Der Komponist und Pionier der Lautpoesie Josef Anton Riedl ist tot. 1927 in München geboren, studierte Riedl in seiner Heimatstadt, wo er mit Carl Orff, Karl-Amadeus Hartmann und Hermann Scherchen in Kontakt kam. 1951 lernte er bei einem Ferienkurs in Aix-en-Provence Pierre Schaeffer und seine musique concrète kennen. Ende der 1950er-Jahre gründete er das Siemens-Studio für elektronische Musik, das er bis 1966 leitete. Die von Riedl initiierte Münchner Veranstaltungsreihe »Klang-Aktionen« steht für sein eigenes, keiner Stilrichtung zuzuordnendes, multimediales und alle Gattungsgrenzen sprengendes Schaffen. Zu seinen Schülern gehört der Autor, Literaturwissenschaftler und Lautpoet Michael Lentz. Josef Anton Riedl starb am 25. März 2016 in Murnau.
İlhan Berk (1918-2008) gehörte zu den Dichtern der İkinci Yeni (“Zweite Neue”), einer literarischen Ausrichtung in der Türkei, die sich in den 1950er-Jahren gegen ihre unmittelbaren Vorgänger u.a. dadurch abgrenzte, daß sie gesellschaftskritische und politische Aussagen aus dem Gedicht verbannte. Paradoxerweise war es vor allem diese formal apolitische, inzwischen großteils verstorbene Generation um Berk, Cemal Süreya, Turgut Uyar, Ece Ayhan, Sezai Karakoç, Edip Cansever, die von der #şiirsokakta-Bewegung und im Zusammenhang mit den Gezi-Protesten ab 2013 zitiert wurde und mit deren Versen seither die türkischen Städte von jungen Leuten wild beschriftet werden.
Der kleine Elif Verlag aus Nettetal bietet nun mit dem zweisprachigen Band Um die Gasse biegt deine Stimme / Sokaği Dönüyor Sesin die erste größere Kompilation mit Gedichten und Zeichnungen von İlhan Berk für das deutschsprachige Publikum an. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen hat die Sammlung Yüksel Pazarkaya … / Mehr bei Stan Lafleur
İlhan Berk: Um die Gasse biegt deine Stimme / Sokaği Dönüyor Sesin, Elif Verlag, Nettetal 2016, Softcover, 168 Seiten, 12 Euro
Elf Nominierungen liegen vor / Preisgeld ist auf 10.000 Euro angehoben worden
Monheim am Rhein. Zum dritten Mal nach 2012 und 2014 steht in diesem Jahr die Vergabe des Ulla-Hahn-Autorenpreises an. Prämiert wird ein deutschsprachiges Erstlingswerk von einer Autorin oder einem Autor unter 35 Jahren. Vorgeschlagen werden können Lyrik und Prosa. 2012 wurde Nadja Küchenmeister für ihren Lyrikband „Alle Lichter“ ausgezeichnet, zwei Jahre später erhielt Lara Schützsack den Ulla-Hahn-Autorenpreis für ihren Roman „Und auch so bitterkalt“. Das Preisgeld ist um 4000 auf nun 10.000 Euro angehoben worden.
Eine achtköpfige Jury schlägt vor und entscheidet über den Preisträger. Vorsitzende ist die in Monheim aufgewachsene bekannte Autorin Dr. Ulla Hahn. Weitere Mitglieder sind in diesem Jahr Norbert Hummelt (Schriftsteller), Maren Jungclaus (Literaturbüro NRW, Düsseldorf), Prof. Swantje Lichtenstein (Schriftstellerin und Dozentin an der Fachhochschule Düsseldorf), Dr. Lothar Schröder (Rheinische Post, verantwortlicher Redakteur für Geistiges Leben), Lara Schützsack (Preisträgerin des Ulla-Hahn-Autorenpreises 2014), Dr. Hajo Steinert (Deutschlandfunk, Leiter der Abteilung Kulturelles Wort) und Dorothea von Törne (freie Literaturkritikerin).
