Heinrich Heine
DAS NEUE ISRAELITISCHE HOSPITAL ZU HAMBURG.
Ein Hospital für arme, kranke Juden,
Für Menschenkinder, welche dreifach elend,
Behaftet mit den bösen drei Gebresten,
Mit Armuth, Körperschmerz und Judenthume!
Das schlimmste von den dreien ist das letzte,
Das tausendjährige Familienübel,
Die aus dem Nil-Thal mitgeschleppte Plage,
Der altägyptisch ungesunde Glauben.
Unheilbar tiefes Leid! Dagegen helfen
Nicht Dampfbad, Dusche, nicht die Apparate
Der Chirurgie, noch all’ die Arzeneien,
Die dieses Haus den siechen Gästen bietet.
Wird einst die Zeit, die ew’ge Göttin, tilgen
Das dunkle Weh, das sich vererbt vom Vater
Herunter auf den Sohn, – wird einst der Enkel
Genesen und vernünftig seyn und glücklich?
Ich weiß es nicht! Doch mittlerweile wollen
Wir preisen jenes Herz, das klug und liebreich
Zu lindern suchte, was der Lind’rung fähig,
Zeitlichen Balsam träufelnd in die Wunden.
Der theure Mann! Er baute hier ein Obdach
Für Leiden, welche heilbar durch die Künste
Des Arztes, (oder auch des Todes!), sorgte
Für Polster, Labetrank, Wartung und Pflege –
Ein Mann der That, that er, was eben thunlich;
Für gute Werke gab er hin den Taglohn
Am Abend seines Lebens, menschenfreundlich,
Durch Wohlthun sich erholend von der Arbeit.
Er gab mit reicher Hand – doch reich’re Spende
Entrollte manchmal seinem Aug’, die Thräne,
Die kostbar schöne Thräne, die er weinte
Ob der unheilbar großen Brüderkrankheit.
Aus: Neue Gedichte
Entstanden 1843
Der reiche Spender war Heines Onkel Salomon Heine
Marina Zwetajewa
(* 8. Oktober 1892; † 31. August 1941)
Летят они, – написанные наспех,
Горячие от горечи и нег.
Между любовью и любовью распят
Мой миг, мой час, мой день, мой год, мой век.
И слышу я, что где-то в мире – грозы,
Что амазонок копья блещут вновь …
А я – пера не удержу! Две розы
Сердечную мне высосали кровь.
[1916]
Sie fliegen fort, – geschrieben in aller Eile,
Heiß sind sie von der Wonne und der Bitterkeit.
Zwischen der Liebe und der Liebe sind,
wie angespannte Seile,
Mein Augenblick, mein Tag, mein Jahr und meine ganze Zeit.
Ich höre, in der Welt ist irgendwo – Gewitter,
Die Amazonenlanzen blitzen wieder draußen …
Und ich – kann nicht die Feder halten! Diese
Zwei Rosen saugten das Blut von meinem Herzen aus.
Übersetzt von Ekaterina Overbeck
(Zur Website)
Mit freundlicher Erlaubnis der Übersetzerin. Herzlichen Dank!
Die Krähe
Eine Krähe war mit mir
Aus der Stadt gezogen,
Ist bis heute für und für
Um mein Haupt geflogen.
Krähe, wunderliches Tier,
Willst mich nicht verlassen?
Meinst wohl bald als Beute hier
Meinen Leib zu fassen?
Nun, es wird nicht weit mehr gehn
An dem Wanderstabe.
Krähe, laß mich endlich sehn
Treue bis zum Grabe!
—
Else Lasker-Schüler

Heinrich Heine
Jehuda ben Halevy
2
»Bei den Wassern Babels saßen
Wir und weinten, unsre Harfen
Lehnten an den Trauerweiden«* –
Kennst du noch das alte Lied?
Kennst du noch die alte Weise,
Die im Anfang so elegisch
Greint und sumset, wie ein Kessel,
Welcher auf dem Herde kocht?
Lange schon, jahrtausendlange
Kocht’s in mir. Ein dunkles Wehe!
