Schottland, Frauen und Verse

Die Royal Bank of Scotland teilt mit, daß auf der neuen £5-Note die Romanautorin und Lyrikerin Nan Shepherd abgebildet wird. Nan Shepherd (11.2. 1893 – 23.2. 1981) stammte aus Aberdeen, wo sie über vier Jahrzehnte Lehrer unterrichtete. Sie schrieb Romane, die im ländlichen Nordosten Schottlands handeln. In ihren Romanen und Gedichten spielt die schottische Landschaft eine große Rolle. Hinter dem Bild befindet sich ein Zitat aus ihrem Wanderbuch.

Auf der Rückseite des Scheins gibt es das Bild zweier Makrelen, wertvollster Schatz der schottischen Fischfangindustrie, sowie einen Auszug aus dem Gedicht „The Choice“ von Sorley MacLean.

Die Wissenschaftlerin Mary Somerville wird auf der £10-Note abgebildet, die nächstes Jahr in Umlauf kommt. Auf der Rückseite zwei spielende Otter und ein Zitat aus dem Gedicht „Moorings“ von Norman MacCaig. / BBC

Leseecke 1

Leseecke ist eine neue Rubrik, die sich der Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde in den nächsten 154 Tagen mir jeden Tag eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und von Fall zu Fall zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts).
Sonette 1-7 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

1

FRom fairest creatures we desire increase,
 That thereby beauties Rose might neuer die,
 But as the riper should by time decease,
 His tender heire might beare his memory:
 But thou contracted to thine owne bright eyes,
 Feed’st thy lights flame with selfe substantiall fewell,
 Making a famine where aboundance lies,
 Thy selfe thy foe, to thy sweet selfe too cruell:
 Thou that art now the worlds fresh ornament,
 And only herauld to the gaudy spring,
 Within thine owne bud buriest thy content,
 And tender chorle makst wast in niggarding:
    Pitty the world, or else this glutton be,
    To eate the worlds due, by the graue and thee.

Einige Anmerkungen zum Text:

1 increase hier: Nachwuchs, Nachkommen

2 neuer never (wie in deutschen Texten der Zeit sind u und v ohne erkennbare Regel austauschbar)

3 the riper die reifere (Rose)

4 heire Erbe, Nachkomme

5 contracted a) anvertraut, verlobt, b) geschrumpft, eingeschränkt

6 self-substantial von deiner eignen Substanz zehrend

10 gaudy froh, erfreulich

11 content a) Glück, b) Inhalt (also hier Nachkomme, das was du enthältst). Damals auf der zweiten Silbe betont.

12 tender churl liebenswerter Knauser niggarding geizen, knickern

13: hab Erbarmen mit der Welt, sonst wirst du so ein Vielfraß

14 the world’s due was du der Welt schuldest (Kinder) by the… das Grab oder du selbst verzehren es

Deutsche Fassung von Karl Kraus:
Ein schönes Wesen wünscht man fortgesetzt,
daß nie der Schönheit Rose ganz vergehe,
und welkt sie durch die Zeit, daß unverletzt
im schönen Sproß das Schöne auferstehe.

Du aber, nur dem eignen Strahl verbunden,
du, nur genährt, verzehrt von deinem Glanze,
du hast, dich neidend, deinen Feind gefunden,
der dir im Vollbesitz mißgönnt das Ganze.

Du, der die Welt beglückt mit jedem Reiz,
des Frühlings Herold, der mit vollen Händen
versagt im Spenden, du gewährst dem Geiz,
dich endlich in dir selber zu verschwenden.

Gewähre dich der Welt, der zugehört
die Schönheit, die das Grab der Zeit verzehrt.