Folgende Nominierungen für den Ulla-Hahn-Autorenpreis liegen vor:
Pierre Jarawan „Am Ende bleiben die Zedern“ (berlin verlag), Nis-Momme Stockmann „Der Fuchs“ (Rowohlt), Yevgeniy Breyger „flüchtige monde“ (kookbooks), Lea Schneider „invasion rückwärts“ (Verlagshaus Berlin), Juan Sebastian Guse „Lärm und Wälder“ (Fischer), Shida Bazyar „Nachts ist es leise in Teheran“ (Kiepenheuer&Witsch), Sina Klein „narkotische kirschen“ (Klever Verlag), Ulrike Feibig „perlicke perlacke, mein Herz schlägt“ (Poetenladen Verlag), Anja Kampmann „Proben von Stein und Licht“ (Carl Hanser Verlag), Mirna Funk „Winternähe“ (Fischer) und Ronja von Rönne „Wir kommen“ (Aufbau Verlag).
Die endgültige Entscheidung trifft die Jury im Sommer. Die Preisverleihung findet Ende des Jahres statt. (nj)
Ausgehend von solchen Szenarien erscheint es plausibel, dass »der Aufstieg von Death und Black Metal parallel zum Niedergang des realexistierenden Sozialismus erfolgte«, wie Jan Tölva anmerkt. Es gab im Osten aber auch Versuche, konstruktiv zu wirken. Bert Papenfuß, der in der DDR zwar eine Steuernummer als Schriftsteller hatte, aber mit Publikations- und Auftrittsverbot belegt war, beschreibt, wie im März 1984 eine einwöchige »Zersammlung« in einem Hinterhof des Prenzlauer Bergs stattfand, gedacht als »eine Generalkonferenz der nicht-offiziellen Künstlerszene der DDR«. Die Teilnehmer verortet er »zwischen verboten, verkannt, unbekannt, Underground und halblegal, Kandidatenstatus , offiziell«. Einig wurde man sich nicht, weil man sich »in erster Linie aus Eigendünkel selbst im Wege gestanden« habe.
(…)»1984!« ist eine der besten Darstellungen der 80er Jahre in Ost und West, die heute überwiegend nur noch als das Jahrzehnt der komischen Frisuren, Blazer und Schnurrbärte verhandelt werden. Die grundlegende Pointe ist natürlich die, dass es nie mehr Staat gab als heute, wie Papenfuß betont. / Christof Meueler, junge Welt
Alexander Pehlemann/Bert Papenfuß/Robert Mießner (Hg.): 1984! Block an Block. Subkulturen im Orwell-Jahr. Zonic Spezial, Ventil Verlag, Mainz 2015, 285 S., 19,90 Euro
Inhaltsverzeichnis
Ein Gedicht von Franzobel
Erdogan ist schön
Erdogan? Ist der schön. Und hundertmal
& überhaupt. Erdogan ist schön, und
schon schön ist Erdogan. Ich bin hundertmal
verliebt in Erdogan. Und Erdogan
ist sehr schön, das lernen wir, hundertmal, dass
Erdogan richtig schön ist, und das ist
das Schöne an Erdogan, dass hundertmal
schon die türkischen Schulkinder lernen,
wie schön und überall dieser Erdogan nun ist,
damit sie es nur ja nie mehr vergessen. Ist
der schön. Und überhaupt. Die Sonne. Und
damit sie es nur ja nie mehr vergessen, wie schön,
schön Erdogan ist, müssen schon die
türkischen Schulkinder hundertmal,
hundertmal schreiben, Erdogan ist schön.
Ist der schön. So schön ist Erdogan, dass
schon die Schulkinder es aufschreiben müssen.