Und die Zeit leckt meine Wunde,
Wie der Hund die Schwären Hiobs.
Dank dir, Hund, für deinen Speichel –
Doch das kann nur kühlend lindern –
Heilen kann mich nur der Tod,
Aber, ach, ich bin unsterblich!
Jahre kommen und vergehen –
In dem Webstuhl läuft geschäftig
Schnurrend hin und her die Spule –
Was er webt, das weiß kein Weber.
Jahre kommen und vergehen,
Menschentränen träufeln, rinnen
Auf die Erde, und die Erde
Saugt sie ein mit stiller Gier –
Tolle Sud! Der Deckel springt –
Heil dem Manne, dessen Hand
Deine junge Brut ergreifet
Und zerschmettert an der Felswand.
Gott sei Dank! die Sud verdampfet
In dem Kessel, der allmählich
Ganz verstummt. Es weicht mein Spleen,
Mein westöstlich dunkler Spleen –
Auch mein Flügelrößlein wiehert
Wieder heiter, scheint den bösen
Nachtalp von sich abzuschütteln,
Und die klugen Augen fragen:
»Reiten wir zurück nach Spanien
Zu dem kleinen Talmudisten,
Der ein großer Dichter worden,
Zu Jehuda ben Halevy?«
Ja, er ward ein großer Dichter,
Absoluter Traumweltsherrscher
Mit der Geisterkönigskrone,
Ein Poet von Gottes Gnade,
Der in heiligen Sirventen,
Madrigalen und Terzinen,
Kanzonetten und Ghaselen
Ausgegossen alle Flammen
Seiner gottgeküßten Seele!
Wahrlich ebenbürtig war
Dieser Troubadour den besten
Lautenschlägern der Provence,
Poitous** und der Guienne,
Roussillons und aller andern
Süßen Pomeranzenlande
Der galanten Christenheit.
Der galanten Christenheit
Süße Pomeranzenlande!
Wie sie duften, glänzen, klingen
In dem Zwielicht der Erinnrung!
Schöne Nachtigallenwelt!
Wo man statt des wahren Gottes
Nur den falschen Gott der Liebe
Und der Musen angebeten.
Clerici mit Rosenkränzen
Auf der Glatze sangen Psalmen
In der heitern Sprache d’oc;
Und die Laien, edle Ritter,
Stolz auf hohen Rossen trabend,
Spintisierten Vers und Reime
Zur Verherrlichung der Dame,
Der ihr Herze fröhlich diente.
Ohne Dame keine Minne,
Und es war dem Minnesänger
Unentbehrlich eine Dame,
Wie dem Butterbrot die Butter.
Auch der Held, den wir besingen,
Auch Jehuda ben Halevy
Hatte seine Herzensdame;
Doch sie war besondrer Art.
Sie war keine Laura, deren
Augen, sterbliche Gestirne,
In dem Dome am Karfreitag
Den berühmten Brand gestiftet –
Sie war keine Chatelaine,
Die im Blütenschmuck der Jugend
Bei Turnieren präsidierte
Und den Lorbeerkranz erteilte –
Keine Kußrechtskasuistin
War sie, keine Doktrinärrin,
Die im Spruchkollegium
Eines Minnehofs dozierte –
Jene, die der Rabbi liebte,
War ein traurig armes Liebchen,
Der Zerstörung Jammerbildnis,
Und sie hieß Jerusalem.
Schon in frühen Kindestagen
War sie seine ganze Liebe;
Sein Gemüte machte beben
Schon das Wort Jerusalem.
Purpurflamme auf der Wange,
Stand der Knabe, und er horchte,
Wenn ein Pilger nach Toledo
Kam aus fernem Morgenlande
Und erzählte: wie verödet
Und verunreint jetzt die Stätte,
Wo am Boden noch die Lichtspur
Von dem Fuße der Propheten –
Wo die Luft noch balsamieret
Von dem ew’gen Odem Gottes –
»O des Jammeranblicks!« rief
Einst ein Pilger, dessen Bart
Silberweiß hinabfloß, während
Sich das Barthaar an der Spitze
Wieder schwärzte und es aussah,
Als ob sich der Bart verjünge –
Ein gar wunderlicher Pilger
Mocht es sein, die Augen lugten
Wie aus tausendjähr’gem Trübsinn,
Und er seufzt‘: »Jerusalem!