Ocol’s swipe

This week we end Ocol’s swipe across the African continent on a cultural mission of cleansing. His intent to put to extinction works of academics that are inclined to preserving the cultural life of an ancient continent is thorough and profoundly deep. The attack on moribund philosophies and ideological cultural leanings of literary movements like Negritude, African Personality, Bantu Philosophies and a panoply of African court poets is intentional and Ocol would offer no apologies for it.No matter how strong the protest Aime Cesaire would make on behalf of others such philosophies have certainly had their day, so says Ocol:

My negritude is not a stone, its deafness hurled against the clamour
Of the day,
My negritude is not a speck of dead water on the dead eye of the
Earth
My negritude is neither a tower nor a cathedral
It thrusts into the red flesh of the soil
It thrusts into the burning flesh of the sky

Forget the rhetoric: who cares if negritude is not a stone or speck of dead water? Ocol would not care even if it was not a Cathedral, Tower or whatever else. As a matter of fact, it is a stone that has smashed the progress which Africa needs the most; it is a speck of dead water that has dwarfed the growth of Ocol’s development of Africa. Despite its fine imagery, the thrust is a mere fantasy typical of Negritudists; Ocol would simply muse about it. All assumed African cultural apologists need not live to resurrect such reservoirs of shame and retrogression whether they appear in form of University academics, historians or anthropologists or Negroes in search of roots on the Africa soil, or indeed in the glittering images of metaphysical union between man and earth as in the glamorous poetry of Cesaire. Apparently, this brand of cultural chauvinists is little hard nut to crack compared to rural tribal dogmatists whose roots are not deep enough to resist any intended crusade of annihilation.

(…)

Dear reader, we end our examination of Ocol’s attack on Lawino at this point. I am sure a conclusion can be made about the new Africa set against the back drop of the old, an embodiment of Lawino and her kind. Okot’s attempt was to give us a response through Ocol to Lawino’s lamentations. It is up to the reader to draw a conclusion as to exactly where we are now and the kind of Africa Ocol is carving for his generation (or, is it ours?)

/ Hildah Lumba, Times of Zambia

(Ocol und Lawino sind Figuren aus zwei komplementären englischsprachigen Versepen des ugandischen Dichters Okot p’Bitek: Ocols Lied / Lawinos Lied)

Leseecke Shakespeare

Ein großartiges Projekt der Signaturen und Günter Plessows, in den kommenden 22 Wochen sämtliche 154 Sonette Shakespeares sowie das Erzählgedicht A Lover’s Complaint im Original und Plessows Übersetzung aus KRITIK DER LIEBE –– Shakespeare’s Sonnets & A Lover’s Complaint –– wiedergelesen und wiedergegeben von Günter Plessow.  (Passau, Karl Stutz Verlag, 2003) in faßlichen Portionen von je sieben Texten pro Woche zu veröffentlichen. Ich möchte die Gelegenheit für eine Neulektüre nicht versäumen. Jeden Tag 1 Sonett kann man gut schaffen, egal was man sonst liest und tut. Mit Erlaubnis von Kristian Kühn richte ich hier eine Shakespeare-Leseecke ein und lade neugierige Leser zum Mitlesen und Hin- und Herklicken ein. Die ersten sieben Sonette sind Online in beiden Fassungen mit einem Kommentar des Übersetzers

Sonette 1-7 Plessow

Signaturen wird jeden Tag ein Gedicht aus Plessows Fassung präsentieren. Meine Leseecke verlinkt darauf und stellt hier den Originaltext mit zusätzlichem Material (mindestens aber eine ältere Übertragung) dazu. Vielleicht mag jemand parallel mitlesen. In der Leseecke könnten Hinweise und Leserkommentare zum Original oder der Übersetzung zusammengetragen werden. Wer macht mit?

 

 

Poetopie

euer Opa? wieder mal fängt der Kontinent von vorne an

Hansjürgen Bulkowski

Sanft gestartet

Friederike Mayröcker im Interview mit dem Standard:

STANDARD: Gestartet sind Sie mit sanfteren Texten. Ihre ersten Gedichte haben Sie 1946 in Otto Basils Literaturzeitschrift „Plan“ veröffentlicht. „Vision eines Kindes. Erträumter einsamer blauer Engel …“

Mayröcker: Ja. Ja. Ja. Dort habe ich etliche Gedichte veröffentlicht. Es war schön im „Plan“ damals. Milo Dor, Ilse Aichinger, Erich Fried, alle waren dort. Und mein Anfang war wirklich zartsinnig und sehr religiös angehaucht, so würde ich heute nicht mehr schreiben. So etwas mag ich gar nicht mehr. Damals habe ich übrigens noch mit der Hand, dem Stift geschrieben. – derstandard.at/2000035216000/Mayroecker-Ich-schreibe-um-mein-Leben