Müssen schreiben: Erdogan fängt schön an, und
schön hört Erdogan auch auf. Ja. So ist das
mit Erdogan. Durch und durch schön. Hundertmal.
Hier, im «wolhynischen Jerusalem», beschloss der junge Aufklärer Scholem Yankev Abramowitsch in den 1860er Jahren, Erzählungen und Romane gerade in der gescholtenen jiddischen Alltagssprache zu schreiben, und musste dafür das Jiddische als Literatursprache erst einmal entwickeln. Von Berditschew also führt eine leuchtende Spur zum ersten und wohl auch letzten Nobelpreis für einen jiddischen Autor, für Isaac Bashevis Singer im Jahr 1978. Abramowitsch selbst hatte sich mit einer Satire über die Korruption bei der Fleischsteuer unbeliebt gemacht und musste die Stadt 1869 verlassen. Dafür verewigte er Berditschew unter dem sprechenden Namen Glupsk, was so viel wie Dummstadt heisst. Martin Walser hat Abramowitsch, dem «Grossvater der jiddischen Literatur», 2014 in seinem Büchlein «Shmekendike Blumen» (Duftende Blumen) ein liebevolles Denkmal gesetzt.
(…)
Das wichtigste Werk des Autors [Wassili Grossman], sein Stalingrad-Epos «Leben und Schicksal», von der Stiftung Lesen zu den 100 grössten Romanen des 20. Jahrhunderts gezählt, wurde 1961 vom KGB beschlagnahmt und konnte in der Sowjetunion erst 1988 erscheinen. Grossman hat es seiner Mutter gewidmet, die im Herbst 1941 zusammen mit allen 20 000 Juden Berditschews von deutschen SS- und Einsatzgruppen ermordet wurde.
/ Brigitte van Kann, NZZ 12.4.
In Berditschiw geboren:
Andere berühmte Bewohner

![Oswald Muris / Otto Wand Hansa Weltatlas [1943]. 75 Haupt- und Nebenkarten, 88 Abbildungen, Textteil und alphabetisches Ortsregister. 4. neubearbeitete und erweiterte Auflage mit einer Großraumkarte des Mittelmeeres.](https://lyrikzeitung.com/wp-content/uploads/2016/04/fullsizerender-22.jpg?w=698&h=740)
Florian Keßler berichtet aus Idomeni
Als die erste Tränengas-Granate zerplatzte, standen wir gerade vor dem Zelt von Noura. Noura ist eine junge Lehrerin aus Syrien, die gut englisch spricht und die ich schon vor ein paar Tagen kennengelernt habe. Ihr Mann war unter Assad sechs Monate im Gefängnis. Als er freikam, gaben die beiden sofort ihre Wohnung auf und machten sich mit ihren drei Jungs auf die Flucht aus Syrien. Und als jetzt Monate später nur ein paar hundert Meter entfernt von ihrem Zelt das erste Tränengas der mazedonischen Armee laut platzend detonierte, begann sie sofort zu weinen. Sie sagte, das Geräusch erinnere sie an den Krieg in Syrien. Weinend holte sie dann die paar Taschen der Familie aus dem wie alles hier schlammigen, kleinen Zelt. Wie viele Menschen um uns herum wollte auch ihre Familie nicht abwarten, sondern mit der Menschenmenge auf die Grenze zugehen – in der verzweifelten Hoffnung und wider besseres Wissen, dass sich die Grenze vielleicht, vielleicht jetzt doch für sie öffnen würde. Aber das ist natürlich nicht geschehen.
