Slowakischer Goethe

Heute vor 100 Jahren starb Pavol Országh, der sich als Dichter Hviezdoslav nannte. Er gilt als slowakischer Nationaldichter. „Bereits in der Quinta schrieb er zunächst ungarisch, dann auch deutschsprachige Gedichte. Sein Lehrer nannte ihn damals diesbezüglich einen jungen Goethe.“ (Wikipedia). Zu einer Zeit, als die slowakische Sprache weitgehend verboten und nicht als Literatursprache ausgewiesen war, übersetzte er deutsche (Goethe, Schiller), polnische, ungarische, französische und russische Dichter, und Shakespeare!

Hviezdoslav

(* 2. Februar 1849 in Vyšný Kubín; † 8. November 1921 in Dolný Kubín)

Aus: Sonette (1886)

Wie prächtig seid ihr, wenn ihr so im Kreise schreitet,
ihr seid so viele, doch zieht jeder seine Bahn;
ihr seid nicht fremden, eignen Ruhmes Schnitter. Scham
bereitet euch, wenn jemand finstres Unrecht leidet.

Dort ist der großen Weltgeschichten Feld gebreitet!
Daß er sie einmal aufschreibt, ist des Forschers Wahn:
er stochert in entfernten Nebeln, will sich nahn,
tranchiert die Himmel, wie der Pflug den Acker schneidet.

Ein Überfluß an Theorien wird erfunden.
Für sich teilt er Galaxis um Galaxis ein;
er prüfe nur ... ein Spatz bleibt es in seinen Händen.

Ich bin dafür, den Kosmos gründlich zu erkunden;
doch bleibt ein Seufzer der Bewunderung allein,
ein Wort nur: Herr! – will ich in ferne Höhen senden.

Deutsch von Dietmar Zirnstein, aus: Hviezdoslav: Mit dem Olivenzweig kehr bei uns ein. Sonette. Leipzig: Insel, 1983, S. 41

Foto: © Gratz. Taken with NightCap. Light Trails mode, 966.29 second exposure, 1/1s shutter speed. – Die Sterne rund um den Polarstern am 13. August 2021. Die kurzen Striche quer zu den Sternenbahnen sind Sternschnuppen des Perseidenstroms, die Lichter unten sind die Südküste von Rügen mit ein paar Leuchtfeuern und dem Hafen Lauterbach.
O, veľkolepí ste, jak kráčate tak v kole,
vy jasní pútnici, hoc mnohí, v shode preds’;
nie cudzej, vlastnej vy ste každý slávy žnec,
pre krivdu nevchádzate mračnej do nevole.

Tam svetodejov veľkých nedohľadné pole!
Že kedys’ spíše ich, si trôfa vedomec:
i štára v tajných hmlách a zvŕta nebožiec,
i nebesá rozkrájal ako oráč role.

Vtom domnienok všakových hojnosť rozsial na ne.
Pred sebou predviesť dal rad sústav slnečných;
diaľ skúša, beh, lúč... a už vtáčka chvatol v dlane! ...

Ja, pravda, chválim Kozmu umné spytovanie;
pri všetkom obdive však preds’ sa prerve vzdych,
vzdych z hlbín k ústam, z úst do výšin v slove: Pane! –

Ebd. S. 40

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