Poetopie

im unaufhörlichen Kreisverkehr die einzig mögliche Ausfahrt nicht verpassen

Hansjürgen Bulkowski

Leseecke 6

FullSizeRenderLeseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen* mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonette 1-7 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

*) Oder ein paar mehr; weil es Tage geben wird, wo die Zeit fehlt.

6

THen let not winters wragged hand deface, 
In thee thy summer ere thou be distil’d:
Make sweet some viall; treasure thou some place,
With beautits treasure ere it be selfe kil’d:
That vse is not forbidden vsery,
Which happies those that pay the willing lone;
That’s for thy selfe to breed an other thee,
Or ten times happier be it ten for one,
Ten times thy selfe were happier then thou art,
If ten of thine ten times refigur’d thee,
Then what could death doe if thou should’st depart,
Leauing thee liuing in posterity?
     Be not selfe-wild for thou art much too faire,
     To be deaths conquest and make wormes thine heire.

Einige Anmerkungen zum Text:

wragged ragged rau (zweisilbig gesprochen: wraggèd) hand kann Handschrift bedeuten, also etwa zittrige Handschrift deface Verb zu face a) entstellen b) auslöschen

3 vial Phiole, Behälter für Parfüm, auch übertragen: Frau

beautits so im Erstdruck; die meisten Ausgaben haben beauty’s

vsery usury (Wucher), Wortspiel mit use

ten for one 10 Nachkommen für 1 Vater. Verse 5-14 spielen – vorbereitete durch zweimaliges treasure in 3-4 – mit dem Doppelsinn Nachkommen zeugen / Zins kassieren. Elizabeth I führte zu Shakespeares Zeit einen Zins-Höchstsatz von 10% (one for ten) ein.

13 selfe-wild self-willed (eigensinnig)

14 conquest Einnahme, Erringung. Im britischen Recht: Eigentum, das anders als durch Erbschaft erworben wird.

Deutsche Fassung von Dorothea Tieck:

Laß Dir nicht Winters rauhe Hand den Schatz
Des Lenzes rauben, eh‘ Du ihn vergraben,
Füll ein Chrystall, bereichre einen Platz,
Eh‘ sie verwelkt mit Deiner Schönheit Gaben.

Verbothen kann der Wucher nimmer seyn,
Wo gern und froh der Gläub’ger Zinsen beuth
Durch neues Selbst mußt Du Dich selbst erfreun,
Und zehnmal mehr, wirst zehnfach Du erneut.

Für wahr! es wird ein zehnfach Glück Dir bringen,
Wenn Du in zehn der Dein’gen froh Dich siehst.
Wie soll Dich dann der herbe Tod bezwingen,
Wenn Du in Kind und Enkel lebst und blühst.

Du bist zu schön durch harten Sinn zu sterben,
Ein Raub des Tod’s und Würmer Deine Erben.

Lyrikkritikdebatte geht weiter

(Frühere Beiträge hier)

Matthias Mader: Lesen und Kritik, 31.3. matthiasmader.de

Guido Graf: Lyrikdebatte: Wie relevant ist Lyrikkritik? 26.4. Deutschlandfunk

Jan Drees: Debatte: Über Lyrikkritik und ihre (Nicht-) Relevanz, 26.4. Lesen mit Links

Mario Osterland: Kleines Statement zur Debatte, 26.4. Fixpoetry

Jamal Tuschick: Die Gegenöffentlichkeit der Gegenwart, 27.4. der Freitag – blog

Hendrik Jackson: „Qualitätssprünge?“ – ein Abend zur aktuellen Lyrikkritik in der Literaturwerkstatt, 28.4. signaturen

Matthias Mader: Lyrikkritik, nächste Runde, 28.4. matthiasmader.de

 

Oskar-Pastior-Preis für Wiener Künstler Anselm Glück

Der in Wien lebende Schriftsteller und Maler Anselm Glück erhält den Oskar Pastior Preis 2016, der von der Oskar Pastior Stiftung am 1. Juli 2016 im Literaturhaus Berlin verliehen wird. Der Preis ist mit 40.000 Euro dotiert.

