Meinte er das wirklich

Raja Lubinetzki

Meinte er das wirklich
So wie er es schrieb
oder meinte er es wirklich
so wie er es sagte

und an welchem Punkt
dieses geschriebenen
fortlaufenden Satzes
Lebens setzte die Verfremdung

ein etwa in einem durch
ein Semikolon
festgehaltenen Gespräch
das nach dem Gesagten

so oder so geschrieben
wurde und da es damals
noch keine Technik
weiter so gab kann man

sich also nicht ganz
so sicher sein
ob es so gesagt wurde
oder ob das Gesagte

Vergessne vielleicht
ein wichtiges Gefühlsdetail
nicht mehr darzustellen
in der Lage war

Aus: Raja Lubinetzki: Der Tag ein Funke. Gedichte, Zeichnungen. Berlin: Janus Press, 2001, S. 100

Beschwörung

Paula Ludwig

(* 5. Januar 1900 in Feldkirch; † 27. Januar 1974 in Darmstadt)

Beschwörung

Ich kann nur die Flöte spielen
und nur fünf Töne

Wenn ich sie an die Lippen hebe
kehren die Karawanen heim
und in dunklen Scharen die Vögel

Dann rudern die Fischer ans Ufer
und aus Morgenländern
kommt duftend
der Abend zurück

Am Stamme des Ahorns lehn ich
im Schatten des Efeus
und sende mein Lied nach dir aus

Aus: unter dem sapphischen mond. Deutsche Frauenlyrik seit 1900. Ausgewählt von Oda Schaefer. München: Piper, 1957, S.40

Mitte des Lebens

Christine Busta

Mitte des Lebens

Durch Schafgarben watend und goldne Kamillen,
immer im Ohr noch den heillosen Ton
einer irren, verdorrten Grille
und im Mund schon befremdlich den stillen
Geschmack von Olive und Mohn.

Aus: Die Scheune der Vögel (1958)

Entdeckung

Christine Busta

(* 23. April 1915 in Wien; † 3. Dezember 1987 ebenda)

Entdeckung

Sag:
Grasnarbe.
Sag es langsam.

Du sprichst
ein vollkommenes
Gedicht.

Aus Christine Busta, Salzgärten, Salzburg: Otto Müller, 1975

Ich kann davon nicht schweigen

Philipp Otto Runge (* 23. Juli 1777 in Wolgast; † 2. Dezember 1810 in Hamburg)

Die Quelle

Ein Wunderland
Ward mir bekannt;
Ich kann davon nicht schweigen,
Daß, wer es kennt,
Vor Sehnsucht brennt,
Es sich zu machen eigen:

Aus kühler Kluft im Felsen quillt ein Leben,
Es springt an’s Licht mit fröhlichem Verlangen,
Die Ufer spiegelnd wollen sie umfangen.
Woher sie kommen, können wir nicht wissen,
Von unsrer Mutter wollen wir sie grüßen.
Sie bringen mit die Blumen und die Früchte,
Und fliegen fort, und kehren zu dem Lichte.
– Wie schäumend über Blumen hier die Wellen brechen,
Wer kann’s mit Zungen und mit Saiten sprechen?

Im Wald’ erscheint dies liebliche Gesichte –
Der Dichter weilt, von Glanz und Ton bezwungen.
Die Bäume weben in dem grünen Lichte,
Musik hat alle Wesen süß durchdrungen.
Das bange Herz, es kann sich froh erweitern,
Und volle Lust will, Seele, dich erheitern,
Die Kraft im Busen frisch und hell erglüh’n,
Und jauchzend muß ich zu dem Glanze zieh’n.
– Mit Worten sprechen, wie in Licht und Klang verschlungen
Sind Sinn und Herz, wem ist es je gelungen?

(Vermutlich 1805)

Aus: Hinterlassene Schriften von Philipp Otto Runge, Mahler. Herausgegeben von dessen ältestem Bruder [Johann Daniel Runge]. Erster Theil: Mit sieben Bildwerken. Hamburg : Perthes, 1840, S. 244

Quelle und Dichter. Hamburg, Kunsthalle

Warum bin ich ein Mädchen?

