Inge Müllers Nachlaß

Die neuste Ausgabe der Zeitschrift „neue deutsche literatur“ druckt drei Gedichte aus einer für dieses Frühjahr angekündigten Nachlaßpublikation bei Aufbau. Eins davon ist jedoch schon einmal, viel früher, ebenfalls bei Aufbau erschienen. „Die wenig gelungenen Stellen“ steht unter dem Titel „Auswahl“, aber sonst wortgleich, auf Seite 515 in Band 6 der Gesammelten Werke von – Johannes R. Becher . Gedruckt 1973. Es steht in der übrigens interessanten Abteilung „Nachlese“ – Gedichte, die Bechers Selbstzensur 1956/57 zum Opfer fielen. Vielleicht hat Inge Müller es im Nachlaß Bechers in der Ostberliner Akademie der Künste gefunden und abgeschrieben? – Ein schöner Beleg für Adolf Endlers These, daß die junge DDR-Lyrik der 60er Jahre ihre Form von Brecht , ihren Geist von Becher hatte. Becher nämlich schrieb 1956 – nach langer Schaffenskrise – eine Reihe antidogmatischer Gedichte – und versteckte sie sogleich wieder, indem er die schärfsten wegließ und andere stutzte. Der gestutzte Rest erschien in dem Band „Schritt der Jahrhundertmitte. Neue Dichtungen“1959 und enthält die Kritik am Stalinismus nur noch in sehr allgemeiner Form und eingepackt in sozialistische Preislieder. Auch die Veröffentlichung in der Werkausgabe (über 20 Bände!) änderte wenig an dem geschönten Becherbild, an dem die DDR-Literaturwissenschaft und -Schule bis zum Schluß festhielten. / EB, -tz März 2002

blau ist glaub

blau ist glaub
ich eisenhut der hier so spät noch blüht

schreibt Norbert Hummelt, und Steffen Jacobs kommentierts in seiner Kolumne. / Die Welt 30.3.02

Krolow-Nachlaß

„Die Gedichte, die er Tag für Tag schreibt“, liest man in Peter Härtlings schönem, sehr persönlichem Nachwort, „sind nicht mehr nur Gedichte, sie haben sich befreit von der Anstrengung, ein Gedicht sein zu wollen.“ Das ist gewiss richtig, ändert aber nichts am Vollkommenheitsstatus einer erstaunlich großen Zahl dieser mit scheinbarer Beiläufigkeit und mitreißender Geläufigkeit aufgezeichneten Verse. Er ist unüberhörbar und kann nur bewundernd und dankbar registriert werden. Ein „Achtzeiler“ aus dem September 1998 lautet so: „Zu viel wär übertrieben. / Zu wenig: wenig wert. / Und was ich aufgeschrieben, / was ich verdammt, verehrt, / ist schließlich aufgezehrt. / Nichts ist davon geblieben. / Was bleibt, sind leere Hände: / so geht die Zeit zu Ende.“ / Albert von Schirnding, Süddeutsche 30.3.02

KARL KROLOW: Im Diesseits verschwinden. Gedichte aus dem Nachlass. Herausgegeben von Peter Härtling und Rainer Weiss. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 240 Seiten, 19 Euro

Wiesengedicht

NZZ druckt am Gründonnerstag ein Wiesengedicht von Emily Dickinson (wie immer: Zeilenumbruch selbst dazudenken; oder Zeitung kaufen). / NZZ 28.3.02

Das pietistische Passionslied

In der FAZ schreibt Rainer Bayreuther über das pietistische Passionslied:

Der Pietist glaubt das Leiden Jesu nicht nur, er sucht es auf, er begibt sich in möglichst heiße und psychisch stimulierende Nähe zu ihm. Hier eröffnen sich neue, unbegrenzte Möglichkeiten für die Bildersprache. Die Passionsmetaphorik hat sich den Persilschein der Selbstbezüglichkeit ausgestellt. Ihre Triftigkeit wird allein von der Phantasie des frommen Virtuosen selbst eingelöst. Ein im Pietismus vielgesungenes Passionslied eines anonymen Verfassers spiegelt den frischen Zufluß poetischer Sprache wider: „Du Balsamsitz, du Rosentür, / du reicher Mund, durch den sich mir / mein Heilstrom ausgegossen; / ach wasch doch ab und schweif geschwind / von meiner Brust weg alle Sünd.“ Die Rosentür – das ist die Seitenwunde, die Jesus durch den Speerstich eines römischen Soldaten zugefügt worden war. Durch sie konnte man nun aus- und eingehen, sich in ihr einrichten. Der intendierte Psychoschmerz (man wollte ja leiden) wurde zum wohligen Schauer. Nikolaus Graf Zinzendorf, der in den 1730er Jahren im hessischen Herrnhag eine Schar Erweckter um sich sammelte, trieb den Seitenhöhlen-Kult auf die Spitze: Das blutrot gestrichene Portal zum Versammlungssaal hatte die Form einer überdimensionierten Seitenhöhle. Die Ähnlichkeit mit einer Vagina war sicher reiner Zufall. / FAZ 28.3.02