Als Schriftsteller wie als Maler und Zeichner hat Anselm Glück, 1950 in Linz geboren, Werke geschaffen, die der experimentellen und konkreten Kunst verpflichtet, eine sehr eigene, unverwechselbare Diktion aufweisen. Zu seinen Techniken gehören Montage und Collage ebenso wie Erzählen als Nichterzählen, beziehungsweise ein gestisches Sprechen, das die Dinge, von denen gesprochen wird, wie vorgezeigt erscheinen läßt.

Reflexionen werden dinglich, Worte aus dem Korsett der Grammatik gelöst und in neue, „hybride“ Bedeutungen überführt.

die kunst unserer tage soll gemacht werden wie die gelegenheit sie fordert weil solche – strophe ergeht so ernst daß wir zuendespielen und diese fähigkeit ist unser privileg

und daß künstler der kunstgeschichte nichts ungewöhnliches persiflieren dient dem interesse an der charakteristischen vorlage. es bewahrt dem mißbrauch die erniedrigung und nimmt der nur eigenen betroffenheit ihren sinn
[anselm glück]

/ literaturHausBerlin

Über die Oskar Pastior Stiftung

Nach der Stiftungsratssitzung vom 28. April 2008 gaben die Mitglieder des Stiftungsrates Marianne Frisch, Herta Müller, Klaus Ramm (Vorsitzender), Dierk Rodewald, Ulf Stolterfoht, Christina Weiss und Ernest Wichner (Stellv. Vorsitzender) die Gründung der Oskar Pastior Stiftung bekannt.
Oskar Pastior hatte testamentarisch diese Stiftung verfügt und die Stiftungsratsmitglieder benannt.
Die Stiftung vergibt den Oskar Pastior-Preis. Ausgezeichnet werden Autoren, deren Werk in der Tradition der Wiener Gruppe, des Bielefelder Colloquiums Neue Poesie und von OULIPO (der Werkstatt für potentielle Literatur) steht.
Darüber hinaus kann die Stiftung die literarische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Literatur sowie mit dem Werk von Oskar Pastior fördern.
Der Preis soll alle zwei Jahre verliehen werden und ist mit einer Preissumme von 40.000,- Euro dotiert. Bewerbungen um den Preis sind nicht möglich. Der Sitz der Stiftung befindet sich im Literaturhaus Berlin.

Stiftungsrat: Marcel Beyer, Ernest Wichner (Vorsitzender), Herta Müller, Dierk Rodewald, Ulf Stolterfoht, Prof. Dr. Christina Weiss

/ literaturhaus

Bisherige Preisträger:

  • 2010 Oswald Egger
  • 2012 (nicht vergeben)
  • 2014 Marcel Beyer

Die Gedichte und die Inhalte

„Beyoglu Blues“, „Istanbul Bootleg“ und „Taksim Tango“ heißen die drei Gedichtbände, aus denen der 1982 in Köln geborene Lyriker Gerrit Wustmann am Mittwochabend in der Buchhandlung Akzente in Offenburg las. Mit dem Lyrik-Abend, der vom Hausacher Lyriker José F. A. Oliver schon traditionsgemäß kuratiert und moderiert wird, endete die Wortspielreihe 2016.

Der Abend war im eigentlichen Sinn keine Lesung, sondern ein Gespräch unter Istanbul-Kennern und -liebhabern, haben doch Wustmann und Oliver Schreibaufenthalte in der türkischen Metropole literarisch verarbeitet. Beide Autoren schreiben vor allem freie Rhythmen ohne Reim, beide verwenden eine sehr bildhafte Sprache, beide verstehen sich als politisch, ohne aber ihre Gedichte zu Agitation zu nutzen. Wustmann widerlegt das – oft allzu wohlfeil geäußerte – Diktum der Weltferne von Lyrik und des politischen Desinteresses junger Autoren, indem er auf Olivers Anstoß, mehr über die Gedichte als über die Türkei zu reden, erwidert, dass er das genau umgekehrt sieht. „Die Gedichte kann man vortragen, aber reden muss man über die Inhalte“, findet er. Und obwohl diese Inhalte eine Liebeserklärung an die Bosporus-Metropole sind, an „Katzen, Möwen, Müll, Taschendiebe, Wasserverkäufer und Schuhputzer“, an das vormals weltoffene und entspannte Miteinander von Bekenntnissen und Lebensweisen, steckt viel aktuelle politische Kritik darin. / Juliana Eiland-Jung, Badische Zeitung

