Bess Brenck-Kalischer
(* 21. November 1878 in Rostock; † 2. Juni 1933 in Berlin)
Weltende
O über das letzte Mahl,
Wenn aus dem Salz des Leviathan
Der Alte die letzte Kraft reißt,
Sich und das Sein stürzend verschüttet
O über das letzte Mahl.
Blutfunkensprühende
Mammutrüssel sollten es künden.
1913
Aus: Bess Brenck-Kalischer, Dichtung (Dichtung der Jüngsten, Band I). Dresdner Verlag, 1917
Sinaida Gippius (Hippius)
Worte gibt es
Wer plaudert nicht in Zauberworten vor sich hin?
In Worten, die soviel wie nichts bedeuten!
Die plötzlich da sind wie ein Ding, das blinkt und klingt,
Und die zu allem passen — Leiden oder Freuden.
Ich mag sie ungern wiederholen, halte sie
Weit von mir fern und möchte sie vergessen.
So bleiben sie erhalten. Sie vergehen nie:
Am Tor zum Paradies sind sie als Gruß zu lesen.
1918
Deutsch von Felix Philipp Ingold, in: Ders.: „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Zürich: Dörlemann, 2012, S. 217
Зинаида Гиппиус
ЕСТЬ РЕЧИ…
У каждого свои волшебные слова.
Они как будто ничего не значат,
Но вспомнятся, скользнут, мелькнут едва,
И сердце засмеется и заплачет.
Я повторять их не люблю; я берегу
Их от себя, нарочно забывая.
Они мне встретятся на новом берегу:
Они написаны на двери Рая.
Июнь 1918
Elise Bürger
(* 19. November 1769 in Stuttgart; † 24. November 1833 in Frankfurt am Main)
An den Dichter Bürger
O Bürger, Bürger, edler Mann,
Der Lieder singt, wie keiner kann,
Vom Rhein an bis zum Belt,
Vergebens berg‘ ich das Gefühl,
Das mir bei deinem Harfenspiel
Den Busen schwellt!
Mein Auge sah von dir sonst nichts,
Als nur die Abschrift des Gesichts,
Und dennoch — lieb‘ ich dich!
Denn deine Seele, fromm und gut,
Und deiner Lieder Kraft und Muth
Entzückten mich.
So füllt‘ im ganzen Musenhain
Von allen Sängern, Groß und Klein,
Noch keiner mir die Brust.
Sie wogt‘ empor wie Fluch der See;
Es kämpften stürmend Lust und Weh,
Und Weh und Lust.
An Wonnen, wie an Tränen reich,
Rief ich, wie oft: O herzen gleich
Und küssen möcht‘ ich dich! —
So wechselte, wie dein Gesang,
In mir der Hochgefühle Drang,
Dem Alles wich.
O Bürger, Bürger, süßer Mann,
Der Ohr und Herz bezaubern kann
Mit Schmeichel-Wort und Sinn,
Mein Loblied ehrt dich freilich nicht:
Doch höre, was mein Herz dir spricht,
Und wer ich bin!
In Schwaben blüht am Neckarstrand
Ein schönes segenreiches Land,
Das mich an’s Licht gebar;
Ein Land, worin seit grauer Zeit
Die alte Deutsche Redlichkeit
Zu Hause war.
Da wuchs ich wohlbehalten aus,
Und meines reinen Lebens Lauf
Maß zwanzig Mahl das Jahr.
Zum Grabe, sank mein Vater früh —
Kaum ließ mir noch der Himmel die,
Die mich gebar.
Schon wankend an des Grabes
Ergriff sie des Erbarmers Hand,
Und gab sie mir zurück-
Sie bildete mit weiser Müh‘,
Was Gutes mir Natur verlieh,
Zu meinem Glück.
Bei heiterm Geist, bei frohem Mut
Ward mir ein Herz, das fromm und gut
Vor Gott zu sein begehrt.
Nur edler Liebe huldigt’s frei,
Und was es liebt, das liebt es treu
Und halt es wert.
Die bin ich, die! Und —- liebe dich!
Im schönen Stuttgart find‘st du mich,
Du trauter Witwersmann!
Umschlänge wohl nach langem Harm
Ein liebevolles Weib dein Arm,
So komm heran!