Stattdessen wurden die Leute einfach fürchterlich behandelt. Eine weitere niederschmetternde Erfahrung in ihrer langen Kette von niederschmetternden Erfahrungen mit europäischer Asylpolitik, die offiziell immer noch den Genfer Flüchtlingskonventionen zu entsprechen behauptet. Die anfängliche Demo jedenfalls weitete sich tatsächlich gegen elf Uhr zum versuchten Grenzübertritt aus. Vorne auf dem Feld vor dem Grenzstreifen waren vor allem Männer, aber gleich dahinter stauten sich auch viele Familien, Kinder, alte Leute, manche von ihnen in Rollstühlen. Viele Helfer warnten die Familien mit Kindern, dass es gefährlich werden würde und sie wenigstens nicht nach vorne gehen sollten. Andere Helfer mischten sich einfach nur unter die Menschen, und ich ärgerte mich über sie. Trotzdem nochmal fester Widerspruch gegen die Behauptung mancher Medien, das alles würde komplett allein durch „europäische Aktivisten“ „angezettelt“, wie sie ja schon so oft benutzt wurde, um Flüchtlingsproteste zu kleinzureden. Die Leute sind aber nun wirklich selber nicht blöd und vor allem wirklich verzweifelt. Sie halten es hier nicht aus. Sie wollen etwas versuchen und haben Hoffnungen, wie wir alle sie hätten. „At least we try“, sagte einer unserer Übersetzer von der Clothes Distribution dazu, mehr nicht, und damit hat er einfach recht.
Für Informationen an die Menschen oder irgendeine Deeskalationsstrategie hatte weder die griechische Polizei noch die mazedonische Armee Verwendung. Stattdessen gingen erstmal Hubschrauber zum Angsteinjagen immer wieder so tief runter, das viele Zelte kaputt gingen. Dann schossen sie stundenlang immer wieder das Tränengas in die Menge, die vorne mit Steinen zurückschmiss, ebenso harte Gummigeschosse und Blendgranaten. Die AfD kann sich zurücklehnen: Ha, wir sind jetzt wirklich schon ganz kurz davor, mit scharfen Waffen Flüchtlinge zu erschiessen, beziehungsweise haben wir auch diese Drecksarbeit an andere Staaten outgesourct. Es gab viele Verletzte. Es gibt hier ja wenig Wasser, keine Duschen und meist keine Ersatzkleidung – die Menschen kriegen das Tränengas also nicht vom Körper und leiden furchtbar. Auch drehte oft der Wind, immer wieder verteilte sich Tränengas über große Teile der Zeltstadt mit den Frauen und Kindern hinweg. Und zu allem Übel waren viele Familien den ganzen Morgen über aus anderen wilden Camps mit all ihrem Gepäck in der Hitze hierher gewandert, weil sie auf die Grenzöffnung hofften. Diese Familien hatten jetzt keine Zelte. Dann setzte auch noch Regen ein, und es wurde dunkel. Freiwillige organisierten die ganze Nacht neue Zelte für sie. Und das war nur der Sonntag in Idomeni. Guten Morgen.
In London wird es zu Ehren des 400. Todestages von William Shakespeare auch eine Ehrung durch Flüchtlings- und Migrantendichter geben. Am 23. April 1616 (julianischer Kalender – in katholischen Ländern schrieb man den 3. Mai) starb der Dichter in Stratford-upon-Avon. Am 23. April veranstaltet Bards Without Borders in London eine Lesung mit 10 Dichtern aus 9 Ländern, darunter Nigeria, Kolumbien, Bosnien, Somalia und Afghanistan. Die Dichterin Laila Sumpton, Mitgründerin, sagt: „Shakespeare verkörpert die britische Kultur und Identität, aber er ist ebenso global. Seine Werke werden in der ganzen Welt gesehen, so daß wir sagen können, daß er nicht Englands Eigentum ist. Unsere Poeten erforschen dieses Konzept und laden mit ihrer Lesung zum Mittun ein.“ Die Show soll den Dichtern eine Plattform geben, ihre Erfahrungen als Migranten und Flüchtlinge mitzuteilen.
