Aus dem Haiku-Band „Guuder Moond“ von Fitzgerald Kusz (ars vivendi verlag, 6 € )

Auf die Frage, warum nicht „reddung“, antwortet Kusz: „Das Substantiv „Rettung“ existiert im Dialekt nicht. Da muss man wie so oft auf die Hochsprache zugreifen. In der Linguistik nennt man sowas eine Interferenz!! Ohne Übernahmen aus der Standardsprache würde die Kommunikation nicht funktionieren. Im 19. Jahrhundert hat man französiche Wörter wie partout übernommen. Der Dialekt meiner Großmutter war noch voll davon. Jetzt werden Wörter aus der Standardsprache und dem Englischen mit Hilfe der fränkischen Phonetik eingefränkelt. Aus Rettung wird in der Aussprache Reddung.“
Jiří Karásek ze Lvovic
(eigentlich Josef Karásek („aus Lvovic“), * 24. Januar 1871 in Smíchov, heute Teil von Prag; † 5. März 1951 in Prag)
SPLEEN Mein einziger Freund, der stets mich treulich mußt begleiten, Mein Spleen! Wenn Mitternachts am Himmel stehn die Sterne, Seh ich der Hoffnung Grab, seh düstre Stunden schreiten Wie Tänzerinnen matt und schleichen in die Feme . . . Es schweigt die Welt. In mir verglimmt des Lebens Funken. Das Herz ist leer und öd, kann nimmer sich entzünden. Und Lieb? — — An ihrem Quell hab einmal ich getrunken. Und Ruhm? Ich seh ihn trüb auf immer mir entschwinden. Nichts haben, sterben . . .! Müd macht alles, und gebrochen. Und Liebe kündet nichts, als was sie stets gesprochen, Stets steigt ein Qualm vom Licht, das einst uns hat erhellt. Nur Öde bringt der Traum und trügerische Beute. Wer gestern ward geliebt, ist gleichgültig uns heute, Der Schatten an der Wand ist mehr als alle Welt.
Deutsch von J.V. Lovenbach, aus: Jüngste tschechische Lyrik. Eine Anthologie. Hg. Franz Pfemfert. Berlin-Wilmersdorf: Die Aktion, 1916 (Reihe: Die Aktions-Lyrik), S. 56
Das Original habe ich nicht gefunden – hier offenbar ein anderes Gedicht mit gleichem Titel, aus der Sammlung „Zazděná okna“ (Vermauerte Fenster). Gedichte, 1894.
SPLEEN Den za dnem plouží se tak mdlý, tak mdlý, jak z cel když v kápích chodbami jdou mniši. Šer zhuštěný, v němž barvy uhasly, vše zalévá, že oko nerozliší, kde nebe šedivé, kde země šedá, kde křivka obzoru je zsinalá a bledá. Vše prší popelem a mísí se a smývá v tom svitu klamivém, jenž zpola roven stínu. A zrak se v prázdno jen a v slité kouře dívá a v chmury sražené, z nichž cítit vlhkost cínu. Hned duše po noci, hned zase po dni touží. Hned tmou se zpíti chce, hned zase žárem spálit. Krok prázdnou jizbou zní, kde únava se plouží. A posléz znudí vše v tom svitu, mhou jenž zalit A deštěm popela a smutkem jeho skonu, V tom šeru bez kontur a ostrých čar a rysů, Bez barev záchvějův a bez hýření tónů, Kde v stíny plíživé vše dlouží se a schvívá. A duše znavena se smutkem všeho splývá. ze sbírky Zazděná okna, 1894
Peire Cardinal, Troubadour, geb. um 1150 in Le Puy, gest., fast hundertjährig, vor 1250, besaß in seiner Vaterstadt eine Pfründe und zog viel umher. Er war der Meister des moralischen Sirventes. Seine Gedichte (zusammen gegen 70) sind meist gegen den Klerus und den hohen Adel gerichtet, deren Schäden er schonungslos aufdeckte. Vgl. Diez, Leben und Werke der Troubadours (2. Aufl., Leipz. 1882).
Quelle: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 15. Leipzig 1908
UNMUT Ich seh die Welt so voll und schwer Von Gier und Geiz, so falschgesinnt. Daß selbst der Vater seinem Kind Nicht traut und dieses ihm nicht mehr. Und darob sorg' ich mich so sehr Und weiß kein Wort, das klänge hold. Es sei denn, daß ich lügen wollt’. Oh, daß die Welt doch anders wär!
