Elfte Sibylle

Im Berliner Exemplar der Gedichte von Sibylla Schwarz (1621-1638) im ersten Band (1650) auf dem Innendeckel findet sich folgendes Sonnet in Schönschrift:

Sonnet

Wie deines Vatters wis mir wahr sehr wohl bekandt,
  Sein Beiseyn angenehm ; so thut mich ietzt erfrewen,
  Was deine Handt gesetzt, Nichts aber mehr gerewen,
Alß daß erst nach dem Todt' ich vnd das Vatterlandt
Erkennen deinen Geist ; was vor ein wehrtes pfandt
  Eß an dir hat gehabt ; Jch darff mich gar nicht schewen
  Zu sagen daß in dir der Musen schar vernewen,
Vermehren hat gewolt der zehn Sibillen standt :
  Was warstu sterbendt schon! Wie wen dir Gott das Leben
  Noch lenger hett' vergondt, wehm hettstu nachgegeben?
Jch kenn den Singer nicht, drumb Pommern billich weint
  Den gar zu frühen Todt: doch kan es sein Leidt stillen
Weil bey Jhm Jungfern das, was sonstwo Menner seindt,
  Ja das so fast sein Kindt es nachthut den Sibillen.

Zeile 1: wis = Weise, Art; Zeile 5: vor = für; Zeile 9: wen = wenn; Zeile 10: wem hettst nachgegeben = wer wäre dir überlegen gewesen

Jemand der ihren Vater Christian Schwarz gekannt hat und die 12 Jahre nach ihrem frühen Tod erschienene Ausgabe ihrer Gedichte besaß. Man muß nicht lange suchen. Links oben über dem Gedicht steht mit Bleistift der Name: Croy. Auf dem „teilweise schon abgebröckelten Lederrücken eingepreßt zunächst eine Krone und dann unterhalb des Buchtitels X BIBL D.  RO  d.h. (E)X BIBL. D. (C)RO(Y)“ (Pommersche Jahrbücher 21. Band, Greifswald: Julius Abel, 1921, S. 44).

Die Krone verweist auf das preußische Königshaus. Der „Große Kurfürst“ Friedrich Wilhelm von Brandenburg hatte nach dem Tod von Ernst Bogislaw von Croy, der ein Neffe des letzten pommerschen Herzogs war und in Preußen u.a. Statthalter in dem an Preußen gefallenen Hinterpommern wurde, dessen Bibliothek gekauft und der von ihm gegründeten „Königlichen Bibliothek“ gestiftet. Beide, Croy und Friedrich Wilhelm, waren nur ein Jahr älter als die früh gestorbene Dichterin. Als Croy 1634 an die Greifswalder Universität kam, schrieb die 13jährige Dichterin ein Willkommensgedicht. Ihr Vater war Landrat am Stettiner Hof und später Bürgermeister von Greifswald. Friedrich Wilhelm war Mitglied des „Fruchtbringenden Gesellschaft“. Croys Sonett sagt: Pommern hat keinen bedeutenden Dichter hervorgebracht, aber diese „Jungfer“, ja „fast sein Kind“ füllte die Stelle und gesellte sich als elfte zur Schar der zehn Sibyllen.

Bildschirmfoto 2016-08-20 um 18.36.17

Sibylla Schwarz in L&Poe

2 Comments on “Elfte Sibylle

  1. Allerherzlichsten Dank sowieso für Deine wundervolle Arbeit, die Du hier leistest und im Speziellen für diesen Schatz der elften Sibylle.
    Dies hier ist ein ganz besonders feiner und angenehmer Ort der Dichtkunst, von einem sehr klugen Menschen aufgebaut und am Leben erhalten, ich bin sehr froh, hier ein- und ausgehen zu dürfen! Viele liebe Grüsse Margarete

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