Sie, die volkreich heil’ge Stadt
Ist zur Wüstenei geworden,
Wo Waldteufel, Werwolf, Schakal
Ihr verruchtes Wesen treiben –
Schlangen, Nachtgevögel nisten
Im verwitterten Gemäuer;
Aus des Fensters luft’gem Bogen
Schaut der Fuchs mit Wohlbehagen.
Hier und da taucht auf zuweilen
Ein zerlumpter Knecht der Wüste,
Der sein höckriges Kamel
In dem hohen Grase weidet.
Auf der edlen Höhe Zions,
Wo die goldne Feste ragte,
Deren Herrlichkeiten zeugten
Von der Pracht des großen Königs:
Dort, von Unkraut überwuchert,
Liegen nur noch graue Trümmer,
Die uns ansehn schmerzhaft traurig,
Daß man glauben muß, sie weinten.
Und es heißt, sie weinten wirklich
Einmal in dem Jahr, an jenem
Neunten Tag des Monats Ab –
Und mit tränend eignen Augen
Schaute ich die dicken Tropfen
Aus den großen Steinen sickern,
Und ich hörte weheklagen
Die gebrochnen Tempelsäulen.« —
Solche fromme Pilgersagen
Weckten in der jungen Brust
Des Jehuda ben Halevy
Sehnsucht nach Jerusalem.
Dichtersehnsucht! ahnend, träumend
Und fatal war sie, wie jene,
Die auf seinem Schloß zu Blaye
Einst empfand der edle Vidam,
Messer Geoffroy Rudello,
Als die Ritter, die zurück
Aus dem Morgenlande kehrten,
Laut beim Becherklang beteuert:
Ausbund aller Huld und Züchten,
Perl‘ und Blume aller Frauen,
Sei die schöne Melisande,
Markgräfin von Tripolis.
Jeder weiß, für diese Dame
Schwärmte jetzt der Troubadour;
Er besang sie, und es wurde
Ihm zu eng im Schlosse Blaye.
Und es trieb ihn fort. Zu Cette
Schiffte er sich ein, erkrankte
Aber auf dem Meer, und sterbend
Kam er an zu Tripolis.
Hier erblickt‘ er Melisanden
Endlich auch mit Leibesaugen,
Die jedoch des Todes Schatten
In derselben Stunde deckten.
Seinen letzten Liebessang
Singend, starb er zu den Füßen
Seiner Dame Melisande,
Markgräfin von Tripolis.
Wunderbare Ähnlichkeit
In dem Schicksal beider Dichter!
Nur daß jener erst im Alter
Seine große Wallfahrt antrat.
Auch Jehuda ben Halevy
Starb zu Füßen seiner Liebsten,
Und sein sterbend Haupt, es ruhte
Auf den Knien Jerusalems.
Heinrich Heine
Jehuda ben Halevy
1
»Lechzend klebe mir die Zunge
An dem Gaumen, und es welke
Meine rechte Hand, vergäß ich
Jemals dein, Jerusalem -«*
Wort und Weise, unaufhörlich
Schwirren sie mir heut im Kopfe,
Und mir ist, als hört ich Stimmen,
Psalmodierend, Männerstimmen –
Manchmal kommen auch zum Vorschein
Bärte, schattig lange Bärte –
Traumgestalten, wer von euch
Ist Jehuda ben Halevy?
Doch sie huschen rasch vorüber;
Die Gespenster scheuen furchtsam
Der Lebend’gen plumpen Zuspruch –
Aber ihn hab ich erkannt –
Ich erkannt ihn an der bleichen
Und gedankenstolzen Stirne,
An der Augen süßer Starrheit –
Sahn mich an so schmerzlich forschend –
Doch zumeist erkannt ich ihn
An dem rätselhaften Lächeln
Jener schön gereimten Lippen,
Die man nur bei Dichtern findet.
Jahre kommen und verfließen.
