Der in Frankfurt am Main lebende Dichter, Künstler und Essayist Franz Mon feiert am 6. Mai seinen 90. Geburtstag. Wir gratulieren!
schreibt hundertvierzehn.de und stellt zur Feier des Tags Mons Kommentar zu seinem Text „Perkussion“ online.

Dieter Gräf über die Lyrikszene (heute bei Facebook)
Das ist irgendwie wahr und irgendwie Käse. Das Image der Lyrik hat sich positiv verändert, insbesondere wenn man „jung“ addiert. Man denkt nun an eine fluffige Szene, gut besuchte Festivals, an eine sympathische Variante des prekären Lifestyle. Vormals verband man das eher mit Schulunterricht, Schwere, Unverständlichem, Einzelgängertum, einem absterbenden Ast über dem Boden möglicher Peinlichkeiten. Ob ein Imagewandel den „Stellenwert der Lyrik innerhalb der Literatur“ stark beeinflusst? Da habe ich Zweifel und auch, ob die Stimmen außerhalb der Community stärker wahrnehmbar wurden. Jandl konnte immerhin große Säle füllen, auch Erich Fried. Enzensberger, Rühmkorf, Sarah Kirsch, Domin, Gernhardt, Brinkmann, Volker Braun, Mayröcker, was immer man im Einzelnen von ihnen halten mag, beschäftigten Leser über Jahrzehnte, das gilt auch für Thomas Kling. Dass es mehr Verlage gäbe, die Lyrik „produzieren“, bestreite ich. Das Eis ist sehr dünn, will man einigermaßen dauerhaft und auch außerhalb einer Community wahrgenommen werden. Ich finde es verblüffend, wie lose das Verhältnis von Image und Realien ist.
Zu dieser Meldung:
Der Stellenwert der Lyrik innerhalb der Literatur ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Die Lyrik geniesst mehr Aufmerksamkeit, es gibt mehr Verlage, die Lyrik produzieren, und sie ist an Literaturfestivals präsenter – auch an den Solothurner Literaturtagen.SRF.CH
Jan Kuhlbrodt über Kritik (heute bei Postpoetry)
Der Witz ist, dass eine mehrheitlich konservative Produzentenschar auf eine mehrheitlich konservative Leserschaft trifft. Die Kritik soll dann zwischen beiden vermitteln. Das übersteigt ihr Vermögen, weil das Unverständnis auf beiden Seiten strukturell ist. Konservativismus auf Seiten der Leserschaft heißt, dass man nach Strukturen und Effekten sucht, die sich in der Überlieferung bereits ereignet haben. Oder in der Vorstellung dessen, was man mit Überlieferung bezeichnet. Sie vergisst dabei, dass Schreiben wie (Dante, Benn, Goethe … die Ikonen sind beliebig austauschbar) zu nix führt, ausser einer sofort sichtbaren Albernheit. Sie vergisst dabei aber auch, dass sich die Wirkmacht des Ikonischen nicht unmittelbar im Moment ihrer Produktion eingestellt hat, sondern im Rezeptionsprozess über die Zeit, zuweilen über Jahrhunderte mit Phasen des Vergessens, Wiederentdeckens und erneuten Vergessens, erst entwickelte oder entfaltete. Vom Kritiker zu verlangen, er solle diese künftige Wirkung unmittelbar erkennen, ist doch zu viel verlangt. Er kann aber Potenziale aufspüren. Zeiteinschlüsse. Er kann mutmaßen.
Eine zweisprachige vietnamesisch-deutsche Version der „Truyên Kiêu“ (Geschichte der Kiêu), Hauptwerk des großen Dichters Nguyen Du (1765-1820), wurde am 1. Mai in Berlin vorgestellt.
Die von Truong Hong Quang herausgegebene Ausgabe mit der Übersetzung von Irene und Franz Faber wurde finanziert vom Verband vietnamesischer Unternehmer in Deutschland.
Das vor 200 Jahren geschriebene Buch sei zum Symbol der vietnamesischen Sprache und Literatur geworden, unterstrich Dr. Truong Hong Quang.
Die deutsche Version war bereits 1964 und 1980 publiziert worden. Um es übersetzen zu können, habe das Übersetzerehepaar sieben Jahre dem Lernen der vietnamesischen Sprache, der Recherche und der Erforschung von Sinn und Geist dieses Versromans gewidmet.