Elisabeth Kulmann

(russisch Елисавета Борисовна Кульман/Jelissaweta Borissowna Kulman; * 5.jul./ 17. Juli 1808 greg. in Sankt Petersburg; † 19. November jul./ 1. Dezember 1825 greg. ebenda)

Elisabeth Kulmann war eine deutsch-russische Dichterin, die Deutsch, Russisch und Italienisch dichtete. Voß, Jean Paul und Goethe lobten sie, Robert Schumann vertonte sie. Außerdem übersetzte sie aus dem Alt- und Neugriechischen, Italienischen, Russischen, Englischen, Spanischen und Portugiesischen in acht verschiedene Sprachen. Sie starb mit 17 Jahren, Schwester von Korinna, Sappho und Sibylla Schwarz.

Warum bin ich ein Mädchen?
Wär‘ ich ein kühner Knab‘,
Ich hätte längst ergriffen
Den muntern Wanderstab.

Land ein Land aus durchwallte
Ich keck die weite Welt,
Besucht‘ uralte Städte
Und des Nomaden Zelt.

Gebirge, Wüsten, Meere
Und Wasserfäll‘ und Seen,
Und Feuerberg‘ und Inseln,
Nichts würde mir entgehn.

Ich ginge, Nil und Ganges,
Längs eurer Ströme Lauf,
Trotz Wald, Sand, Sumpf und Gletschern,
Zu euerm Quell hinauf;

Erstieg‘ trotz seiner Mütze
Der Kapstadt Tafelberg; [1]
Säh‘ Nachts an Grönlands Küste
Des Poles Feuerwerk. [2]

Anmerkung des ersten Herausgebers K. F. von Großheinrich:

1) Wenn der an Afrika’s Südspitze sich über die Kapstadt erhebende Tafelberg sich mit Wolken umzieht, sagen die Anwohner: »der Berg hat seine Mütze aufgesetzt.« [Foto unten, M.G.]

2) Das Nordlicht

Aus: Sämmtliche Gedichte. Mit dem Leben, Bildniß und Denkmal der Dichterin. Herausgegeben von Karl Friedrich von Großheinrich. St. Petersburg: Pititscheskije, 1835. (Hier)

Tafelberg und Löwenkopf
Der Berg hat die Mütze aufgesetzt. Foto © Gratz

das glück im blei

Gabriele Berthel

Was lange währt ist nicht gestillt
ein schöner sinn ein irres bild
wir gießen blei das glück ist nah
das alles war schon einmal da

nur ein verirrter traum sucht bang
die hintertür den notausgang
ein seher lauscht weil er nichts sieht
und bleiern tritt die zeit ins glied

wer stillhält der hält auch dafür
das halten hält die hintertür
die not tut ihre schuldigkeit
ein traum besteigt den zug der zeit

weit offen liegt das labyrinth
wer jetzt kein schuldlos zieht gewinnt
ein schönes bild ein irrer sinn
das glück im blei weiß nicht wohin

Aus: Gabriele Berthel: Auszug der Wahrheit. Gedichte Prosa Collagen. O.O.: octopus, o.J. [1991] (Oktav 4), S. 57

Herrlich!

Fumon

(japanischer Zenmeister, 1302-1369)

Herrlich! Herrlich!
Keiner kennt das Schlußwort.
Der Meergrund steht in Flammen,
Aus der Leere hüpfen hölzerne Lämmer.

Nach der englischen Fassung aus: The Penguin Book of Zen Poetry. Harmondsworth: Penguin, 1981, S. 67

Hier ein Netzfund, eine kroatische Version, gefolgt von Googles Übersetzung:

Veličanstveno ! Veličanstveno !
Nitko ne zna konačnu riječ.
Dno je oceana u plamenu,
iz Praznog iskaču drveni jaganjci.

Majestätisch! Majestätisch!
Niemand kennt das letzte Wort.
Der Boden des Ozeans ist in Flammen,
von Holztrieben zu Holzlämmern.

Teich Frosch Platsch

Ein Haiku von Matsuo Basho ((jap. 松尾 芭蕉, * 1644 in Akasaka; † 28. November 1694 in Osaka) in verschiedenen Fassungen.

Furu ike ya
kawazu tobikomu
mizu no oto

1681/1686

Old pond – frogs jumped in – sound of water

transl. Lafcadio Hearn, 1898

Gestörte Stille

Uralter Weiher,
Verträumt! – Da platscht ein Froschsprung,
Nun tönt das Wasser!