Schluck Auf Stein

„Altklug“ kann nämlich immer auch „frühreif“ bedeuten, und von solcher frühen Reife legen Filips ‚ Gedichte Zeugnis ab. Nicht, dass immer alles gelungen wäre, nein, aber Zeilen wie „Die Zeit ist lang. Du brauchst sie nicht zu hetzen“ lassen einen plötzlich innehalten und werden genau dadurch konkret. Sie realisieren sich im Vorgang des Lesens. Da ist schon Kunst, wo der Leser selbst zum Subjekt seiner Lektüre gemacht wird. Und so ist er denn auch für den Zauber etwa der folgenden Heine-Paraphrase bereit: „Den Verschluß an die Wand / schleudern, aufprallen lassen, zurück- / kommend fangen, an der Flasche / nippen und immerzu / mit dem Zeigefinger / an die Stirn tippen, / da die Flammenschrift / auch heute nicht / antwortet.“ Ganz zu schweigen von der eleganten Frechheit, mit Mallarmé knobeln zu wollen: „zerfallen entschlüsse wie augenblicke, / die sich in falten legen, und wieder // sieh, zähl und fall“. / Alban Nicolai Herbst, FR 28.3.02

Christian Filips: Schluck Auf Stein. Gedichte. Elfenbein Verlag, Berlin 2001, 97 Seiten, 12,- .

Nur in Kärnten geborene

oder wenigstens dort lebende Autoren können sich um den „Preis des Kärntner Schriftstellerverbandes für neue Literatur“ bewerben, der mit 1000 Euro dotiert ist. / Kleine Zeitung 28.3.02

„Polen ist ein trauriges

Gespenst in Deutschland“ schrieb der Schriftsteller und Lyriker Matthias Kneip, der jetzt auf einer Veranstaltung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft im Universitätsclub Bonn unter dem Titel „Spaziergang eines Deutschen durch Polen – Gedichte und Essays zwischen Deutschland und Polen“ Exempel seiner Poesie und Prosa vorstellte.
Ganz so deutsch, wie es hiernach den Anschein hat, ist der Autor allerdings nicht. Immerhin stammen seine Eltern aus Oberschlesien, wo sie bis 1957 lebten – zu Hause wurde mit Gästen auch Polnisch gesprochen, so dass die spätere intensive Begegnung mit Polen auch den Aspekt eines Déjà vu besitzt. / Bonner General-Anzeiger 25.3.02

kongenial musikalisch verpackt

Seine neueren Lieder sind deswegen keineswegs schwächer oder harmloser, und immer noch besticht die Intensität und Kraft seiner Lyrik, die, was viel zu wenig gewürdigt wird, seit jeher kongenial musikalisch verpackt wird. / schreibt der Donaukurier über Wolf Biermanns Auftritt bei den diesjährigen Ingolstädter Literaturtagen (25.3.02)

Des Bauern Tod

In der „Welt“ schreibt Wolf Biermann über den Dichter Moses Rosenkranz aus Czernowitz:

Für mich sind diese acht Zeilen (s.u.) ein großes Gedicht, geschrieben von einem kaum bekannten Dichter aus Czernowitz in der Bukowina. Moses (ursprünglich: Edmund) Rosenkranz wurde am Anfang des letzten Jahrhunderts geboren und starb an dessen Ende. Er überlebte die Lager unter Hitler und geriet gleich anschließend in Stalins GULag, wo er bis 1957 gefangen war. Vier Jahre später floh er aus Rumänien vor den Häschern des Geheimdienstes Securitate nach Westdeutschland. Im Schwarzwald erlebte er noch das Ende des Kalten Krieges. Die ihn kannten, beschreiben ihn als steilen Charakter, harten Knochen, stolz, unbeachtet, einsam, bitter. Vor allem das wird kolportiert: ungebrochen.

Sein kleines Gedicht ist groß. Es elektrisiert gleich in den ersten zwei Zeilen mein Herz, weil des sterbenden Bauern erotische Eskapade ausgerechnet angesichts seines Todes verraten wird: wie ungehörig und verboten der Mann die junge Magd da aufs Kreuz gelegt hat. Liebe und Tod sind hier im Kunstwerk so nahe beieinander wie im richtigen Leben. Schwer rauszukriegen, wo nun der Krampf größer war: im Geschlechtsakt oder im Sterben. Wer fickt hier wen? Der Mann das Mädchen? Der Tod den Mann? Der Poet die Muse?