Deutsch von Karl Vossler, aus: Jaspert, Reinhard (Hrsg): Lyrik der Welt. Lyrik und Weisheit des Auslandes. Berlin: Safari-Verlag 1953
Ich danke Anne Bennet, die den Originaltext gefunden hat. Ich hatte auch gesucht, aber nur bei den kurzen Coplas. Der Übersetzer hat leider nicht angemerkt, dass er nur die erste Strophe einer Sirvente übersetzt hat. Dadurch verfälscht er das Gedicht zu einer allgemeinen Aussage über den Zustand der Welt – während es in allen anderen Strophen gegen die Kirche wettert.
Tan vei lo segle cobeitos Plen de maleza e d’engan, Que ges lo paire en l’enfan No-s pot fizar-denguns d’abdós. Per qu’ieu n’estauc tan consirós Qu’a penas en puesc nuil ben dir, Si doncx non volía mentir: Per qu’ieu volgra c’autre monz fós. https://www.cardenal.eu/T33.htm
Wer ist Walter Werner: DDR-Lyriker, Thüringer Heimatdichter, Natur-, Landschaftsdichter? Mag von allem etwas sein, aber da ist mehr. Adolf Endler, der einen Auswahlband bei Reclam Leipzig herausgab, attestierte „geradezu sprunghafte Qualitätssteigerung und immer wieder überraschende Neuansätze“ und stellte ihn in die Reihe der Mickel, Czechowski, Kirsch, Braun, Lorenc. (Und ich erinnere mich, dass Elke Erb ihrerseits von den „kindischen Anfängen unserer Generation“ sprach.) Zum 100. Geburtstag lese ich in Endlers und Gerhard Wolfs Auswahlbänden und in dem 1982 erschienenen Band „Der Baum wächst durchs Gebirge“ und entscheide mich für 2 Gedichte aus diesem.
Walter Werner
(* 22. Januar 1922 in Vachdorf; † 6. August 1995 in Untermaßfeld)
Entdeckung Der Baum wächst durchs Gebirge, Steine schüttelt er aus dem Haupt. Vögel sind in ihm untergegangen und Sterne, Gedichte und Gerüchte, Gesänge und Gehenkte. Sein Blatt das letzte Wort auf abgeschnürter Lippe. Im Schneelicht gitterscharf geschnitten sein Himmel und im Windfall unwiderstehlich die friedliche Welt.
Erfahrung zur Unzeit Dunkel wie der Regen flüstern und liegen die zweigeschlechtlich Hungrigen, die Doppelzüngigen, mit den silbensüßen Lippen der Souffleure, mit den verschenkten Kämpfen zwischen den Beinen. Zwei Körper wachsen zu einem Leib, der eine fliegt mit blinden Vögeln der andere schläft mit toten Mädchen.
Aus: Walter Werner: Der Baum wächst durchs Gebirge. Gedichte. Halle, Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1982, S. 5 und 60.
Der mittelenglische Versübersetzer Robert Mannyng of Brunne
Aus der Einführung zu der »Rhyming Chronicle of England« , 1338
»Rhyming Chronicle of England« Einführung Will jemand mich tadeln, aus Bourne ich stamme, Robert Mannyng ist mein Name; Gottes Segen sei vergönnt, Wer mich gerne Robert nennt. In Eduards des Dritten Zeit Schrieb den Bericht ich lang und breit In der Sixhill Priorei; Robert Malton war dabei. (...) Schrieb ihn ab aus Freundlichkeiten, Um Vergnügen zu bereiten. Hab alles in mein Englisch umgesetzt. In simpler Sprache tat ich’s kund, Der leichtesten im Menschenmund. Ich schrieb ja nicht für Literaten, Für Dichter und Fachadressaten, Aus Liebe nur zum simplen Mann, Der Kunstenglisch nicht kennen kann.


