Jaroslav Seifert
V
Laßt euch nur nicht einreden,
daß die Pest ausgerottet ist in der Stadt.
Noch sehe ich viele Särge
durch dieses Tor fahren‚
das nicht das einzige ist.
Die Pest wütet bis auf den heutigen Tag, doch die Ärzte
geben der Krankheit offenbar andere Namen,
damit keine Panik entsteht.
Es ist immer derselbe alte Tod,
nichts anderes,
und er ist so ansteckend‚
daß ihm keine Menschenseele entkommt.
Sooft ich aus dem Fenster sehe,
ziehen die dürren Klepper den unheilverkündenden Wagen
mit dem dürftigen Sarg.
Aber heutzutage läutet man nicht mehr so oft‚
malt keine Kreuze an die Häuser
und räuchert sie nicht aus mit Wacholder.
Aus dem Zyklus »Die Pestsäule«
Aus: Jaroslav Seifert: Im Spiegel hat er das Dunkel. Tschechisch und deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Olly Komenda-Soentgerath. Frankfurt/Main: Heiderhoff, S. 27
Jaroslav Seifert (* 23. September 1901 in Prag; † 10. Januar 1986 ebenda), Nobelpreis für Literatur 1984
Olly Komenda-Soentgerath, eigentlich Olly Komendová-Soentgerathová (* 23. Oktober 1923 in Prag; † 8. Juni 2003 in Köln)
Elisabeth Grube
(geb. Diez, * 22. Oktober 1803 in Netphen; † 21. April 1871 in Düsseldorf)
Dichternetze
Sei still mein Herz, die Morgennebel schwinden,
Mit leisen Tritten kommt der milde Tag,
Trau deinem Stern! du wirst die Liebste finden;
Gib nur dem sanften Zug der Seele nach.
Die Spinne hat ihr künstlich Netz gehangen
Mit kühner Zuversicht auf Strauch und Baum,
Sie wob es still mit eifrigem Verlangen –
Der Fliegenfang ist ihrer Nächte Traum!
O, könnt auch ich ein Zaubernetz dir weben,
Kind meines Herzens, d’rin gefangen du. –
Wie würde deine Lieb‘ die Haft beleben!
Beglückt säh ich dem süßen Spiele zu!
Die Liebe ist Instinkt der Menschenseele,
Ihr Geisterhauch bewegt die Lebensuhr,
Und wenn ich muthig sie zum Leitstern wähle
Folg‘ ich der Gottheit segenvoller Spur. –
Doch neidisch tritt die Welt mit Hindernissen
Der Lieb‘ entgegen und als Leidenschaft
Bricht sie dann Bahn – wie durch die Finsternissen
Des Felsenthals die volle Stromeskraft. –
O höre du des Liedes sanfte Stimme
Und schenke, schenke deinen Anblick mir –
Wie nach dem Blüthenstaub die fleiß’ge Imme
So sehnsuchtvoll verlangt mein Herz nach dir! –
(1852)
Aus: Gedichte von Katharina Diez und Elisabeth Grube, geb. Diez
Stuttgart: Gebr. Scheitlin, 1857, S. 200f
Oskar Pastior
(* 20. Oktober 1927 in Hermannstadt, Siebenbürgen; † 4. Oktober 2006 in Frankfurt am Main)
Konsum, Komfort und Zeitvertreib – darauf beschränkt sich nun alles; sogenannte Bedürfnisse; zeitweilig, scheint es, geht die Physis fremd – sie ist nicht so; aber wer blickt noch durch; opak sind die großen Zusammenhänge, an denen man sich orientieren könnte – seltsam nur, in welchem Maße jetzt deutlich wird, was Dichtung ausmacht, wer sie trägt; zu stellen wäre auch die Frage nach dem öffentlichen Rang, dem Preis, der Anerkennung; dem ach so duften Geschmack; »Bescheidenheit und Armut schärft den Intellekt«, meint eine große Mehrheit – sie ist auf Effektivität bedacht; und nur wenige denken anders – die Weggefährten; darum mein Werben für dich, und um dich, weitblickender Geist; du solltest, was du in großen Zügen anfingst, nicht aufgeben.
Aus: Oskar Pastior, Francesco Petrarca: 33 Gedichte. München, Wien: Hanser. 1983, S. 18
(Friedrich Hebbel)
Andre schaffen, damit sie das Leben sich sichern; dem Dichter Muß es gesichert sein, eh' er zu schaffen vermag.
1953 oder 1954 bekam Brecht den ersten Gedichtband der jungen Dichterin Ingeborg Bachmann geschenkt. Er las mit Bleistift und machte daraus durch radikale Kürzung „eigene“, der lakonischen Art seines Spätwerks entsprechende Gedichte.

