Leseecke 3

Leseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonette 1-7 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

3

LOoke in thy glasse and tell the face thou vewest,
Now is the time that face should forme an other,
Whose fresh repaire if now thou not renewest,
Thou doo’st beguile the world, vnblesse some mother.
For where is she so faire whose vn-eard wombe
Disdaines the tillage of thy husbandry?
Or who is he so fond will be the tombe
Of his selfe loue to stop posterity?
Thou art thy mothers glasse and she in thee
Calls backe the louely Aprill of her prime,
So thou through windowes of thine age shalt see,
Dispight of wrinkles this thy goulden time.
     But if thou liue remembred not to be,
     Die single and thine Image dies with thee.

Einige Anmerkungen zum Text:

 

vewest viewest (siehst)

forme an other ein anderes Gesicht / eine andere Person formen

beguile betrügen vnblesse some mother einer (möglichen) Mutter keinen Segen gönnen

vn-eard wombe ungepflügter Schoß

tillage Pflügen, Befruchten husbandry a) Ackerbau b) eheliche Pflichten

posterity die Nachwelt sind hier natürlich die schuldhaft nicht gezeugten Kinder

 

Deutsche Fassung von Stefan George:

Shakespeare Sonnette. Umdichtung von Stefan George. Berlin: Georg Bondi, 1909
Shakespeare Sonnette. Umdichtung von Stefan George. Berlin: Georg Bondi, 1909

Deutsche Fassung von Max Josef Wolff:

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Shakespeares Sonette. Übersetzt von Max Josef Wolff. Berlin: B. Behr, 1903

 

Magical Mystery Tour

Marie Luise Knott schreibt in ihrer Lyrikkolumne Tagtigall (abgesehen von der Anmoderation über Lyrik im Auf- und Abwind) schöne Sätze über István Kemény, Uljana Wolf, Rosmarie Waldrop und Ulf Stolterfoht, zentriert um die Frage, „ob sie nicht verstanden werden wolle(n) oder ob man sie nicht verstehen können solle“. Ich zitiere (es kommt auch Chlebnikow vor) einen Passus über die Beatles:

Schon die Beatles hatten in den 1960er mit „Magical Mistery Tour“ höchst populär gegen derartige Tendenzen angesungen – eine musikalische und filmische Fahrt ins Blaue, von der verheißungsvollerweise schon damals niemand so genau wusste und wissen wollte, was die Sänger uns damit sagen möchten. „Expert, Textpert“, heißt es ironisch in „I am the walrus“. Der Song ist voll üppiger Bilder: lächelnde, in Koben lebende Schweine, fliegende Schutzmänner, Drogendealer auf dem Eiffelturm, Hare Krishna singende Babypinguine, denen es wie nebenbei gelingt, einen Edgar Allen Poe umzunieten. Irgendwann im Lied tröpfelt – um des Nonsens willen? – gelber Senf aus dem Auge eines toten Hundes; dazwischen gibt es diverse Anspielungen auf Freiheitslieder. Das Ich – ein Lewis Carrollsches Walross-Wesen – sitzt auf einem Cornflake und weint. I am crying! Cocooo, Cocoo!

Verschiedenen Legenden zufolge hat John Lennon den Text explizit als Parodie auf die allgemeine Verstehenshuberei und Interpretationswut verfasst, wie sie damals in extenso bei Songs von Bob Dylan betrieben wurde. Welche anderen Stoffe beim Schreiben der Texte damals mit im Spiel waren, muss offen bleiben; was zählt, ist das Ergebnis: I am the walruss. Es liegt schließlich ein besonderer Gewinn darin, dass Sprache auch Musik ist: Man braucht nur das Gehörte nachahmen, mitschmettern und mitschwofen, und schon kann sie ein wenig warten, die tägliche Misere. Magical Mistery Tour.