Zum Schäkespears Tag

Eine Rede  zu Ehren des britischen Dichters, gehalten von Goethe am 14.10. 1771 in Frankfurt/ Main
Mir kommt vor, das sey die edelste von unsern Empfindungen, die Hoffnung, auch dann zu bleiben, wenn das Schicksaal uns zur allgemeinen Nonexistenz zurückgeführt zu haben scheint. Dieses Leben, meine Herren, ist für unsre Seele viel zu kurz, Zeuge, dass ieder Mensch, der geringste wie der höchste, der unfähigste wie der würdigste, eher alles müd wird, als zu leben; und dass keiner sein Ziel erreicht, wornach er so sehnlich ausging – denn wenn es einem auf seinem Gange auch noch so lang glückt, fällt er doch endlich, und offt im Angesicht des gehofften Zwecks, in eine Grube, die ihm, Gott weis wer, gegraben hat, und wird für nichts gerechnet.

Für nichts gerechnet! Ich! Da ich mir alles binn, da ich alles nur durch mich kenne! So ruft ieder, der sich fühlt, und macht grosse Schritte durch dieses Leben, eine Bereitung für den unendlichen Weeg drüben. Freylich ieder nach seinem Maas. Macht der eine mit dem stärcksten Wandertrab sich auf, so hat der andre siebenmeilen Stiefel an, überschreitet ihn, und zwey Schritte des letzten bezeichnen die Tagreise des ersten. Dem sey wie ihm wolle, dieser embsige Wandrer bleibt unser Freund und unser Geselle, wenn wir die gigantischen Schritte ienes, anstaunen und ehren, seinen Fustapfen folgen, seine Schritte mit den unsrigen abmessen.

Auf die Reise, meine Herren! die Betrachtung so eines einzigen Tapfs, macht unsre Seele feuriger und grösser, als das Angaffen eines tausendfüsigen königlichen Einzugs.

Wir ehren heute das Andencken des grössten Wandrers und thun uns dadurch selbst eine Ehre an. Von Verdiensten die wir zu schätzen wissen, haben wir den Keim in uns.

Erwarten Sie nicht, das ich viel und ordentlich schreibe, Ruhe der Seele ist kein Festtagskleid; und noch zur Zeit habe ich wenig über Shakespearen gedacht; geahndet, empfunden wenns hoch kam, ist das höchste wohin ich’s habe bringen können. Die erste Seite die ich in ihm las, machte mich auf Zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stund ich wie ein blindgebohrner, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenckt. Ich erkannte, ich fühlte auf’s lebhaffteste meine Existenz um eine Unendlichkeit erweitert, alles war mir neu unbekannt, und das ungewohnte Licht machte mir Augenschmerzen. Nach und nach lernt ich sehen, und, danck sey meinem erkenntlichen Genius, ich fühle noch immer lebhafft was ich gewonnen habe.

Ich zweifelte keinen Augenblick dem regelmäsigen Theater zu entsagen. Es schien mir die Einheit des Orts so kerckermäsig ängstlich, die Einheiten der Handlung und der Zeit lästige Fesseln unsrer Einbildungskrafft. Ich sprang in die freye Lufft, und fühlte erst dass ich Hände und Füsse hatte. Und ietzo da ich sahe, wieviel Unrecht mir die Herrn der Regeln in ihrem Loch angethan haben, wie viel freye Seelen noch drinne sich krümmen, so wäre mir mein Herz geborsten, wenn ich ihnen nicht Fehde angekündigt hätte, und nicht täglich suchte ihre Türne zusammen zu schlagen.

Das griechische Theater, das die Franzosen zum Muster nahmen, war, nach innrer und äuserer Beschaffenheit, so, dass eher ein Marquis den Alcibiades nachahmen könnte, als es Corneillen dem Sophokles zu folgen möglich wär.

Erst Intermezzo des Gottesdiensts, dann feyerlich politisch, zeigte das Trauerspiel einzelne grose Handlungen der Väter, dem Volck, mit der reinen Einfalt der Vollkommenheit, erregte ganze grose Empfindungen in den Seelen, denn es war selbst ganz, und gros.

Und in was für Seelen!