Denn träten tausend Freier her,
Und böten Säcke Goldes schwer,
Und du begehrtest mein:
Dir weigert‘ ich nicht Herz noch Hand;.
Selbst um mein liebes Vaterland
Lauscht‘ ich dich ein.
Steht Schwaben-lieb‘ und Treu‘ dir an,
So komm, Geliebter, komm heran,
Und wirb — o wirb um mich! —
Nimm oder nimm mich nicht, so ist
Und bleibt mein Lied zu jeder Frist:
Dich lieb‘ ich, dich!
Mein Leib, -. er zeigt vielleicht dem Blik
Kein Stümper- und kein Meisterstück
Der bildenden Natur.
Ich bin nicht arm, und bin nicht reich;
Mein Stand höhlt, meinen Gütern gleich,
Die Mittelspur.
Dieses Gedicht entstand, wie die meisten meiner Freunde längst wissen, aus einem bloßen Scherz; war nichts als ein Impromptu, welches ich im Beisein zweier, noch in Stuttgart lebenden Personen, mit Bleistift niederschrieb, und das nur durch die Indiskretion eines Dritten der Öffentlichkeit übergeben, für mein Leben so wichtig wurde; als ich es schrieb, ahnete ich nicht einmal, dass Bürger es lesen würde; denn er war in dem von meiner Vaterstadt so fernen Göttingen, und ich wünschte es eben so wenig.
Elise Bürger
Andreas Tscherning
(* 18. November 1611 in Bunzlau; † 27. September 1659 in Rostock)
Zwibeln und Knoblauch
Egypten betet mich gleich ihrem monden an / *
Hingegen hat mir spott der Flaccus** angethan.
Es lacht wer seinen schatz kans ins Gesichte fassen /
Wer mich mit augen siht / muss heisse zehren lassen.***
Aus: Andreas Tschernings Deutscher Getichte Früling. Auffs neu übersehen verbessert und nachgedruckt. Rostock: Wilte ; Richel, [1646]
, S. 70f
Ricarda Huch
(* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947 in Schönberg im Taunus, heute Stadtteil von Kronberg)
Affengesang.
Durch das Gitterdach des Urwalds tropfte
Blau der Himmel, bebte von den Aesten;
Drunter saß der alte Affe, klopfte
Cocosnüsse aus, die reifsten, besten.
Kinder, seht, wie grün die Himmelsdecke,
Sprach er, blau und zahlreich auch die Sterne.
Wenn ich dazu süße Nußmilch schlecke,
Lebt man redlich, wacker hier und gerne.
Wenn nur jene höchst verworfne Sippe
Fern uns bleibt, die schlechten Menschenaffen,
Die mit ihrem schlotternden Gerippe
Neidisch lauern, wo sie Schaden schaffen.
Schönen Pelzes Mangel gern sie hehlten
Durch der Kleiderlappen bunt Geglänze.
Ja, wenn ihnen nur die Haare fehlten!
Doch die Lumpe haben nicht mal Schwänze!
Hei, wie klettern wir geschwinden Affen!
Hei, wie knarren unsre Lustgesänge!
Stumm im Sande schlürfen sie, die Schlaffen.
Daß der große Uraff sie verschlänge!
Dieses Gaffen! Dies Gesichterschneiden!
Dieses Lachen, leeres Tongekoller!
Denk‘ ich an den Trotz der frechen Heiden,
Wird mein Busen immer unmuthvoller.
Denn bedenklich mehrt sich das Gezüchte
Seht, sie nahn, die dünkelvollen Tröpfe!
Wär’s nicht schade um die süßen Früchte,
Würf‘ ich sie der Brut an ihre Köpfe!