Leseecke 5

Leseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
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5

THose howers that with gentle worke did frame,
The louely gaze where euery eye doth dwell
Will play the tirants to the very same,
And that vnfaire which fairely doth excell:
For neuer resting time leads Summer on,
To hidious winter and confounds him there,
Sap checkt with frost and lustie leau’s quite gon.
Beauty ore-snow’d and barenes euery where,
Then were not summers distillation left
A liquid prisoner pent in walls of glasse,
Beauties effect with beauty were bereft,
Nor it nor noe remembrance what it was.
    But flowers distil’d though they with winter meete,
    Leese but their show, their substance still liues sweet.

Einige Anmerkungen zum Text:

howers hours (zweisilbig gesprochen)

4 vnfaire zum Verb gemachtes Adjektiv, Verneinung von to fair = schön machen fairely by being fair. Klaus Reichert übersetzt die Zeile in seiner Prosaübersetzung: „und das entschönen, was das Schöne übertrifft“.

confounds vernichtet

sap Saft leau’s leaves

ore-snow’d o(v)ersnowed

distillation Essenz

10 wäre mit der Schönheit auch die Wirkung der Schönheit verflogen

14 leese lose (verlieren)

Deutsche Fassung von Rudolf Alexander Schröder:

 Dieselben Stunden, die so hold dein Bild
 Zur Augenlust geschmückt mit zartem Kleid,
 Sind bald tyrannisch wider dich gewillt,
 Unhold verkehrend die Holdseligkeit.
 Denn nimmermüde Zeit führt Sommers Blühn
 Zum eklen Winter fort in blinde Schmach:
 Frost hemmt den Saft, es welkt all frisches Grün,
 Die Schönheit liegt verschneit, die Welt liegt brach.
 Und bliebe nicht des Sommers Quintessenz,
 Ein flüssiger Häftling gläsernem Gewänd,
 Stürb aller Schönheit Sinn mit ihrem Lenz,
 Daß sich auch nicht ein Angedenken fänd.
    Nur Blumen-Aufguß wahrt zur Winterszeit
    Zwar nicht die Schau, doch Wesens Süßigkeit.

(Rudolf Alexander Schröder: Gesammelte Werke Bd.1, Suhrkamp 1952)

Kommentar zur Übersetzung:

Mit dem Wort hold im ersten Vers beginnt die „Poetisierung“ des Urtexts (im nächsten Vers mit „zartem Kleid“ fortgeführt). Man vergleiche seine vierte Zeile mit der in den Anmerkungen mitgeteilten Prosaübersetzung. (Am schönsten in dieser Übersetzung scheint mir das Wort Augenlust für „the lovely gaze“ – leider sogleich ins Poesiesurrogat zurückgeholt.) Ich glaube, mit einer guten Prosaübersetzung wie der Klaus Reicherts wäre dem auf Shakespeares Innovation der poetischen Sprache neugierigen deutschen Leser mehr gedient.