Hier noch ein bißchen Beatles-Za-um:

Yellow matter custard dripping from a dead dog’s eye
Crabalocker fishwife pornographic priestess
Boy you been a naughty girl, you let your knickers down
I am the eggman, they are the eggmen
I am the walrus, goo goo g‘ joob

Sitting in an English garden waiting for the sun
If the sun don’t come
You get a tan from standing in the English rain
I am the eggman, they are the eggmen
I am the walrus, goo goo g‘ joob goo goo goo g‘ joob

Expert texpert choking smokers
Don’t you think the joker laughs at you? (Ho ho ho! He he he! Ha ha ha!)
See how they smile like pigs in a sty, see how they snied
I’m crying

Semolina pilchard climbing up the Eiffel Tower
Elementary penguin singing Hare Krishna
Man you should have seen them kicking Edgar Allan Poe
I am the eggman, they are the eggmen
I am the walrus, goo goo g‘ joob goo goo g‘ joob
Goo goo g‘ joob goo goo g‘ joob
Goo gooooooooooo jooba jooba jooba jooba jooba jooba
Jooba jooba
Jooba jooba
Jooba jooba

(mehr)

(Komisch, bei dem Song fragen immer alle, welche Drogen die Jungs genommen haben. Sollten sich besser in die Literaturgeschichte vertiefen! Hier eine kleine Einführung!)

Wiederentdecker-Verlag

Der kleine Leipziger Verlag Reinecke & Voß mausert sich in einigen Sparten zum Wieder-Entdecker-Verlag. Das betrifft die Lyrik des Barock genauso wie die Lyrik jener Übergangszeit, die meist „vergessen“ wird, wenn von der „Moderne“ die Rede ist. Die Dichterschule des Arno Holz war schon Thema. Jetzt wird ein Mann gewürdigt, den Holz gern als „seinen Schüler“ begriffen hätte. Dabei hatte Paul Ernst das Zeug, selbst ein ganz Großer zu sein. Er hatte Pech.

Mehrfaches Pech, wie dieses Büchlein verrät, das einerseits eine Neuauflage des 1898 erschienenen Frühwerks von Paul Ernst ist, andererseits auch ein Geschenk, das sich die Paul-Ernst-Gesellschaft selbst gemacht hat – quasi zum 150. Geburtstag des in Elbingerode im Harz geborenen Dichters. Ralf Gnosa geht auf die nicht ganz unkomplizierte Beziehung von Paul Ernst zu Arno Holz in seinem sehr ausführlichen Beitrag „Im Steinbruch der klassischen Moderne“ ein. Eine Begegnung, die beide Dichter bereicherte, die am Ende aber im Zerwürfnis endete.

(…)

Reduktion war das große Thema der Zeit, angeregt auch (über Frankreich) durch die intensive Beschäftigung mit der japanischen und der chinesischen Lyrik. Und wer „Polymeter“ damals ohne Vorurteile las und auf sich wirken ließ, der spürte es eigentlich, was geschah, wenn wieder die genau beobachteten Vorgänge den Inhalt des Textes trugen, auf allen Schnickschnack verzichtet wurde und aus dem aufs Wesentliche reduzierten Moment ein ganzes Bild entstand, atmosphärisch verdichtet und so verknappt, dass die Gedanken beim Lesen zwangsläufig weitertrieben: Assoziationen, Anklänge, Erinnerungen … / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung

Paul Ernst „Polymeter. Gedichte“, Reinecke & Voß, Leipzig 2016, 10 Euro

Thilo Krause gewinnt den ZKB Schillerpreis 2016

Der mit 10’000 Franken dotierte ZKB (Zürcher Kantonalbank) Schillerpreis geht im Jahr 2016 an Thilo Krause. Der Autor wird für seinen Gedichtband „Um die Dinge ganz zu lassen“ ausgezeichnet: Das Werk verdichtet Gedankensplitter, Alltagssituationen und Stimmungen hintersinnig und bilderreich.

Der ZKB Schillerpreis wird jedes Jahr durch die Zürcher Kantonalbank auf Vorschlag des Stiftungsrates der Schweizerischen Schillerstiftung ausgerichtet. Der Literaturpreis zeichnet im Kanton Zürich lebende Autorinnen und Autoren für Werke von herausragender literarischer Qualität aus.