Aus: Hier hatte ich einst viel Pläsier. Volkstümliche englische Dichtung des Mittelalters. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. u. übersetzt von Martin Lehnert. Leipzig: Insel, 1980, S. 38-41
Hugo Lyck? Wer kennt den Namen? Auch die großen Literaturlexika (und auch Wikipedia) nicht. Ein echter Geheimdichter vom Anfang des vorigen Jahrhunderts. Ein Gedicht von ihm steht im Jahrgang 1958 der Literaturzeitschrift Akzente. Die Anmerkung:
„Hugo Lyck, auf- und untertauchend im Café Stefany Münchens, im Romanischen Café in Berlin, dazwischen Reisen nach Venedig, nach Hamburg, Breslau, das vielleicht sein Geburts- und Todesort war. Er gehörte zeitweise dem Kreis um Wolfskehl an, glich Friedrich Schlegel an Hochmut und ahnungsvollem Geist und in der Absicht, mit den höchsten Ansprüchen zu lenken. Seine Gedichte sowie ein Trauerspiel scheinen verloren gegangen zu sein. Das von uns gedruckte Gedicht ist mündlich überliefert. Das Mittelalter, die Urzeiten zogen ihn an.“ (Akzente 3/1958, S. 288)
HUGO LYCK • MARIGNANO WOHER? Wohin? So frag doch Freund! Weißt du? Weiß nicht. So frag doch Freund! Der Feldherr weiß. Wo ist der Feldherr? Wir fragen Jahr um Jahr um Jahr. Der Feldherr gab nicht Antwort, Du blutest auch. Warum? Wozu? Weißt du? Weiß nicht. Wozu? Warum? So frag doch Freund. Du blutest auch! Wir bluten Kopf an Kopf an Kopf. Der Feldherr hat noch keine Zeit. Zur weißen Stadt am blauen Meer. Der Feldherr wollte kommen. Doch kam er nicht. So frag doch Freund! Oh weiße Stadt! Oh blaues Meer! Den Feldherr her! Den Feldherr her!
Eine Spur von Lyck findet sich in Walter Benjamins Briefwechsel mit Gerhard (Gershom) Scholem. In einem Brief vom 17. Dezember 1921 berichtet Benjamin von einer „selten mißglückten und selten interessanten Vorlesung“. „In einem Hause in der Bendlerstraße hatte sich eine Bourgeois-Familie aus wer weiß welchen Gründen zum Vortrag die Person eines Herrn Lyk verschrieben.“ Eine Fußnote der Herausgeber sagt: „Der Deutschbalte Hugo Lyck, über den Hans Blüher, “ Werke und Tage“ , München 1955, S. 22-24, näher berichtet hat.“ Benjamin nennt das Publikum „unmöglich“ und findet den Vortragenden interessant:
„Herr Lyk, ein unbestreitbar schizophrenes Talent ist bekannt (bei solchen, die dies ihrerseits nicht sind) als eine wissensschwangere, geisterkundige, weltgereiste [!] und vollkommen esoterische Persönlichkeit im Besitze aller Arkana. Er dürfte nicht viel weniger als 45 Jahre zählen. Konfession, Herkommen und Einkommen bleiben noch zu ermitteln, und ich bin nicht faul. Dieser Herr, der sich als ein ins Verhungerte, Totenkopfhafte und nicht durchaus Reinliche verhextes „Genie“ (Felix N.) beschreiben ließe, sprach mit der Haltung (nicht aber Stimme!) eines Aristokraten aus dem alten „Simplizissimus“ über – Verschiedenes. De omnibus et quibusdam magicis. Das Debacle war vollkommen.“
Nach einer Stunde brachte man den Herrn zum Schweigen und zwei „Salonlöwen“ zerrissen ihn brutal. Als er völlig kaltgestellt an den Ofen gelehnt saß, ging Benjamin zu ihm und ließ sich seine Adresse geben. Im Moment fehlt mir die Zeit, weiter zu recherchieren. Noch einmal Benjamin: „Worüber er übrigens sprach läßt sich nur andeuten: über die herrschende Bedeutung des Melos in der Sprache. Er las auch merkwürdige Gedichte vor.“
Walter Benjamin: Briefe I. Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Gershom Scholem und Theodor W. Adorno. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1978, S. 287f.
Werner Riegel
(* 19. Januar 1925 in Danzig; † 11. Juli 1956 in Hamburg)
ICH atme Frucht und Phlox Und ich denke an mich. Meine Hymnen für euch Gesocks Sind nicht mehr feierlich. Macht euch bloß nicht ins Hemd! Ich bin euch trotzdem gewogen Im Wind, der uns niederschwemmt. Wohin die Rußflocken flogen. Das Haupthaar voller Schinn Und eine handvoll Abendstern Dafür hält man die Schnauze hin Im Weinberg des Herrn. Das wollt ihr immer noch Mit Zungen preisen Bis an das stinkende Loch In das sie euch dann schmeißen! Ich atme Frucht und Gras, Ich bin voller Gefühl. Lau fällt die Nacht und das, Was ich besingen will. Langsam rutsche ich weg Im Strom der Stille. Ihr seit der letzte Dreck, Mit dem ich die Strophen fülle.