Das „Truyên Kiêu“ oder „Kim Vân Kiêu“ ist ein Roman in 3254 Versen in der traditionellen Versform Lục-bát (6- bis 8-Füßer). Es erzählt vom Leben, den Prüfungen und Mißgeschicken von Thuy Kiêu, einer schönen und begabten jungen Frau, die ihre Liebe und ihr Leben opferte, um ihre Familie zu retten. Es gilt als das wichtigste Werk der vietnamesischen Literatur.
Der Dichter Nguyên Du, auch bekannt unter den Namen Tô Nhu und Thanh Hiên, wurde 2003 von der UNESCO als einer von 108 bedeutenden Persönlichkeiten der Weltkultur anerkannt. / vietnamplus.vn
In L&Poe
Aus einem Essay von Felix Philipp Ingold, Volltext 3/2015
Längst vorbei sind die asketischen Zeiten auktorialer Selbstentmächtigung und Anonymisierung, da das Hauptinteresse den Texten galt und die Bücher auch äußerlich – durch sparsame typografische Umschlaggestaltung – primär in ihrer Qualität als Schriftwerke präsentiert wurden. Vorbei die autoritäts- und traditionsfeindliche Auffassung von Literatur als Experiment, als ludistische Kombinatorik oder auch – auf der Gegenseite – als reine Faktografie („Arbeiterliteratur“, „Industriereportage“, Sozialrapport“ u. ä. m.), eine Auffassung, die für den Autor bloß noch die Rolle eines Berichterstatters oder dann eben eines Arrangeurs, gern auch eines „Bastlers“, eines „Handwerkers“ vorsah.
Programmatisch elitäres und programmatisch populäres Literaturverständnis treffen sich in der gemeinsamen Abwertung traditioneller Autorschaft und der Ablösung des Urhebers durch den Macher (als textbezogener Formalist) oder den engagierten Zeitzeugen (als weltbezogener Dokumentalist) – in beiden Fällen unterwirft sich der Autor freiwillig der Eigengesetzlichkeit seines Materials und seiner Technik, verzichtet auf werkherrschaftliche Autorität und damit auch auf die Ambition, persönliche Erfahrungen und Überzeugungen zum Gegenstand schöner Literatur zu machen.
Erstaunlich bleibt die Tatsache, dass Autoren, die auf solche Weise ihr „Verschwinden“ betreiben, nicht anonym oder unter Pseudonym publizieren, sondern durchwegs den eigenen Namen verwenden, um damit eben doch ihren Anspruch auf Originalität und Unverwechselbarkeit zu behaupten. Das trifft – um nur zwei gegensätzliche Einzelfälle zu nennen – auf den Wortakrobaten Oskar Pastior und den Betriebsreporter Günter Wallraff gleichermaßen zu: Beide können und wollen aufgrund ihrer jeweiligen Schreibverfahren nicht als individuelle „Schöpfer“ ihrer Werke gelten.
War das Bild des Autors als Privatperson in den 1960er-, 1970er-Jahren kaum noch von Interesse, so hat es heute integralen Anteil am Werk. Vordergründig wird dies dadurch signalisiert, dass Schriftsteller – und mehr noch Schriftstellerinnen – ihr Image in der Werbung immer häufiger und immer spektakulärer zur Geltung bringen: Offenkundig stehen sie lieber vor dem Werk als hinter ihm, und selbstverständlich wissen sie, dass ein „Star“, ein „Überflieger“, ein „Fräuleinwunder“ besser zu vermarkten ist als ein Textangebot, dessen Qualitäten sich naturgemäß nicht visualisieren, sondern einzig über kritische Lektüre erschließen lassen. Das Feuilleton bestätigt diesen Sachverhalt durch die großzügige Bebilderung von Rezensionen, die dem Konterfei des Autors oft ebenso viel, wenn nicht mehr Platz einräumen als dem Besprechungstext.
Bloß gelesen zu werden, genügt nicht mehr, scheint heute auch gar nicht wirklich relevant zu sein für die Fundierung einer literarischen Existenz, derweil es unabdingbar darauf ankommt, gesehen, gehört und solcherart „erlebt“ zu werden. „Hautnah“, „zum Anfassen“, „im Gespräch“ bieten sich die meisten Autoren noch so gern an – durch ihre Realpräsenz machen sie Literatur tatsächlich zum „Erlebnis“ und ermöglichen damit, in der konkreten Wortbedeutung, einen Akt des „Begreifens“.