Der diesjährige Preis geht an Thilo Krause. Der Autor lebt in Zürich und wurde 1977 in Dresden geboren. Für seinen ersten Gedichtband „Und das ist alles genug“ erhielt er im Jahr 2012 einen Eidgenössischen Literaturpreis. Für „Um die Dinge ganz zu lassen“ (poetenladen Verlag, 2015) hat Krause mehrere Auszeichnungen erhalten, u.a. einen Anerkennungsbeitrag des Kantons Zürich, eine Anerkennungsgabe der Stadt Zürich, sowie den Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg. Der Autor ist von Haus studierter Wirtschaftsingenieur (Dresden und London) und hält eine Promotion der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich.

Die Schweizerische Schillerstiftung begründet ihre Wahl wie folgt:

In „Um die Dinge ganz zu lassen“ sind Alltagsgedichte von einnehmender Schönheit und Tiefe versammelt, die mit Staunen und Reflexion den Blick auf Gegenwart und Erinnerung, Wachen und Träumen, Stadt und Land sowie Licht und Dunkelheit richten und das Dasein in seiner Flüchtigkeit fassen – ohne grosse Worte, Töne und Gesten, aber mit Sprachskepsis, Lakonie und Traditionsbewusstsein. Thilo Krause gehört weder zu den Avantgardisten noch zu den Revoluzzern unter den Dichtern. Die Brisanz seiner Dichtung liegt in der Luzidität und Stille der Gedanken, Beobachtungen und Worte.

Die Preisübergabe erfolgt am Montag, 23. Mai 2016 im Literaturhaus Zürich.

A Poet’s Rising

Am Ostermontag 1916 begann der irische „Osteraufstand“, der zwar scheiterte, aber der Unabhängigkeit den Weg bereitete. Zum 100. Jahrestag beauftragte das Irish Writers Centre sechs Dichter, jeweils ein Gedicht für jeden der sechs Tage des Aufstands zu schreiben.

Part 1: for James Connolly, a new poem by Eiléan Ní Chuilleanáin hier

Part 2: Patrick Pearse, A Manifesto by Paul Muldoon hier

Part 3: A Demonstration by Jessica Traynor hier

(wird ergänzt)

Leseecke 2

Leseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
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2

VVHen fortie Winters shall beseige thy brow,
And digge deep trenches in thy beauties field,
Thy youthes proud liuery so gaz’d on now,
Wil be a totter’d weed of smal worth held:
Then being askt, where all thy beautie lies,
Where all the treasure of thy lusty daies;
To say within thine owne deepe sunken eyes,
Were an all-eating shame, and thriftlesse praise.
How much more praise deseru’d thy beauties vse,
If thou couldst answere this faire child of mine
Shall sum my count, and make my old excuse
Proouing his beautie by succession thine.
          This were to be new made when thou art ould,
          And see thy blood warme when thou feel’st it could.

Einige Anmerkungen zum Text:

 

1 beseige besiege (belagern)

liuery Schmuckgewand (Livree)

totter’d weed (2. Ausg. 1640: tattered) a) Lumpengewand b) Unkraut (in einer Manuskriptfassung steht rotten weeds)

6 lusty kräftig, lebhaft; sexuell aktiv

thriftlesse wertlos

deseru’d deserved (verdiente)

13 make my old excuse rechtfertigt mein Alter

14 could cold

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Faksimile der Erstausgabe (Q, 1609)
Faksimile der Erstausgabe (Q, 1609)

Deutsche Fassung von Stefan George:

Bildschirmfoto 2016-04-26 um 01.12.57

Deutsche Fassung von Karl Kraus:

Dir wird, wenn in die Jahre du gekommen
und Falten furchend durch dein Antlitz ziehn,
Erinnrung jener Schönheit wenig frommen,
die schneller als die Zeit dir ging dahin.

Und wenn dich dann wer fragt, wohin sie kam,
und wo sie, da sie nicht mehr sei, gewesen,
dann frage deinen Stolz, ob deine Scham
sie ließe aus erloschnen Augen lesen.

Doch wahrlich andern Ruhm trügst du davon,
könntst du auf die bewahrte Schönheit zeigen
und sprechen: Seht, in meinem jungen Sohn
ist heut vorhanden, was mir einst zu eigen!