Griechischen! Ich kann mich nicht erklären was das heisst, aber ich fühls, und berufe mich der Kürze halber auf Homer und Sophokles und Theokrit, die habens mich fühlen gelehrt.

Nun sag ich geschwind hinten drein: Französgen, was willst du mit der griechischen Rüstung, sie ist dir zu gros und zu schweer.

Drum sind auch alle Französche Trauerspiele Parodien von sich selbst.

Wie das so regelmäsig zugeht, und dass sie einander ähnlich sind wie Schue, und auch langweilig mit unter, besonders in genere im vierten Ackt das wissen die Herren leider aus der Erfahrung und ich sage nichts davon.

Wer eigentlich zuerst drauf gekommen ist die Haupt und Staatsaktionen auf’s Theater zu bringen weiss ich nicht, es giebt Gelegenheit für den Liebhaber zu einer kritischen Abhandlung. Ob Shakespearen die Ehre der Erfindung gehört, zweifl’ ich: genung, er brachte diese Art auf den Grad, der noch immer der höchste geschienen hat, da so wenig Augen hinauf reichen, und also schweer zu hoffen ist, einer könne ihn übersehen, oder gar übersteigen.

Shakespeare, mein Freund, wenn du noch unter uns wärest ich könnte nirgend leben als mit dir, wie gern wollt ich die Nebenrolle eines Pylades spielen, wenn du Orest wärst, lieber als die geehrwürdigte Person eines Oberpriesters im Tempel zu Delphos.

Ich will abbrechen, meine Herren, und morgen weiter schreiben, denn ich binn in einem Ton, der Ihnen vielleicht nicht so erbaulich ist als er mir von Herzen geht.

Shakespears Theater ist ein schöner Raritäten Kasten, in dem die Geschichte der Welt vor unsern Augen an dem unsichtbaaren Faden der Zeit vorbeywallt. Seine Plane sind, nach dem gemeinen Styl zu reden, keine Plane, aber seine Stücke, drehen sich alle um den geheimen Punckt, |: den noch kein Philosoph gesehen und bestimmt hat 😐 in dem das Eigenthümliche unsres Ich’s, die prätendirte Freyheit unsres Willens, mit dem nothwendigen Gang des Ganzen zusammenstösst. Unser verdorbner Geschmack aber, umnebelt dergestalt unsere Augen, dass wir fast eine neue Schöpfung nötig haben, uns aus dieser Finsternis zu entwickeln.

Alle Franzosen und angesteckte Deutsche, sogar Wieland haben sich bey dieser Gelegenheit, wie bey mehreren wenig Ehre gemacht. Voltaire der von ieher Profession machte, alle Maiestäten zu lästern, hat sich auch hier, als ein ächter Tersit bewiesen. Wäre ich Ulysses; er sollte seinen Rücken unter meinem Scepter verzerren.

Die meisten von diesen Herren, stosen auch besonders an seinen Carackteren an.

Und ich rufe Natur! Natur! nichts so Natur als Shakespeares Menschen.

Da hab ich sie alle überm Hals.

Lasst mir Lufft dass ich reden kann!

Er wetteiferte mit dem Prometheus, bildete ihm Zug vor Zug seine Menschen nach, nur in Colossalischer Grösse; darinn liegts dass wir unsre Brüder verkennen; und dann belebte er sie alle mit dem Hauchseines Geistes, er redet aus allen, und man erkennt ihre Verwandtschafft.

Und was will sich unser Jahrhundert unterstehen von Natur zu urteilen? Wo sollten wir sie her kennen, die wir von Jugend auf alles geschnürt und geziert an uns fühlen, und an andern sehen. Ich schäme mich offt vor Shakespearen, denn es kommt manchmal vor, dass ich beym ersten Blick dencke, das hätt ich anders gemacht! Hinten drein erkenn ich dass ich ein armer Sünder binn, dass aus Shakespearen die Natur weissagt, und dass meine Menschen Seifenblasen sind von Romanengrillen aufgetrieben.

Und nun zum Schluss, ob ich gleich noch nicht angefangen habe.

Das was edle Philosophen von der Welt gesagt haben, gilt auch von Shakespearen, das was wir bös nennen, ist nur die andre Seite vom Guten, die so nothwendig zu seiner Existenz, und in das Ganze gehört, als Zona torrida brennen, und Lapland einfrieren muss, dass es einen gemäsigten Himmelsstrich gebe. Er führt uns durch die ganze Welt, aber wir verzärtelte unerfahrne Menschen schreien bey ieder fremden Heuschrecke die uns begegnet: Herr, er will uns fressen.