Statt Romanen, Erzählungen, Gedichten liest man, metonymisch, die Literaten selbst – den neuen Kehlmann, die neue Lewitscharoff, den Büchnerpreisträger Goetz: Das Image des Literaten steht im Vordergrund, das Werk bildet lediglich den Kontext dazu und hält die Zitate bereit, die das Image bestätigen.
Die Wiederkehr des Autors als Person bringt – von Ausnahmen stets abgesehen – einen neuen Realismus zur Geltung, der in erster Linie der Aufrichtigkeit verpflichtet ist und seine Rechtfertigung im subjektiven „Erleben“ des Schreibenden findet. Aus eigener Erfahrung, eigenem Leid, eigenem „Schicksal“ (oder auch bloß aus eigener Beobachtung fremder „Schicksale“) wird der Stoff für literarische Gestaltung heute gemeinhin gewonnen.
Mara Genschel: Referenzfläche #5. 2016
Sie waren in Sachen Hausacher »Leselenz« in Slowenien und haben von dort gute Neuigkeiten mitgebracht?
José F. A. Oliver: Ja, der Hausacher »Leselenz« ist eine Kooperation mit 14 europäischen Literaturfestivals eingegangen. Die Fäden laufen in Ljubljana zusammen. Das EU-Projekt heißt »Versopolis«, auf Deutsch in etwa »Stadt oder gar Land der Verse«. Durch diese Kooperation wird der »Leselenz« noch internationaler und bekommt zum ersten Mal auch Gelder von der EU. Die Finanzen werden in der slowenischen Hauptstadt verwaltet. Ich war dort, um über organisatorische Details zu sprechen. Wir laden nun jedes Jahr bis zu fünf Dichterinnen und Dichter aus dem europäischen Ausland ein. 2016 kommen diese aus Schweden, Frankreich, Polen. Das ist eine feine Sache. Ihre Lesungen sind dann in Hausach jeweils zweisprachig. / Baden online
Leseecke ist eine Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen* mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonette 8-14 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
*) Oder ein paar mehr; weil es Tage geben wird, wo die Zeit fehlt.
8
MVsick to heare, why hear'st thou musick sadly, Sweets with sweets warre not, ioy delights in ioy: Why lou'st thou that which thou receaust not gladly, Or else receau'st with pleasure thine annoy? If the true concord of well tuned sounds, By vnions married do offend thine eare, They do but sweetly chide thee, who confounds In singlenesse the parts that thou should'st beare: Marke how one string sweet husband to an other, Strikes each in each by mutuall ordering; Resembling sier, and child, and happy mother, Who all in one, one pleasing note do sing: Whose speechlesse song being many, seeming one, Sings this to thee thou single wilt proue none.
Einige Anmerkungen zum Text:
1 MVsick to heare a) when there is music to hear b) you, who are music to listen to
2 warre to war kämpfen
3 lou’st lovest receaust receivest (hörst, empfängst)
4 annoy Ärger (ennui)
5 true concord perfekte Harmonie tunèd (zweisilbig)
6 vnions married verheiratete Einheiten, also diese Harmonien (Musik /Ehe)
7 sweetly chide sanft tadeln confounds zunichtemacht
8 in singlenesse a) vernichtest durch dein Singlesein b) indem du deine Stimme dem Wohlklang entziehst parts entsprechend dem Doppelsinn a) musikalische Stimmen b) Rollen als Ehemann und Vater
9 nach string (Saite) ist ein Komma zu denken
10 mutuall ordering die Saiten der Laute werden auf einen Ton gestimmt, um harmonisch zu klingen
11 sier sire (Vater) – so wie Vater Kind und Mutter denselben Ton „singen“
14 thou … none in Anführungsstrichen zu denken als musikalische Mahnung an dich
Deutsche Fassung von Dorothea Tieck:
Musik, wie hörst du sie mit trüben Blicken?
Kämpft Süß mit Süß? Freut sich nicht Lust der Lust?
Wie liebst du das, was doch nicht kann beglücken?
Und drückst den Schmerz mit Freud‘ an deine Brust?
Kann wohlgestimmter Saiten Harmonie,
Vermählt im Dreiklang, nicht dein Ohr ergötzen?
Nein, denn den Einzeln steh’nden schelten sie,
Der so den Ton des Ganzen darf verletzen.
Merk‘, wie die Saiten zart vermählet sind,
Durch Wechselwirkung in einander klingen,
Wie Vater, Mutter und das holde Kind,
Die, eins in Lieb‘, ein süßes Lied nur singen.
Wortloser Sang von Vielen scheint nur Einer,
Und spricht zu dir: Du Einzelner wirst Keiner.