Seit Jehuda ben Halevy
Ward geboren, sind verflossen
Siebenhundertfunfzig Jahre –
Hat zuerst das Licht erblickt
Zu Toledo in Kastilien,
Und es hat der goldne Tajo
Ihm sein Wiegenlied gelullet.
Für Entwicklung seines Geistes
Sorgte früh der strenge Vater,
Der den Unterricht begann
Mit dem Gottesbuch, der Thora.
Diese las er mit dem Sohne
In dem Urtext, dessen schöne,
Hieroglyphisch pittoreske,
Altchaldäische Quadratschrift
Herstammt aus dem Kindesalter
Unsrer Welt, und auch deswegen
Jedem kindlichen Gemüte
So vertraut entgegenlacht.
Diesen echten alten Text
Rezitierte auch der Knabe
In der uralt hergebrachten
Singsangweise, Tropp geheißen –
Und er gurgelte gar lieblich
Jene fetten Gutturalen,
Und er schlug dabei den Triller,
Den Schalscheleth, wie ein Vogel.
Auch den Targum Onkelos,
Der geschrieben ist in jenem
Plattjudäischen Idiom,
Das wir Aramäisch nennen
Und zur Sprache der Propheten
Sich verhalten mag etwa
Wie das Schwäbische zum Deutschen –
Dieses Gelbveiglein**-Hebräisch
Lernte gleichfalls früh der Knabe,
Und es kam ihm solche Kenntnis
Bald darauf sehr gut zustatten
Bei dem Studium des Talmuds.
Ja, frühzeitig hat der Vater
ihn geleitet zu dem Talmud,
Und da hat er ihm erschlossen
Die Halacha, diese große
Fechterschule, wo die besten
Dialektischen Athleten
Babylons und Pumpedithas
Ihre Kämpferspiele trieben.
Lernen konnte hier der Knabe
Alle Künste der Polemik;
Seine Meisterschaft bezeugte
Späterhin das Buch Cosari.
Doch der Himmel gießt herunter
Zwei verschiedne Sorten Lichtes:
Grelles Tageslicht der Sonne
Und das mildre Mondlicht – Also,
Also leuchtet auch der Talmud
Zwiefach, und man teilt ihn ein
In Halacha und Hagada.
Erstre nannt ich eine Fechtschul‘ –
Letztre aber, die Hagada,
Will ich einen Garten nennen,
Einen Garten, hochphantastisch
Und vergleichbar jenem andern,
Welcher ebenfalls dem Boden
Babylons entsprossen weiland –
Garten der Semiramis,
Achtes Wunderwerk der Welt.
Königin Semiramis,
Die als Kind erzogen worden
Von den Vögeln, und gar manche
Vögeltümlichkeit bewahrte,
Wollte nicht auf platter Erde
Promenieren wie wir andern
Säugetiere, und sie pflanzte
Einen Garten in der Luft –
Hoch auf kolossalen Säulen
Prangten Palmen und Zypressen,
Goldorangen, Blumenbeete,
Marmorbilder, auch Springbrunnen,
Alles klug und fest verbunden
Durch unzähl’ge Hängebrücken,
Die wie Schlingepflanzen aussahn
Und worauf sich Vögel wiegten –
Große, bunte, ernste Vögel,
Tiefe Denker, die nicht singen,
Während sie umflattert kleines
Zeisigvolk, das lustig trillert –
Alle atmen ein, beseligt,
Einen reinen Balsamduft,
Welcher unvermischt mit schnödem
Erdendunst und Mißgeruche.
Die Hagada ist ein Garten
Solcher Luftkindgrillenart,
Und der junge Talmudschüler,
Wenn sein Herze war bestäubet
Und betäubet vom Gezänke
Der Halacha, vom Dispute
Über das fatale Ei,
Das ein Huhn gelegt am Festtag,
Oder über eine Frage
Gleicher Importanz – der Knabe
Floh alsdann, sich zu erfrischen,
In die blühende Hagada,
Wo die schönen alten Sagen,
Engelmärchen und Legenden,
Stille Märtyrerhistorien,
Festgesänge, Weisheitsprüche,
Auch Hyperbeln, gar possierlich,
Alles aber glaubenskräftig,
Glaubensglühend – Oh, das glänzte,
Quoll und sproß so überschwenglich –
Und des Knaben edles Herze
Ward ergriffen von der wilden,
Abenteuerlichen Süße,
Von der wundersamen Schmerzlust
Und den fabelhaften Schauern
Jener seligen Geheimwelt,
Jener großen Offenbarung,
Die wir nennen Poesie.