Aus: Gerhard Wolf, Wortlaut Wortbruch Wortlust. Dialog mit Dichtung. Leipzig: Reclam, 1988, S. 129f
Aus: Bertolt Brecht, Große Berliner und Frankfurter Ausgabe. Bd. XV: Gedichte 5. Berlin und Frankfurt 1993, S. 280
Albrecht von Haller
(auch Albert von Haller, Albert de Haller; * 16. Oktober 1708 in Bern; † 12. Dezember 1777 ebenda)
Zwei Strophen über die Welt draußen, die Nichtschweiz:
Versuchts, ihr Sterbliche, macht euren Zustand besser,
Braucht, was die Kunst erfand und die Natur euch gab;
Belebt die Blumen-Flur mit steigendem Gewässer,
Theilt nach Korinths Gesetz gehaune Felsen ab;
Umhängt die Marmor-Wand mit persischen Tapeten,
Speist Tunkins Nest aus Gold, trinkt Perlen aus Smaragd,
Schlaft ein beim Saitenspiel, erwachet bei Trompeten,
Räumt Klippen aus der Bahn, schließt Länder ein zur Jagd;
Wird schon, was ihr gewünscht, das Schicksal unterschreiben,
Ihr werdet arm im Glück, im Reichthum elend bleiben!
Wann Gold und Ehre sich zu Clios Dienst verbinden,
Keimt doch kein Funken Freud in dem verstörten Sinn.
Der Dinge Werth ist das, was wir davon empfinden;
Vor seiner theuren Last flieht er zum Tode hin.
Was hat ein Fürst bevor, das einem Schäfer fehlet?
Der Zepter eckelt ihm, wie dem sein Hirten-Stab.
Weh ihm, wann ihn der Geiz, wann ihn die Ehrsucht quälet,
Die Schaar, die um ihn wacht, hält den Verdruß nicht ab.
Wann aber seinen Sinn gesetzte Stille wieget,
Entschläft der minder sanft, der nicht auf Eidern lieget?
Zwei über die Welt der Alpen (als die Schweiz noch arm und naturnah war):
Zwar die Natur bedeckt dein hartes Land mit Steinen,
Allein dein Pflug geht durch, und deine Saat errinnt;
Sie warf die Alpen auf, dich von der Welt zu zäunen,
Weil sich die Menschen selbst die grösten Plagen sind;
Dein Trank ist reine Flut und Milch die reichsten Speisen,
Doch Lust und Hunger legt auch Eicheln Würze zu;
Der Berge tiefer Schacht giebt dir nur schwirrend Eisen,
Wie sehr wünscht Peru nicht, so arm zu sein als du!
Dann, wo die Freiheit herrscht, wird alle Mühe minder,
Die Felsen selbst beblümt und Boreas gelinder.
(…)
Bei euch, vergnügtes Volk, hat nie in den Gemüthern
Der Laster schwarze Brut den ersten Sitz gefasst,
Euch sättigt die Natur mit ungesuchten Gütern;
Die macht der Wahn nicht schwer, noch der Genuß verhasst;
Kein innerlicher Feind nagt unter euren Brüsten,
Wo nie die späte Reu mit Blut die Freude zahlt;
Euch überschwemmt kein Strom von wallenden Gelüsten,
Dawider die Vernunft mit eiteln Lehren prahlt.
Nichts ist, das euch erdrückt, nichts ist, das euch erhebet,
Ihr lebet immer gleich und sterbet, wie ihr lebet.
Friedrich Nietzsche
(* 15. Oktober 1844 in Röcken; † 25. August 1900 in Weimar)
Dichters Berufung.
Als ich jüngst, mich zu erquicken,
Unter dunklen Bäumen sass,
Hört‘ ich ticken, leise ticken,
Zierlich, wie nach Takt und Maass.
Böse wurd‘ ich, zog Gesichter,
Endlich aber gab ich nach,
Bis ich gar, gleich einem Dichter,
Selber mit im Tiktak sprach.
Wie mir so im Verse-Machen
Silb‘ um Silb‘ ihr Hopsa sprang,
Musst‘ ich plötzlich lachen, lachen
Eine Viertelstunde lang.
Du ein Dichter? Du ein Dichter?
Steht’s mit deinem Kopf so schlecht?
„Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.
Wessen harr‘ ich hier im Busche?
Wem doch laur‘ ich Räuber auf?
Ist’s ein Spruch? Ein Bild? Im Husche
Sitzt mein Reim ihm hintendrauf.
