Annette von Droste-Hülshoff
(* 12. Januar 1797, nach anderen Quellen 10. Januar 1797 auf Burg Hülshoff bei Münster; † 24. Mai 1848 auf der Burg Meersburg in Meersburg)


Chaim Nachman Bialik
(חיים נחמן ביאליק, * 9. Januar 1873 im Dorf Radi, in der Nähe von Schitomir, Russisches Kaiserreich; gestorben 4. Juli 1934 in Wien)


Aus: Chaïm Nachman Bialik: Gedichte. Aus dem Hebräischen übertragen von Louis Weinberg. Berlin: Welt-Verlag, 1920
Christiane Grosz
Absage
Nimm deine Hand
von meinem Kleidersaum
und geh.
Verbiete deinen Augen, so
mich anzusehn.
Sonst bekomme ich Lust,
deinen Ofen zu heizen,
deine Hemden zu waschen
und dein Kind zu wıegen
in meinem Schoß.
Aus: Erotische Gedichte von Frauen. Hrsg. Aldona Gustas. München: dtv, 1985, S. 55
Sarah Kirsch
(* 16. April 1935 in Limlingerode, Kreis Nordhausen; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein))
Zu Zweit
Lieber zu Zweit verhungern als Einzeln
In goldenen Wagen spazieren fahren:
Gefahren Gefahren überall für unsere
Treuen unbescholtenen Seelen
Mein Freund bis hierher und nicht weiter
Einer
Sey
Des andern Stab
Und unüberhörbare Stimme
Schlag mir auf mein Sitzfleisch wirf mich
Auf ein Fahrrad und jag mich nach Zeuthen
Aus: Rückenwind. Gedichte. Aufbau 1976
Kurt Schwitters
(* 20. Juni 1887 in Hannover; † 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England)
Seit 1.1.19 ist das Werk von Kurt Schwitters in Deutschland gemeinfrei
Banalitäten aus dem Chinesischen
Fliegen haben kurze Beine.
Eile ist des Witzes Weile.
Rote Himbeeren sind rot.
Das Ende ist der Anfang jeden Endes.
Der Anfang ist das Ende jeden Anfangs.
Banalität ist jeden Bürgers Zier.
Das Bürgertum ist aller Bürger Anfang.
Bürger haben kurze Fliegen.
Würze ist des Witzes Kürze.
Jede Frau hat eine Schürze.
Jeder Anfang hat sein Ende.
Die Welt ist voll von klugen Leuten.
Kluge ist dumm.
Nicht alles, was man Expressionismus nennt, ist Ausdruckskunst.
Kluge ist immer noch dumm.
Dumme ist klug.
Kluge bleibt dumm.
Nora Iuga
(* 4. Januar 1931 in Bukarest)
ich weiß nicht wie
er kam wie ein klempner
und hat die verstopfung behoben
so daß die wörter fließen
es gibt einfach so zyklen
alle drei jahre
werden die armaturen gewechselt
im oktober vielleicht oder im mai
kommt er wieder vorbei
Aus: Nora Iuga: Gefährliche Launen. Ausgewählte Gedichte. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Stuttgat: Klett-Cotta, 2007, S. 38
Der von Kürenberg
(12. Jahrhundert)
Der abendstern verbirgt sich schnell
frau, wie du’s sollst, wenn du mich siehst,
zum anderen mann wirf blicke hell
dann weiß auch keiner, wie du mich liebst.
Übertragung: Florian Voß
Der tunkel sterne der birget sich,
als tuo du, frouwe schœne,
sô du sehest mich,
sô lâ du dîniu ougen gên an einen andern man.
sôn weis doch lüzel ieman, wies under uns zwein ist getân.
