Hermlin und Trakl

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 674 • 25 . April 2015

von Walter G. Goes (ARTus) • Bergen auf Rügen

Zum 100. Geburtstag des Dichters Stephan Hermlin

ARTus-Z- 674 Hermlin
Zeichnung: ARTus

 

Dem Dichter Stephan Hermlin (13.4.1915–6.4.1997) bin ich bis heute zu großem Dank verpflichtet. Das im Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1975 verlegte kleine Trakl-Bändchen, versehen mit einer Auswahl von Gedichten des in der DDR bis dato arg vernachlässigten Autors, war ihm, Hermlin, zu danken.

Er war es, der den kulturpolitischen Zensuraposteln immer wieder Tabu-Autoren wie Joyce, Proust, Nietzsche und eben auch Georg Trakl abtrotzte, der unentschuldbare Literatur-Versäumnisse der schmählich agierenden Zensur entriss, so gesehen für die Leser in der DDR zugänglich machte.

Der mir damit legal vorliegende 120-Seiten-Band mit der Nummer 614 aus Reclams Universal-Bibliothek wurde zu meiner unentbehrlichen Tag- und Nachtlektüre und bildete alsbald die Vorlage für das an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee einzureichende Diplom. Ich las betroffen Gedichte, die universale Bilder des Krieges, Bilder des Verfalls aufscheinen ließen und die doch auch uns, immer noch… als Schatten einholten.

Im Nachwort fanden sich von Hermlin lakonische, fast empathielose und vielleicht von daher um so mehr Fragen stellende Sätze über einen Dichter, der mit 27 Jahren sein Leben beendete, weil er den Krieg, mitten in ihn hineingestellt, nicht mehr leben konnte, nicht mehr leben wollte und der seine Ausweglosigkeit in die Worte fasste: »Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.«

Ich konnte Stephan Hermlin 1979 meine Diplomarbeit per Post zukommen lassen, einen bibliophil aufgemachten Band mit Zeichnungen zu Trakl-Gedichten. Er revanchierte sich »mit freundschaftlichem Dank« am 2. November 1979 mit den Gesammelte(n) Gedichte(n) eigener Hand, die der Hanser Verlag in München verlegt hatte. Womöglich hielt ich ein illegal die Grenze passiert habendes Buch in Händen? Wie schrecklich!

Es sollten noch viele Bücher auf diesen und anderen Vertriebswegen folgen.

Erstmals persönlich bin ich Stephan Hermlin auf Rügen begegnet, im Theater Putbus, auf »einer literarischen Veranstaltung am Mittwoch, dem 29. April 1987«. Als Beleg hat sich eine reguläre Einladungskarte erhalten, die ich wohl vom damaligen Verlagsleiter des Reclam-Verlages Hans Marquardt erhielt, der meinen als Diplomvorlage benutzten Trakl-Band über sein Verlagsprogramm, wohl auch nicht ohne Schwierigkeiten, realisieren konnte. ARTus

Die Kolumne „So gesehen“ von Walter G. Goes erscheint in der Ostsee-Zeitung, Ausgabe Rügen. Siehe auch pomlit-Archiv.

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