Julius Kurth, 1909 (aus: Japanische Lyrik aus vierzehn Jahrhunderten. Nach den Originalen übertragen von Dr. Julius Kurth. München und Leipzig: R. Piper, 1909. = Die Fruchtschale. Eine Sammlung. XVII: Japanische Lyrik)

Der Teich

Ein stiller, öder Teich.
Horch, hörst du’s plätschern?
Ein Fröschlein sprang ins Wasser!

Anna von Rottauscher, aus: Ihr gelben Chrysanthemen! Japanische Lebernsweisheit. Haiku. Wien: W. Scheuermann, 1941

Am Teich

Ein stiller öder Teich, ein träumerisches Ried.
Da – plötzlich rauschts im Wasser irgendwo: –
Ein Frosch, der kleine Kreise zieht.

Paul Lüth, aus: Frühling Schwerter Frauen. Umdichtungen japanischer Lyrik … Berlin: Paul Neff, 1942

An den Teich

Auge des Waldes, schilfbewimpert.
Da springt ein Fisch …
Nun klingt die Stille.

Werner Helwig, aus: Wortblätter im Winde. Nachdichtungen japanischer Texte. Hamburg: Goverts, 1945

Ein uralter Weiher.
Der Sprung eines Frosches
vertieft das Schweigen.

Manfred Hausmann, aus: Liebe, Tod und Vollmondnächte. Japanische Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer, 1960

Hier 30 englische Übersetzungen mit Kommentar

Grimmiger Lebensbericht

Klara Blum

(chinesisch 朱白兰 / 朱白蘭;  Zhũ Báilán; * 27. November 1904 in Czernowitz, Österreich-Ungarn; † 4. Mai 1971 in Guangzhou/China)

Aus: Klara Blum: kommentierte Auswahledition. Hrsg. Zhidong Yang. Wien: Böhlau Verlag, 2001

Auch in: Fäden ins Nichts gespannt. Deutschsprachige Dichtung aus der Bukowina. Hrsg. Klaus Werner. Frankfurt/Main, Leipzig: Insel, 1991

Gute Nacht

Adam Mickiewicz

(* 24. Dezember 1798 in Zaosie bei Nowogródek, heute Weißrussland; † 26. November 1855 in Konstantinopel, Osmanisches Reich)

Diese Polen! Verkaufen ihre klassischen Gedichte als Popsongs! Auch an mich, es ist schon ein paar Jahrzehnte her, in den Siebzigern, da kaufte ich alles von Czesław Niemen in Świnoujście / Swinemünde und Szczecin / Stettin, als es visafreien Reiseverkehr zwischen der DDR und Polen gab, oder in den Häusern der Polnischen Kultur in Berlin und Leipzig, die es auch dann noch gab, als die DDR die kleine Reisefreiheit wieder abschaffte. Ich habe bis heute, manches Mal als Ohrwurm, viele Takte Niemen im Ohr, und auch einige Dichterverse in Niemens Stimme.

Gute Nacht
Übers. Wilhelm Tkaczyk
(Odessa-Sonette 16)

Gute Nacht! Für heut ist unser Spiel zu Ende,
Mag ein Engel dich mit Fittichen behüten.
Gute Nacht! Die Tränen wandeln sich in Blüten,
Und der Frieden nimmt dein Herz in seine Hände.

Gute Nacht! Die Worte und des Herzens Brände,
Jede Stunde und Minute, da wir glühten,
Möge dir ein schöner, lichter Traum vergüten,
Daß dein Sinn sich auch im Schlaf nicht von mir wende.

Gute Nacht! Ich will noch deine Augen sehen.
Deine Lippen – gute Nacht! – bist du verdrossen?
Laß mich deine Brüste küssen, dich umfassen.

Gute Nacht! Schon fliehst du, läßt mich draußen stehen.
Gute Nacht, noch durch das Türschloß! Zugeschlossen!
Gute Nacht! Ich hätte dich nicht schlafen lassen.

Aus: Adam Mickiewicz: Lyrik. Prosa. Leipzig: Reclam, 1978, S. 77

(Wer den polnischen Text mitliest, wird bemerken, daß Niemens Fassung leicht von der hier mitgeteilten abweicht.)

DOBRANOC

Dobranoc! już dziś więcej nie będziem bawili,
Niech snu anioł modrymi skrzydły cię otoczy,
Dobranoc, niech odpoczną po łzach twoje oczy,
Dobranoc, niech się serce pokojem zasili.