Arne Pohlmeier, ein anderes Gründungsmitglied von Bards without Borders, sagt: “Shakespeares Stücke sind randvoll mit Geschichten von Migration, Vertreibung und kulturellem Anderssein. Viele seiner Figuren riskieren lange Reisen und enden als Schiffbrüchige an fremden Ufern. Prospero aus dem Sturm, Perikles, Viola aus Was ihr wollt sind einige der markantesten Beispiele.
Viele andere Figuren sind oder fühlen sich in ihrer Umgebung fremd, was ihre Identität, Gesundheit und Realitätswahrnehmung in Frage stellt, wie Hamlet, Lear, Antipholus von Syrakus in der Komödie der Irrungen. Das sind Erfahrungen, die Shakespeares Figuren mit uns teilen, den Migranten und Flüchtlingen von heute.“ / A younger theatre
Bards without Borders will performance a celebration of Shakespeare’s life on April 23 at Rich Mix.
Klingeln, Tingeln und Klaviergeklimper, dazu lockt eine kokette Frauenstimme: „Hello, hello, hello! O, o, o, iii, aaa . . .“, um Worte und Vokale mit klirrendem Gelächter zu zerbrechen – dem Lachen Dadas. Die Klanggedicht-Performance der „Dada-Baroness“ Elsa von Freytag-Loringhoven hinterfängt wie ein Soundtrack die Ausstellung, mit der hundert Jahre nach der Eröffnung des Cabaret Voltaire das Züricher Museum Haus Konstruktiv den Beitrag der Frauen zu der Bewegung würdigen will, die Hugo Ball ein „Narrenspiel aus dem Nichts“ nannte – und die tolldreisteste avantgardistische Anti-Kriegs-Anti-Bürger-Anti-Kunst-Kunst überhaupt war. Devise: „Jekami“, jeder kann mitmachen, also auch Dilettanten, also auch Frauen, die damals noch kaum Zugang zu Kunsthochschulen hatten.
(…)
Die einzige eher Unbekannte, die es in der von Sabine Schaschl, Margit Weinberg Staver und Evelyn Bucher kuratierten Schau zu entdecken gilt, ist Elsa von Freytag-Loringhoven, deren Gesang durch die Räume schwebt, bis er an den Nerven zerrt. Und was für eine nervenaufreibende Person muss die 1874 als Elsa Plötz in Swinemünde Geborene gewesen sein, die in dritter Ehe zu ihrem adligen Namen kam und sich in New York mit einer Exzentrik zur wandelnden Kunstfigur stilisierte, dass Lady Gaga gegen diese Lady Dada alt aussieht. Die Baroness posierte als lebende Statue und Nacktmodell, hatte eine Affäre nach der anderen, lief mit leeren Tomatendosen als BH durch die Gegend oder mit Rücklicht am Gesäß, schrieb skandalös erotische Lyrik, die mit Lauten und Typographie spielte und die „New York Times“ zu Artikeln über sie animierte. Mit Man Ray drehte sie Filme, mit Djuna Barnes diskutierte sie über Lyrik, Marcel Duchamp und sie befeuerten sich gegenseitig damit, Kunst neu zu definieren. Wo hätte das noch hingeführt, wäre sie 1927 nicht an einer vermutlich selbst herbeigeführten Gasvergiftung gestorben? / Ursula Scheer, FAZ
Dada anders. Sophie Taeuber-Arp, Hannah Höch, Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven bis 8. Mai im Museum Haus Konstruktiv in Zürich. Kein Katalog.
Die „Dada-Baroness“ in L&Poe
Vorneweg möchte ich sagen: Ich finde Ihr Gedicht gelungen. Ich habe laut gelacht. Das zu sagen ist mir deshalb wichtig, weil man in den vergangenen Tagen ja keinen einzigen Beitrag – egal ob anklagend oder für Sie parteiergreifend – über Ihren Text gelesen hat, der nicht erst mal, gleichsam als Captatio benevolentiae, betonte, wie geschmacklos und primitiv und beleidigend Ihre Satire über Erdoğan sei.