William Shakespeare: Die Sonette. Neuübersetzt von Klaus Reichert. Fischer, 2007
William Shakespeare: Die Sonette. Neuübersetzt von Klaus Reichert. Fischer, 2007

André Thomkins – „Retroworter“

[…] In den Jahren, da wir gemeinsam im Gespräch waren, haben wir eine Reihe von Übereinstimmungen zwischen bildnerischen und sprachlichen Werkprozessen erschlossen, und einige davon haben wir auch gemeinsam genutzt. Mit dem lautlichen Eigentrieb sprachlichen Rohmaterials waren wir beide gleichermassen vertraut, A. T. als ingeniöser Anagrammatiker und Palindromist („Retroworter“), ich selbst als primär an Klang und Rhythmus orientierter Schriftsteller. Doch nicht nur auf der Ebene formalistischer Wortkunst haben wir uns getroffen, es gab immer auch in andern, offeneren Zusammenhängen Gelegenheit zur Kooperation. ‒ Ein Beispiel dafür ist eine von mir angeregte ironische Hommage zu jedem künftigen Goethe-Jubiläum, ein Projekt, für das ich eine fiktive Übersetzung aus dem Russischen erarbeitete und das A. T. in der Folge durch eine Zeichnung und einen Stempeldruck komplettierte. Text und Bild erschienen 1982 in Gestalt einer Kartonschachtel mit einliegender Broschüre und dem als kinetisches Objekt gestalteten Stempeldruck.

Ein weiteres Beispiel ist mein Poesieband „Fremdsprache“, den der Drucker und Verleger Rainer Pretzell 1984 mit einem Frontispiz von A. T. in Berlin herausbrachte. Das Frontispiz zeigt den Autor als Leser über ein Buch gebeugt, das mit der palindromatischen Aufschrift NA WIE INGOLD LOG NIE IWAN versehen ist. A. T’s Zeichnung visualisiert implizit die Poetik der in dem Band vereinten Texte, bei denen es sich ausnahmslos um Übertragungen bekannter deutschsprachiger Gedichte vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert handelt: Übertragen wird hier jedoch einzig die Textoberfläche, das heisst die Lautstruktur der Originalvorlagen, wohingegen deren Bedeutungsebene unberücksicht bleibt. Wo im Original „Hauch“ oder „balde“ zu lesen ist, bringt die lautliche Übertragung „auch“ beziehungsweise „kalten“, für „Träume“ kann „Treue“ stehen usf. Von daher der Untertitel: Gedichte aus dem Deutschen.

T. hatte an diesen und ähnlichen Texten ein spielerisches Vergnügen, aber auch ein gewissermassen professionelles Interesse, weil hier die Interaktion von Zufall und Kalkül besonders deutlich fassbar wird. Anderseits war A. T. kein grosser Leser, dickleibige Bücher mochte er nicht, rasches Durchlesen oder gar Querlesen war ihm zuwider. Vorrang hatte bei ihm das Entziffern, die Auseinandersetzung mit kniffligen oder hermetischen Vorlagen – bis hin zum Kreuzworträtsel, dessen Text ja stets durch den „Leser“ in einem Prozess von Erraten und Kombinieren erstellt werden muss.
[…]

Ich weiss nicht, ob A. T. jemals ein Buch von mir gelesen hat. Der Lektüre zog er die Befragung des Autors vor – ich sollte ihm berichten, was ich wie und wozu und für wen geschrieben hatte. Gelegentlich las ich ihm in der Küche ein Gedicht, eine Seite Prosa vor. Meistens hörte er nur halb zu mir her, dabei kritzelte, zeichnete oder notierte er dies und das auf zufällig vorhandenem Papier – auf Briefumschlägen, auf Rechnungen, auf dem Rand von Zeitungen; einige dieser Skizzen, darunter auch mehrere Portraits von mir, habe ich aufbewahrt. Oft fragte er mich nach meinen Lektüren, liess mich Inhalte oder Thesen rekapitulieren. Gern ging ich aber auch auf Gespräche über seine Lieblingsautoren ein, über Alfred Jarry, Raymond Roussel, Francis Ponge und über „sprachverrückte“ Autodidakten wie Jean-Pierre Brisset oder Adolf Wölfli. Ich meinerseits war damals von den sogenannten „Theoriefranzosen“ eingenommen, von „Change“ und „Tel quel“, von Roland Barthes und Michel Foucault, ausserdem – fast mehr noch ‒ von Roman Jakobson, den die Strukturalisten als letzten Überlebenden des russischen Formalismus feierten und durch zahlreiche Publikationen ehrten.

