Ukrainischer Löwe

Wassyl Symonenko

(ukrainisch mit nur einem S im Vornamen: Wasyl, Василь Андрійович Симоненко; * 8. Januar 1935 in Bijiwzi, Oblast Poltawa, Ukrainische SSR; † 13. Dezember 1963 in Tscherkassy, Ukrainische SSR)

Ukrainischer Löwe

Gedanken sprießen, treiben aus in Worten, 
Ihre Triebe flüstern in der Tage Gewirr –
Unter Löwen weile ich, schon eine ganze Woche 
Nicht umsonst nennt diese Stadt Löwenburg sich.

Es gibt Städte, die wie Verräter, wie Bastarde aufstreben 
Es gibt Löwen, die schnurren wie Katzen zahm 
Sie lecken am Gitter, dem Wahnsinn ergeben 
Und stellen stolz ihre Blindheit zur Schau.

Doch darüber will ich jetzt nicht nachsinnen, 
Denn ein klein wenig Glück war mir heute gewiss. 
Ich traf Adam Mickiewicz, sah ihm in die Augen, 
Habe Krywonis gesehen und Franko begrüßt.

Altehrwürdiges Lwiw! Du Stadt meiner Träume 
Meiner Freude Epizentrum, meiner Hoffnungen Licht! 
Meine Seele bebt, ich habe dich verstanden –
Du Stadt der Löwen, verstehst du denn auch mich?

Als Sohn kam ich zu dir, voll von Vertrauen 
Aus den Steppen, wo Slawuta Legenden spinnt. 
Dass aus deinem ewigen Herzen des Löwen 
Nur ein Tröpfchen Kraft in mein Innerstes rinnt.

Deutsch von Kati Brunner, aus: Europa erlesen. Lemberg. Hrsg. Alois Woldan. Klagenfurt: Wieser, 2008, S. 222f

In Lemberg, ukrainisch Lwiw, polnisch Lwów, lebten polnische Persönlichkeiten wie Szymon Szymonowic (1558–1629), Leopold Staff (1878–1957), Roman Ingarden (1893-1970), Józef Wittlin (1896–1976), Józef Rotblat (1908-2005),  Stanisław Jerzy Lec (1909–1966), Adam Schaff (1913–2006), Stanisław Lem (1921–2006), Zbigniew Herbert (1924–1998), Jacek Kuroń (1934–2004) und Adam Zagajewski (1945–2021), österreichische wie Leopold von Sacher-Masoch (1836–1895), Alfred Redl (1864–1913), Martin Buber (1878-1965), Karl Radek (1885–um 1939), deutsche wie Hedda Zinner (1904–1994), hebräisch und jiddisch schreibende wie Mordechai Ehrenpreis (1869–1951), Uri Zvi Grinberg (1896–1981), Debora Vogel (1900–1942), David Rokeah (1916–1985), Pinchas Sadeh (1929–1994) und Alona Kimchi (* 1966), russische wie Ilja Kutik (* 1961) und Anschelika Warum (* 1969) und ukrainische wie Pamwo Berynda (um 1560–1632), Iwan Franko (1856-1916), Bohdan-Ihor Antonytsch (1909-1937), Iryna Kalynez (1940–2012), Nasar Hontschar (1964–2009) und Halyna Kruk (* 1974). Viele gehören eigentlich an mehrere Stellen der Aufzählung, sinnlos es auseinander zu dividieren. Der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz wurde im heutigen Belarus geboren („heutige“ lasse ich im folgenden weg), studierte in Litauen, wurde nach Russland verbannt, reiste durch halb Europa, lehrte in Paris und starb in der Türkei. Ich weiß nicht, ob er nach Lemberg kam, aber dort steht auch ein Denkmal von ihm. Das Buch bildet einen spannenden Teil davon ab.

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