Rudolph Genée (1824-1914)

Ein Freund schrieb neulich, die Anthologie der Lyrikzeitung sei eigentlich (m)ein Pantheon. Das Wort trifft vielleicht etwas, aber insgesamt finde ich es nicht glücklich. Das sind doch nicht meine Götter. Ich poste manchmal Gedichte, weil ich sie schon lange mag oder eben entdeckt habe, manchmal zufällig oder weil ich etwas zu einem Anlass suche*) – viel öfter aber aus einer Art Sammelwut. In meiner Bibliothek finden sich tausende Dichter in Einzelbänden oder Anthologien, die Weltbibliothek im Internet hat abertausend weitere. Warum nicht von (fast) jedem wenigstens einmal ein Gedicht auswählen? Es müssen nicht immer Götterwesen sein. Unsterbliche? Höchstens in dem Sinn, dass fast alles auffindbar ist, solange die Welt(bibliothek) existiert. Angeblich haben über 2000 Leute die Lyrikzeitung abonniert. Ein paar hundert klicken zufällig auf der Suche nach irgendwas vorbei, ein paar Dutzend gezielt, eine Handvoll reagiert fast jeden Tag auf meine wachsende Anthologie. (Ihnen danke ich sehr!) Es ist nicht möglich, mit 365 Gedichten im Jahr von allen Seiten Beifall zu bekommen. „Auch mir selbst gefällt es“ manchmal „nicht“, sage ich mit Ernst Jandl. Ob das „gute“ oder „schöne“ Gedichte sind, was juckt es mich?

Eine Anthologie, der tausend Leute jeden Tag begeistert zustimmen, wenn sie denn möglich wäre, wär sie bestimmt langweilig. Warum soll man denn das und nur das bringen, was sowieso schon alle lieben? Als Thomas Kling seine Anthologie „Sprachspeicher“ veröffentlichte, monierte ein Kritiker, dass vieles fehle, was dahingehörte. Warum will er denn immer wieder das bekommen, was er schon hat? Warum freut er sich nicht einfach über das eine oder andere, was bei Klings Auswahl überraschte? Ich bin für absolute Neugier, Neu-Gier, Diversität. An einem schönen Tage läßt sich ja fast jede Sangart hören, und die Natur Kultur, wovon es her ist, nimmts auch wieder.

Der heutige Dichter gehört nicht zu meinen Göttern (Hölderlin und Jandl schon). Ich habe ihn mir angesehn, weil er just vor 200 Jahren geboren wurde. Hier ist ein Gedicht von Rudolph Genée (1824-1914). Lest es mit Vergnügen oder mit Stirnrunzeln, freut oder ärgert euch, merkt ihn euch oder vergesst ihn – hier ist meine Auswahl für die nächste Minute Lektüre.

*) Manchmal verrate ich den Anlass und öfter nicht.

Rudolph Heinrich Genée (er selbst nannte sich Rudolph Genée, ab ca. 1910 fast ausschließlich öffentlich als Rudolf Genée bezeichnet, Pseudonym: P.P. Hamlet, * 12. Dezember 1824 in Berlin; † 19. Januar 1914 ebenda) war ein deutscher Schriftsteller, Theaterhistoriker und Rezitator. Mehr davon hier.

Oh Zeus! 

Oh Zeus! ich wollte, ich wäre dein Blitz!
Du solltest nicht lange mich halten!
Ich wollte vertreiben der Dummheit Nacht
Mit meinen Flammengestalten.

Oh Zeus! ich wollte, ich wäre dein Blitz!
Trotz alten und neuen Göttern, –
Wie wollt' ich die ganze Lügnerbrut
Mit einem Schlag zerschmettern!

Oh Zeus! ich wollte, ich wäre dein Blitz!
Ich würde den Weg schon finden,
Zu heller, lodernder Liebesglut
Ein kaltes Herz zu entzünden!

Aus: Große und kleine Welt. Gedichte von Rudolph Genée. Leipzig: Heinrich Hübner, 1861, unpaginiert (S. 21)

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