Auf der Eisenbahn

Louise von Plönnies

(geb. Leisler; * 7. November 1803 in Hanau; † 22. Januar 1872 in Darmstadt)

Auf der Eisenbahn

Rascher Blitz, der mich trägt
Pfeilschnell, von der Gluth bewegt,
Sausend durch des Tages Pracht,
Brausend durch die dunkle Nacht,
Donnernd über Stromesschäumen,
Blitzend an des Abgrunds Säumen,
Durch der Berge mächt’ge Grüfte,
Durch der Thäler nächt’ge Klüfte,
Durch der Saaten goldne Wogen,
Ueber stolze Brückenbogen,
Durch der Dörfer munter Leben,
Durch der Städte bunter Weben. –
Könnt‘, wie du, das freie Wort
Sausend zieh’n von Ort zu Ort!
Alle Herzen, die ihm schlagen,
Stürmisch so von dannen tragen,
So aus einem Land zum andern
Siegend die Gedanken wandern! –
Freies Wort, wer gründet Schienen,
Deinem Bahnzug stark zu dienen? –

Aus: Louise von Ploennies, Gedichte. Darmstadt: Leske, 1844, S. 182

Im Staub der Stadt

Galaktion Tabidse

(georgisch გალაკტიონ ტაბიძე; * 6. November 1891 in Tschqwischi bei Wani; † 17. März 1959 in Tbilissi)

Aus: Adolf Endler: Kleiner kaukasischer Divan. Von Georgien erzählen. Hrsg. Brigitte Schreier-Endler. Göttingen: Wallstein, 2018, S. 202

So hell war ihr Arm

JOSEP SEBASTIÀ PONS

(* 5. November 1886, Ille-sur-Têt, Frankreich; † 25. Januar 1962 ebenda)

So hell war ihr Arm

So hell war ihr Arm, wenn sie lachte,
das Brot reichte, Salz oder Trank,
daß ich an Gletscherschnee dachte.
Ein natürlicher Tanz war ihr Gang.

Vom Vater her Tochter Griechenlands‚
von der Mutter her des Conflents* Kind,
und den Wald hinunter war entflammt
ihr Gesicht von tausend Rosen im Wind

  • Landesteil Nordkataloniens
    (auf französischem Staatsgebiet an der Pyrenäennordseite).

Aus dem Katalanischen von Peter Brasch

Aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Katalanisch und deutsch. Hrsg. Tilbert Stegmann. Leipzig: Reclam, 1987, S. 29

TAN CLAR TENIA EL BRAÇ

Tan clar tenia el braç quan, riallera,
donava el pa, l’aigua o la sal,
que hom pensava en la neu de la gelera.
Son pas era una dansa natural.

Era filla de Grècia per son pare
i per sa mare filla del Conflent,
i bosc avall li encenien la cara
les mil roses del vent.

Ene mene mopel

Bettina Wegner

(* 4. November 1947 in Berlin)

Ene mene mopel
Spottlied für Kinder auf Erwachsene

Aus dem DEFA-Film „Ikarus“

Ene mene mopel
wer frisst Popel?
Brave Kinder tun das nicht
wenn man ihnen was verspricht.

Meine Tante Hedwich
sagt mir täglich:
Fürchte dich vorm Schwarzen Mann
weil sie keinen kriegen kann.

Und mein Onkel Ottka
der säuft Wodka
und wenn der besoffen ist
möchte er, dass man ihn küßt.

Unser Fräulein Krieber
hab ich lieber
als den Mathelehrer Klein
weil, sie ist schön und er gemein.

Wärn die Großen kleiner
wärs viel feiner.
Bestimmt wär das gesünder
gäbs auf der Welt nur Kinder.