Aus: Gedichte aus dem Nachlaß. In: Akzente 5/1958, S. 99 (Akzente Band II, 1957-1959, Reprint, Zweitausendeins)
Heute drei polyglotte Siebenzeiler aus einer größeren Serie, die Helmut Schulze auf seiner Facebookseite veröffentlicht.
camminando dimentico des derniers pas que j'ai faits it’s reality that i mow nie sei’s, daß ich heu verschmäh’ and a lot to it I owe le parfait plus-que-parfait eppur pre-identico ✹✹✹ faire grève à la volonté the assertion “will i am” so wie hering in gelee e sempre alla mercé eines: wo ich geh’ und steh’ I’m always condemned, god damn à suivre - nécessités ✹✹✹ untrue the weather forecast erwartungsfroh geschaßt la neve i suoi fiocchi un temps très iconoclaste lascia orbi gli occhi die ihr mich untreu verlaßt at the border of a must
Kurt Bartsch war ein deutsch-deutscher Schriftsteller (Gedichte, Parodien, Theaterstücke, Übersetzung, Kinder- und Jugendbuch, Künstlerbuch, Hörspiel, Film). Er begann 1964 ein Studium am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ in Leipzig und brach es Ende 1965, nach dem berüchtigten 11., dem „Kahlschlagplenum“ des Zentralkomitees der SED, wieder ab, oder wurde er gegangen? Er blieb renitent. Nachdem er gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte, durften seine Stücke nicht mehr aufgeführt werden. Im Juni 1979 wurde er aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen. 1980 ließ die DDR ihn nach Westberlin ausreisen – in einem verzweifelten Versuch, die Renitenz durch Hinausdrängen der Renitenten loszuwerden.
Ein Gedicht aus dem ersten Gedichtband.
Kurt Bartsch
(* 10. Juli 1937 in Berlin; † 17. Januar 2010 ebenda),
kapitulation die eltern hissen weiß die fahne, auf der sie einst, auf blassem laken, Soldaten für die schlacht herstellten; nun geben sie den beischlaf vorerst auf.
Aus: kurt bartsch: zugluft. gedichte sprüche parodien. Berlin und Weimar: Aufbau, 1968, S. 12
Der Autor in Lyrikwiki
Inger Christensen
(* 16. Januar 1935 in Vejle, Dänemark; † 2. Januar 2009 in Kopenhagen)
Sidder på min fornufts lille gren Sidder på min fornufts lille gren saver saver med rusten ru sav legetøj gemt fra min barndom saver saver vinteren kommer skynd jer skynd jer ivrige hænder kast mig kast mig ned til mig selv
Sitze auf dem kleinen ast meiner vernunft Sitze auf dem kleinen ast meiner vernunft säge säge mit rostiger rauher säge spielzeug aufgehoben aus meiner kindheit säge säge der winter kommt macht schnell macht schnell eifrige hände werft mich werft mich hinab zu mir selbst
Aus dem Dänischen von Hanns Grössel, aus: Inger Christensen: Lys / Licht. Münster: Kleinheinrich, 2005, S. 54f
Franz Fühmann
(* 15.1.1922 in Rochlitz/Riesengebirge (heute Tschechien), † 8.7.1984 in Berlin)
Aber kein Kerker ... Aber kein Kerker ist härter als der in die Seele gesenkt, was sind Schlösser und Schwerter, wenn der Geist ein Bild nicht mehr denkt, sich versagt ihm, versargt es für immer in des Hirns versiegeltes Fort, keine Schauer, keine Schimmer kommen je wieder von dort. Freilich: Auch alle die Blitze und Blicke, die uns entzückt, die blanke, blendende Spitze des Witzes: sie sind entrückt mit den Plänen und Plagen, den bösen, zusammen geht es ins Grab, da ist nichts herauszulösen, alles muß hinab, das Ganze zugemauert, daß nichts mehr deutbar sei, kein Trost, keine, Trauer, die dauert, alles ist vorbei, eine Grabeszelle in der Seele, nicht Schmerz, nicht Lust, eine tote Stelle, mir schon unbewußt, schon Legende, Lüge, daß dies wäre geschehn. Keine vertrauten Züge, nichts mehr zu verstehn. Verschlossen ein Bild für immer im härtesten, festesten Fort, keine Schauer, keine Schimmer kommen je wieder von dort
Aus: Franz Fühmann: Gedichte und Nachdichtungen. Rostock: Hinstorff, 1978, S. 17
Wir wissen nichts und behaupten so viel.