Auch die Kunst der Poesie,
Heitres Wissen, holdes Können,
Welches wir die Dichtkunst heißen,
Tat sich auf dem Sinn des Knaben.
Und Jehuda ben Halevy
Ward nicht bloß ein Schriftgelehrter,
Sondern auch der Dichtkunst Meister,
Sondern auch ein großer Dichter.
Ja, er ward ein großer Dichter,
Stern und Fackel seiner Zeit,
Seines Volkes Licht und Leuchte,
Eine wunderbare, große
Feuersäule des Gesanges,
Die der Schmerzenskarawane
Israels vorangezogen
In der Wüste des Exils.
Rein und wahrhaft, sonder Makel
War sein Lied, wie seine Seele –
Als der Schöpfer sie erschaffen,
Diese Seele, selbstzufrieden
Küßte er die schöne Seele,
Und des Kusses holder Nachklang
Bebt in jedem Lied des Dichters,
Das geweiht durch diese Gnade.
Wie im Leben, so im Dichten
Ist das höchste Gut die Gnade –
Wer sie hat, der kann nicht sünd’gen,
Nicht in Versen, noch in Prosa.
Solchen Dichter von der Gnade
Gottes nennen wir Genie:
Unverantwortlicher König
Des Gedankenreiches ist er.
Nur dem Gotte steht er Rede,
Nicht dem Volke – In der Kunst,
Wie im Leben, kann das Volk
Töten uns, doch niemals richten. –
Aus: Romanzero
Im arabischen Andalusien gab es den großen hebräischen Dichter und Philosophen Salomo ibn Gabirol (1021-1070). Danach folgte eine Phase der Erschlaffung auf hohem Niveau, lese ich. Stufenweise ging es herab. Juda Charisi (um 1218) weiß davon. Ein Auszug:
Da war Juda ha-Levi, der Lehre Schmuck und Glanz. – und die andern Dichter seiner Zeit, die nun gekrönt mit hehrem Friedenskranz. – Wohl erreichte Keiner im Liede Gabirol’s hohe Meisterschaft, – an Tiefe der Gedanken und an des Wortes gewaltiger Kraft; – doch waren sie des Wortes so mächtig, – die Reime erklangen ihnen so prächtig, – und die Verse rundeten sich so künstlerisch süß, – als wären es Früchte, gepflückt vom Paradies, – man sollte denken, sie hätten sie den Sehern entwendet, – es habe der Gottesgeist sie selbst ihnen gespendet. – Und alle Edlen sammelten sich und lauschten, – wenn sie die Wechselgesänge austauschten.
Sind Dichterfürsten in dem Purpurmantel,
Die, Sonnen gleich, am Wissenshimmel glühten,
Vor ihrem Lied erbebten Männerherzen
Und haben angstvoll ihren Blick gemieden.
(…)
Sie waren einzig in dem Gottesvolke.
Und einzig waren ihre Dichterblüthen.
(Fortsetzung folgt)
Aus:
Wikipedia weiß:
Juda al-Charisi (auch Jehuda ben Salomo al-Charisi; * um 1165 oder 1170 vermutlich in Toledo; † um 1225 oder 1235 in Aleppo) war ein weit gereister spanisch-jüdischer Dichter und Übersetzer aus dem Arabischen ins Hebräische.
Er verfasste u. a. das sefer tachkemoni („Buch des Schlaumeiers“ – 50 Makamen in Dialogform) und übersetzte Maimonides‘ „Führer der Unschlüssigen“ ins Hebräische. Seine Werke hatten über lateinische und spanische Folgeübersetzungen einen gewissen Einfluss auch auf die christliche Welt.