Dienstag, den 24. Mai 2016 / 19:00 – 21:30 Uhr / The Arts Arena, Columbia Global Centers, 4 rue de Chevreuse, 75006 Paris
Anlässlich der Einweihung des Celan Denkmals durch den Bürgermeister von Paris spricht der Bildhauer Alexander Polzin mit Margery Arent Safir in der Arts Arena über seine Arbeit als Künstler und seine Beschäftigung mit Paul Celan. Im Gespräch wird es um die Rolle von Kunst in der öffentlichen Wahrnehmung, ihren Einfluss auf das Leben in der Stadt und die aktuelle Haltung ihrer Bewohner gehen.
EINWEIHUNG DES DENKMALS FÜR PAUL CELAN VON ALEXANDER POLZIN
Dienstag, den 31. Mai 2016 / 15:00 Uhr / Jardin Anne Frank, 14 Impasse Berthaud, 75003 Paris / Im Anschluss: Institut d’études avancées de Paris, 17 quai d’Anjou, 75004 Paris
Die Stadt Paris, die Deutsche Botschaft und das Goethe Institut Paris laden gemeinsam zur Einweihung des Denkmals für den Dichter der „Todesfuge“ in den Jardin Anne Frank. Im Anschluss werden im Institut d’Études Avancées de Paris (Hôtel de Lauzun) Vorträge von Christoph König und Krzysztof Pomian zu der Polzinschen Hommage an Paul Celan zu hören sein.
The 100th anniversary of Ishi’s death brings to mind the publication several years ago of a small book, Songs from a Yahi Bow – really a mini-anthology of writings on Ishi – assembled by Scott Ezell & including poems by Ezell, Yusef Komunyakaa, & Mike O’Connor, along with Thomas Merton’s 1968 essay “Ishi: A Meditation.” Ishi (the Yahi word means “man” or “human”) is well known through the writings of Theodora & Alfred L. Kroeber as the last known survivor of a small Indian community that suffered displacement & genocide during the final European conquest of America. That memory of course is a warning of dangers & holocausts to come, and much of Ezell’s work is concerned with a range of non-state cultures & a chronicling thereby of globally diverse crises & survivals.
Scott Ezell is a Pacific Rim poet & multi-genre artist with a background of independent study with the indigenous peoples of Taiwan, China, & Southeast Asia. He has published three volumes of poetry & over a dozen albums of original music, & has exhibited paintings in the US & internationally, as well as being involved in installation & performance art projects. His recent memoir, A Far Corner: Life and Art with the Open Circle Tribe (University of Nebraska Press), explores indigenous Taiwan through immersion in a nonconformist community of aboriginal musicians & artists. Since 2010 he has been working on a multi-volume poetry project, Zomia, about marginal landscapes & communities in the China-Burma-Laos border region. / Jerome Rothenberg, poemsandpoetics
Dass noch die Produktion von Landschaftsgedichten im 21. Jahrhundert von allerlei Aporien umstellt ist, davon zeugen nicht zuletzt jene Gedichte im Band, in denen die Lyrikerin auf den Spuren Bashos wandelt. Zwar stehen noch immer dunkelgrün die Kiefern im Park des verlorenen Mondscheins in Matsushima. Doch Plastikverpackungen, elektronisches Vogelgezwitscher und ein – Zitat – „Vergänglichkeitstrainer“ haben inzwischen die Herrschaft übernommen.
„Dunkel bemooste Wolken wandern
über nur flüchtig vorhandene Berge
und treiben weiter
in etwas hinein,
was gut und gerne das Nichts
sein könnte,
wäre es nicht bereits
etwas, Verhangenheit, Teil eines Parkplatzes,
vollkommen leer, bis auf ungezählte,
mit weißer Markierungsfarbe umrissene
Buchten.“
/ Claudia Kramatschek, DLF
Marion Poschmann: „Mondbetrachtung in mondloser Nacht“, Suhrkamp Verlag, 118 Seiten, Preis: 19,95 Euro
Marion Poschmann: „Geliehene Landschaften“, Suhrkamp Verlag, 218 Seiten, Preis: 18,00 Euro
Leseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen* mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonette 1-7 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
*) Oder ein paar mehr; weil es Tage geben wird, wo die Zeit fehlt.