Als Jakobson im Sommer 1982 in hohem Alter starb, empfand ich seinen Tod als das Ende meiner wissenschaftlichen Lernjahre – kein anderer Philologe und Poetologe des Jahrhunderts hatte meine dichterische und literaturkritische Arbeit so stark geprägt wie er. Aus gegebenem Anlass schickte ich A. T. eine Xeroxkopie der weithin bekannten, von Jakobson gemeinsam mit Claude Lévi-Strauss verfassten Analyse eines Sonetts von Charles Baudelaire, dazu eine freundschaftliche Leseempfehlung. Als wir einander bald darauf in Zürich trafen, zog A. T. sogleich die Taschenbuchausgabe von Lévi-Strauss‘ „Das wilde Denken“ aus der Jackentasche und schlug das Kapitel mit dem berühmten Exkurs über die „Bastelei“ in primitiven Gesellschaften auf. Diese Passage, sagte er, sei für ihn „das beste theoretische Stück“, auf das er jemals in einem sekundärliterarischen Buch gestossen sei – was hier auf wenigen Seiten ausgeführt und erklärt werde, stimme genau mit seinem künstlerischen Credo überein. Ich kannte die diesbezüglichen Seiten bei Lévi-Strauss aus meiner Studienzeit in Paris, hatte sie aber nicht als besonders „theoretisch“ im Gedächtnis und hatte sie auch nie mit A. T’s künstlerischer Arbeit in Verbindung gebracht. […]

Felix Philipp Ingold im Ausstellungskatalog „André Thomkins“ (Graphische Sammlung ETH Zürich 2016).

SOZIALISMUS OHNE REGIERUNG

Rumbalotte Prenzlauer Berg Connection e. V. präs.

1. Mai 2016 von 14 bis 22 Uhr im Vereinslokal Rumbalotte,

Berliner Str. 80-82, 13189 Berlin-Pankow:

SOZIALISMUS OHNE REGIERUNG

Eine Messe widerständiger Literatur

Austeller:

BasisDruck, Brüterich Press, EdK, Peter Engstler Verlag, Distillery, Karin Kramer Verlag, Lubok Bobok Samizdat, Lükk nösens, Rothahndruck und Quiqueg Verlag

sowie die Zeitschriften Abwärts!, DreckSack, Idiome, perspektive, Prolog, Utopie, Zonic.

Lesungen von 16 bis 21.30 Uhr mit:

Alexander Brener/Barbara Schurz, Inés Burdow, Christian Filips, Florian Günther, Katrin Heinau, D. Holland-Moritz, Alexander Krohn, Robert Mießner, Florian Neuner, Hermann Jan Ooster, Clemens Schittko, Erik Steffen, Ulf Stolterfoth u. a.

Das lange Gedicht

Mit der unterkomplexen Rezeption der Thesen zum langen Gedicht wurde leider eine der letzten Ausfahrten verpasst, Lyriktheorie ausgehend von einer ästhetischen Theorie der Literatur zu denken. Es wurde zu wenig über das poetologische Potential der Thesen gestritten, stattdessen zankten sich die Beteiligten um Bagatellen wie das richtige Verhältnis zur lyrischen Tradition und den unmittelbaren Mehrwert von tagespolitischem Agitprop. Der Literatur wurde nichts zugetraut, in die Politik als Streit herrschte kein Vertrauen. (…)