Das ist ungefähr so originell und aussagekräftig, als wenn man einem Formel-1-Autobauer vorwirft, seine Autos seien aber schnell. Dass Ihr Gedicht geschmacklos, primitiv und beleidigend war, war ja – wenn ich es richtig verstanden habe – der Sinn der Sache. Sie haben doch einfach alle beleidigenden, insbesondere alle in der muslimischen Welt beleidigenden Stereotype zusammengerafft, um in grotesker Übertreibung eine Satire über den Umgang mit geschmackloser Satire zu machen.
Sie wollten nach dem ziemlich lendenlahmen Erdoğan-Veräppelungs-Song in der ARD die illiberale Reaktion des türkischen Staatspräsidenten ironisieren und durch Maximalprovokation die Leute verstören, um sie darüber nachdenken zu lassen, wie eine Gesellschaft mit Satire und – noch viel wichtiger – mit der Satire-Intoleranz von Nichtdemokraten umgeht. Ein Kunstwerk. Wie jede große Satire. Und als solches: frei. Oder doch nicht?
Ich verstehe die Aufregung über Ihren Text nicht ganz. Gibt es doch in Deutschland eine gute von Tucholsky geprägte, von Hitler ex negativo gehärtete Tradition der Meinungs-, Kunst- und Satirefreiheit.
(…)
Sobald es gegen die katholische Kirche geht, ist das Lachen des Justemilieu programmiert. Es kann gar nicht respektlos und verletzend genug sein.
Sie, lieber Herr Böhmermann, mussten nun lernen, dass andere Maßstäbe gelten, wenn es um türkische Spitzenpolitiker geht. In Deutschland brach eine Art Staatskrise aus, nur weil Sie Herrn Erdoğan als „Ziegenficker“ bezeichnet haben. Apropos Ficken. Wenn das ZDF – seinem gebührenfinanzierten Bildungsauftrag feinsinnig verpflichtet – einen Hashtag „Fick dich, Bild-Zeitung“ ins Leben ruft und sich dazu die Domain „fickdichbildzeitung.com“ sichert, die bis heute auf einen Spot des ZDF verlinkt, dann klopft sich die deutsche Intelligenz vor freudiger Erregung prustend auf die Schenkel. „Fick dich, Bild“, und das vom Zweiten Deutschen Fernsehen in Auftrag gegeben und zur besten Sendezeit gesendet und dann multimedial online vermarktet – ho, ho, ho, ganz schön kühn. „Bild“ hat’s verdient. Die sind ja selbst nicht besser.
Beim türkischen Präsidenten ist das anders. Erdoğan kontrolliert in seinem Land etwa 90 Prozent der Zeitungsauflage und lässt Demonstranten, die anderer Meinung sind, gewaltsam von öffentlichen Plätzen entfernen. Oppositionelle bezeichnet er als „Atheisten und Terroristen“. Studenten, die demonstrieren, riskieren Exmatrikulation. Universitätsprofessoren, Journalisten oder Blogger, die Kritik äußern, werden willkürlich verhaftet, teils gefoltert, Redaktionen werden durchkämmt. Eine friedliche Kundgebung für die Rechte Homosexueller wird mit Wasserwerfern und Tränengas niedergeschmettert.
Die Gleichstellung von Männern und Frauen lehnt der türkische Präsident ab: Der Islam lehre, dass Frauen vor allem Mütter seien. Und auch gegenüber den Kurden ist exzessive und rücksichtslose Gewalt der türkischen Armee an der Tagesordnung, sagt Amnesty International. Die Gewalt gegen Kurden habe allein seit dem vergangenen Sommer Hunderte Todesopfer gefordert.
(…)
Ihr Mathias Döpfner
P.S. Ich möchte mich, Herr Böhmermann, vorsichtshalber allen Ihren Formulierungen und Schmähungen inhaltlich voll und ganz anschließen und sie mir in jeder juristischen Form zu eigen machen. Vielleicht lernen wir uns auf diese Weise vor Gericht kennen. Mit Präsident Erdogan als Fachgutachter für die Grenzen satirischer Geschmacklosigkeit.
