Neue Erfolgstitel

Von Johannes Bobrowski

Unter geteiltem Himmel tritt Ole Bienkopp die Spur der
Steine im Herbstrauch, er ist (denkt er sich) Staub nicht im Wind.
Aber was ist er dann? Oben eiert der Große Wagen,
unten der Kabelkran steht, – nämlich der Peter ist blau.

Dieses Epigramm – „ganz neue Xenien, doppelte Ausführung“, also Doppeldistichen, erschien 1977 in dem Band „Literarisches Klima“. Bobrowski war da schon 12 Jahre tot. In der Rückschau wundert man sich, daß so manche freche Xenien in der DDR druckbar waren. Dieses hier erschien sogar 10 Jahre früher, als es fast noch aktuell war, in der Wochenzeitung „Sonntag“. Es verarbeitet die Titel von sieben preis“gekrönten“ DDR-Büchern der Jahre 1961-1963, es sind:

  • Christa Wolf, Der geteilte Himmel (Heinrich-Mann-Preis, Nationalpreis)
  • Erwin Strittmatter, Ole Bienkopp (Nationalpreis)
  • Erik Neutsch, Spur der Steine (Nationalpreis)
  • Bernhard Seeger, Herbstrauch (Heinrich-Mann-Preis)
  • Max Walter Schulz, Wir sind nicht Staub im Wind (Literaturpreis des Gewerkschaftsbundes FDGB, Nationalpreis)
  • Herbert Nachbar, Oben fährt der Große Wagen (Heinrich-Mann-Preis für einen früheren Roman)
  • Franz Fühmann, Kabelkran und Blauer Peter (Literaturpreis des FDGB)

Text in: J.B., Gesammelte Werke Bd. I, Berlin: Union Verlag, 1987, S. 237

Ich wünschte, wir hätten solche Epigramme für unsere aktuellen Siegertitel. Wenn man heute einen lorbeerisierten Titel kritisiert, spricht ja die halbe Gemeinde von „Neiddebatte“. Und hält es für unstatthaft.

3 Comments on “Neue Erfolgstitel

  1. Ja es gab in der DDR zwar die Zensur, aber keine Political Correctness. – Wichtiger als die Epigramme sind übrigens die großen Dichtungen Bobrowskis über den Osten Europas. Ich setze hier ganz einfach mein Epigramm aus dem Jahr 1978 her:
    „Als wir in Stalins Frieden der Kunst den Krieg erklärten,
    Sang er, mit griechischem Ernst, unsren Kreuzweg gen Ost.“
    (aus dem Band „Thüringer Meer“, Joachim Werneburg)

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  2. Was soll eine Aussage wie x ist wichtiger als y wenn doch Bobrowskis Epigramme hervorragend und des Hinweises auf jeden Fall wert sind?
    Was Sie zur politischen Korrektheit sagen leuchtet mir ebenfalls nicht ein. Heute kann man doch, anders als sagen wir vor 10 Jahren die unanständigsten und erschreckendsten Dinge sagen, ohne dass das Folgen hat. Und stimmt es in Bezug auf die DDR denn? Im Vorfeld der Zensur gab es doch gerade in der DDR auch sehr viele kollegial „hinweisende“ oder belehrende Stimmen im Vorhof der eigentlichen Zensur. Man schaue sich doch die hölzerne gestanzte Sprache vieler gedruckter Verlautbarungen an. Wenn der Begriff „Political Correctness“ überhaupt mehr sein kann als ein polemischer Kampfbegriff des Konservativismus, darf man sich nicht davon täuschen lassen, dass in der DDR nur eben andere Korrektheiten erforderlich waren.

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    • Wolfszeit

      Finsternis,
      dem fliegenden Mond zu.
      Wir kamen den Steppenpfad.
      Einer rief, die hölzernen Klappern
      tönten, Schatten
      zogen den Kreis.

      Kalte Zeit. Um die Schulter
      schlag den Atem der Pferde.
      Salzweißer Schein.
      Im Stundengesträuch. Wir traten
      mit dem Morgen ins Haus.

      Johannes Bobrowski
      (aus „Windgesträuch“, Union Verlag Berlin, 1977)

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