42. Gegenständliche Lyrik

Meistens ist es ja so, daß sich sowohl die abstrakte Malerei wie die abstrakte Lyrik von der Realität entfernt und das Publikum, sofern es nach einer Deutung und Darstellung der Realität verlangt, im Stich läßt. Andererseits sind rein realitätsbezogene Gedichte und Bilder einem modernen Geschmack oft zu bieder und einfallslos. In „Guernica“ und in der „Todesfuge“ schließt sich ein Kreis, das Wort und der Pinsel finden zu ihren Anfängen, zum Erlebnis, zurück, aus dem dann die Kunst dieses Erlebte nicht in seiner Ganzheit, sondern im Gegenteil, in seiner Brüchigkeit wiederauferstehen läßt. Der Dichter nimmt Wortgefüge, wandelt sie ab, verwebt sie miteinander, setzt sie immer neu zusammen, jedesmal mit einer kleinen Änderung. Diese neuen Gebilde sagen nichts Neues aus, das Gedicht „informiert“ nicht, im Gegenteil, es setzt voraus, daß der Leser oder der Hörer mit der jüngsten deutschen Geschichte vertraut ist. Das Gedicht klagt und führt die Klage von einer Stufe zur nächsten.

Fragmentartig tauchen die Teile, die Hinweise auf die Vernichtungslager auf, entziehen sich der Logik, aber nicht der Trauer, die sie auslösen. Als Hörer und Leser sind wir hin- und hergerissen zwischen einer aus den Fugen geratenen Welt und einer, die sich wie eine Fuge zusammenfügt und musikalischen Trost gewährt. Die Bildsprache ist unheimlich, nicht eigentlich entsetzlich, doch die Worte, die Metaphern und Bilder sind zutiefst beunruhigend und können Entsetzen auslösen, während im Kontrast dazu im hochmusikalischen Zauber der Form ein gewisser Trost liegt. / Ruth Klüger, literaturkritik.de

2 Comments on “42. Gegenständliche Lyrik

  1. Irgendwie vermisse ich das alte Format. „Am meisten rückgeklickt“ oder so? Aufgehoben. Aufgehoben als Screenshot? Las gerade Kurt Vonneguts Geschichte Two Humbugs. Von wegen gegenständlich und abstrakt. Ruth Klüger ist gut. In allen ihren Texten, die ich kenne. Berichte, Erinnerungen, Gedichte, Rezensionen. Ihre Harry-Potter-Rezensionen waren wahrscheinlich das Beste, was es zu Harry Potter zu sagen gab, in jeder Sprache. Stellt euch vor, was es alles gäbe, wenn mehr überlebt hätten.

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