/ Die Welt
Als er jung war, wollte Juan Felipe Herrera Redner werden. „Ich träumte davon, vor Publikum zu stehen und lange Reden zu halten“, erklärt er am Telefon. Doch dann entdeckte er die Lyrik, und die Welt änderte ihre Farbe. „Man spricht davon, die Dinge durch eine rosafarbene Brille zu sehen, ich fing damit an, die Dinge durch eine poesiefarbene Brille zu sehen.“
Gestern erhielt Herrera den L.A. Times Buchpreis / Robert-Kirsch-Preis für ein Lebenswerk.
Juan Felipe Herrera, der 1948 in einer Einwanderer-Landarbeiterfamilie in Kalifornien geboren wurde, ist gegenwärtiger U.S.-Poet laureate. Er schrieb mehr als 30 Bücher, darunter die Gedichtbände „Notes of the Assemblage“ (2015), „187 Reasons Mexicanos Can’t Cross the Border“ (187 Gründe, warum Mexikaner nicht die Grenze überqueren können, 2007) und „Crashboomlove: A Novel in Verse“ (1999) sowie Bücher für Kinder und Jugendliche wie „Portraits of Hispanic American Heroes“ (2014). / Alex Espinoza, Los Angeles Times
Nur eine Woche nach seiner [Rimbauds] Rückkehr nach Charleville erhob sich die Hauptstadt gegen die Versailler Regierung; am 28. März wurde die Kommune proklamiert. Begeistert verfolgte der junge Dichter diese Ereignisse aus der Ferne. Die alte Ordnung war zusammengebrochen, und im „heiteren Arbeiter-Paris der Kommune“ (Marx) schienen die kühnsten Träume der utopischen Sozialisten wahr zu werden. War die Pariser Kommune ein Versuch, Politik und Gesellschaft von Grund auf zu erneuern, so sollte eine neue Generation von Poeten auch den ästhetischen Horizont der bürgerlichen Welt überschreiten. Rimbaud schrieb, ihre ebenso aktuelle („moderne“) wie „objektive“ Dichtung solle „weder beschreiben noch belehren“; sie solle vielmehr das, was bisher „unaussprechlich“ gewesen sei, zur Sprache bringen und für die neuen Themen und Sujets neue Formen finden. In seinen poetologischen Briefen heißt es, der Dichter müsse sich „hellsichtig“ machen, um mehr und weiter zu sehen als seine Zeitgenossen. Nur durch Grenzüberschreitungen und Tabubrüche könne er sich von den Vorurteilen seines Milieus befreien; er müsse „verlumpen“, sich auf verpönte Praktiken einlassen und zu einem Paria werden. / Helmut Dahmer, Der Standard
geht die Debatte. Jemand, der sich (vorsichtshalber?) einen „Gebildeten unter den Lyrik-Verächtern“ nennt, möchte seins auch beitragen:
Obwohl alle das Wort haben, tun einige so, als hätten sie extra Einsichten:
Fragen eines Gebildeten unter den Lyrik-Verächtern.
