6. Das Schweigen ist zweisprachig

Der Band besteht aber hauptsächlich aus der Gegenüberstellung zwischen Rumänien in den 80er Jahren und dem Westen, der Bundesrepublik, Ende der 80er Jahre. Das autobiografisch geprägte lyrische Ich bewegt sich in der einen wie in der anderen Welt unsicher. Da gibt es die Unfreiheit in Rumänien, die Samson ganz klar benennt: „Niemand darf reden“ (S. 50). Die Dichter werden einerseits besungen, andererseits belogen. Den Zeitungen kann man nicht trauen, sie sind „dressiert“ und die „Erfolge brennen darin lichterloh“. Der Geheimdienst ist allgegenwärtig, die „Technik im Telefon schläft nie“. Und der Zensur kann man nur mit einer „Kriegserklärung“ begegnen, indem man zurückdichtet. Selbst „Die Wände horchen,/ ob wir noch da sind, und trauen/ Ihren Ohren nicht“ (S. 63). In diesem Land gehen einem die Träume aus und die Hoffnung, „wächst unaufhaltsam/ in die Erde“ (S. 16). Die Folge davon ist: „Wir ducken uns/ Unter die Haut. Ringsum explodieren/ Die Wörter“ (S. 16). Die Gedichte bleiben unveröffentlicht, man schreibt für die Schublade und mit kalter Tinte.

Der Rückzugsort des lyrischen Ich ist selbst prekär, besteht aus „grauen Zweigen, Papier und Altweibersommer“. Das Schweigen ist belastend und zweisprachig. Die Lage ist für die Dichter gefährlich, sie werden „an ihren Worten aufgehängt“. So kommt es zu einer Auswanderungswelle in den Westen oder in die Verzweiflung:

„Und auf großen Geldscheinen/ Rudern westwärts die Freunde“ (S. 10), und andere übersiedeln nur in die Schnapsflaschen.

Auch das lyrische Ich entscheidet sich, zu gehen: „Der Landsegen hängt schief/ Über meinem Gedicht. Ja ich gehe/ Mit meinem Schreibtisch unterm Arm/ Ins mögliche Nichts“ (S. 13). Es geht den verlogenen Sätzen davon und den Reden, aber es geht in die Ungewissheit und eine Tür fällt hinter ihm zu.  (…)

Auch im Westen sind keine Wunder zu erwarten, die Fremdheit nimmt überhand, denn „die Heimat hat keinen Platz mehr im Mund“. Auch hier trifft das lyrische Ich auf eine kleine Hölle, auch hier ist das Gedicht nicht unschuldig und nicht frei von Leid, es redet „in Narben“. Und dennoch, trotz dieser existenziellen Zwangslage, die sich im Westen nun auch breit macht, schimmert an mancher Stelle die Hoffnung: „Gedichte/ Sind ein Zuhause/ Für alle/ Die keins haben“ (S. 126).

Neben diesem allgegenwärtigen Fremdsein finden wir aber auch das schöne Gedicht über den Vater, der in den Krieg zieht („Pünktlicher Lebenslauf“), Gedichte als Erinnerungen an Albrechtsflor, an Zuhause, etwa an eine Schweineschlacht im Banat, jene über das Kinderzimmer oder eine Kinderzeichnung, die nicht ganz unbeschwert sind, oder jenes über die Treibjagd auf die Wörter, den Tatort des Schreibens oder über die Literatur. / Edith Ottschofski, Siebenbürgische Zeitung 5.11. (sic)

Seine Gedichte machen uns die Grenzen, die Begrenzungen und Einengungen des Daseins bewusst, die nicht nur im einstigen Kommunismus präsent waren, sondern auch in der freien, neuen Welt anzutreffen sind: Einsamkeit, Schlaflosigkeit, Verlassensein, Selbstbestimmung. / Katharina Kilzer, Banater Post 20.9.

Ich hatte es bislang nicht wirklich kapiert, die Maschinensprache hatte mich hinters Licht geführt, aber die deutschsprachigen rumänischen Autoren, die in Deutschland leben, sind Emigranten. Sie kamen, weil sie vom politischen Druck des Kommunistischen Regimes von Vernichtung bedroht waren, und kamen nach Deutschland, das ihnen ein fremdes Land war und manchen immer noch ist. Dass einige von Ihnen die literarische Landschaft in Deutschland stark prägten und prägen, liegt unter anderem in einer Tradition der rumänischen Dichtung begründet, denke ich, die eine europäische ist, und in der sprachlichen Vielfalt, die dort einmal herrschte.

In Samsons Band gibt es ein Gedicht, das So könnte es gewesen sein heißt, und dem rumänischen Dichter Urmutz gewidmet ist, einem Avantgardedichter von Anfang des 20. Jahrhunderts. Hier ist Einiges von der Ambivalenz der rumänischen Herkunft zu erfahren. / Jan Kuhlbrodt, Fixpoetry

Horst Samson: Kein Schweigen bleibt ungehört. Gedichte, Ludwigsburg, Pop Verlag, 2013, 161 Seiten, 14,99 €, ISBN 978-3-86356-055-3 

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