Lesetabu: Ulysses 1.2

L&Poe Journal #02 – Tabu

Der erste Abschnitt meiner Ulysses-Lektüre hier

Kapitel 1, der 2. Abschnitt

(Das Buch ist in 18 Kapitel eingeteilt, die nicht weiter untergliedert sind. „Abschnitt“ bezieht sich hier nur auf mein eigenes langsames Voranschreiten im Lesetagebuch. Der 1. Abschnitt bezog sich fast allein auf die erste Seite; noch 1077 liegen vor mir, ich muss mich sputen. Ich merke schon, Ulysses lesen ist leichter als darüber Tagebuch führen.)

Die Protagonisten sind belesen und witzig. Buck Mulligan betrachtet Stephens „Rotzfahne“ (the bard’s noserag) und spottet sogleich über Stephen und die irischen Dichter insgesamt. Die Farbe des benutzten Taschentuchs nennt er rotzgrün, snotgreen: „eine neue Kunstfarbe für unsere irischen Poeten“. „Kann man fast schmecken, was?“ Dann geht er nach draußen, und sofort liefert ihm der Anblick der See eine neue Assoziation, ja einen Dreiklang seines immensen literarischen Gedächtnisses mit der sichtbaren Welt um ihn herum und dem laufenden Gespräch.

Mein Gott, sagte er still. Ist die See nicht genau was Algy sie nennt: eine liebe graue Mutter? Die rotzgrüne See. Die skrotumzusammenziehende See. Epi oinopa ponton. Ah, Dedalus, die Griechen! Ich muß dir Unterricht geben. Du mußt sie im Original lesen. Thalatta! Thalatta! Sie ist unsere große liebe Mutter. Komm her und sieh.

(Wollschläger 9)

Algy ist die witzig-vertrauliche Anrede an den englischen Dichter Swinburne: Algernon Charles Swinburne. Da braucht man die Randbemerkung der gelehrten Suhrkampausgabe. Die „graue liebe Mutter“ sei eine Anspielung auf zwei Zeilen in Swinburnes Gedicht „The Triumph of Time“. Allerdings braucht man dann eine gute Bibliothek zur Hand (oder das Internet), um die zwei Zeilen zu lesen. Hier die betreffende Strophe (die betreffenden Zeilen fett):

The low downs lean to the sea; the stream,
One loose thin pulseless tremulous vein,
Rapid and vivid and dumb as a dream,
Works downward, sick of the sun and the rain;
No wind is rough with the rank rare flowers;
The sweet sea, mother of loves and hours,
Shudders and shines as the grey winds gleam,
Turning her smile to a fugitive pain.

„Algy“ Swinburne nennt die See gar nicht „graue liebe Mutter“. Bei ihm ist die „süße See“ die Mutter der Liebschaften (loves) und der (Schäfer-?)Stunden, grau sind nur die Winde, die die See aufwühlen.

Dass Mulligan ungenau zitiert, kann man auf Lücken in der (trotz allem blendenden) Gedächtniskraft der Figur zurückführen oder auch auf Absicht – der Figur oder/und des Autors. Zunächst weiter zur Gedächtnis- und Assoziationsstärke. Mulligan kommt vom schmutzigen Taschentuch des Poeten (das er nebenbei ausleiht, sorgfältig säubert und benutzt) über die Farbe (rotzgrün) auf die irischen Dichter, zu denen die Farbe passe (unausgesprochen bleibt, ob wegen ihrer Armut oder ihrer armen Dichtkunst); dann findet er die graugrüne Farbe in der Irischen See vor der Haustür wieder – sie befinden sich im Martello-Turm südlich der Dublin Bay (von dem mir Google sagt, während ich diese Zeilen schreibe: vorübergehend geschlossen. Lesen im 21. Jahrhundert.)

Ich sehe im Original nach: bei Joyce steht bloß „a great sweet mother“. Da hat der deutsche Übersetzer ein bisschen nachgeholfen. Mulligan beruft sich auf Swinburne, aber die Bilder der rotzgrünen See in der Farbe der irischen Dichter sind ganz sein eigen. Er ist kein verlässlicher Erzähler. Er hat seine eigene Agenda. Ohnehin reicht sein Gedächtnis weiter zurück als auf die irischen oder englischen Poeten. Er liest Swinburne mit den (blinden) Augen Homers, bei dem mehrmals die Formulierung „die weindunkle See“ vorkommt, Epi oinopa ponton. Ich bin nicht Mulligan, ich lese das in den Randbemerkungen der Suhrkampausgabe (Hallo, Immanuel!). Danke, ich liebe solche Spiele, die mir Futter geben. Voß vereinfacht das zu „über das dunkle Meer“, das wäre zu wenig Futter für den Iren. Er muss schon das Original lesen. Thalatta, Thalatta. [Das wäre ein weiterer Faden.] Ich muß dir Unterricht geben. Du mußt sie im Original lesen. (Sein Spott über die irischen Poeten scheint auch daher zu rühren, dass sie nicht die Originale lesen. Ich muss mal aufpassen, ob der Faden wiederaufgenommen wird. Der Faden der Geduld.)

Das ist eine schöne Stelle, hier macht mein Tagebuch schon wieder eine Pause.

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