Dobranoc, z każdej ze mną przemówionej chwili
Niech zostanie dźwięk jakiś cichy i uroczy,
Niechaj gra w twoim uchu; a gdy myśl zamroczy,
Niech się mój obraz sennym źrenicom przymili.

Dobranoc, obróć jeszcze raz na mnie oczęta,
Pozwól lica. – Dobranoc – chcesz na sługi klasnąć?
Daj mi pierś ucałować. – Dobranoc, zapięta.

– Dobranoc, już uciekłaś i drzwi chcesz zatrzasnąć.
Dobranoc ci przez klamkę – niestety! zamknięta!
Powtarzając: dobranoc, nie dałbym ci zasnąć.

Daheim

Charles Cros

Dichter und Erfinder, * 1. Oktober 1842 in Fabrezan, Département Aude; † 9. August 1888 in Paris

DAHEIM

„Baba, Pipi, Bubu, Popo.“
„Do, ré, mi, fa, sol, la si, do.“
Es brüllt der Knirps, die Schwestern prügeln
Auf Cembalos und alten Flügeln.
Vater rasiert sich auf dem Klo
Und geht anschließend ins Büro.
Die Mutter kocht auf kleiner Hitze
Die schleimig fade Hafergrütze.
Der älteste der Söhne putzt,
Nach allem Anschein ganz verdutzt,
Die Schuhe dieser ganzen Truppe,
Denn selbst heut’ abend nach der Suppe
Gehen sie noch ein wenig aus
Und kommen nicht zu spät nach Haus,
Um für ein derartiges Leben
Sich morgen wieder zu erheben.
„Do, ré, mi, fa, sol, la, si do.“
„Baba, Pipi, Bubu, Popo.“

Deutsch von L. Partisander, aus:Charles Cros: Das Sandelkästchen. Essen: Die Blaue Eule, 1993, S. 132

Charles Cros Le Coffret de santal

Intérieur
1879

« Joujou, pipi, caca, dodo. »
« Do, ré, mi, fa, sol, la, si, do. »
Le moutard gueule, et sa sœur tape
Sur un vieux clavecin de Pape,
Le père se rase au carreau
Avant de se rendre au bureau.
La mère émiette une panade
Qui mijote, gluante et fade,
Dans les cendres. Le fils aîné
Cire, avec un air étonné,
Les souliers de toute la troupe,
Car, ce soir même, après la soupe,
Ils iront autour de Musard
Et ne rentrerons pas trop tard ;
Afin que demain l’on s’éveille
Pour une existence pareille.
« Do, ré, mi, fa, sol, la, si, do. »
« Joujou, pipi, caca, dodo. »

In Arles

Paul-Jean Toulet

In Arles

IN Arles, umhaucht von alter Gräber Duft,
Wenn unter Rosen rote Schatten schwingen
   Und klar die Luft,

Nimm dich in acht vor all den schönen Dingen.
Und tobt dein Herz ganz ohne Grund zu schwer –
   Ein wilder Eber –

Und flattern Tauben blau und schweigend her,
Dann sprich ganz leis, sprichst du alsdann von Liebe
   Am Rand der Gräber.

Aus: Georg Schneider: Kleine französische Anthologie. Hamburg: Ellermann, 1947, S. 10

Paul-Jean Toulet

En Arles

Dans Arles, où sont les Aliscans,
Quand l’ombre est rouge, sous les roses,
Et clair le temps,

Prends garde à la douceur des choses.
Lorsque tu sens battre sans cause
Ton coeur trop lourd ;

Et que se taisent les colombes :
Parle tout bas, si c’est d’amour,
Au bord des tombes.

Dada lacht

Wieland Herzfelde

(eigentlich Herzfeld; * 11. April 1896 in Weggis, Schweiz; † 23 . November 1988 in Ost-Berlin)

Das Dadalyripipidon

Den Dadalyden lotselt Pipikotzmos,
Die Pipiratten späheln nach dem Dadalon.
Sieh! Da & Pi, Dapi, Pida, Pidadapi.
Auch der Mestrieze Dapidapi frosig bahreln.
Zuvörderst darfst dem Daad du fröhnen,
Junger Pipi (so pipida und dapipi dada).
Dem Dadaphon entströmeln sanfte Jamben.
Wer könnte – ohne Dadanent des Pipidroms zu sein.
Darob: Das Ganze stillgestanden (Mittelding),
Datater: dat!
Sprecht Dadamuden.
Der Laubfrosch säugelt euch mit Pipxin?
Der du die Dha von Daad stets peinlich weißt zu scheiteln,
Auf, Auf, an’s Dadapult, sag’s nicht dem Gnömmel-Bömmel.
Gewissenlose Pipidranten flöteln,
Zumal Fritz Friedrich Sunlight (v. Sonderscheunochzagen),
Die mistverpichten Präpipister töteln.
Deromaleinst Milliarden Dadaisten ragen.