Aus: Ricarda Huch: Gedichte. Leipzig: H. Haessel, 1894
Ein Stück Mai im November:
Sophie Albrecht
(* im Dezember 1756 bei Erfurt, getauft 6. Dezember 1756 in Sömmerda; † 16. November1840 in Hamburg)
Morgenlied. Im May 1785. Prächtig steigt die Sonne wieder Aus der Morgenröthe Zelt, Tausend, tausend Jubellieder Singt ihr die erwachte Welt, Und der Blumen süßes Düften Steigt ihr auf in reinen Lüften. Seht! wie ihr die Heerden hüpfen, Hört! wie ihr die Taube girrt; Rascher scheint der Bach zu schlüpfen Der durch frische Wiesen irrt, Und die kleinen Sommer Müken Tanzen ringelnd ihr Entzüken. Traurig siz ich in der Fülle Lauter Freude rings umher, Schwermuthsvoller, ernst und stille Bleibt mein Busen freudenleer. Ach! die Purpurstralen weken Mir des Todes bleiches Schreken. Weh mir! daß ich durch die Chöre, Durch das Lied, das Leben singt, Laut des Todes Röcheln höre Das aus jedem Odem dringt, In den Weyhrauch reiner Lüfte Mischt sich Duft der Todtengrüfte. Blumen, die dem Aufgang blühen, Welken, wenn der Mittag sinkt, Und von Wangen, die ihm glühen, Todes Schweis der Abend trinkt, Leichen, Gräber ohne Zahlen Wird sein lezter Grus bestralen. Tauche deine goldnen Flügel, Erden Licht! ins Schatten Meer, Streu um unsre Todenhügel Nacht das tiefste Dunkel her, Bis in Edens Sonnenwälzen Unsrer Gräber Fesseln schmelzen.
Meret Oppenheim
(* 6. Oktober 1913 in Charlottenburg, heute Berlin; † 15. November 1985 in Basel)
Ebenso wertvoll aber sind die vergessenen Nachtigallen die
die granitenen Suppen essen und auf ihre Zeit warten.
„Das rote Licht leuchtet auf und alles.“
In: Meret Oppenheim: Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich. Gedichte, Prosa. Hrsg. Christiane Meyer-Thoss. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2002, S. 105
Pressemitteilung des Netzwerk Lyrik e.V.
13. November 2018
Rund 40 LyrikerInnen, LyrikübersetzerInnen, WissenschaftlerInnen, VeranstalterInnen und Verlage aus dem gesamten Bundesgebiet, aus Österreich und der Schweiz kamen vom 2.-4. November 2018 zur Fachtagung des Netzwerks Lyrik e.V. im „Renthof“ in Kassel zusammen. Sie diskutierten den aktuellen Stellenwert der Lyrik in Deutschland und Möglichkeiten, wie diese Kunstform gestärkt werden kann. Das Netzwerk, das sich im Februar 2018 als Verein, „Netzwerk Lyrik e.V.“, verfasst hat, setzt es sich zum Ziel, Lyrik als eigenständige Kunstform und im Ensemble mit anderen Künsten zu fördern und dadurch der Lyrik wieder mehr Gewicht und Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit zu geben. Ein zentrales Anliegen zur Förderung von Lyrik als Kunst ist die Stärkung von LyrikerInnen, ÜbersetzerInnen, LyrikvermittlerInnen und -veranstalterInnen unter Einbeziehung der universitären Bereiche, der schulischen und außerschulischen Bildung und aller Medien.
„Lyrik ist eine Kunstgattung, die ebenso wie andere Kunstgattungen von ausgebildeten, spezialisierten, hochprofessionalisierten Menschen ausgeführt werden muss. Es sollte die Voraussetzung geschaffen werden, dass die Menschen auch davon leben können.“, forderte Kassels Kulturdezernentin und Leiterin der GRIMMWELT Kassel, Susanne Völker, die das „Netzwerk Lyrik e.V.“ am Samstag empfing.
Der Tagung vorangegangen war eine 2017 bundesweit durchgeführte Studie zu den Einkommensverhältnissen der DichterInnen in Deutschland. Die Studie legt dar, dass die Einkommenssituation als „schwierig“ bis „prekär“ einzuschätzen ist. Ein „Aufgaben- und Forderungskatalog“ für den gesamten Bereich Lyrik wurde erstellt und Positionspapiere erarbeitet.
Auf der Fachtagung wurden an drei aufeinanderfolgenden Tagen verschiedene Zielsetzungen und Positionspapiere erarbeitet:
Unter anderem:
Lyrik im Kontext der Medialität und Digitalisierung
Die rasante Entwicklung der Informationstechnologien eröffnet neue Chancen und Herausforderungen für die Lyrik – sowohl für ihre radikale Erweiterung als auch für ihre Möglichkeit, digitale Medienkultur künstlerisch kritisch zu reflektieren. Der erarbeitete Forderungskatalog erstreckt sich entsprechend von der Förderung innovativer multimodaler Produktions- und Präsentationsformen über das Engagement in Kulturredaktionen und Rundfunkräten für mehr Durchlässigkeit von Rundfunk und Fernsehen für Lyrik bis hin zur Förderung der digitalen Vernetzung und Archivierung historischer und aktueller Erscheinungen von Lyrik.