7
LOe in the Orient when the gracious light, Lifts vp his burning head, each vnder eye Doth homage to his new appearing sight, Seruing with lookes his sacred maiesty, And hauing climb’d the steepe vp heauenly hill, Resembling strong youth in his middle age, Yet mortall lookes adore his beauty still, Attending on his goulden pilgrimage: But when from high-most pich with wery car, Like feeble age he reeleth from the day, The eyes (fore dutious) now conuerted are From his low tract and looke an other way: So thou, thy selfe out-going in thy noon: Vnlok’d on diest vnlesse thou get a sonne.
Einige Anmerkungen zum Text:
1 LOe lo, sieh
2 veach vnder eye under-eye a) jedes minderwertige Auge (Person) b) jeder Sterbliche (jeder unter [dem Auge der] der Sonne)
3 homage ist auch eine juristische Kategorie im Feudalrecht: die pflichtschuldige Verehrung der Sonne ist auch hier juristisch lesbar: es steht der Sonne (im Englischen maskulin) / dem Sohn (?) zu, jedes under-eye ist ihm verpflichtet
5 hauing having: bezieht sich eher auf die Sonne als auf die ihr huldigenden Wesen. Man beachte den Tempuswechsel vom Präsens zum Imperfekt und zurück (Burrow 2002) steepe vp steil
6 youth … middle age (13 in thy noone): dreigliedriges Schema des Menschenalters
9 high-most pich höchste Gipfel wery weary (müde) car Wagen
10 reeleth wankt, taumelt
11 fore before dutious gehorsam, pflichtgemäß
12 tract Pfad; hier auch zeitliche oder räumliche Ausdehnung
13 thy selfe out-going a) dich übernehmend b) dich überdauernd
14 Vnlok’d unlooked diest stirbst get a sonne zeugst einen Sohn
Deutsche Fassung von Stefan George:
Schau in den osten wie das gnädige licht
Sein brennend haupt erhebt: jed auge späht
In ehrfurcht zu der neu erschienenen sicht ·
Dient mit dem blick der heiligen majestät.
Und wenn es himmels steilen berg erklomm ·
Der jugend gleich in ihrer mittelkraft ·
So sehn die menschen seine schönheit fromm
Und warten seiner goldnen pilgerschaft.
Doch rollt von höchster höh mit müdem rad
Wie schwaches alter es vom tage fort ·
Wenden wir uns von seinem niedren pfad ·
Wir · vorher dienstbar · schaun zu andrem ort.
So stirbst du · wenn dein mittag dir entflohn ·
Unangesehen – zeugst du keinen sohn.
Retro-L&Poe
Lyrik verbirgt sich heute (30.5.2005) auch im Wissenschafts- und im Reiseteil der FAZ. Der Bericht über eine Tagung am Bielefelder „Zentrum für interdisziplinäre Forschung“ (veranstaltet von den Philosophen Eberhard Ortland aus Berlin und Reinold Schmücker aus Greifswald) über Urheberrechtsfragen titelt: „Wir fordern Fußnotenpflicht für Lyrik“. Darin u.a. folgender Fall:
Martha Woodmansee (Cleveland) etwa schloß aus der Tatsache, daß William Wordsworths Gedicht „Daffodils“ ein Spaziergang am See mit seiner Schwester zugrunde lag, daß also Wordsworth keineswegs „wandered lonely as a cloud“, auf eine Art Mitautorschaft der Schwester. Von deren Notiz über den Spaziergang wäre es allerdings erkennbar noch ein gutes Stück Arbeit gewesen. (…) „Vgl. auch den Spaziergang mit meiner Schwester“, erst das wäre korrekt.
(Wir müssen uns also nach den Fällen von Romanen und Theaterinszenierungen aus den letzten Jahren darauf einstellen, daß Juristen in der Lyrikdiskussion mitsprechen werden. Und das wird kommen.)
Hier das Gemeinschaftswerk von William Wordsworth und seiner Schwester:
I wandered lonely as a cloud
That floats on high o’er vales and hills,
When all at once I saw a crowd,
A host, of golden daffodils;
Beside the lake, beneath the trees,
Fluttering and dancing in the breeze.
Continuous as the stars that shine
And twinkle on the milky way,
They stretched in never-ending line
Along the margin of a bay:
Ten thousand saw I at a glance,
Tossing their heads in sprightly dance.
The waves beside them danced; but they
Out-did the sparkling waves in glee:
A poet could not but be gay,
In such a jocund company:
I gazed—and gazed—but little thought
What wealth the show to me had brought:
For oft, when on my couch I lie
In vacant or in pensive mood,
They flash upon that inward eye
Which is the bliss of solitude;
And then my heart with pleasure fills,
And dances with the daffodils.
