Meine Leser

741 Wörter, 4 Minuten Lesedauer.

Heute vor 105 Jahren, am 24. August 1921*, wurde der russische Dichter Nikolai Gumiljow als Konterrevolutionär erschossen. Erst 1987, in Gorbatschows Perestroika, erschienen in der Sowjetunion ein paar Gedichte in der Zeitschrift Ogonjok. Ich konnte sie in Greifswald am Zeitungskiosk kaufen – ich hatte diese Zeitschrift für mich entdeckt, weil sie offener war als die DDR-Presse. Perestroika und Glasnost gab es in der DDR nur in (östlichen) Fremdsprachen. Das Heft mit den Gedichten von Gumiljow war eines der ersten, das ich gelesen habe. Ich kannte den Namen von Fußnoten zu Anna Achmatowa, mit der er ein paar Jahre verheiratet war, aber bis dahin keine Gedichte. 1988 erschien eine deutsche Auswahl im Westberliner Oberbaum Verlag, die ich Anfang der 90er kaufen konnte. Das war ganz einfach – ich musste nur die Mauer öffnen und die Ostmark durch D-Mark ersetzen.

Gumiljow gehörte wie Achmatowa und Mandelstam zur Gruppe der Akmeisten. Das war eine Gegenströmung zum um 1900 auch in der russischen Literatur vorherrschenden Symbolismus. Das heutige Gedicht des Tages macht sich über den Symbolismus mit seinen symbolhaft verrätselten Andeutungen, seiner Richtung ins Transzendent-Mystische und Bevorzugung musikalischer, zerfließender Versformen lustig.

*) zumindest nach der deutschen Wikipedia. Die russische und englische Version nennen den 26. August, die französische den 16. August. Trau keiner Quelle, die du nicht gegengeprüft hast – was nie leichter war als heute, indem man zum Beispiel auf andere Sprachversionen des Online-Lexikons klickt.

Nikolai Gumiljow

Meine Leser
Der alte Vagabund in Addis-Abeba, 
der viele Stämme unterworfen hatte, 
schickte zu mir einen schwarzen Lanzenträger 
mit einem Gruß, der aus meinen Versen gebildet war.
Der Leutnant, der ein Kanonenboot geführt hatte 
unter dem Feuer der feindlichen Batterien, 
las die ganze Nacht auf dem südlichen Meer 
mir zum Gedenken meine Verse.
Der Mann, der inmitten der Volksmenge 
den kaiserlichen Gesandten erschossen hatte, 
trat auf mich zu, mir die Hand zu drücken, 
mir für meine Verse zu danken.

Viele von ihnen, den Starken, Bösen und Frohen, 
die Elefanten und Menschen erschlugen, 
die vor Durst in der Wüste starben, 
die an der Kante des ewigen Eises erfroren, 
die treu waren unserem Planeten, 
dem starken, frohen und bösen - 
führen meine Bücher in der Satteltasche mit sich, 
lesen sie im Palmenhain, 
vergessen sie auf dem sinkenden Schiff.

Ich beleidige sie nicht mit Neurasthenie, 
erniedrige sie nicht durch Wärme der Seele, 
werde ihnen nicht lästig durch vieldeutige Anspielungen 
auf den Inhalt eines ausgegessenen Eis.
Aber wenn ringsum die Kugeln pfeifen, 
wenn die Wellen die Borde brechen, 
lehre ich sie, wie man sich nicht fürchtet, 
sich nicht fürchtet und tut, was not ist.

Und wenn die Frau mit dem schönen Antlitz, 
dem einzig teuren auf der Welt, 
sagt: „Ich liebe Sie nicht"
dann lehre ich sie, wie man lächelt 
und fortgeht und sich nicht mehr umwendet.
Und wenn ihre letzte Stunde kommt, 
ein gleichmäßiger, roter Nebel die Blicke bedeckt, 
dann werde ich sie lehren, sich auf einmal zu erinnern 
des ganzen grausamen, lieben Lebens, 
der ganzen vertrauten, seltsamen Erde 
und, vor dem Antlitz Gottes erscheinend, 
mit einfachen und weisen Worten 
ruhig Sein Gericht zu erwarten.

(2.7.1921)

Aus dem Russischen von Irmgard Wille, aus: Nicolai Gumiljow, Ausgewählte Gedichte. Gedichte ausgewählt und übertragen von Irmgard Wille. Briefe ausgewählt und übertragen von Rosemarie Düring. Zweisprachig Russisch und Deutsch. Berlin: Oberbaum / BasisDruck, 1988, S. 95/97

Николай Гумилёв

МОИ ЧИТАТЕЛИ
Старый бродяга в Аддис-Абебе,
Покоривший многие племена,
Прислал ко мне черного копьеносца
С приветом, составленным из моих стихов.
Лейтенант, водивший канонерки
Под огнем неприятельских батарей,
Целую ночь над южным морем
Читал мне на память мои стихи.
Человек, среди толпы народа
Застреливший императорского посла,
Подошел пожать мне руку,
Поблагодарить за мои стихи.

Много их, сильных, злых и веселых,
Убивавших слонов и людей,
Умиравших от жажды в пустыне,
Замерзавших на кромке вечного льда,
Верных нашей планете,
Сильной, веселой и злой,
Возят мои книги в седельной сумке,
Читают их в пальмовой роще,
Забывают на тонущем корабле.

Я не оскорбляю их неврастенией,
Не унижаю душевной теплотой,
Не надоедаю многозначительными намеками
На содержимое выеденного яйца,
Но когда вокруг свищут пули,
Когда волны ломают борта,
Я учу их, как не бояться,
Не бояться и делать что надо.

И когда женщина с прекрасным лицом,
Единственно дорогим во вселенной,
Скажет: я не люблю вас,
Я учу их, как улыбнуться,
И уйти, и не возвращаться больше.
А когда придет их последний час,
Ровный, красный туман застелит взоры,
Я научу их сразу припомнить
Всю жестокую, милую жизнь,
Всю родную, странную землю,
И, представ перед ликом Бога
С простыми и мудрыми словами,
Ждать спокойно Его суда.

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