Stärkung der Lyrik an Universitäten
Im Bereich der universitären Hochschulbildung wird die Frage nach dem aktuellen Stellenwert der Lyrik, insbesondere durch den „Bologna-Prozess“, aufgeworfen und kritisch gewertet. Eine Verbesserung der Sichtbarkeit von Lyrik, die Förderung der universitären Ausbildung von Lehrkräften und eine gezieltere Erforschung von Lyrik an den Hochschulen wird gefordert.
Förderung der schulischen und außerschulischen Poetischen Bildung
Lyrik, insbesondere Gegenwartslyrik, muss (wieder) Einzug in den Schulunterricht halten. Unterrichtsmaterialien und digitale Medien gilt es kontinuierlich dafür weiterzuentwickeln. Lehrkräfte sind gezielt dafür auszubilden. Ebenso wird das Schaffen von Begegnungsräumen und Bildungsangeboten im außerschulischen Bereich sowie die Förderung von Kindern und Jugendlichen angestrebt. Auch die Kunstform der Lyrik bedarf eigener und geeigneter Nachwuchsförderung.
Die Fachtagung wurde dankenswerterweise gefördert durch Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Integriert in die Fachtagung war die Mitgliederversammlung des „Netzwerk Lyrik e.V.“ und die Wahl seines Vorstands.
Der Verein hat seinen Sitz im Haus für Poesie in Berlin.
Vorstandsmitglieder sind Dr. Thomas Wohlfahrt , 1. Vorsitzender (Leiter Haus für Poesie), Claudia Maaß , 2. Vorsitzende (Didaktikerin), Dr. Friedrich W. Block (geschäftsführender Kurator der Stiftung Brückner-Kühner, Leitung Kasseler Kunsttempel), Özlem Özgül Dündar (Dichterin, Übersetzerin), Dr. PD Burkhard Meyer-Sickendieck (FU Berlin, Leiter einer VW-Forschergruppe im Bereich Digitale Geisteswissenschaften), Karla Montasser (Dichterin, Leitung Poetische Bildung Haus für Poesie), José Oliver (Schriftsteller, Mitbegründer der Schreibwerkstätten für Schulen und Gründer des Literaturfestes Hausacher LeseLenz), Hendrik Jackson (Dichter, Akademie zur Lyrikkritik, lyrikkritik.de), Saskia Warzecha (Dichterin und Computerlinguistin).
Für Rückfragen, Informationen und zur Interviewvermittlung
Netzwerk Lyrik e.V.
c/o Haus für Poesie
Anika Andreßen
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: 030. 48 52 45 33
E-Mail: presse@haus-fuer-poesie.org
Hertha Kräftner
(* 26. April 1928 in Wien; † 13. November 1951 ebenda)
Betrunkene Nacht
Der Gin schmeckt gleich um elf und drei,
das Soda nur wird schaler.
Wer will, der kann mich haben
für einen alten Taler.
Mein Bräutigam, mein Bräutigam
war einer von den sieben Raben,
der flog am Haus vorbei,
da war es zwölf vorbei,
mein Bräutigam, mein Bräutigam
tat einen dunklen Schrei
und wollte seinen süßen Schnabel
an meinem Herzen laben,
da spießte ihn ein fremder Mann
auf eine Silbergabel.
Nun kann mich jeder haben
für einen alten Taler.
Das Herz, mein Freund,
ist aber nicht dabei
bei diesem Preis,
dem Herzen, Freund, wird kalt und heiß
nur bei den Zärtlichkeiten eines Raben.
Darum auch haben
meine Freunde mich ertränkt…
Versprecht, daß ihr das Glas Chartreuse verschenkt,
in dem ich schwimme als ein gelbes Ei.
Aus: Kühle Sterne. Gedichte, Prosa, Briefe. Klagenfurt: Wieser Verlag, 1997, S. 312f
Ida von Reinsberg-Düringsfeld
(* 12. November 1815 Milicz, Schlesien, † 25. Oktober 1876 Stuttgart)
Warnung
Dichter sind Schmeichler,
Ich bin es auch;
Glühende Worte
Zärtlich zu singen,
Ist unser Brauch.
