Berlin

Oskar Loerke

(* 13. März 1884 in Jungen bei Schwetz (heute Wiąg) in Westpreußen; † 24. Februar 1941 in Berlin)

Der dunkle und der lichte Gott

Berlin zermahlt die Nacht mit Lärm und reckt sich
Wie zähnebleckend, wirft das ungestüme
Geleuchte blakend meilenhoch, schwillt, streckt sich
Im Ruß zu rotem Götterungetüme.

Und diesem Gott im Rachen sitzt ein andrer,
Stolz, golden ganz, nicht wie ein Untertane.
Du, alter Lichtgott, kamst, ein weiter Wandrer,
Aus Ost, vom stillen, großen Ozeane.

Das Völkerkundehaus, nachtstill im Treiben,
Voll Tand von allen Erd- und Wasserkanten,
Beherbergt hinter großen Vorraumscheiben
Dich goldenen, gelassenen Giganten.

Bist du nun wirklich Licht in deinem Wesen,
So quill durch unsres Gottes dunkle Meilen:
Und bist du Gott, Asiat, so kannst du lesen,
Was unsrer schreibt auf ebnen Asphaltzeilen.

Denn unsrer lebt in großen Schriftfiguren,
Die wild gezirkelt durch die Straßen pflügen,
Er schreibt und schreibt: mit Künstlern, Fürsten, Huren,
Mit Wiegen, Särgen, Karren, Autos, Zügen.

Lichtgott, du schweigst. Du läßt dein Gold umfloren
Von halben Schatten, träumst als wie im Hafen.
Betäubt sind deine großen blanken Ohren,
Und deine Beine schwer und eingeschlafen.

Dich anzuschauen kommt nur müdes Leben:
Zu deines Käfigs großen Scheiben trotten
Die ärmsten und die kränksten Dirnen, kleben
Vorm Leib dir gleich verschlafnen großen Motten:

Vom Mahlen steinerner Musik durchdrungen
Wie von Europas hartem Ohrenklingen:
Kaum regt ein Atmen noch die matten Lungen,
Die großen Ohrringe erbeben, schwingen …

Lichtgott, steh auf! Gib deine Hand den Blassen
Und führ sie aus verlärmten Häusernetzen,
Geh führend durch des Nachtgotts schwarze Massen
Und alles folgt von Straßen und von Plätzen.

Sprich doch: Ihr habt geschrieben und gelesen
Genug für heut an seinem dunklen Plane.
Nun kommt ins Licht und träumt mit allen Wesen
Von meinem großen stillen Ozeane.

Aus dem Gedichtband Wanderschaft (1911). In: Oskar Loerke, Die Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1984, S. 28f

One Comment on “Berlin

  1. Loercke spricht vom Antichrist, dem Dunklen, einerseits, vom „Lichtgott“ andererseits und meint Buddha ( mit seinen großen Ohren). Er sucht Ruhe und Frieden in einer lauten Welt.

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