Lesetabu: Ulysses 1.3

L&Poe Journal #02 – Tabu

Der erste Abschnitt meiner Ulysses-Lektüre hier

der zweite hier

Kapitel 1-3

Das Rasieren nimmt viel Raum im ersten Kapitel ein. Wahrscheinlich das erste Mal in der westlichen Literatur (sage ich, ohne es beweisen zu können) wird diese Alltagshandlung derart liebevoll und detailgetreu beschrieben. Vor ein paar Wochen fragte jemand auf dem Wissensnetzwerk Quora, wie man sich am besten auf die Lektüre des Ulysses vorbereiten sollte. Ich wollte ihm antworten, bin aber dann davon abgekommen. Ich hätte ihm ungefähr gesagt: am besten gar nicht vorbereiten. Auf keinen Fall vorher die Biografie des Autors lesen und auch keine Interpretationen oder Handreichungen. Die sind für Anglistikstudenten und Schüler von Leistungskursen gut, wenn sie einen Vortrag halten müssen, aber sonst? Oder wenn man den Roman zum drittenmal lesen will, kann ja noch kommen. Wenn man das vorher liest, kann man sich das Lesen eigentlich gleich sparen, und das geschieht ja wohl auch oft. Susan Sontag meinte überhaupt, mal hemdsärmlig zusammengefasst, Interpretation sei dazu da, die Begegnung mit dem Text zu ersetzen. (Da gibt es ja jetzt diese App, die vielbeschäftigten Leuten die kurze Zusammenfassung von (Sach-)Büchern gibt, damit sie wissen, worum es geht und darüber reden können, ohne es zu lesen. Gibt es bei Belletristik und Dichtung schon längst, heißt Sekundärliteratur.)

Nichts vorher lesen, Papier und Stift danebenlegen und einfach abwarten, was passiert. Hilfreich kann sein, nach jeder Seite ganz knapp aufzuschreiben, wovon sie handelt. Da würde etwa für das 1. Kapitel stehen:

7: Buck Mulligan legt Rasierzeug zurecht und redet dabei.

8: Stephen Dedalus kommt dazu und beobachtet Mulligan. Sie sprechen über Haines, den dritten Bewohner des Turms. Rasieren beginnt.

9: Mulligan rasiert sich und leiht sich das schmutzige Taschentuch Stephens aus. Weiter geht: Reden über Haines, Monologe Mulligans.

10. Weiter geht die Rasur. Sie reden über den Tod von Stephens Mutter und schauen auf das Meer.

11: Rasiert sich weiter, reden weiter.

12: Sie reden über den zerbrochenen Spiegel des Dienstmädchens, er rasiert sich.

13: Reden, rasieren.

14: Sie reden. Stephen hat Probleme mit Mulligans ruppiger Art.

15: Haines ruft von unten. Mulligan geht runter und fordert Stephen auf, mitzukommen.

16: Innerer Monolog Stephens über seine Mutter.

17: Mulligan ruft noch einmal zu Stephen: Frühstück ist fertig. Reden über Geld.

18: Stephen geht runter und nimmt das Rasierzeug mit.

19: Frühstück. Die Milchfrau kommt gleich.

20: Sie essen und reden.

21: Milchfrau bringt die Milch.

22: Sie plaudern mit der Frau.

23: Mulligan will die Milch bezahlen, aber er ist blank.

24: Sie reden über das Waschen und das Geld.

25: Sie bereiten sich auf einen. Spaziergang am Meer vor.

26: Sie gehen nach draußen.

27: Sie reden über Hamlet.

28: Mulligan trägt ein Gedicht vor.

29: Stephen und Haines reden über Gott und rauchen.

30: Weiter über Gott.

31: Über Gott und Vaterland. Männer an der Klippe.

32: Im Meer ein Bekannter Mulligans. Sie plaudern.

33: Mulligan und Haines baden im Meer. Stephen geht zurück, sie verabreden sich für später.

Das ist das ganze erste Kapitel. Rasieren, Frühstück, Spaziergang zum Strand und das Reden und die Gedanken dabei.

Nach Joyce‘ eigenem Kapitelschema ist der Titel des Kapitels: Telemachos, Schauplatz der Turm, die Zeit 8 Uhr, die „Kunst“ die Theologie. „Erklärungsbedürftig“ daran wäre nur der Titel. Diese Titel sind wahrscheinlich so etwas wie ein Bauplan des Romans, die 18 Kapitel in Parallele zu den (23!) Gesängen der Odyssee. Ich mag die Parallele nicht ausreizen, nur die vage Idee, dass der Kapitelheld in Beziehung zu Stephen Dedalus gesetzt wird, die Gemeinsamkeit wäre der Konflikt mit der Mutter (die bei Homer den Freiern ausgesetzt ist / sie gewähren lässt). Eine Interpretation müsste dann hier ansetzen, aber im Moment brauche ich sie gar nicht. Die Reise (durch den 16. Juni 1904 in Dublin) beginnt hier.

Wird fortgesetzt

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