Meiner Gedichte
Bewegten Hauch,
Athm‘ ihn, doch denke:
Dichter sind Schmeichler,
Ich bin es auch.
Jannis Ritsos
Aus: Helena
Aus: Jannis Ritsos: Helena. Aus dem Griechischen von der Gruppe LEXIS (Andreas Gamst, Anne Gaßeling, Rainer Maria Gassen, Milena Hienz de Albentiis, Christiane Horstkötter-Brüssow, Klaus Kramp, Alkinoi Obernesser) unter der Leitung von Elena Pallantza. Leipzig: Reinecke & Voß, 2017, S. 23
Arthur Rimbaud
(* 20. Oktober 1854 in Charleville; † 10. November 1891 in Marseille)
OPHELIA
I.
Auf stiller, dunkler Flut, im Widerschein der Sterne,
geschmiegt in ihre Schleier, schwimmt Ophelia bleich,
sehr langsam, einer großen weißen Lilie gleich.
Jagdrufe hört man aus dem Wald verklingen ferne.
Schon mehr als tausend Jahre sind es,
daß sie, ein bleich Phantom, die schwarze Flut hinzieht,
und mehr als tausend Jahre flüstert schon sein Lied
ihr sanfter Wahnsinn in den Hauch des Abendwindes.
Die Lüfte küssen ihre Brüste sacht und bauschen
zu Blüten ihre Schleier, die das Wasser wiegt.
Es weint das Schilf, das sich auf ihre Schulter biegt.
Die Weiden über ihrer hohen Stirne rauschen.
Im Schlummer einer Erle weckt sie hin und wieder
Ein Nest, aus dem ein kleines Flügelflattern schlägt.
Die Wasserrosen seufzen, wenn sie sie bewegt.
Ein Weiheklang fällt von den goldnen Sternen nieder.
II.
Ophelia, bleiche Jungfrau, wie der Schnee so schön,
die du, ein Kind noch, starbst in Wassers tiefem Grunde:
weil dir von rauher Freiheit ihre leise Kunde
die Stürme gaben, die von Norwegs Gletschern wehn.
Weil fremd ein Föhn, der dir die Haare peitschte, kam
Und Wundermär in deinen Träumersinn getragen;
weil in dem Seufzerlaut der Bäume und im Klagen
der Nacht dein Herz die Stimme der Natur vernahm.
Weil wie ein ungeheures Röcheln deinen Sinn,
den süßen Kindersinn, des Meeres Schrei gebrochen;
weil schön und bleich ein Prinz, der nicht ein Wort gesprochen,
im Mai, ein armer Narr, dir saß zu deinen Knien.
Von Liebe träumtest du, von Freiheit, Seligkeit;
du gingst in ihnen auf wie leichter Schnee im Feuer.
Dein Wort erwürgten deiner Träume Ungeheuer.
Dein blaues Auge löschte die Unendlichkeit.
III.
Nun sagt der Dichter, daß im Schoß der Nacht du bleich
die Blumen, die du pflücktest, suchst, in deine Schleier
gehüllt, dahinziehst auf dem dunklen, stillen Weiher,
im Schein der Sterne, einer großen Lilie gleich.
Deutsch von K.L. Ammer
Rajzel Zychlinski
Aus: R. Z.: di lider. Die Gedichte. 1928-1991. Jiddisch und Deutsch. Hrsg./Übers. Hubert Witt. Frankfurt/Main: Zweitausendeina, 2003, S. 460f


Josepha von Hoffinger
(auch Josefine, Josefa; * 8. November 1820 in Wien; † 25. September 1868 auf Schloss Altmannsdorf, heute Wien)
An Schiller.
O laß den Lorbeer dem olympschen Gotte,
Dir aber ziemt der Männer Eichenkranz;
Verhöhnen mag man dich mit seichtem Spotte,
Du strahlst doch in des Ideales Glanz!
Aus: Kronen aus Italiens Dichterwalde. Übersetzungen von Josepha von Hoffinger. Mit einem Anhange eigener Dichtungen. Halle: Emil Barthel, 1868, S. 195
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