Aus: Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen. Hrsg. von Tristan Marquardt und Jan Wagner. Zweisprachig. München: Hanser, 2017, S. 26
John Höxter
(* 2. Januar 1884 in Hannover, † 15. November 1938 in Berlin)
Ich sitze auf der Banke
Und drehe meine Daumen;
Im Hirn keimt kein Gedanke,
Vertrocknet dorrt mein Gaumen.
Mir schmerzen alle Glieder,
Mich zerrt des Windes Wehen –
Fast möchte ich nie wieder
Von dieser Bank aufstehen.
Ich seh’ auch nicht den Zweck ein –
Sanft schaukelnd auf den Fluten
Möcht’ ich ein Schiff und leck sein
Und leise mich verbluten …
(1929)
Aus: VERSENSPORN
Heft für lyrische Reize
Nr. 8: John Hoexter (2012)
Marina Zwetajewa
(russisch Мари́на Ива́новна Цвета́ева, wiss. Transliteration Marina Cvetaeva; * 26. September jul./ 8. Oktober 1892 greg. in Moskau; † 31. August 1941 in Jelabuga, Tatarstan)
Bei Moloko Print erschien das Poem Lestniza (Die Treppe, das Wort bedeutet im Russ. auch Die Leiter) dreifach: in zwei Übersetzungen von Felix Philipp Ingold, einer neuen von 2018 sowie einer älteren von 1992/93, dazu ein Faksimile des Erstdrucks von 1926.
Hier die ersten 3 Strophen (ergänzt durch eine Transkription des Originaltexts):
Erste Übersetzung
Treppengedicht
Bloß flüchtige Küsse,
Bloß Treppengenüsse.
Statt rosiger Süße
Bloß Schminke — mit Rissen.
Kein Märchen — das Wissen:
Nie mehr dich grüßen.
Bloß flüchtige Stöße
Im Treppengehäuse —
Die Stufen wie Flöße.
Zweite Übersetzung
Die Treppe
– Poem –
Kurz gekost, geknutscht –
Die Treppe schwankt.
Kurz mal aufgeflammt
Ein Gesicht unter Putz.
Kurz im Märchenland:
Für morgen kein Gruss.
Kurz mal gerammt-
Die Treppe wankt,
Die Treppe drängt.
ЛЕСТНИЦА
Короткая ласка
На лестнице тряской.
Короткая краска
Лица под замазкой.
Короткая — сказка:
Ни завтра, ни здравствуй.
Короткая схватка
На лестнице шаткой,
На лестнице падкой.
Transkribiert
(s für stimmhaftes, ß für stimmloses s; zusätzlich werden die Akzente markiert. Unbetontes o wird wie a ausgesprochen, ch wie in ach, in sdráwßtwuj bleibt das w stumm.)
Léßtniza
Korótkaja láßka
Na léßtnize trjáßkoj.
Korótkaja kráßka
Lizá pod samáskoj.
Korótkaja – ßkáska:
Ni sáwtra, ni sdráwßtwuj.
Korótkaja ßchwátka
Na léßtnize schátkoj,
Na léßtnize pádkoj.