Was also soll es sein, das lange Gedicht? Die Thesen beantworten die Frage nahezu agitatorisch. Das lange Gedicht gilt Höllerer entsprechend der Logik seiner Begründung paradigmatisch als freizügig, was die Weise, die Welt zu betrachten, betrifft. Da es nicht durch den Anspruch eines regelpoetischen Gesetzes fixiert ist, wirkt das lange Gedicht demokratisch, alles soll darin Platz finden (Hoch- wie Unkultur), der Emanzipation soll eine Schaubühne bereitstehen: »Die Republik wird erkennbar, die sich befreit« (These 3). Als Gattung der Moderne ist das lange Gedicht »schon seiner Form nach politisch« (These 2). Die Darstellung einer möglichen Welt (These 5) ist dem Rückzug aus der Realität und der Tendenz zum Verstummen (These 14) vorzuziehen. Nichts zuletzt geht es um die Parteinahme für eine freie Gesellschaft, die der in zu vielen Gedichten noch bedachten eitlen und elitären »Preziosität und Chinoiserie« unbedingt und gerade jetzt entgegenzuhalten ist. – Das lange Gedicht hat nach Höllerer vielleicht nur ein Thema: die Gemeinschaft – und damit ein Thema, groß genug, tonnenweise heterogensten Stoff in seiner Zusammensetzung durchzuspielen (These 13). Und es verweist, nicht ausschließlich, aber zwangsläufig, auf einige US-amerikanische Säulenheilige wie Gregory Corso, Allen Ginsberg und vor allem Charles Olson, die es Stand 1965 alle zumindest einmal geschafft hatten, ein Gedicht fertigzustellen, von dem in den Thesen die Rede sein könnte. / Maximilian Mengeringhaus: »Zur Hölle mit den kurzen Gedichten …  … zu Höllerer mit den langen.«. Die Erfindung des deutschsprachigen Langgedichts, Suhrkamp Logbuch

Walter Höllerer: Thesen zum langen Gedicht, in Akzente (1965, Bd. 2), S. 128-130, wiederabgedruckt in Hans Bender / Michael Krüger (Hg.), Was alles hat Platz in einem Gedicht. Aufsätze zur deutschen Lyrik nach 1965, München 1977

Letzte Antwort

Maren Jäger, Bertram Reinecke, Stefan Schmitzer und Christian Metz sprachen in der Literaturwerkstatt über Lyrikkritik im Netz. Jamal Tuschik war da und schreibt darüber, obwohl er sich weder für die heutige Lyrik noch die auf sie antwortende Lyrikkritik interessiert. Ja, in seiner Jugend, da gab es Max Bense, Eugen Gomringer, Franz Mon, Rolf Dieter Brinkmann (“Ich hasse alte Dichter”), Allen Ginsberg (alle übrigens tot oder alt*). „Wer weiß das noch?“ fragt Tuschik. Tuschik weiß und gibt die letzte Antwort auf letzte Fragen:

Brinkmann beschwor das Gedicht in der Stadt als Raumaufheller. Ich plädiere für das Gedicht im öffentlichen Raum als Accessoire.

Ich höre die Kojoten der reinen Leere heulen. Die Antwort auf die Frage, warum gelangen Lyriker über Zirkelprominenz nicht hinaus, lautet: Die Lyrik bleibt deshalb da, wo sie ist, weil Lyriker jeden medialen Popularisierungsversuch als unzulässige, von Empfindlichkeit befreite Einmischung bewerten. Das ist der Grund, weshalb ihr bleiben müsst, wo ihr seid. / Freitag-Blog

*) Und für mich großartige Autoren

Leseecke 4

Leseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonette 1-7 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

4

VNthrifty louelinesse why dost thou spend,
Vpon thy selfe thy beauties legacy?
Natures bequest giues nothing but doth lend,
And being franck she lends to those are free:
Then beautious nigard why doost thou abuse,
The bountious largesse giuen thee to giue?
Profitles vserer why doost thou vse
So great a summe of summes yet can’st not liue?
For hauing traffike with thy selfe alone,
Thou of thy selfe thy sweet selfe dost deceaue,
Then how when nature calls thee to be gone,
What acceptable Audit can’st thou leaue?
     Thy vnus’d beauty must be tomb’d with thee,
     Which vsed liues th’executor to be.