Auf, meine Herren! trompeten Sie mir alle edle Seelen, aus dem Elysium, des sogenanndten guten Geschmacks, wo sie schlaftruncken, in langweiliger Dämmerung halb sind, halb nicht sind, Leidenschafften im Herzen und kein Marck in den Knochen haben, und weil sie nicht müde genug zu ruhen und doch zu faul sind um tähtig zu seyn, ihr Schatten Leben zwischen Myrten und Lorbeergebüschen verschlendern und vergähnen.

Todestage

Früher galt der 23. April 1616 als Todesdatum gleich zweier großer Dichter, William Shakespeare und Miguel de Cervantes. Inzwischen haben die Spanier ihr Datum korrigiert. Am 23. April wurde der Dichter begraben – man nimmt offiziell an, daß er am Tag davor starb. Er war 68 Jahre alt, Todesursache Diabetes. Das Sterbehaus in Madrid heißt heute Casa de Cervantes, Cervanteshaus.

Als Cervantes begraben wurde, blieben Shakespeare noch 10 Tage. Denn in Spanien galt schon der Gregorianische Kalender. Am 23. April alten Stils schrieben die kalendarisch moderneren katholischen Länder den 3. Mai. Am 3. Mai wird der Tod Shakespeares also genau 400 Jahre zurückliegen. Die Verschiebung gibt also den Vorteil – in England genau wie in Pommern und den meisten evangelischen Ländern, nur Preußen hatte sich auf Druck Polens dem päpstlichen Kalender schon angeschlossen –, die Wiederkehr eines Ereignisses im 17. Jahrhundert gleich zweimal zu begehen, am Kalenderdatum und noch einmal nach heutigem Kalender.

Shakespeares Lebensdaten ergeben übrigens eine praktische Eselsbrücke zur zeitlichen Zuordnung englischer und deutscher Literaturgeschichte. Shakespeare wurde im Jahr (15)64 geboren und starb 1616. Andreas Gryphius umgekehrt: geboren 1616, gestorben (16)64.

Einladung zum Shakespearejahr

Ein Knüller zum Shakespearejahr bei Signaturen:

Im Shakespeare-Jahr
sieben Sonette wöchentlich
– übersetzt und kommentiert
von Günter Plessow

Jeder Leser ist eingeladen, an den nächsten 155 Tagen jeden Tag ein Gedicht des englischen Barden zu lesen. Oder einmal am Wochenende alle sieben Wochengedichte:

Wir präsentieren Shakespeares Sonette für Anfänger, das heißt: für die Kenner, die anfangen, sich einzugestehen, wie wenig sie eigentlich von dem kennen, über den sie so viel gelesen und so oft gesprochen haben.

Wir präsentieren die ganze Sequenz, so wie sie dasteht: 154 Sonette, englisch und deutsch, in verdaulichen Portionen, wöchentlich sieben zum Septett gebündelt, zweiundzwanzig Wochen lang, ohne zu vergessen, das Erzählgedicht A Lover’s Complaint folgen zu lassen. Leser, die Lust haben, diesen Schritten zu folgen, werden entdecken, daß dies Werk kein Sammelband für Liebhaber panegyrischer Gedichte ist (aber auch kein in sich geschlossener Zyklus), sondern eine eigentümlich offene Komposition, die einem Takt folgt und deren Elemente eng und weiträumig aufeinander reagieren, vergleichbar einer lyrischen Suite mit vier kontrapunktisch angelegten Sätzen: 1. Maßvoll getragen, 2. maßlos erregt, 3. nebenbei bemerkt, 4. desillusioniert.

Staatspreise

In Österreich gibt es viele Staatspreise für Kunst und Literatur (-> Bundeskanzleramt).

