hier eine ideale Bühne. Nach und nach aber macht sich bemerkbar, dass Fürst von seinem zunächst so überzeugenden Konzept nicht mehr lassen kann.
Die Figuren müssen an ihren Plätzen verharren, sie bleiben die ewig Gleichen. Und der Mangel an äußerer Bewegung markiert zugleich einen Mangel an innerer Entwicklung. / KStA 23.2.02

BZ-Lyrikreihe: Barbara Köhler über Schwitters’ „Anna Blume“

Mit „siebenunzwanzig Sinnen“ liebt der Dichter, siebenundzwanzig Zeilen hat auch das Gedicht, und die Mittelzeile, die 14. also, ist das Zentrum, die Mitte: „Anna Blume hat ein Vogel“. Wer hat hier wen? Oder gibt es zwei Subjekte? Zwei Subjekte! Demgegenüber ist das Wir ja nur ein beklagenswerter Zusammenfall. So die Interpretatorin, die hier plötzlich und ganz leichthändig die Emanzipation des Ich vom Wir durchdekliniert. Also Freiheit meint.
Es ist hinreißend, wie schnell, wie geistreich und hintergründig Barbara Köhler mit Kurt Schwitters und seiner Anna Blume, der dadaistischen Ikone, umgeht, wie sie die vielen Bedeutungsebenen entfaltet, die Widersprüchlichkeiten vorstellt, die Sprachbilder weitertreibt. / Badische Zeitung vom 23. Februar 2002

Vom Fußball lernen

Lyriker Said erhielt den Chamissopreis

Im Grunde sei der bezahlte Fußball der Literatur ein Stück voraus: Niemand spreche von einem Spieler anderer ethnischer Zugehörigkeit, seine Herkunft interessiere einfach nicht. Laudator Jürgen Wertheimer plädierte für Normalität im Umgang mit Fremden, der selbstverständlich sein sollte, erst recht, wenn Fremde so integriert sind wie Said, Präsident der deutschen Sektion im Schriftstellerverband Pen. Said erhielt am Donnerstag von der Bayerischen Akademie der Schönen Künste den Chamissopreis der Robert-Bosch-Stiftung. [Schon okay – aber was heißt „erst recht“?!] / Münchner Merkur 23.2.02