Durch Alter endet nicht der Lebensmut:
die Jugend, die du schufst, erwärmt dein Blut.

Unsichtbare Szene

Juan Felipe Herrera, der erste Latino-Poet laureate der Vereinigten Staaten, wurde gerade für eine zweite Amtszeit eines der prominentesten Posten innerhalb der amerikanischen Lyrik nominiert. Trotzdem werden die Latino-Dichter weiterhin marginalisiert, wenn nicht völlig ausgeschlossen. Jedes Jahr im Nationalen Lyrikmonat April sehe ich die zahllosen Artikel und „Listikel“ mit vielversprechenden Überschriften wie „31 zeitgenössische Dichter die du kennen mußt“ und „Feiere den Nationalen Lyrikmonat mit 10 neuen Bänden, die du unbedingt lesen mußt.“ Und jedes mal muß ich feststellen, daß wir auf diesen Listen, die von meinen Kollegen zusammengestellt wurden, welche von sich sagen, daß sie den Finger am Puls eines angeblich wachsenden und umfassenden literarischen Feldes haben, gar nicht vorkommen.

(…)

Ich frage euch ganz offen: Wo sind die Autoren aus einer Gemeinschaft von 55 Millionen in diesem Land? / Rigoberto González, Los Angeles Times

Schottland, Frauen und Verse

Die Royal Bank of Scotland teilt mit, daß auf der neuen £5-Note die Romanautorin und Lyrikerin Nan Shepherd abgebildet wird. Nan Shepherd (11.2. 1893 – 23.2. 1981) stammte aus Aberdeen, wo sie über vier Jahrzehnte Lehrer unterrichtete. Sie schrieb Romane, die im ländlichen Nordosten Schottlands handeln. In ihren Romanen und Gedichten spielt die schottische Landschaft eine große Rolle. Hinter dem Bild befindet sich ein Zitat aus ihrem Wanderbuch.

Auf der Rückseite des Scheins gibt es das Bild zweier Makrelen, wertvollster Schatz der schottischen Fischfangindustrie, sowie einen Auszug aus dem Gedicht „The Choice“ von Sorley MacLean.

Die Wissenschaftlerin Mary Somerville wird auf der £10-Note abgebildet, die nächstes Jahr in Umlauf kommt. Auf der Rückseite zwei spielende Otter und ein Zitat aus dem Gedicht „Moorings“ von Norman MacCaig. / BBC

Leseecke 1

Leseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonette 1-7 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

1

FRom fairest creatures we desire increase,
 That thereby beauties Rose might neuer die,
 But as the riper should by time decease,
 His tender heire might beare his memory:
 But thou contracted to thine owne bright eyes,
 Feed’st thy lights flame with selfe substantiall fewell,
 Making a famine where aboundance lies,
 Thy selfe thy foe, to thy sweet selfe too cruell:
 Thou that art now the worlds fresh ornament,
 And only herauld to the gaudy spring,
 Within thine owne bud buriest thy content,
 And tender chorle makst wast in niggarding:
    Pitty the world, or else this glutton be,
    To eate the worlds due, by the graue and thee.

Einige Anmerkungen zum Text:

1 increase hier: Nachwuchs, Nachkommen

2 neuer never (wie in deutschen Texten der Zeit sind u und v ohne erkennbare Regel austauschbar)

3 the riper die reifere (Rose)

4 heire Erbe, Nachkomme

5 contracted a) anvertraut, verlobt, b) geschrumpft, eingeschränkt

6 self-substantial von deiner eignen Substanz zehrend

10 gaudy froh, erfreulich

11 content a) Glück, b) Inhalt (also hier Nachkomme, das was du enthältst). Damals auf der zweiten Silbe betont.

12 tender churl liebenswerter Knauser niggarding geizen, knickern

13: hab Erbarmen mit der Welt, sonst wirst du so ein Vielfraß

14 the world’s due was du der Welt schuldest (Kinder) by the… das Grab oder du selbst verzehren es

Deutsche Fassung von Karl Kraus:
Ein schönes Wesen wünscht man fortgesetzt,
daß nie der Schönheit Rose ganz vergehe,
und welkt sie durch die Zeit, daß unverletzt
im schönen Sproß das Schöne auferstehe.