Einige Anmerkungen zum Text:

VNthrifty verschwenderisch, unrentabel; ältere Wortbedeutung: unkeusch, lüstern (dazu spend / Vpon thy selfe (masturbieren). Wieder aufgegriffen in 11 traffike a) Handel, b) sexueller Handel/Verkehr.

bequest Vermächtnis

those are those that are

5 nigard Knauser

giue give

10 deceaue deceive (täuschen)

11 Audit Rechnungsprüfung

14 vsed (used) wurde zweisilbig gesprochen: usèd; executor Testamentsvollstrecker (also hier ein Sohn)

Deutsche Fassung von Max Josef Wolff:

SHAKESPEARES SONETTE. ÜBERSETZT VON MAX JOSEF WOLFF. BERLIN: B. BEHR, 1903
SHAKESPEARES SONETTE. ÜBERSETZT VON MAX JOSEF WOLFF. BERLIN: B. BEHR, 1903

Kommentar zu Wolffs Übersetzung:

Das Sonett mischt  finanzökonomischen Wortschatz mit sexuellen Anspielungen. Ersterer ist in dieser Übersetzung stark abgemildert (Rechenschaft statt Rechnungsprüfung) und letztere fehlen ganz. Shakespeares eindeutig zweideutiges „Verkehr zu haben nur mit dir allein“ (wie Plessow fast wörtlich übersetzt) wird bei Wolff verschleiert zu „Ziehst du dich einsam in dich selbst zurück“. Aber es geht hier doch um Kinderzeugen, möchte man dem wilhelminischen Übersetzer zurufen. (Interessant wäre eine experimentelle Übersetzung, die einmal ganz auf den bei Wolff getilgten und bei anderen gemilderten sexuellen Kontext fokussiert.) (Morgen mal nachsehen, wie George damit umgeht). Schade auch, daß das Oxymoron profitless usurer aufgelöst wird, das im Original Teil einer ganzen Kette ist.

Featured in Beyoncés album

Warsan Shire, the Somali-British poet whose words are featured in Beyoncé’s new globe-shaking Lemonade album, is a bard of these marginalised areas – she was even named the first Young Poet Laureate for London at 25.

Beyoncé reads parts of Shire’s poems, including For Women Who Are Difficult To Love, The Unbearable Weight of Staying (the End of the Relationship) and Nail Technician as Palm Reader in interludes between songs in her 12-track, hour-long video album that premiered this week. Truly, Shire was a brilliant choice for Beyoncé’s unapologetically black and female album: like the people and places from which they are woven, Shire’s poems – published in a volume titled Teaching My Mother How to Give Birth – are laden with longing for other lands and complicated by the contradictions of belonging in new ones. In Conversations about Home, she writes: “I tore up and ate my own passport in an airport hotel. I’m bloated with language I can’t afford to forget”, and: “They ask me how did you get here? Can’t you see it on my body? The Libyan desert red with immigrant bodies, the Gulf of Aden bloated, the city of Rome with no jacket.” / Rafia Zakaria, The Guardian booksblog

Wie relevant ist Lyrikkritik?

Befindet sich die Lyrikkritik in einem beklagenswertem Zustand? Das findet der Dichter Tristan Marquardt. In der aktuellen Debatte um Literaturkritik und Lyrik spielt nach Einschätzung unseres Autors vor allem eines die Hauptrolle: die Unsicherheit über das, was Kritik ist und sein kann. Spannend auch, wo die Kritik eigentlich stattfindet. Und wo nicht.

(…)

In den Feuilletons der Tageszeitungen, auf deren Online-Plattformen oder im Radio dazu kein Wort. Auch eine kundige Lyrik-Leserin wie Marie-Luise Knott verliert in ihrer Online-Kolumne beim Perlentaucher kein Wort über die aktuelle Debatte. Berührungslos ziehen die Dichter und ihre wechselseitigen Selbstbeobachtungen ihre Kreise.

/ Guido Graf, DLF

Die Lyrik „zieht um“

Die Überschrift klingt vielversprechend:

SPECIAL zu »DVA Jahrbuch der Lyrik«

Das „Special“ entpuppt sich dann als Spezialbezeichnung für eine fallengelassene heiße Kartoffel. Lyrik ist bekanntlich seit einiger Zeit heiß, sexy als auch im Aufwind, das sagen alle. Randomhouse sagt es so:

Das Jahrbuch der Lyrik zieht um.