Natürlich mußte ich bei Hunold an … Wilhelm Hauff denken. Bei ihm gibt es ein berühmt-berüchtigtes Gedicht mit den vielzitierten und auch variierten Zeilen
Gestern noch auf stolzen Rossen
heute durch die Brust geschossen.
Hauff hat es von einem Volkslied, sagt er. Vielleicht ja auch von Hunold? Oder dessen vermutlicher Quelle, dem genialen frühverstorbenen Johann Christian Günther. Die ersten fünf Verse Hauffs sind identisch mit der fünfzeiligen Strophe Hunolds – und mit Günthers
“Wie gedacht / vor geliebt, jetzt ausgelacht / gestern in die Schöß’ gerissen, / heute von der Brust geschmissen, / morgen in das kühle Grab“
Reiters Morgenlied
(Alte Soldatenweise)
Morgenrot!
Leuchtest mir zum frühen Tod?
Bald wird die Trompete blasen,
Dann muß ich mein Leben lassen,
Ich und mancher Kamerad!
Kaum gedacht,
War der Lust ein End gemacht!
Gestern noch auf stolzen Rossen,
Heute durch die Brust geschossen,
Morgen in das kühle Grab.
Doch! wie bald
Welket Schönheit und Gestalt!
Prangst du gleich, mit deinen Wangen,
Die wie Milch und Purpur prangen,
Ach! die Rosen welken all.
Und was ist
Aller Mannsbild Freud und Lust?
Unter Kummer, unter Sorgen
Sich bemühen früh am Morgen,
Bis der Tag vorüber ist.
Darum still
Füg ich mich, wie Gott es will,
Und so will ich wacker streiten,
Und sollt ich den Tod erleiden,
Stirbt ein braver Reitersmann.
Wilhelm Hauff
(* 29.11.1802, † 18.11.1827)
Christa Reinig
(* 6. August 1926 in Berlin; † 30. September 2008 in München)
Die alten Inder hatten seinerzeit bereits ein Problem durchdacht, das uns heute erst langsam aufdämmert. Was
geschieht eigentlich mit der beachtlichen Minderheit, die von einer demokratischen Mehrheit daran gehindert wird,
in der Diktatur leben zu dürfen?
Freiheit ist für viele Schafe
Schwerer als die schwerste Strafe.
Kein Hund hat sie ins Bein gebissen,
Das belastet ihr Gewissen.
Kein Metzger metzt sie in die Schüssel,
Das ist ihres Kummers Schlüssel.
Kein Gerber gerbt ihnen die Felle,
Das ist ihrer Klagen Quelle.
Kein Schleifer schleift sie nach Sibirien,
Da zieht es sie nach Syrien.
Sie lassen uns recht herzlich grüßen
Im heißen Sand mit kalten Füßen.
Papantscha Vielerlei (1971)
Aus: Christa Reinig: Sämtliche Gedichte. Düsseldorf: Eremiten-Presse, 1984, S. 223
„Mich dünkt, dass auch das Silbenmaß hin und wieder etwas mit ausdrücken müsse“. Wer hat das gesagt, oder zitiert? Hier so ein Fall. Vielleicht fällt jemand was dazu ein.
Menantes
(Christian Friedrich Hunold)
Uber ihre Untreue
Immer hin/
Falsches Hertze/ leichter Sinn!
Lesche nur die starcken Kertzen
In den sonst entflammten Hertzen/
Weil ich es zu frieden bin.
Immer hin/
Falsches Hertze/ leichter Sinn!
Schwur und Treu
Sind Betrug und Heucheley.
Auch die allerschönsten Decken
Sind gar selten ohne Flecken/
Und die Damen einerley.
Schwur und Treu
Sind Betrug und Heucheley.
Doch wie schön
Wissen sie sich vorzusehn.
Wenn die Muschel ist gebrochen/
Und die Perle draus gestochen/
Soll sie erst verschlossen stehn.
Doch wie schön
Wissen sie sich vorzusehn.
Drüm mein Geist/
Suche was unsterblich heist/
Liebe wo die schöne Jugend
Dich durch Klugheit und durch Tugend
Ewig mit Vergnügung speist.