Überflüssige Lyrik ist schlechter als schlechte: Diese kann noch als Lehrbeispiel dienen; nur mittelmäßige zu gar nichts mehr.
Daß dich das Gedicht betroffen macht, heißt ja nichts Andres, als daß es dir sich öffnet, allein dies Sich-Öffnende weist ins Dunkel, und das erscheint als verschlossenes Tor.
Nicht das Schwierige wird verlangt, sondern das Unmögliche, das zugleich das Selbstverständliche ist.
Umgang mit Schäbigem kann zurückwirken; dann entsteht schäbige Poesie.
Johannes Jørgensen (* 6. November 1866 in Svendborg; † 29. Mai 1956 ebenda)
ARKTURUS Über den dunkeln Bäumen Erblinkt ein Stern allein. Er blinkt und brennt so seltsam Mit sonderbar wechselndem Schein. Er blaut und leuchtet blutig Aus den Tiefen der Nacht heraus. Ich sah ihn so manchen Abend Funkeln* über mein Haus. Mein Haus, mein Haus in der Ferne Und der Träume versunkene Pracht, Der zitternde Stern meiner Jugend In heller Sehnsuchtnacht.
Aus dem Dänischen von Otto Hauser aus: Lyrik der Welt. Lyrik und Weisheit des Auslandes. Hrsg. Reinhard Jaspert. Berlin: Safari-Verlag, 1953, S. 516
*) im Buch steht wirklich Dunkeln statt Funkeln – aber es muss wohl ein Druckfehler sein. Danke dem aufmerksamen Leser!
Arkturus Det blinker en enlig stjerne over de mørke træ'r, den blinker og brænder så sælsomt med skært og skiftende skær. Den blåner og blusser blodig af nattedybderne frem, jeg såe den så mangen aften funkle over mit hjem. Mit hjem, mit hjem i det fjærne og drømmenes sunkne skat. Min ungdoms skælvende stjerne i længslernes lyse nat.
Die Johannes-Jørgensen-Gesellschaft

Arkturus (Arktur), Hauptstern des Sternbilds Bärenhüter (Bootes) ist oft „ein Stern allein“, weil er zu den hellsten Fixsternen gehört, den man oft auch über einem Stadthaus sehen kann. Man findet ihn leicht ein Stück in Richtung vom Großen Wagen über die Deichsel. Der Große Wagen ist ja eigentlich der Große Bär, Ursa major, und der Bärenhüter führt den großen und den kleinen Bären an der Leine. Mein Symbolbild zeigt viele helle Sterne, also ist es nicht Arktur. Es ist das Sternbild Perseus, etwa 10 Minuten belichtet. Die Sterne drehen sich um den Polarstern, links oben über den Bildrand. Da in der Ecke sieht man eine kleine Sternschnuppe, der kleine Strich quer zu den Sternbahnen. Es war am 8. August 2019, Hochzeit des Perseidenstroms, der vom Perseus aus in alle Richtungen geht. Durch die Bildmitte geht ein Flugzeug. Hinten die Küste von Rügen mit zwei Leuchtfeuern. Das detailreiche Bild passt nicht richtig zu dem ruhigen Gedicht, oder es passt als Kontrast. Das wichtigste Detail habe ich noch gar nicht erwähnt. Das Geflacker rechts über der Ostsee ist ein Gewitter in der Ferne, eine echte Lichtshow, wenn man weit genug weg ist. Jetzt könnten Sie das Gedicht noch einmal lesen. (Und der Stern, der ist auch im Alter noch da, sofern man sich auf der Nordhalbkugel aufhält.)