Aus: Marina Zwetajewa: Das Treppengedicht in zwei Versionen aus dem Russischen von Felix Philipp Ingold. Pretzien: Moloko Print, 2018
Patti Smith
(* 30. Dezember 1946 in Chicago)
dog dream
have you seen
dylans dog
it got wings
it can fly
if you speak
of it to him
its the only
time dylan
cant look you in the eye
have you held
dylans snake
it rattles like a toy
it sleeps in the grass
it coils in his hand
it hums and it strikes out
when dylan cries out
when dylan cries out
have you pressed
to your face
dylans bird
dylans bird
it lies on dylans hip
trembles inside of him
it drops upon the ground
it rolls with dylan round
its the only one
who comes
when dylan comes
have you seen
dylans dog
it got wings
it can fly
when it lands
like a clown
he’s the only
thing allowed
to look dylan in the eye
hundetraum
hast du je
dylans hund gesehn
der hat flügel
der kann fliegen
und erzählst du
ihm davon
kann dir dylan
zum erstenmal
nicht in die augen sehn
hattest du je
dylans schlange in der hand
die rasselt wie ein spielzeug
die schläft im gras
die ringelt sich in seiner hand
die summt und schlägt um sich
wenn dylan aufschreit
wenn dylan aufschreit
hast du dir je
dylans vogel
an die wange gedrückt
dylans vogel
der liegt auf dylans hüfte
zittert in seinem innern
der plumpst auf den boden
der tollt mit dylan rum
der ist der einzige
der kommt
wenn dylan kommt
hast du je
dylans hund gesehn
der hat flügel
der kann fliegen
wenn der landet
wie ein clown
darf er
als einziger
dylan in die augen sehn
Aus: Patti Smith: Babel. Lieder und Texte. Zweisprachig. Deutsch von Walter Hartmann. Reinbek: Rowohlt, 1985, S. 70-73
Dante Gabriel Rossetti
Echte Weiblichkeit I
Sie
Süsser zu sein als je der FRÜHLING war;
Und schöner als der wilde Rosenstrauch,
Der auf dem Hügel schwankt im Windeshauch;
Mehr zu entzücken als der Sang so klar
Der Nachtigall; mehr zu berauschen gar
Als neuer Wein; und all dies und noch mehr
Unter des sanften Busens Schwellen, der
Die Lebensblume ist, – wie wunderbar,
Das, was dem Mann Geheimnis ist, zu sein!
Schliesst ihrer Seele Gut an Lust und Weh,
Ihr reinstes Glühn der Himmel selbst doch ein,
Unsichtbar, wie den Perlenschatz die See
Und wie Schneeglöckchens weisse Kelchblättlein
Das Herz, das grüne, unter ihrem Schnee.
Deutsch von Otto Hauser (1876-1944)
Aus: Dante Gabriel Rossetti: Das Haus des Lebens. Eine Sonettenfolge. Aus dem Englischen von Otto Hauser. Leipzig: Eugen Diederichs, 1900, S. 58
True Woman–1. Herself
To be a Sweetness more desired than Spring;
A bodily beauty more acceptable
Than the wild rose-tree’s arch that crowns the fell;
To be an essence more environing
Than wine’s drained juice; a music ravishing
More than the passionate pulse of Philomel;–
To be all this ’neath one soft bosom’s swell
That is the flower of life:–how strange a thing!
How strange a thing to be what Man can know
But as a sacred secret! Heaven’s own screen
Hides her soul’s purest depth and loveliest glow;
Closely withheld, as all things most unseen,
The wave-bowered pearl,–the heart-shaped seal of green
That flecks the snowdrop underneath the snow.
Johann Friedrich Hahn
(* 28. Dezember 1753 in Gießen; † 30. Mai 1779 in Zweibrücken)
Klopstock
A. Hinaufgeschwebt ist er durch alle Sonnenhöhen,
Und schwebt, und strahlt durch seine Himmel licht!
B. Wie? Wo? Ich kann ihn nirgens sehen!
A. Nein, Männchen, nein! du siehst ihn nicht!
Und stündest du auf dem Katheder,
Auf allen Werken deiner Feder,
Mit langem Hals, und auf den Zeh’n;
Du wirst ihn nimmer strahlen sehn!
Den letzten Strahl von ihm, erreicht‘ ihn dein Gesicht,
Er schwebte wahrlich droben nicht.
Aus: Alfred Kelletat (Hrsg.): Der Göttinger Hain. Stuttgart 1967.
Mina Loy
(* 27. Dezember 1882 in London; † 25. September 1966 in Aspen, Colorado)
Aus: Die funktionelle Ehe

Deutsch von Raoul Schrott. Aus: Englische und amerikanische Dichtung 4. Amerikanische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. Eva Hesse und Heinz Ickstädt. München: C.H. Beck, 2000, S. 237




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