Du aber, nur dem eignen Strahl verbunden,
du, nur genährt, verzehrt von deinem Glanze,
du hast, dich neidend, deinen Feind gefunden,
der dir im Vollbesitz mißgönnt das Ganze.

Du, der die Welt beglückt mit jedem Reiz,
des Frühlings Herold, der mit vollen Händen
versagt im Spenden, du gewährst dem Geiz,
dich endlich in dir selber zu verschwenden.

Gewähre dich der Welt, der zugehört
die Schönheit, die das Grab der Zeit verzehrt.

Ocol’s swipe

This week we end Ocol’s swipe across the African continent on a cultural mission of cleansing. His intent to put to extinction works of academics that are inclined to preserving the cultural life of an ancient continent is thorough and profoundly deep. The attack on moribund philosophies and ideological cultural leanings of literary movements like Negritude, African Personality, Bantu Philosophies and a panoply of African court poets is intentional and Ocol would offer no apologies for it.No matter how strong the protest Aime Cesaire would make on behalf of others such philosophies have certainly had their day, so says Ocol:

My negritude is not a stone, its deafness hurled against the clamour
Of the day,
My negritude is not a speck of dead water on the dead eye of the
Earth
My negritude is neither a tower nor a cathedral
It thrusts into the red flesh of the soil
It thrusts into the burning flesh of the sky

Forget the rhetoric: who cares if negritude is not a stone or speck of dead water? Ocol would not care even if it was not a Cathedral, Tower or whatever else. As a matter of fact, it is a stone that has smashed the progress which Africa needs the most; it is a speck of dead water that has dwarfed the growth of Ocol’s development of Africa. Despite its fine imagery, the thrust is a mere fantasy typical of Negritudists; Ocol would simply muse about it. All assumed African cultural apologists need not live to resurrect such reservoirs of shame and retrogression whether they appear in form of University academics, historians or anthropologists or Negroes in search of roots on the Africa soil, or indeed in the glittering images of metaphysical union between man and earth as in the glamorous poetry of Cesaire. Apparently, this brand of cultural chauvinists is little hard nut to crack compared to rural tribal dogmatists whose roots are not deep enough to resist any intended crusade of annihilation.

(…)

Dear reader, we end our examination of Ocol’s attack on Lawino at this point. I am sure a conclusion can be made about the new Africa set against the back drop of the old, an embodiment of Lawino and her kind. Okot’s attempt was to give us a response through Ocol to Lawino’s lamentations. It is up to the reader to draw a conclusion as to exactly where we are now and the kind of Africa Ocol is carving for his generation (or, is it ours?)

/ Hildah Lumba, Times of Zambia

(Ocol und Lawino sind Figuren aus zwei komplementären englischsprachigen Versepen des ugandischen Dichters Okot p’Bitek: Ocols Lied / Lawinos Lied)

Leseecke Shakespeare

Ein großartiges Projekt der Signaturen und Günter Plessows, in den kommenden 22 Wochen sämtliche 154 Sonette Shakespeares sowie das Erzählgedicht A Lover’s Complaint im Original und Plessows Übersetzung aus KRITIK DER LIEBE –– Shakespeare’s Sonnets & A Lover’s Complaint –– wiedergelesen und wiedergegeben von Günter Plessow.  (Passau, Karl Stutz Verlag, 2003) in faßlichen Portionen von je sieben Texten pro Woche zu veröffentlichen. Ich möchte die Gelegenheit für eine Neulektüre nicht versäumen. Jeden Tag 1 Sonett kann man gut schaffen, egal was man sonst liest und tut. Mit Erlaubnis von Kristian Kühn richte ich hier eine Shakespeare-Leseecke ein und lade neugierige Leser zum Mitlesen und Hin- und Herklicken ein. Die ersten sieben Sonette sind Online in beiden Fassungen mit einem Kommentar des Übersetzers

Sonette 1-7 Plessow

Signaturen wird jeden Tag ein Gedicht aus Plessows Fassung präsentieren. Meine Leseecke verlinkt darauf und stellt hier den Originaltext mit zusätzlichem Material (mindestens aber eine ältere Übertragung) dazu. Vielleicht mag jemand parallel mitlesen. In der Leseecke könnten Hinweise und Leserkommentare zum Original oder der Übersetzung zusammengetragen werden. Wer macht mit?