Im Reiseblatt schließlich geht es um „Dichterdichte“ in Wales – also auch um Dylan Thomas.
Zachary Turpin aus Houston (…) hat (…) längst vergessene Zeitungen nach Whitman-Pseudonymen durchsucht und ist in einem Blatt namens „New York Atlas“, das sich in nur wenigen Exemplaren erhalten hat, auf die dreizehnteilige Fitnessserie eines gewissen Mose Velsor gestoßen, hinter dem sich nachweislich Whitman verbirgt.
Das 1858 erschienene Plädoyer „Manly Health and Training“ summiert sich in der Druckfassung des „Walt Whitman Quarterly“ auf reichlich hundert Seiten; es dürfte damit einer der umfangreichsten Texte Whitmans überhaupt sein und verwandelt den Barden der Demokratie in Amerikas Turnvater Jahn – einen gewissen Hang zum Teutonischen eingeschlossen. Der Rest – jedenfalls bis der Zeilenschinder Mose Velsor auf Hölzchen, Stöckchen und seine Weltanschauung kommt – ist klassische Ratgeberprosa und verblüffend modern. / Wieland Freund, Die Welt
On beards: „The beard is a great sanitary protection to the throat — for purposes of health it should always be worn, just as much as the hair of the head should be. Think what would be the result if the hair of the head should be carefully scraped off three or four times a week with the razor! Of course, the additional aches, neuralgias, colds, &c., would be immense. Well, it is just as bad with removing the natural protection of the neck; for nature indicates the necessity of that covering there, for full and sufficient reasons.“
On dancing: „We recommend dancing, as worthy of attention, in a different manner from what use is generally made of that amusement; namely, as capable of being made a great help to develop the flexibility and strength of the hips, knees, muscles of the calf, ankles, and feet. Dancing, on true principles, would have ultimate reference to that, and would then, as an inevitable result, bring grace of movement along with it.“ / NPR
„Lyrik hat keine gesellschaftliche Bedeutung. Das liegt aber nicht an der Lyrikkritik, sondern an der Lyrik, die heute geschrieben wird. Wenn sie sich selbst genügt!“ (Artur Nickel mit Bezug auf Ioana Orleanu bei Fixpoetry). Das hätte auch Goethe über Hölderlin sagen können, und umgekehrt. „Aber sie können mich nicht brauchen“, sagt Hölderlin. Und auch Goethe und Schiller verloren ihre Illusionen über ihre „gesellschaftliche Bedeutung“. Welche Bedeutung hatten Goethes Balladen? Man konnte sie als Schulstoff gebrauchen / als zivilisierte Form des Zuchtstocks. (Fällt weitgehend weg). Man konnte sie in Leder mit Goldschnitt ins Bücherregal stellen, machten damals alle Bildungsbürger. Fällt weg. Goethes Wort für „Sichselbstgenügen“ war „das Inkommensurable“*, wir sprechen heute von Autonomie. Hölderlin unternahm den heroischen Versuch, der Lyrik die Funktion zurückzugeben, die sie zumindest nach dem damaligen Antikebild bei den Griechen hatte, wo Hymnen für Tempel und Siegerehrungen gebraucht wurden, Elegien für „multimediale“ Performances, Dithyramben für orgiastischen Götterkult, Epigramme für Grabsteine. Die Antike ist vorbei, Hölderlin ist gescheitert, „wozu Dichter in dürftiger Zeit“ war die Bilanz**. Die hartnäckige Verkürzung (wenn die Dichter wie Goethe schreiben würden, oder wie Hölderlin, wie neulich einer in Greifswald sagte, oder wie Benn (Orleanu) oder Jan Wagner oder oder… hätten sie auch keine „gesellschaftliche Bedeutung“ (würden nicht mehr Bücherpreise bekommen und nicht mehr Bücher verkaufen. Oder glaubt jemand, Jan Wagners Erfolg sei wiederholbar?) (Benn hatte ihn auch nicht, er hat es uns vorgerechnet.)
Wir haben das Rad nicht erfunden (Peter Rühmkorf wußte das noch), und auch nicht die „Krise der Lyrik“ oder der „Lyrikkritik“.
*) Ich weiß, verkürzt, aber Fakt bleibt doch Fakt.
**) Einen andern Schluß zog Ernst Jandl: „aber der Ton und das Wasser drehen sich weiter / in den Hütten der Töpfer“.
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