118. Zur Diskussion

Laut einem Entwurf zur Geschichte der deutschen Lyrik

ist die Lyrik in der DDR von staatlichen Direktiven umstellt, die moderne Einflüsse als dekadent zurückweist und eine Reorientierung auf die Klassik und sozialkritische Traditionslinien der internationalen Literaturgeschichte umsetzt (Formalismusdebatte, „Forum“-Lyrikdebatte, Lyrikdebatte in „Sinn und Form“) und staatstreue Lyrik mit hohen Auflagen für Gedichtbände fördert bzw. durch das Heftchenformat „Poesiealbum“ und durch Massenveranstaltungen („Lyrikwelle“) popularisiert.

Ich bin kein Anhänger der Theorie, daß nur Beteiligte die Geschichte recht verstehen. Aber man muß auch die Schwierigkeiten einrechnen, aus den Überlieferungen die Geschichte zu verstehen. Das verläuft weder widerspruchs- noch irrtumsfrei, beim Römischen Reich nicht anders als bei der DDR.

Als Beteiligter an der DDR-Lyrik (als engagierter Leser seit meiner späten Schulzeit in den 60ern) muß ich bei solchen Formulierungen doch schlucken. Zweifellos war die Lyrik wie das gesamte öffentliche und private Leben von staatlichen Direktiven umstellt. Wurde staatstreue Lyrik mit hohen Auflagen gefördert. Bei der Formalismusdebatte stimmt es nur zum Teil. Zum anderen war sie der Versuch unabhängiger Marxisten wie Brecht oder Bloch, der quasi offiziellen Lukácsschen Ästhetik eine weniger von Klassik und orthodoxem Realismus bestimmte Haltung entgegenzustellen. Bei den angeführten Lyrikdebatten in Forum und Sinn und Form scheint es mir überhaupt nicht richtig. Die Forumdebatte im Sommer 1966 war ein erfolgreicher Versuch,  nach Veröffentlichung der Anthologie „In diesem besseren Land“, die entgegen der Anmutung des Titels ein Gegenentwurf zur offiziellen Darstellung der DDR-Lyrik war, wofür die Namen der Herausgeber bürgen, Karl Mickel und Adolf Endler, diese neue Perspektive einer jungen Generation zu „popularisieren“. Sie wurde ausgelöst durch ein Gedicht Mickels, das die Zeitung zusammen mit einer Interpretation durch den jungen Literaturwissenschaftler Dieter Schlenstedt abdruckte. Dieses Gedicht – alles andere als klassik- und realismuslastig – wurde kontrovers diskutiert, auch die junge Lyrikerin Elke Erb beteiligte sich an der Debatte. Daß sie nach einigen Wochen durch einen „offiziellen“ Artikel von Hans Koch abgewürgt wurde, dokumentiert eher, daß sie den Offiziellen nicht genehm war als die oben behauptete Orientierungsfunktion.

Noch stärker gilt das für die Sinn-und-Form-Debatte der frühen 70er Jahre. Auch sie wurde kontrovers geführt, auch sie, in stärkerem Maße, demonstrierte, daß die Orthodoxie die Deutungshoheit verloren hatte. Mit dieser Debatte wurde Adolf Endler zum anerkannt besten Essayisten in Sachen DDR- und Welt-Lyrik im Ländchen. Diese Phase endete mit der Unterschrift Endlers unter den Protest gegen die Ausbürgerung Biermanns 1976.

Die Aussage über die Popularisierung staatstreuer Lyrik gilt nur bedingt für die Lyrikwelle, die ambivalent war, weil eine Reaktion der staatlichen Jugendorganisation FDJ auf das Auftreten neuer Stimmen. Sie versuchte sich an die „Spitze der Bewegung“ zu setzen – neben den Guten traten dort zahlreiche medioker-staatsfromme Lyriker auf. So konnte die „Lyrikwelle“ abgewürgt werden, aber zugleich hatten sich die neuen Stimmen der bald (im Westen) so genannten „Sächsischen Dichterschule“ durchsetzen können. Nicht Helmut Preißler und Uwe Berger, um zwei staatsnahe Lyriker zu nennen, sondern Braun, Mickel, Czechowski, Jentzsch, Greßmann, Endler, Erb, Inge Müller… waren die Namen der maßgeblichen DDR-Lyriker innerhalb und außerhalb des Landes. Ich sehe nicht ein, warum man die verzerrte Sicht der Ideologen nachträglich anerkennen sollte. Viele zeitgenössische Darstellungen im Westen taten das,* man muß es nicht konservieren.