„Zieht um“, das sitzt! Man weiß sozusagen nicht ob aus freien Stücken oder gezwungener Maßen, man weiß auch noch nicht wohin die Reise / der Umzug geht, nicht einmal ob es überhaupt ein Ziel gibt, aber: „zieht um“:

Bis ein Verlag für das nächste Jahrbuch der Lyrik gefunden ist, können Sie ihre Gedichte für das Jahrbuch 2017 an die alte Adresse lyrikjahrbuch@dva.de mailen. Wir sammeln alle Einsendungen und leiten sie dann an den neuen Jahrbuch-Verlag und die Herausgeber weiter.

Ich vermute mal: sie wollen das Lyrikjahrbuch aus der Verlegenheit befreien, im Verlag von Sarrazin zu erscheinen. (Mischfinanzierung war auch ein Thema heute. Keins für Randomhouse, spätestens jetzt weiß man es.).

Poesie ist immer Avantgarde!

Papagei auf dem Motorrad – Poesie ist immer Avantgarde!

Tschechische Lyrik im 20. Jahrhundert

Ein Kooperationsprojekt von Café Fra (Prag), Tschechischem Zentrum München und der Stiftung Lyrik Kabinett

Der tschechische Nobelpreisträger Jaroslav Seifert, sein Zeitgenosse Vladimír Holan, Jan Skácel oder Petr Borkovec – alle diese Dichter sind Lesern, Kennern und Liebhabern von Poesie in Deutschland längst gut bekannt. Doch woher kommen sie? In welcher poetischen Tradition und welchem Kontext stehen ihre Werke? Davon weiß man hierzulande trotz einiger Anthologien und Übersetzungen immer noch (zu) wenig.

Dies soll nun ein deutsch-tschechisches Kooperationsprojekt ändern:  Unter dem Titel „Papagei auf dem Motorrad“ – wie Vítězslav Nezval sein Poetismus-Manifest von 1924 überschrieb  –  präsentiert es mit insgesamt vier Poesieabenden im Lyrik Kabinett Persönlichkeiten und Strömungen der tschechischen Dichtung vom Poetismus (der spezifisch tschechischen avantgardistischen Kunstrichtung der 1920er Jahre) bis heute und zeigt die eindrückliche Kontinuität ihres avantgardistischen Potentials.  Programmatisch sollen dabei vor allem die Lyriker selbst das Wort haben: Ausgewählte tschechische Dichter unterschiedlicher Generationen und Richtungen werden über ihre Vorläufer und ihre eigene Poesie sprechen, zum Teil anhand von Übersetzungen, die speziell für diese Abende entstehen. Die Konzeption und Koordination des Projekts hat Dr. Zuzana Jürgens inne, die Bohemistin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des Adalbert Stifter Vereins ist und von 2009–2014 Leiterin des Tschechischen Zentrums München war.

Die Auftaktveranstaltung zum Poesie-Zyklus wird von dem tschechischen Dichter Petr Borkovec, dem Slavisten und Übersetzer Urs Heftrich sowie der Slavistin Jeanette Fabian bestritten und findet am 11. Mai im Lyrik Kabinett München statt.

Flankierende Veranstaltungen werden von Kooperationspartnern – u. a. dem Institut für Slavische Philologie der  Ludwig-Maximilian-Universität – ausgerichtet.

Projektpartner: Café Fra, Prag, Institut für Slavische Philologie der Ludwig-Maximilian-Universität München, Tschechisches Zentrum München, Generalkonsulat der Tschechischen Republik in München

Mit freundlicher Unterstützung des Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds in Prag und des Kulturministeriums der Tschechischen Republik.

Nähere Informationen zu den Einzel-Veranstaltungen finden Sie unter:

http://munich.czechcentres.cz/programm/literatur/page:1/

Petr Borkovec (Copyright:  Štěpán Valenta)
Petr Borkovec (Copyright: Štěpán Valenta)