1974

Aus: Bettinas Wegner: In Niemandshaus hab ich ein Zimmer. Lieder und Gedichte. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 1997, S. 37

Betrachtung

Margaretha Adelmann‎

(3. November 1811, Würzburg – 12. Dezember 1887 ebenda)

Betrachtung

Was hab ich Alles schon besessen,
Was hab‘ ich Alles schon vergessen!
Was hab‘ ich Alles schon getrieben,
Was ist mir Alles nicht geblieben !
Was hab‘ ich Alles schon gelesen –
Was bin ich Alles schon gewesen!
Der Schüler bald und bald der Lehrer,
Der Predger bald und bald der Hörer,
Der Diener bald und bald der Gast,
Belastet bald und bald die Last,
Beklagter bald und bald der Richter,
Ein Schneider bald und bald ein Dichter,
Getadelt bald und bald der Tadler:
Bald eine Maus und bald ein Adler.

Aus: Margaretha Adelmann, Gedichte. Leipzig: Brockhaus, 1844, S. 130

knöderl & hakenkreuzerl

wien, zärtlich

Von Heidi Pataki

(* 2. November 1940 in Wien; † 25. April 2006)

das schlagstockerl
das lenkwafferl
das bomberl
das kaffeetscherl

das stacheldrahterl
das betonbunkerl
das hakenkreuzerl
das knöderl

das stahlhelmerl
das kameraterl
das wolfshunterl
das achterl

das massengraberl
das lagerl
das wehrsportgrupperl
das glaserl

das schluckerl
schluckerl
schluckerl
schluckerl

Aus: Heidi Pataki, Amok und Koma. Salzburg: Otto Müller, 1999

Briefwechsel

Ilse Aichinger

(* 1. November 1921 in Wien; † 11. November 2016 ebenda)

Briefwechsel

Wenn die Post nachts käme
und der Mond
schöbe die Kränkungen
unter die Tür:
Sie erschienen wie Engel
in ihren weißen Gewändern
und stünden still im Flur.

Aus: Ilse Aichinger: „Verschenkter Rat“, Gedichte; FT 5126, Frankfurt/Man: Fischer Taschenbuch Verlag, 1981

Hier das Gedicht in ungarischer Übersetzung

Musik beim Ertrinken

Egon Schiele

(* 12. Juni 1890 Tulln, Niederösterreich, † 31. Oktober 1918 Wien)

Musik beim Ertrinken

In Momenten jochte der schwarze Fluß meine ganzen Kräfte, ich sah die kleinen Wasser groß und die sanften Ufer steil und hoch. Drehend rang ich und hörte die Wasser in mir, die guten schönen Schwarzwasser – dann atmete ich wieder goldene Kraft, der Strom strömte starr und stärker.

Aus: Egon Schiele, Versensporn 22. Edition Poesie schmeckt gut. Jena 2015, S. 15

Schwer zu bestreiten

Zum 147. Geburtstag des Dichters Paul Valéry eine schwer zu bestreitende Erfahrung:

Aus: Paul Valéry: Album alter Verse. Die frühen Gedichte. Leipzig: Insel, 1983, S. 5. Deutsch von Peter Schwanz.

Du bist zart

Claire Goll

(* 29. Oktober 1890 in Nürnberg; † 30. Mai 1977 in Paris)

Du bist zart
Wie die Fingerabdrücke
Der Vögel im Schnee.

Du bist traurig
Wie die Pinie am Berg
Mit dem zerzausten Haar.

Du bist süss
Wie die Datteln
Biblischer Palmbäume.

Und ich betrüge dich,
Gerade weil du so sanft bist
Und so vollendet traurig.

Aus: Claire Goll: Ich liege mit deinen Träumen, Liebesgedichte. Göttingen: Wallstein Verlag, 2009.

Im Schatten eines Boots

Rafael Alberti

(* 16. Dezember 1902 in El Puerto de Santa María, Provinz Cádiz; † 27. Oktober 1999 in El Puerto de Santa María)

Totgeboren

Sylvia Plath

( * 27. Oktober 1932 in Jamaica Plain bei Boston, Massachusetts; † 11. Februar 1963 in Primrose Hill, London)

Totgeboren

Diese Gedichte leben nicht: eine traurige Diagnose.
Dabei wuchsen sie gut, ihre Zehen- und Fingertriebe.
Ihre kleinen Stirnen schwollen vor Konzentration.
Wenn sie es nicht schafften herumzulaufen wie Menschen,
Lag’s nicht an einem Mangel an Mutterliebe.