Friedrich Müller, genannt Maler Müller oder Teufelsmüller
(* 13. Januar 1749 in Kreuznach; † 23. April 1825 in Rom)
Der Jüngling und der Waffenhändler Einst zu dem berühmten Waffenhändler Kam ein Jüngling. Lehre mich gebrauchen, Bat er, deine starken, schönen Kriegerwaffen, Daß ich tapfer sie mit Anstand führe, Wenn zum Kampfe die Trommete ruft. Drauf der Alte, mit dem Kopfe schüttelnd: Sieh', die Waffen stehn hier zum Verkaufe, Schmieden lernt' ich sie, doch nimmer führen. Anders ist's nicht mit den Theorien, Von den Meistern fein und klug ersonnen. Anzuwenden, praktisch zu bewähren Fehlt die Kraft den Meistern, und je blanker Ihre Waffen glänzen, desto seltner Taugen sie, wenn's gilt, im Waffentanze. Quelle: Friedrich Müller (Maler Müller): Werke. Band 1, Mannheim und Neustadt/Hdt. 1918, S. 93. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20005413028
Friedrich Schlegel
(* 10. März 1772 in Hannover; † 12. Januar 1829 in Dresden)
Schiller [1.] Geschritten in die Welt kam Schiller, Und da ward's still und immer stiller. Erstaunt frug die Natur: »Was will er?« Und dreimal tönte laut der höchste Triller. [2.] Schick dein Schicksal in die Saale! Es gereicht uns nur zur Quale. [3.] Ach wie gefällt die Glocke dem Volk und die Würde der Frauen! Weil im Takte da klingt alles, was sittlich und platt. [4] Welches Schicksakel! Es heißt Piccolomini; dennoch ist keiner Piccol uomo so sehr, als der es pickelte selbst. [5] Wallenstein hast du, die Stuart sodann zu Dramen geschichtet, Mach nun den Robinson auch sauber zum tragischen Stück. [6.] Schändlich, geehrter Baron, hast du Macbeth den hohen verschimpfet; Doch was geschehn, ist geschehn, bleibe nur künftig davon. [7] Wahrlich, es stachen den Fuß ihm Taranteln, dem alten Pedanten. Närrisch da rannt' es mit ihm, wurde Turandot zuletzt.
In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts schickte der französische Dichter, Filmregisseur und Maler Jean Cocteau ein paar Gedichte in deutscher Sprache an den Komponisten Kurt Weill, „Mon cher Kurt“. Er erinnere sich nur an das Deutsch seiner Kindheit. „Leider kenne ich eure Dichter nicht. Ich bin mit Erlkönig und Struwwelpeter erzogen worden. Verzeihen Sie mir daher, dass ich Ihnen diese naiven Gedichte anbiete. Ihre einzige Entschuldigung ist, dass Sie mich gebeten haben.“ Der Brief und 6 kurze Gedichte wurden in der in Amsterdam von Klaus Mann herausgegebenen Exilzeitschrift „Die Sammlung“ gedruckt.
Jean Cocteau
(* 5. Juli 1889 in Maisons-Laffitte bei Paris; † 11. Oktober 1963 in Milly-la-Forêt bei Paris)
BLUT Wir haben mehr Blut als wir denken. So schnell macht die Liebe nicht tot! Viel Schmerzen kann uns die Liebe schenken, Unser Blut aber bleibt noch sehr lange rot. Und wenn wir gar kein Blut mehr haben, Wenn man uns in die Grüfte tut; Und sind wir noch so lang vergraben, Für Schmerzen bleibt noch etwas Blut.
Die Sammlung. Literarische Monatsschrift. 1. Jahrgang, 1934, Heft X, S. 532 (Nachdruck: Roger und Bernhard bei Zweitausendeins, 1986. – 3. Auf., 1993, S. 532.
Nachsatz zur Zeitschrift
Das erste Heft erschien im September 1933 und wurde im nationalsozialistischen Deutschland zwar nicht verkauft, aber aufmerksam gelesen von den Schergen des Regimes. Im Oktober schrieb Hanns Johst an seinen „lieben Heinrich Himmler“: „Als Herausgeber zeichnet der hoffnungsvolle Sproß des Herrn Thomas Mann, Klaus Mann. Da dieser Halbjude schwerlich zu uns herüberwechselt, wir ihn also nicht aufs Stühlchen setzen können, würde ich in dieser wichtigen Angelegenheit doch das Geiselverfahren vorschlagen. Könnte man nicht vielleicht Herrn Thomas Mann, München, für seinen Sohn ein bißchen inhaftieren? Seine geistige Produktion würde ja durch eine Herbstfrische in Dachau nicht leiden (…)“. Es kam nicht dazu – dem Büttel war entgangen, dass Thomas Mann schon im Februar Deutschland verlassen hatte. (Er wollte zurückkehren, aber seine Kinder überredeten ihn dringend, im Ausland zu bleiben).
Neueste Kommentare