Moses Rosenkranz

Des Bauern Tod
Er schlug die Arme um die Erde
Wie um die jüngste Magd, im Krampf;
Und fühlte: Rinder, Knechte, Pferde,
Und starken Schweiß, der Scholle Dampf.
Der Andre rollt ihn auf den Rücken
Und ließ ihn so; sein schwer Gewicht
Lag wie ein Stein im Flurenlicht,
Ein weicher Stein aus grauen Stücken.

Die Welt 25.3.02

Ostig-schnuckelige Messe

Zunächst der heimliche, dann mit der Preisverleihung des (seriösen) „Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung“ am Sonntag auch öffentliche Star der Buchmesse war der sympathisch-ironische serbische Prosaist und Lyriker Bora Cosic (Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution – den Anerkennungspreis erhielt der tschechische Autor und Übersetzer Ludvik Kundera ). Im Gohliser Rokoko-Schlösschen, das mitten in der Stadt zwischen Gründerzeit-Mietshäusern tapfer und frisch renoviert ausharrt (dort las schon Schiller tabakschnupfend Balladen vor), rezitierte Cosic aus seinem Lyrikband Die Toten mit unkitschig-sentimentalischen Berlin-Vignetten (der Autor, geboren 1932, lebt jetzt freiwillig in Berlin, nachdem er 1992 ins Exil gehen musste). Nach der Lesung fragte ihn ein Zuhörer, was er denn vom Rummel um den Deutschen Bücherpreis halte, worauf Cosic nachfragte: „Sie meinen den Fisch?“, und dann antwortete: „Ich gehe nicht fischen!“ / FR 25.3.02

Lyriklesungen im Gohliser Schlößchen

Die Leipziger Volkszeitung berichtet u.a. dies von Lyriklesungen im Gohliser Schlößchen in Leipzig:
Dicht auf den Versen folgte ihm [Rosenlöcher] der 27-jährige Berliner Björn Kuhligk, der leider mit „erotischen Liebesgedichten“ angekündigt wurde. Statt platter Provokation gelingen dem als „Asphalt-Rimbaud“ gefeierten Dichter kraftvolle Bilder: „… IN EINEM HAUSFLUR/grub ich mich dir ein und/entlockte deinem Mund/die Vögel, die ich/zwischen meine Finger nahm.“ / Leipziger Volkszeitung 25.3.02

Letzte Worte

Even more disappointing were the final stanzas of legendary wordsmiths the likes of Lord Byron and Johann Wolfgang von Goethe. Byron couldn’t be bothered to work up a decent rhyme. „Now I shall go to sleep. Good night.“ While Goethe’s last words were so dull biographers have been obliged to edit creatively. „Open the second shutter so that more light may come in“ became the more sublime, „More light!“ (There is, as with many last words, some debate whether Goethe’s last words were not in fact, „Come my little one, and give me your paw.“ For the editors of Columbia World of Quotations, at least, the choice was obvious.) And one is almost loath to mention that after a lifetime of setting down le mot juste, Walt Whitman ’s last barbaric yawp was „Hold me up; I want to shit.“ / The Vocabula Review 3/2002

Shemà

Here is Primo Levi’s poem „Shemà,“ which is included in the poet Joan Murray’s useful new anthology Poems to Live By in Uncertain Times. The poem is based on the principal Jewish prayer, „Hear, [Shema] O Israel: the Lord is our God, the Lord is One!“ (Deuteronomy, 6:4-9). Levi returned from Auschwitz to his native Italy after the war, vowing never to forget the horror he had witnessed. The prayer, which he had learned as a 12-year-old boy studying for his bar mitzvah, echoed in his memory, like a clarion call. He borrowed its solemn liturgical cadence and style for the poem he wrote on Jan. 10, 1946, which he then used as the epigraph to his first book, If This Is a Man (1947). It is addressed to everyone who lives in safety, and it carries a message that has been brought back from the kingdom of death. / The Washington Post , 24.3.02

Poetry on her Macintosh

Die 91jährige surrealistische Künstlerin Dorothea Tanning malt nicht mehr, lesen wir in der New York Times (24.3.02*).

Instead, she writes poetry on her new Macintosh, on which she is also learning to use the Internet. Her poems have appeared in The New Republic, The Boston Review and Poetry. Last summer, she published a memoir, „Between Lives.“
[Über den Surrealismus:] „There’s enough of greatness in there that there will always be something rewarding for someone who likes to look at beautiful things and wonderful paintings. Surrealism is a piece of history, and it has stained the consciousness of everyone.“

Hier gibt es einen Text der Autorin (Fortune Cookies, in: Boston Review Dec. 2001/Jan. 2002).