Aus: Hanne Bergius, Das Lachen Dadas. Die Berliner Dadaisten und ihre Aktionen. Gießen: anabas Verlag, 1993, S. 195

Prometheus

Otto Gross (* 17. März 1877 in Gniebing bei Feldbach, Steiermark; † 13. Februar 1920 in Berlin) war ein österreichischer Psychoanalytiker und Anarchist. Nach einem Konflikt mit Freud wurde er aus der Psychoanalyse verstoßen und sogar aus ihrer Geschichte getilgt. Ausschnitte aus seine Biografie:

Am 6. Mai 1908 begab sich Gross in eine Behandlung am „Burghölzli“ in Zürich, die aus einer Entziehungskur und einer Analyse bei Carl Gustav Jung bestehen sollte. Am 17. Juni 1908 brach er sie ab, indem er aus der Klinik floh. Jung diagnostizierte im Nachhinein eine Dementia praecox.

(…) 1912 erfolgte eine steckbriefliche Fahndung wegen Mordes und Beihilfe zum Selbstmord. Im Februar 1913 ging Gross nach Berlin, wo er sich der Gruppe um Franz Pfemfert, den Herausgeber der Aktion, anschloss und Quartier bei Franz Jung in Wilmersdorf fand. Am 9. November 1913 wurde er hier mit der Beschuldigung, ein gefährlicher Anarchist zu sein, verhaftet und aus dem preußischen Staatsgebiet ausgewiesen. An der österreichischen Grenze nahm der Vater Hans Gross seinen Sohn in Empfang und veranlasste dessen Einweisung in die Privat-Irrenanstalt Tulln bei Wien. Verhaftung, Abschiebung und anschließende Einweisung in die Anstalt veranlassten Jung, Pfemfert und Mühsam zu einer internationalen Pressekampagne mit dem Ziel, Gross zu befreien.

1914 wurde gegen ihn wegen Wahnsinns mit Genehmigung des k.u.k. Landesgerichtes vom Bezirksgericht Graz eine Kuratel beschlossen und der Vater zum Kurator eingesetzt. Er sorgte sogleich dafür, dass sein Sohn in die Landesirrenanstalt Troppau in Schlesien verlegt wurde. Hier begann Otto Gross gegen seine Entmündigung anzukämpfen, verfasste mehrere Gesuche um neuerliche Untersuchung und Begutachtung seines Geisteszustandes und erreichte schließlich, dass er am 8. Juli 1914 als genesen entlassen wurde.“ (Wikipedia)

Bess Brenck-Kalischer

(* 21. November 1878 in Rostock; † 2. Juni 1933 in Berlin)

Prometheus
Otto Groß

Urgestein, Blut durchsickert,
Zackige Fahne – Prometheus
Stürmt das Feuer der wachen Pforte,
Streut es jauchzend den Völkern der Erde,
Aber die Vielen betrübte die Glut,
Biß und Haß spaltet den Brand,
Verqualmtes Geschlinge.
Da rang sich Prometheus wider dem Felsen,
Zwang von Neuem in jede Spalte
Heiligen Samen.
Nun quillt es leise
Um keusche Knospen,
Demütig zu lösen
Die Wehe der Welt.*

1913

Aus: Bess Brenck-Kalischer, Dichtung (Dichtung der Jüngsten, Band I). Dresdner Verlag, 1917

*) Philologie hin und her, ich habe dem Gedicht mal probeweise zwei Korrekturen zugefügt. Vielleicht Verschlimmbesserungen, vielleicht nicht. Wer das Original sehen will, findet es bei Versensporn (bis Nr. 3 runterscrollen) oder hier in der Zeitschrift „Die schöne Rarität“ (aber da ohne die Widmung an Otto Groß).