Aus einer Mitteilung des Bundeskanzleramts:

„Rechtzeitig zum Welttag des Buches vergeben wir auch heuer wieder sechs wichtige Preise an herausragende Literaturschaffende. (…)

„In unserer durch Medien geprägten Welt sind wir bestens informiert und Wissen ist scheinbar mühelos immer und überall auf Knopfdruck abrufbar. Aber wenn wir die Welt kennenlernen wollen, müssen wir uns entweder selber aufmachen oder können zur Literatur und zu Büchern greifen. Denn in Erzählungen, Romanen, Essays und auch in Gedichten können wir am Leben anderer teilhaben. Dort können wir in Geschichten erfahren, wie es anderen ergangen ist oder ergeht. Einige jener Künstlerinnen und Künstler, die solche Werke schaffen, werden auch heuer wieder für ihre einzigartige literarische Arbeit mit einem Preis der Republik Österreich ausgezeichnet. Ich gratuliere den Preisträgerinnen und Preisträgern sehr herzlich zu dieser Auszeichnung und danke der Jury für ihre wohlbedachte Auswahl an wunderbaren Schriftstellerinnen und Schriftstellern“, so [Kulturminister] Ostermayer.

Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk wird mit dem Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur ausgezeichnet: „Er ist ein Wahrnehmungskünstler und zieht die Leser mit seinem bildkräftigen, von sinnlichen Eindrücken schier übergehenden Stil in diese Welterfahrung mit hinein. Mit fundiertem Geschichtswissen übt er scharfe Kritik am polnischen Selbstbild des ewigen Opfers“, heißt es in der Jurybegründung. Der Österreichische Staatspreis für europäische Literatur wird für das literarische Gesamtwerk einer europäischen Autorin bzw. eines europäischen Autors verliehen, das international besondere Beachtung gefunden hat. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

Der Outstanding Artist Award für Literatur geht in diesem Jahr an Angelika Reitzer: Er wird jährlich an eine Autorin bzw. einen Autor der jüngeren oder mittleren Generation vergeben, die bzw. der bereits wichtige literarische Veröffentlichungen vorweisen kann, und ist mit 10.000 Euro dotiert. Die Jury erklärt: „Die Autorin zählt zu den eigenständigsten Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur. Reitzer glaubt nicht an das einfach-süffige Erzählen, ist aber auch keine, die Geschichten zertrümmert. Mit großer Ausdauer arbeitet sie an einer Literatur, die der Welt zeigt, wie die Welt ist.“

Der Österreichische Kunstpreis für Literatur geht heuer an Sabine Gruber: Dieser Preis zeichnet das literarische Gesamtwerk einer österreichischen Autorin bzw. eines österreichischen Autors aus und ist mit 15.000 Euro dotiert. „Sabine Gruber erzählt mit existenzieller Wucht von Körper und Seele, von Grenzen und Freiheit, von Verzweiflung und Hoffnung, ihre Werke sind grundiert vom Wissen um die Bedeutung von Sprache und Kunst für das Leben“, so die Jury.

Den mit 15.000 Euro dotierte Österreichische Kunstpreis für Kinder- und Jugendliteratur geht an Linda Wolfsgruber: Die Jury betont: „Mit beeindruckendem Gespür für Farbe und Komposition versteht es Linda Wolfsgruber wie keine andere, ihren Bildern eine ganz eigene Atmosphäre und Spannung zu verleihen. Sie schafft mit ihren Buchillustrationen ausnahmslos Arbeiten von höchster künstlerischer Qualität und Ausdruckskraft und überrascht dabei seit nunmehr dreißig Jahren immer wieder mit neuen Techniken und Ideen.“

Der mit 10.000 Euro dotierte Outstanding Artist Award für Kinder- und Jugendliteratur geht an Elisabeth Steinkellner. „Elisabeth Steinkellner verfügt in ihrem Schreiben bereits über eine bemerkenswerte Bandbreite – Kinderbücher und jugendliterarische Texte finden sich in ihrem Werk ebenso wie Lyrik und Miniaturen oder Anthologiebeiträge. Sie ist in der langen wie in der kurzen Form zu Hause und verfügt unabhängig von der Textgattung über große Stilsicherheit und Ausdrucksvielfalt. In ihrer bilderreichen Sprache weiß sie auch in der Prosa einen sehr poetischen Erzählton zu finden, der ‚große‘ Themen wie den Abschied von der Kindheit schlicht, jedoch umso eindringlicher vermittelt“, so die Jury in ihrer Begründung.