 

 

Poetopie

euer Opa? wieder mal fängt der Kontinent von vorne an

Hansjürgen Bulkowski

Sanft gestartet

Friederike Mayröcker im Interview mit dem Standard:

STANDARD: Gestartet sind Sie mit sanfteren Texten. Ihre ersten Gedichte haben Sie 1946 in Otto Basils Literaturzeitschrift „Plan“ veröffentlicht. „Vision eines Kindes. Erträumter einsamer blauer Engel …“

Mayröcker: Ja. Ja. Ja. Dort habe ich etliche Gedichte veröffentlicht. Es war schön im „Plan“ damals. Milo Dor, Ilse Aichinger, Erich Fried, alle waren dort. Und mein Anfang war wirklich zartsinnig und sehr religiös angehaucht, so würde ich heute nicht mehr schreiben. So etwas mag ich gar nicht mehr. Damals habe ich übrigens noch mit der Hand, dem Stift geschrieben. – derstandard.at/2000035216000/Mayroecker-Ich-schreibe-um-mein-Leben

Zum Schäkespears Tag

Eine Rede  zu Ehren des britischen Dichters, gehalten von Goethe am 14.10. 1771 in Frankfurt/ Main
Mir kommt vor, das sey die edelste von unsern Empfindungen, die Hoffnung, auch dann zu bleiben, wenn das Schicksaal uns zur allgemeinen Nonexistenz zurückgeführt zu haben scheint. Dieses Leben, meine Herren, ist für unsre Seele viel zu kurz, Zeuge, dass ieder Mensch, der geringste wie der höchste, der unfähigste wie der würdigste, eher alles müd wird, als zu leben; und dass keiner sein Ziel erreicht, wornach er so sehnlich ausging – denn wenn es einem auf seinem Gange auch noch so lang glückt, fällt er doch endlich, und offt im Angesicht des gehofften Zwecks, in eine Grube, die ihm, Gott weis wer, gegraben hat, und wird für nichts gerechnet.

Für nichts gerechnet! Ich! Da ich mir alles binn, da ich alles nur durch mich kenne! So ruft ieder, der sich fühlt, und macht grosse Schritte durch dieses Leben, eine Bereitung für den unendlichen Weeg drüben. Freylich ieder nach seinem Maas. Macht der eine mit dem stärcksten Wandertrab sich auf, so hat der andre siebenmeilen Stiefel an, überschreitet ihn, und zwey Schritte des letzten bezeichnen die Tagreise des ersten. Dem sey wie ihm wolle, dieser embsige Wandrer bleibt unser Freund und unser Geselle, wenn wir die gigantischen Schritte ienes, anstaunen und ehren, seinen Fustapfen folgen, seine Schritte mit den unsrigen abmessen.

Auf die Reise, meine Herren! die Betrachtung so eines einzigen Tapfs, macht unsre Seele feuriger und grösser, als das Angaffen eines tausendfüsigen königlichen Einzugs.

Wir ehren heute das Andencken des grössten Wandrers und thun uns dadurch selbst eine Ehre an. Von Verdiensten die wir zu schätzen wissen, haben wir den Keim in uns.

Erwarten Sie nicht, das ich viel und ordentlich schreibe, Ruhe der Seele ist kein Festtagskleid; und noch zur Zeit habe ich wenig über Shakespearen gedacht; geahndet, empfunden wenns hoch kam, ist das höchste wohin ich’s habe bringen können. Die erste Seite die ich in ihm las, machte mich auf Zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stund ich wie ein blindgebohrner, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenckt. Ich erkannte, ich fühlte auf’s lebhaffteste meine Existenz um eine Unendlichkeit erweitert, alles war mir neu unbekannt, und das ungewohnte Licht machte mir Augenschmerzen. Nach und nach lernt ich sehen, und, danck sey meinem erkenntlichen Genius, ich fühle noch immer lebhafft was ich gewonnen habe.