Drüm mein Geist
Suche was unsterblich heist.
Aus: Menantes (Christian Friedrich Hunold): Die Edle Bemühung müssiger Stunden. Hamburg: Liebernickel, 1702
Margret Kreidl
HAUSMANTEL
Ich stehe vor einem Haus, barfuß. Meine Füße sind schmutzig.
Ich schlüpfe aus meinem Mantel und mache die Eingangstür auf.
Der Flur ist hell erleuchtet. Im Spiegel sehe ich mein Gesicht. Ich
habe blaue Augen. Nein, meine Augen sind braun. Es ist Herbst.
Die Farben ändern sich. Bin ich drinnen oder draußen? Ich weiß
es nicht. Mir ist kalt. Ich will meinen Mantel wiedersehen.
Einfache Erklärung: Der gefährlichste Ort für eine Frau ist das
Eigenheim.
Aus: Einfache Erklärung. Alphabet der Träume. Wien: Edition Korrespondenzen, 2014
Gespräch zwischen Anna und Fillis.
[Anna klärt ihre jüngere Freundin Phyllis auf, als diese von einer ihr bisher unbekannten Qual gequält wird]
Anna:
Die Seuche kenn‘ ich gar zu woll ;
Es ist das erste Liebes-Bild/
Das dir in deinem Hertzen spielt:
Es ist ein tummes seltnes Stück/
Es ist ein närrisches Geschick/
Es ist ein Vorspiel von der Lust/
Die freudig naget unsre Brust/
Es ist ein Wallen in dem Blut/
Das seine erste Wirckung thut ;
Doch warum nicht mit einem Wort
Das Ding beschrieben alsofort ?
Die Kälber-Liebe/ wehrte Magd/
Die deine freye Sinnen jagt ;
Und so du die nicht meiden wilt/
Wie Schaam und Ehre dies befielt/
So wird unfehlbar es geschehn/
Du wirst verkehrte Wege gehn/
Du wirst verirren hier und dar/
Du wirst dich bringen in Gefahr/
Und dich befinden ausser Spur/
(…)
Aus: Des Welt-berühmten Holländischen Poëten, JACOB CATS, Rittern, und Raht-Pensionarii &c. Sinnreiche Wercke und Gedichte: Aus dem Niedeländischen übersetzt. Anderer Theil: Bestehend in der Heuraht, oder Gantzen Begriff des Ehe-Standes, Jn sechs Haupt-Stücke abgetheilet, nemlich Die Jungfer, Mannbahre, Braut, Frau, Mutter, Wittwe, Samt der Männer Gegen-Pflichten; Nebst der Galathea, oder Liebes-Klagen der Schäfer, und klagende Jungfern, Samt andern Gedichten mehr. Hamburg: bey Seel. Thomas von Wiering Erben, 1712
Der Auszug ist aus dem zweiten Teil.
Das niederländische Original erschien erstmals 1625. 1637 las es die 16jährige Dichterin Sibylla Schwarz im pommerschen Greifswald. Das Wort Kälber-Liebe, kalver-liefde, nimmt sie in ihren Wortschatz auf. (Sie verstand das Holländische – Übersetzungen ins Deutsche gab es erst später). Als ihre Gedichte gedruckt werden sollen, wird der Name Lybis (Palindrom von Sibyl) in einem ihrer Gedichte durch Phyllis ersetzt, um sich nicht den Neidern und Geiferern preiszugeben.
Margret Kreidl
HEILANSTALT
Liebe Schwester, es ist Donnerstag und kalt.
Ich träume jede Nacht vom Veilchenwald.
Der Herr Doktor sagt, ich bin in einer Heilanstalt,
weil mein Klopffleisch heiß ist, gelb ist, alt.
Ich hätte gern Besuch und dich recht bald.
Einfache Erklärung: Margarete Kuskop wurde am 8. Mai 1941 in
der Heilanstalt Pirna—Sonnenstein von den Nazis ermordet.
Aus: Einfache Erklärung. Alphabet der Träume. Wien: Edition Korrespondenzen, 2014, S. 53
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