08.04.2016
Von Carl Reiner Holdt
Als Schriftsteller mit seiner besonderen Erscheinung eine der meistfotografierten Figuren Berlins und durch die Porträts seines Malerfreundes Georg Grosz fast eine Ikone des Künstlerbetriebs geworden, streunte [Max] Herrmann-Neiße mit seiner Frau fast jeden Tag und vor allem jede Nacht durch die Ateliers, Theater, Kabaretts, Bars und Cafés. Fast wie nebenbei schuf er in seiner Wohnung am Kurfürstendamm ein umfangreiches Werk, zu dem neben den Gedichten auch Erzählungen und Romane, Theater- und Kabarettstücke sowie Essays und Kritiken gehören. Eichendorff-Preis 1924 und Gerhart Hauptmann-Preis 1927. Und dann plötzlich Zeilen wie diese:
„bin heut als Mann, den schon der Herbst umweht,
ein Unerwünschter, der stets draußen steht,
als wäre nutzlos alle Zeit verflossen.“
Das war schon geschrieben im Rückblick auf seine große Berliner Zeit. Da hatte er seit Ende der 1920er-Jahre vermehrt empörte Zwischenrufe gegen das Spießertum der Deutschen veröffentlicht und vor dem aufziehenden Faschismus als sich ankündigende „Vernichtung wehrloser Opfer durch hemmungslose Gewaltmenschen“ gewarnt.
Traurig-zornige Lieder als „Musik der Nacht“, wie er 1932 einen Band überschrieb. Ein paar Tage nach dem Reichstagsbrand vom 27./28 Februar 1933 ging er mit seiner Frau Leni ins Exil, zunächst nach Zürich, wo 1935 noch der Gedichtband „Um uns die Fremde“ mit einem Vorwort von Thomas Mann erscheinen konnte, bis er auf seiner Flucht über Frankreich und Holland in England strandete.
„Hier wird niemand meine Verse lesen,
ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.“
/ Christian Linder, DLR Kalenderblatt
Am 11. März jährte sich die Katastrophe von Fukushima zum fünften Mal. Nach einem Erdbeben folgte ein Tsunami, der das Kernkraftwerk Fukushima Eins schwer beschädigte. Bis heute tritt infolge des GAUs radioaktive Strahlung aus.
Ryo Kikuchi ist 1979 in Tokyo geboren, wo er auch 2011 das Erdbeben erlebt hat. Heute lebt der studierte Philosoph mit seiner Familie in Freiburg. Sein Gedichtband „Schlechte Zeit für Haiku. Gedichte nach Fukushima“ erschien zum fünften Jahrestag im freiraum-verlag in Greifswald.
Schlechte Zeit für Haiku: Gedichte nach Fukushima
von Jürgen Buchmann (Herausgeber), Ryo Kikuchi (Autor), Götz Wienold (Mitwirkende)
Taschenbuch: 146 Seiten
Verlag: freiraum-verlag; Auflage: 1 (11. März 2016)
Sprache: Deutsch, Japanisch
ISBN-10: 3943672840
ISBN-13: 978-3943672848
Wohl als erster japanischer Kunstschaffender reagierte der Lyriker Ryôichi Wagô auf die Geschehnisse des 11. März 2011 in Fukushima. Beinahe parallel zur Dreifachkatastrophe schrieb er auf Twitter kurze Texte, die später in Buchform erschienen. Die Wahl des neuen Kommunikationsmittels als Medium für japanische Lyrik stellte eine Novität dar. Mit dem Band „Worte ohne Schutzanzug“ liegt nun zum ersten Mal ein zentraler Teil der Arbeiten Wagôs, nämlich das „Notizbuch zur Erdbebenkatastrophe“ (2012; „Shinsai nôto“), in Übersetzung vor: insgesamt 35 Gedichte, die den Schock durch Erdbeben und Tsunami, die unmittelbare großflächige Zerstörung in Nordostjapan sowie die bedrohlichen Konsequenzen der Havarie des Atomkraftwerks thematisieren. Wagôs „Post-Fukushima-Literatur“ bedeutet die Verarbeitung einer traumatischen Erfahrung und ist zugleich, wie es die Analyse der Beiträge zeigt, ein wichtiges Zeitdokument. / literaturkritik.de
Madlen Beret: „Worte ohne Schutzanzug“: Wagô Ryôichi. Japanische Lyrik nach „Fukushima“.
EB-Verlag, Berlin 2016.
318 Seiten, 24,80 EUR.
ISBN-13: 9783868931730
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