Den biennal vergebenen Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik erhält 2016 Alfred J. Noll. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird von der Jury folgendermaßen begründet: „Als Advokat demokratischer Verhältnisse, unabhängig von textverwertenden Zwangsökonomien, entschieden in selbstgewählter Parteilichkeit und frei von Amtsverpflichtungen ist er ein gesellschaftskritischer Autor, der mit seinen Einsprüchen dazu beiträgt, die Obsolenz des videant consules ne res publica detrimentum capiat aufrecht zu erhalten.“

Lyrikpreis München

Bis zum 29. April 2016 können Gedichte für die erste Vorrunde eingereicht werden.

Die erste Vorrundenlesung findet am 23. Mai statt. Die Vorjury, bestehend aus Ulrich Schäfer-Newiger, Johanna Schumm und Markus Hallinger, wählt hierzu aus den Einsendungen sechs Teilnehmer aus.

Einreichungsmodalitäten unter dem Menüpunkt »Ausschreibung«.

Rückblick: Finale am 24.10.2015

Die Jury hat entschieden

  1. Preis: Ron Winkler
  2. Preis: Dominik Dombrowski

Russische Avantgarde

Als Kuriere und Berichterstatter zwischen Dada Ost und Dada West waren damals Roman Jakobson, Sprachforscher und Dichtungstheoretiker, sowie der georgisch-russische Schriftkünstler Ilja Sdanewitsch unterwegs: Beide standen mit den interessierten Autoren in direktem Kontakt – Sdanewitsch vermittelte zwischen Tbilissi und Paris, Jakobson zwischen Moskau und Berlin (wo er im Juni 1920 die Dada-Messe besucht und Huelsenbecks Dada-Almanach entdeckt hatte).

Dem jungen Jakobson gehört im Übrigen das Verdienst, den Dadaismus in der Sowjetpresse erstmals (im Februar 1921) vorgestellt und gewürdigt zu haben. Sdanewitsch wiederum machte die Wortführer von Dada Paris als Erster mit den Pionierleistungen der russischen «Zukünftler», «Alogiker» und «Transmentalisten» bekannt und stellte die direkte Verbindung zur georgischen Avantgarde her, die unter der Bezeichnung «41°» (gemeint ist der Breitengrad der Stadt Tbilissi) firmierte und den Dadaismus sogleich als ihr westliches Pendant begrüsste.

Freilich konnte Dada für die russischen und georgischen Neuerer kein Vorbild sein, hatten sie doch dessen Forderungen und Errungenschaften um viele Jahre vorweggenommen: Bereits um 1912/13 gab es in Moskau, Petersburg und anderswo in Russland performative Lesungen, absurdes Theater, Unsinnspoesie aller Art, deregulierte Typografie und diverse Programme, die den «Tod der Kunst» und den «Triumph des Nichts» postulierten.

Im Vergleich damit waren die Dadaisten eher Nachzügler denn Vorreiter, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass sie die vorgängige russische Kunstrevolution nicht aus Prioritätsgründen ignoriert und verdrängt haben – sie ist ihnen ganz einfach entgangen. Festzuhalten bleibt jedenfalls: Was Tzara und Picabia mit «Dadaglobe» als exklusive Pionierleistung avantgardistischer Westkunst dokumentieren wollten, hatten die Russen bereits vor dem Ersten Weltkrieg in allen künstlerischen Sparten vollumfänglich umgesetzt. (…)

Beispielhaft dafür sind die Nitschewoken, die ihren Gruppennamen in ironischer Anlehnung an die Bolschewiken gewählt haben, ihn aber bedeutungsmässig ins Gegenteil verkehrten: Während sich die Bolschewiken (von russisch «bolsche», d. h. «mehr») als siegreiche «Mehrheit» darstellten, bezogen sich die Nitschewoken (von russisch «nitschewo», d. h. «nichts» oder «ist doch egal!») mit ihrem Neologismus wörtlich auf das «Nichts» und kehrten damit auch ihren wegwerfenden Zynismus heraus – man könnte sie demnach zu deutsch als «Nullitäter», «Einerleier» oder «Nichtsianer» bezeichnen.