Ach, ich kann nicht verstehn was mit ihnen passiert ist!
Sie sind richtig in Form und Anzahl und allem Drumrum.
Sie sitzen so nett in der salzigen Flüssigkeit!
Sie lächeln und lächeln und lächeln und lächeln mir zu.
Und doch füllen die Lungen sich nicht und das Herz bleibt stumm.

Sie sind keine Schweine, sie sind noch nicht einmal Fische,
Obwohl sie ein schweiniges, fischiges Wesen haben—
Es wär besser, wären sie lebendig, und das ist’s‚ was sie waren.
Doch sie sind tot, und die Mutter fast tot vor Verzweiflung,
Und sie starren blöde und wollen nichts von ihr sagen.

Aus: Sylvia Plath: Übers Wasser. Nachgelassene Gedichte zweisprachig. Aus dem Amerikanischen von Judith Zander. Wiesbaden: Luxbooks, 2013, S. 61

Glossolalie

Andrej Belyj

(Андре́й Бе́лый; eigentlich Бори́с Никола́евич Буга́ев/Boris Nikolajewitsch Bugajew; * 14. Oktober alten / 26. Oktober 1880 neuen Stils. in Moskau; † 8. Januar 1934 ebenda)

Aus: Glossolalie. Poem über den Laut (1922)

Unter dem deutschen Text der russische Originaltext der Erstausgabe Berlin 1922, danach Anmerkungen; alles aus: Andrej Belyj: Glossolalie / Glossolalia / Глоссолалия. Poem über den Laut. Russische Originalfassung mit deutscher und englischer Übersetzung. Aus dem Russischen von Maka Kandelaki. Translated from the Russian by Thomas R. Beyer, Jr. Hrsg. Taja Gut. Dornach: Pforte Verlag im Rudolf Steiner Verlag, 2003, S. 154f

Ausradiert

Alfonsina Storni

(* 29. Mai 1892 in Sala Capriasca, Bezirk Lugano, Schweiz; † 25. Oktober 1938 in Mar del Plata, Argentinien)

 

Borrada

El día que me muera, la noticia
ha de seguir las práticas usadas,
y de oficina en oficina al punto
por los registros seré yo buscada.

Y allá muy lejos, en un pueblecito
que está durmiendo al sol en la montaña,
sobre mi nombre, en un registro viejo,
mano que ignoro trazará una raya.

Ausradiert

Am Tag an dem ich sterbe, wird die Nachricht
ganz sicher den üblichen Weg gehen,
und man wird von Büro zu Büro
in den Meldestellen umgehend nach mir fahnden.

Und, fernab von hier, in einem kleinen Dorf
in den Bergen, das in der Sonne schläft,
wird eine fremde Hand in einem alten Register
einen Strich durch meinen Namen ziehen.

Aus: Alfonsina Storni: Blaue Fledermaus der Trauer. Gedichte. Spanisch-deutsch. Übers. Reinhard Streit. Zürich: teamart, 2009, S. 97

 

O schmecket und sehet

Denise Levertov

(* 24. Oktober 1923 in Ilford, Essex, England; † 20. Dezember 1997 in Seattle, USA)

Aus: SEHEN heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Eine zweisprachige Anthologie. Hrsg., übertragen und mit einem Nachwort versehen von Jürgen Brôcan. München: Lyrik Kabinett, 2006,  S. 147

Anmerkung aus dem Buch:

Vgl. Wordsworth‘ „The world is too much with us“, „Um uns zu viel Welt“, in einer Übersetzung von Werner von Koppenfels. – Vgl. Psalm 34:9 „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“.