Ich zweifelte keinen Augenblick dem regelmäsigen Theater zu entsagen. Es schien mir die Einheit des Orts so kerckermäsig ängstlich, die Einheiten der Handlung und der Zeit lästige Fesseln unsrer Einbildungskrafft. Ich sprang in die freye Lufft, und fühlte erst dass ich Hände und Füsse hatte. Und ietzo da ich sahe, wieviel Unrecht mir die Herrn der Regeln in ihrem Loch angethan haben, wie viel freye Seelen noch drinne sich krümmen, so wäre mir mein Herz geborsten, wenn ich ihnen nicht Fehde angekündigt hätte, und nicht täglich suchte ihre Türne zusammen zu schlagen.

Das griechische Theater, das die Franzosen zum Muster nahmen, war, nach innrer und äuserer Beschaffenheit, so, dass eher ein Marquis den Alcibiades nachahmen könnte, als es Corneillen dem Sophokles zu folgen möglich wär.

Erst Intermezzo des Gottesdiensts, dann feyerlich politisch, zeigte das Trauerspiel einzelne grose Handlungen der Väter, dem Volck, mit der reinen Einfalt der Vollkommenheit, erregte ganze grose Empfindungen in den Seelen, denn es war selbst ganz, und gros.

Und in was für Seelen!

Griechischen! Ich kann mich nicht erklären was das heisst, aber ich fühls, und berufe mich der Kürze halber auf Homer und Sophokles und Theokrit, die habens mich fühlen gelehrt.

Nun sag ich geschwind hinten drein: Französgen, was willst du mit der griechischen Rüstung, sie ist dir zu gros und zu schweer.

Drum sind auch alle Französche Trauerspiele Parodien von sich selbst.

Wie das so regelmäsig zugeht, und dass sie einander ähnlich sind wie Schue, und auch langweilig mit unter, besonders in genere im vierten Ackt das wissen die Herren leider aus der Erfahrung und ich sage nichts davon.

Wer eigentlich zuerst drauf gekommen ist die Haupt und Staatsaktionen auf’s Theater zu bringen weiss ich nicht, es giebt Gelegenheit für den Liebhaber zu einer kritischen Abhandlung. Ob Shakespearen die Ehre der Erfindung gehört, zweifl’ ich: genung, er brachte diese Art auf den Grad, der noch immer der höchste geschienen hat, da so wenig Augen hinauf reichen, und also schweer zu hoffen ist, einer könne ihn übersehen, oder gar übersteigen.

Shakespeare, mein Freund, wenn du noch unter uns wärest ich könnte nirgend leben als mit dir, wie gern wollt ich die Nebenrolle eines Pylades spielen, wenn du Orest wärst, lieber als die geehrwürdigte Person eines Oberpriesters im Tempel zu Delphos.

Ich will abbrechen, meine Herren, und morgen weiter schreiben, denn ich binn in einem Ton, der Ihnen vielleicht nicht so erbaulich ist als er mir von Herzen geht.

Shakespears Theater ist ein schöner Raritäten Kasten, in dem die Geschichte der Welt vor unsern Augen an dem unsichtbaaren Faden der Zeit vorbeywallt. Seine Plane sind, nach dem gemeinen Styl zu reden, keine Plane, aber seine Stücke, drehen sich alle um den geheimen Punckt, |: den noch kein Philosoph gesehen und bestimmt hat 😐 in dem das Eigenthümliche unsres Ich’s, die prätendirte Freyheit unsres Willens, mit dem nothwendigen Gang des Ganzen zusammenstösst. Unser verdorbner Geschmack aber, umnebelt dergestalt unsere Augen, dass wir fast eine neue Schöpfung nötig haben, uns aus dieser Finsternis zu entwickeln.