Auch bei der Heftreihe Poesiealbum muß ich widersprechen. Sie erschien seit 1967 im Verlag der FDJ, Neues Leben. Trotz kontinuierlicher Einflußnahme aber war das Heft unter seinen aufeinanderfolgenden Herausgebern Bernd Jentzsch, Richard Pietraß und Dorothea Oehme (die beiden ersten wurden jeweils abgesetzt) alles andere als ein Organ zur Popularisierung des Geschmacks von Hager oder Krenz. Trotz einzelner Zugeständnisse war das eine erstklassige Quelle der deutschen und Weltlyrik, wo bis 1990 monatlich ein Heft für 90 Ostpfennige erschien, in dem nicht nur über hundert Erstveröffentlichungen (von Wulf Kirsten bis Kerstin Hensel, Johannes Jansen, Bernd (Jayne-Ann) Igel oder Kathrin Schmidt) und (oft DDR-Erst-)Veröffentlichungen moderner Weltlyrik von Allen Ginsberg, Octavio Paz, René Char, W.H. Auden, Dylan Thomas, Welimir Chlebnikow, César Vallejo, Julian Przyboś, Arthur Rimbaud, Bob Dylan, Claes Andersson, Jannis Ritsos, Itzik Manger, Charles Bukowski, Anna Achmatowa, Aimé Césaire, Arsenij Tarkowski, Konrad Bayer, Boris Vian…; kurz: diesen Passus bitte unbedingt revidieren!

Ich füge die Selbstbeschreibung des Verlages der neuen Folge bei. Poesiealbum erscheint wieder und veröffentlichte in den letzhten Jahren u.a. Gottfried Benn (Nr. 300), Ezra Pound, Inger Cristensen, Seamus Heaney, Guillaume Apollinaire, Christine Lavant und Elke Erb. Mit heute 4 Euro könnte es für junge Leser immer noch eine Quelle der poetischen Information sein.

*) So wenn das Kapitel über die DDR-Lyrik der 60er Jahre die Überschrift „Phase des entwickelten sozialistischen Gesellschaftssystems“ trägt. In: Lermen/Loewen: Lyrik aus der DDR. Paderborn, München, Wien, Zürich: UTB Schoeningh 1987. Ulbrichts und Hagers ideologische Sicht als Rubrik der Lyrikgeschichte, hui! (Sie hätten lieber Endler fragen sollen. Oder mich 😀 .)

Auf der folgenden Seite finden Sie den Überblick zu der einzigartigen und umfangreichsten deutschsprachigen Lyrik-Reihe*. 1967 in der DDR während einer internationalen Lyrik-Bewegung gegründet**, besteht sie auch nach inzwischen 45 Jahren unverändert weiter und erreichte im Jahr 2012 mit Ausgabe 300 eine beeindruckende Marke.

Jedes Poesiealbum gibt einen Überblick über das (bis Redaktionsschluß zur Verfügung gestandene) Werk des jeweiligen Dichters. Ungeschriebenes Gesetz war und ist, daß jeder Lyriker nur ein Heft erhält, das unter Umständen in einer späteren und erweiterten Form nochmals erscheinen kann, wenn sich das Werk des Autors über die Jahre wesentlich erweitert und verändert hat. Die Kunst dieser Auswahlen ist es, sie treffend für das Oeuvre des jeweiligen Poeten zu gestalten, so daß die Leser einen verläßlichen Überblick zu Anliegen, Art und Charakter der jeweiligen Dichtung erhalten. Quellenangaben ermöglichen bei Bedarf eine weitergehende Vertiefung; somit wirkt das Poesiealbum neben dem unterhaltsamen und bildenden Aspekt für die Leser auch als Werbung für das Gesamtwerk des behandelten Lyrikers.

Früher erschienen die Hefte monatlich, aktuell erscheint das Poesiealbum zweimonatlich. Format, Preis und Gestaltung wurden bei der Gründung durch „kollektive Einzelentscheidungen“ sehr bewußt gewählt.
Das Format, auch bei verwandten Abarten anderer Lyrikausgaben gerne übernommen, wurde so festgelegt, daß „das Heft in die Innentasche eines Sakkos paßt, so daß Werktätige [!] es immer bei sich führen können“. Zwar implementiert „Werktätige“ die Berufstätigen beiderlei Geschlechts; da Jackett-Träger aber gemeinhin Herren sind, war Lyrik, damals entweder Männerdomäne, oder der Zugang zur Lyrik sollte Männern erleichtert werden. Praktischerweise ist das gewählte Format allerdings auch für die gängigen Damen-Handtaschen ab „medium“ passend.