Was nur schlüpft und hüpft, gleich sticht der
Dichter sich’s zum Vers zurecht.
-„Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.
Reime, mein‘ ich, sind wie Pfeile?
Wie das zappelt, zittert, springt,
Wenn der Pfeil in edle Theile
Des Lacerten-Leibchens dringt!
Ach, ihr sterbt dran, arme Wichter,
Oder taumelt wie bezecht!
-„Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.
Schiefe Sprüchlein voller Eile,
Trunkne Wörtlein, wie sich’s drängt!
Bis ihr Alle, Zeil‘ an Zeile,
An der Tiktak-Kette hängt.
Und es giebt grausam Gelichter,
Das dies – freut? Sind Dichter – schlecht?
-„Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.
Höhnst du, Vogel? Willst du scherzen?
Steht’s mit meinem Kopf schon schlimm,
Schlimmer stünd’s mit meinem Herzen?
Fürchte, fürchte meinen Grimm! –
Doch der Dichter – Reime flicht er
Selbst im Grimm noch schlecht und recht.
-„Ja, mein Herr, Sie sind ein Dichter“
Achselzuckt der Vogel Specht.
Eine kleine Geschichte der Evolution? Eine heiße Nacht? Mir doch egal.
e.e. cummings
(Edward Estlin Cummings, * 14. Oktober 1894 in Cambridge; Massachusetts; † 3. September 1962 in North Conway, New Hampshire)
–72–
wild(at our first)beasts uttered human words
—our second coming made stones sing like birds—
but o the starhushed silence which our third’s
wilde (zum ersten) tiere mit menschenstimmen
–dann unser zweites kommen ließ steine singen–
doch o wie beim dritten die sterne schweigen bringen
Deutsch von M.G.
Aus: 73 poems (1963)
Gerrit Engelke
(* 21. Oktober 1890 in Hannover; † 13. Oktober 1918 bei Cambrai, Frankreich)
An den Tod
Mich aber schone, Tod,
Mir dampft noch Jugend blutstromrot, –
Noch hab ich nicht mein Werk erfüllt,
Noch ist die Zukunft dunstverhüllt –
Drum schone mich, Tod.
Wenn später einst, Tod,
Mein Leben verlebt ist, verloht
Ins Werk – wenn das müde Herz sich neigt,
Wenn die Welt mir schweigt, –
Dann trage mich fort, Tod.
Aus: Rhythmus des neuen Europa / Gedichte
Else Lasker-Schüler


Ich glaube sogar eine Art von Scheu gegen poetische Productionen, oder wenigstens in so fern sie poetisch sind, bemerkt zu haben, die mir aus eben diesen Ursachen ganz natürlich vorkommt. Die Poesie verlangt, ja sie gebietet Sammlung, sie isolirt den Menschen wider seinen Willen, sie drängt sich wiederholt auf und ist in der breiten Welt (um nicht zu sagen in der großen) so unbequem wie eine treue Liebhaberin. / Goethe an Schiller, 9.8. 1797
Auf alle Fälle sind wir genöthigt unser Jahrhundert zu vergessen, wenn wir nach unsrer Überzeugung arbeiten wollen: denn so eine Saalbaderey in Principien, wie sie im allgemeinen jetzt gelten, ist wohl noch nicht auf der Welt gewesen, und was die neuere Philosophie Gutes stiften wird, ist noch erst abzuwarten.
Die Poesie ist doch eigentlich auf die Darstellung des empirisch pathologischen Zustandes des Menschen gegründet, und wer gesteht denn das jetzt wohl unter unsern fürtrefflichen Kennern und sogenannten Poeten? / Goethe an Schiller, 25.11. 1797
19.
Ich bitte, dieses Blatt nur gutmütig zu lesen. So wird es sicher nicht unfaßlich, noch weniger anstößig sein. Sollten aber dennoch einige solche Sprache zu wenig konventionell finden, so muß ich ihnen gestehen: ich kann nicht anders. An einem schönen Tage läßt sich ja fast jede Sangart hören, und die Natur, wovon es her ist, nimmts auch wieder. / Hölderlin in einem Geleitwort zur „Friedensfeier“, um 2. April 1804
Man hat neulich eine Seite aus Richard Dehmels Buche Weib und Welt, auf die Anklage eines westfälischen Barons und Referendars hin, zu konfiszieren für gut befunden. Man tut dem deutschen Publikum bitter unrecht. Es hat längst vergessen, daß es eine Lyrik besitzt, kann also von dieser Seite her in keiner Weise bedroht oder demoralisiert werden. / Rainer Maria Rilke, März 1898

Else Lasker-Schüler
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