Sprachlehre 1: „Wehrt euch!“

Man muß nicht das Gras wachsen hören, um zu bemerken, daß die Diskurse sich verschieben. „Lügenpresse“ war jahrelang ein Kampfslogan der Neonazis und sickerte in den letzten beiden Jahren in breite Kreise quer zu politischen Linien ein. „Reichsbürger“ kämpften schon gegen die GEZ, als es sie noch gab, heute tun das viele. „Deutschland erwache“ riefen diverse Reaktionäre und also auch die Nazis, heute schallt es aus rechten, linken und diffusen Foren: „Wacht endlich auf“!

„Teutsche wehrt Euch!“ gegen Frankreich, lese ich in einer Schrift von 1689.

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„Deutsche wehrt euch, kauft nicht bei Juden!“ schmierten die Nazis 1933. „Posemuckel wehrt sich“ heißt eine Serie rechter Kampfbünde, die sich seit ein paar Jahren gegen Flüchtlingsunterkünfte „wehren“, nicht mehr nur mit Worten, sondern inzwischen tausendfach mit Zündmitteln. Aber Worte zündeln immer mit. „Zwickau wehrt sich“, „Wismar wehrt sich“, „Neubrandenburg wehrt sich“, „Karlsruhe wehrt sich“, „Rems-Murr wehrt sich“… Im vorigen September gründete sich ein rechtes Bündnis „Greifswald wehrt sich“ und versucht bislang mit geringem Erfolg, in Greifswald einen Pegidaableger zu etablieren.

„Nein zum Heim – Marzahn-Hellersdorf“, die „Gemeinschaft“, die Anfang des Jahres die Story mit dem angeblich von südländischen Männern entführten 13jährigen Mädchen zuerst brachte, zitiert den „Berliner Kurier“ so:

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„Europa wehrt sich“, titelte 2009 die DVU,

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heute fast jeder. Am 24.1. 2015 der Bayernkurier,

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vor vier Tagen „Die Welt“:

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Ich bin nicht gegen konkrete Maßnahmen zur Strafverfolgung und Verbrechensverhinderung; aber die Kollektivmetapher „Wehrt euch“ schafft eine mythische Gefährdung, eine anbrandende „Flut“ (auch eine dieser Metaphern), gegen die man sich „geschlossen“ „wehren“ muß. Eigentlich ein sprachlicher Atavismus. „Wehren“ geht auf ein indoeuropäisches Wort mit der Bedeutung „mit einem Flechtwerk, Zaun, Schutzwall umgeben“ zurück und ist mit dem Wort „Wurm“ verwandt. Bürgerwehren als menschlicher Schutzwall gegen die Barbaren von draußen. Aber der Barbar ist immer schon da, es ist der „Wurm“, der „sich Windende“, der mit Drehbewegungen Erde „aufwirft“, dem Feinde zur „Wehr“. Fernere Verwandte sind: Werk, Vers, Wurst.

Seit neustem ist die wehrhafte Metapher im Qualitätsfeuilleton angekommen. Die FAZ berichtet über eine Widerrede von Reinhard Jirgl gegen Rafik Schami. Ich urteile nicht über Jirgls Widerrede, wenn er nichts über Islam sagt, soll er das auch sagen. Mir stößt die „wehr“hafte Inszenierung durch den redaktionellen Paratext auf:

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(Hör ich das Gras wachsen, wenn ich da mithöre, daß sich nun auch der Autor in die Ab“wehr“-Front einreihe, Posemuckel, Europa und Autor „wehren sich“? Die Militanz der Titelung – Autor wehrt sich, Aggressor überschreitet Grenze, Attackierte – spricht für sich.) Ich hoffe, ihr wißt nicht, was ihr da tut. Ich fürchte, ihr wißt es wenigstens halb.