Ausserhalb Russlands haben die Nitschewoken ein erstes und einziges Mal bei Ilja Ehrenburg Erwähnung gefunden, der sie in seinem Buch über die zeitgenössischen europäischen Kunstbewegungen («Und sie bewegt sich doch», Berlin 1922) explizit als «Dada-Filiale» bezeichnete. Doch auch dieser autoritative Hinweis blieb damals unbeachtet. Erst seit kurzem sind die Dekrete von Dada Moskau in deutscher Sprache greifbar («Die Nichtsler», Edition Raute, Dresden 2015), derweil eine Übersetzung der poetischen Texte sowie deren Einordnung in die dadaistische Wortkunst noch immer ausstehen. / Felix Philipp Ingold, Neue Zürcher Zeitung

Nichtsler in Lyrikwiki

Siehe auch in: Abwärts! – Heft 13 (März 2016) Redaktion: Robert Mießner, Bert Papenfuß, Alexander Pehlemann, Stefan Ret, Kristin Schulz, Hugo Velarde, Karsten Wildanger. Grafiken: Agnes Grambow.  Preis: 5,00 EUR

These zur Lyrikkritik

von Jan Kuhlbrodt (Postkultur)

Wahrscheinlich gab es noch nie so viel Lyrikkritik wie heute, auch wenn sich das nur bedingt in den großen Medien spiegelt. Das Internet aber ist voll davon, und es gibt eine Menge unabhängiger Literaturzeitschriften. Und wahrscheinlich wurde auch noch nie soviel Lyrik produziert wie heute. Wenn wir mehr Qualität wollen, sollten wir eine Streitkultur entwickeln, das Planschbecken verlassen.

Free Download

National Poetry Month Special: Download Poetry Magazine April 2016 Issue for Free

In celebration of National Poetry Month, we’re happy to offer you, dear readers, a free download of the April 2016 issue of Poetry magazine. It’s available in our iTunes app or as a PDF for your other devices.

The April 2016 issue features a portfolio of poets associated with Split This Rock, a national organization that cultivates, teaches, and celebrates poetry that bears witness to injustice and provokes social change. The issue also includes remarks from members of the Academy of American Poets—the organization that founded National Poetry Month twenty years ago this month—describing what poetry means today; the occasional feature “The View from Here”; and much more. In the digital edition you’ll also find a reading list from contributors to this issue, a curated playlist, and Alice Lyons’s reflection on Hollis Frampton’s film Gloria! as a lyric poem. Listen to this month’s Poetry magazine podcast, hosted by the editors, and watch videos of our “The View from Here” contributors talking about how they encounter poetry in their daily lives. / Poetry foundation

Arbeitsstipendien für Schriftstellerinnen und Schriftsteller 2016 vergeben

Pressemitteilung vom 20.04.2016

Die Kulturverwaltung des Berliner Senats vergibt an 20 in Berlin lebende Autorinnen und Autoren Arbeitsstipendien in Höhe von insgesamt 360.000 €.

Die Stipendiaten erhalten jeweils ein neunmonatiges Stipendium in Höhe von 18.000 € (Monatssatz 2.000 €).

Die diesjährigen Stipendiatinnen und Stipendiaten sind:

  • Thilo Bock
  • Tom Bresemann
  • Nina Bußmann
  • Marie Gamillscheg
  • Verena Güntner
  • Claus Heck
  • Nikolas Hoppe
  • Hendrik Jackson
  • Odile Kennel
  • Anne Köhler
  • Birgit Kreipe
  • Ute-Christiane Krupp
  • André Kubiczek
  • Sascha Reh
  • Gregor Sander
  • Nis-Momme Stockmann
  • Sonja vom Brocke
  • Thomas Weiss
  • Ron Winkler
  • Natascha Wodin

Der Jury zur Vergabe der Arbeitsstipendien gehörten dieses Jahr an:
Alexander Filyuta, Claudia Kramatschek, Sigrid Löffler, Jörg Magenau, Manuela Reichart und Ernest Wichner.

Die Jury hatte über 271 Bewerbungen zu entscheiden.

Die Stipendiatinnen und Stipendiaten werden sich und ihre Arbeiten im Rahmen einer Veranstaltung voraussichtlich im November 2016 präsentieren. Der Termin wird der Öffentlichkeit vorher bekannt gegeben. / berlin.de