Alle Franzosen und angesteckte Deutsche, sogar Wieland haben sich bey dieser Gelegenheit, wie bey mehreren wenig Ehre gemacht. Voltaire der von ieher Profession machte, alle Maiestäten zu lästern, hat sich auch hier, als ein ächter Tersit bewiesen. Wäre ich Ulysses; er sollte seinen Rücken unter meinem Scepter verzerren.

Die meisten von diesen Herren, stosen auch besonders an seinen Carackteren an.

Und ich rufe Natur! Natur! nichts so Natur als Shakespeares Menschen.

Da hab ich sie alle überm Hals.

Lasst mir Lufft dass ich reden kann!

Er wetteiferte mit dem Prometheus, bildete ihm Zug vor Zug seine Menschen nach, nur in Colossalischer Grösse; darinn liegts dass wir unsre Brüder verkennen; und dann belebte er sie alle mit dem Hauchseines Geistes, er redet aus allen, und man erkennt ihre Verwandtschafft.

Und was will sich unser Jahrhundert unterstehen von Natur zu urteilen? Wo sollten wir sie her kennen, die wir von Jugend auf alles geschnürt und geziert an uns fühlen, und an andern sehen. Ich schäme mich offt vor Shakespearen, denn es kommt manchmal vor, dass ich beym ersten Blick dencke, das hätt ich anders gemacht! Hinten drein erkenn ich dass ich ein armer Sünder binn, dass aus Shakespearen die Natur weissagt, und dass meine Menschen Seifenblasen sind von Romanengrillen aufgetrieben.

Und nun zum Schluss, ob ich gleich noch nicht angefangen habe.

Das was edle Philosophen von der Welt gesagt haben, gilt auch von Shakespearen, das was wir bös nennen, ist nur die andre Seite vom Guten, die so nothwendig zu seiner Existenz, und in das Ganze gehört, als Zona torrida brennen, und Lapland einfrieren muss, dass es einen gemäsigten Himmelsstrich gebe. Er führt uns durch die ganze Welt, aber wir verzärtelte unerfahrne Menschen schreien bey ieder fremden Heuschrecke die uns begegnet: Herr, er will uns fressen.

Auf, meine Herren! trompeten Sie mir alle edle Seelen, aus dem Elysium, des sogenanndten guten Geschmacks, wo sie schlaftruncken, in langweiliger Dämmerung halb sind, halb nicht sind, Leidenschafften im Herzen und kein Marck in den Knochen haben, und weil sie nicht müde genug zu ruhen und doch zu faul sind um tähtig zu seyn, ihr Schatten Leben zwischen Myrten und Lorbeergebüschen verschlendern und vergähnen.

Todestage

Früher galt der 23. April 1616 als Todesdatum gleich zweier großer Dichter, William Shakespeare und Miguel de Cervantes. Inzwischen haben die Spanier ihr Datum korrigiert. Am 23. April wurde der Dichter begraben – man nimmt offiziell an, daß er am Tag davor starb. Er war 68 Jahre alt, Todesursache Diabetes. Das Sterbehaus in Madrid heißt heute Casa de Cervantes, Cervanteshaus.

Als Cervantes begraben wurde, blieben Shakespeare noch 10 Tage. Denn in Spanien galt schon der Gregorianische Kalender. Am 23. April alten Stils schrieben die kalendarisch moderneren katholischen Länder den 3. Mai. Am 3. Mai wird der Tod Shakespeares also genau 400 Jahre zurückliegen. Die Verschiebung gibt also den Vorteil – in England genau wie in Pommern und den meisten evangelischen Ländern, nur Preußen hatte sich auf Druck Polens dem päpstlichen Kalender schon angeschlossen –, die Wiederkehr eines Ereignisses im 17. Jahrhundert gleich zweimal zu begehen, am Kalenderdatum und noch einmal nach heutigem Kalender.

Shakespeares Lebensdaten ergeben übrigens eine praktische Eselsbrücke zur zeitlichen Zuordnung englischer und deutscher Literaturgeschichte. Shakespeare wurde im Jahr (15)64 geboren und starb 1616. Andreas Gryphius umgekehrt: geboren 1616, gestorben (16)64.