Nur der Tippfehlerteufel hat ein Einsehn und „whert sich“:

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5 Comments on “Sprachlehre 1: „Wehrt euch!“

  1. Es ist schwierig, hierzu mit einem „gefällt mir“ zu reagieren, ich möchte es bitte als Wertschätzung und wohlwollede Beachtung der hier geleisteten Arbeit verstanden wissen! Und: Nein, Du hörst sicher nicht das Gras wachsen, leider…es schreit und stinkt zum Himmel, die deutsche Wehrhaftigkeit! Hab Dank, daß Du drauf hinweist! Liebe Grüsse

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  2. „Hör ich das Gras wachsen“
    wahrscheinlich.
    Ich denke schon, dass man unterscheiden muss: Wenn Kollektive sich wehren, kommt das schnell & oft in die hier beschriebene Richtung. Bei Individuen, die sich gegen Vorwürfe wehren, würde ich das aber nicht (zumindest nicht immer und nicht automatisch) in dieser Weise semantisch aufladen, das ist ja doch ein eigentlich ganz normaler Vorgang

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    • Aber ich sage gar nicht, daß man sich nicht wehren soll. Ich habe Sympathie für den Spontispruch: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Daß Jirgl sich wehrt, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt, ist normal. Das Thema hier ist aber ein andres. Es geht mir auch nicht darum, das Wort „sich wehren“ zu verbannen. Es geht mir darum, daß Redaktionen plötzlich gehäuft solche Titel verwenden: „Das Boot ist voll!“ (Titelthema der frühen 90er Jahre), „Asylantenflut…“, „Europa wehrt sich“. Ich denke, da müssen wir Obacht geben. Weil die Sprachfloskeln eine „Bewegung“ herbeirufen. Wer nicht zu solchen dubiosen „Bewegungen“ gehören oder beitragen will, muß auf seinen Sprachgebrauch achten.

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  3. Zunächst einmal finde ich, dass das alles treffende Beobachtungen sind und bedanke mich für diesen Beitrag.
    Danach kann ich ja etwas zu Jirgl sagen, wenn Sie darüber nichts sagen wollen: Schon die Tatsache, dass er nur so beleidigt „mimimimimi“ macht, und die eigentliche Unverschämtheit Schamis, die gar nicht ihn, sondern eigentlich alle trifft, nämlich die Gleichsetzung von Islamophobie und Antisemitismus, überhaupt nicht kommentiert, ist von empörender Dummheit, was aber – wenn man Jirgls sonstige wenig reflektierte Bemerkungen in Bezug auf tagespolitische Ereignisse in den letzten Monaten im Kopf hat – leider nicht mehr überrascht.

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  4. Es gibt etwas Neues von Herrn Jirgl zu berichten, leider nichts Gutes. In der Ausgabe Winter 2016/2017 der Zeitschrift TUMULT schreibt er (einen mMn. ohnehin schon ziemlich verquasten Artikel über literarischen und politischen Kitsch) wortwörtlich: „Zum anderen umspannt der bei Universalisten in Verruf geratene Begriff Heimat, jenseits aller ideologischen Erzählungen, seinem Inhalt gemäß sowohl die biographische Herkunft im regionalen und sozialen Kontext einer Person als auch im umfassenden Sinn deren Zugehörigkeit zu einer Rasse, einem Volk, einer Nation mitsamt den hierfür spezifisch kulturellen Determinanten.“

    Man kann, glaube ich, keine Zweifel mehr daran haben, welche Richtung Reinhard Jirgl eingeschlagen hat. Wie sehen Sie das?

    PS: Nach dieser Äußerung in Tumult kann oder muss man „Nichts von euch auf Erden“, wo ungeheure holocaustartige Szenen beschrieben werden, einer erneuten Lektüre unterziehen, möglicherweise könnte diese Unsagbarkeit schon dort angelegt sein. Mit anderen Worten, vielleicht war Jirgl schon immer so „drauf“? Aber das ist nur ein erster Gedanke, der mir auch kam, weil das Hubert Winkels bei einer Besprechung im DLF auch schon aufgefallen war, wie ich zu erinnern meine.

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