Die Heft-Gestaltung und -Ausführung war nach einigen Tests schnell gefunden; dem Grafik-Altmeister Peter Nagengast gebührt höchste Anerkennung für die einfache und einprägsame Reihengestaltung, die über die Jahrzehnte unverändert beibehalten werden konnte. Auch die schnörkellose und zweckmäßige Typografie von Achim Kollwitz trug wesentlich zur Lesbarkeit und Konstanz der Reihe bei. Die Fertigung in Klammerheftung erfolgte von Heft 1 bis zur Gegenwart mit großem Engagement im Druckhaus Zeitz, das allerdings bis zu seiner Privatisierung 1990 verschiedene Namen und Zugehörigkeiten erdulden mußte. Die Umschlag- wie Papierqualität schwankte früher je nach der Wirtschaftslage, wodurch manchmal auch Lieferverzögerungen entstanden; allerdings berichten Insider auch von einer – auch wegen der Auflagenhöhe von 8. bis 40.000 – zeitweilig eigens hergestellten Papiersorte.
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* soweit unsere Recherchen ergeben haben; ergänzendes oder anderweitiges Wissen wird gerne zur Kenntnis genommen

** wenig wahrscheinlich als Gründungsargument für das Poesiealbum ist das von Kohlhaase festgehaltene Bonmot zur Verklärung von der DDR-Mangelwirtschaft geschuldeten Problemen: „Es gibt wenig Kartoffeln, wir werden große Lyrikdebatten haben“  [Zeitmagazin 7/2012], nicht nur, weil es zumindest Kohl, Karnickel und Kartoffeln immer gab

Der Umfang der Hefte betrug von Anbeginn konstant 32 (+4 Umschlag-) Seiten, wovon nur ausnahmsweise (Lenin-Sonderheft 31 sowie Jubiläumsdoppelhefte 100 und 150 zu Goethe bzw. Schiller) abgewichen wurde.
Die Grafik des Umschlags war schon immer bewußt auffällig und anziehend als gestaltender Faktor der Reihe gewählt, wobei sie zu den Gedichten oder dem Autor einen Bezug darstellt; die Übersicht der folgenden Seiten zeigt deren erstaunliche Vielfalt.
Der „EVP“ wurde in der DDR per Direktive von zentraler Stelle festgelegt und sollte – so berichten die Gründer – in etwa so teuer wie ein Brot (das damals 78 oder 93 Pfennige kostete) sein. Tatsächlich erreichte damit die Reihe bei den Lesern den Kult-Status eines „Grund-Nahrungsmittels“. Bis zum Ende der subventionierten Planwirtschaft kurz vor dem Exitus der DDR betrug der Preis unverändert 0,90 Mark, was u.a. zum damaligen Finale der Reihe bei Heft 275 führte. Bemerkenswert, daß vom jetzigen Editor der Reihe dieses Verhältnis mit 4 € auch heute noch bzw. wieder eingehalten wird.

Herausgegeben wurden die Hefte bisher von hervorragenden Kennern der lyrischen Szene, meist selbst erfahrene Lyriker und Nach-Dichter: Bernd Jentzsch als Erfinder und Mitbegründer der Reihe
(bis Heft 122 und 276-278), Richard Pietraß (von Heft 124 bis 148 und 282 bis 303) sowie Dorothea Oehme (Hefte 149 bis 275). Als Editor der Reihe fungierten der Verlag Neues Leben, Berlin – Direktor Rudolf Chowanetz (Hefte 1-275), der BrennGlas Verlag Assenheim – Verleger Prof. Juergen Seuss (276) und aktuell (ab Heft 277) der Märkische Verlag Wilhelmshorst – Verleger Dr. Klaus-Peter Anders.

Wichtiger als diese formalen Merkmale sind jedoch die inhaltlichen Aspekte der Reihe. Sowohl die Autoren- als auch die Gedichtauswahl trafen und treffen kompetente Auswähler, uU. unterstützt durch externe Experten, die neben einer umfassenden Werkkenntnis auch die Strömungen der Zeit sowie die Bedeutung des klassischen Erbes immer als Kriterium ihrer Zusammenstellungen betrachten bzw. betrachtet haben. Damit wuchs die Anerkennung durch die Leser und der beispiellose Erfolg der Reihe. Wegen der Vielfältigkeit der Autoren und Heftinhalte kann es keine allgemeingültige umfassende Ein-schätzung dazu geben; Herbert Kästner schrieb in den „Marginalien“, daß das Poesiealbum in späteren Jahren den Rang erhält, den wir heute etwa der Reihe „Der jüngste Tag“ zusprechen. Eine Vielzahl deutschsprachiger Erstveröffentlichungen und über 100 DDR-Erstveröffentlichungen unterstreichen den zwar mutigen aber dennoch gerechtfertigten Vergleich. Über 5 Millionen verbreitete Hefte in 22 Ländern und das überwältigende Echo zur Wiederbelebung der Reihe durch den Märkischen Verlag nebst der damit verbundenen Begeisterung durch alte wie neue Leser sprechen jedoch für sich und das Niveau der Reihe.

Wir würden uns freuen, wenn auch Sie sich von Niveau, Qualität und Vielseitigkeit des Poesiealbums überzeugen ließen; zur Bestellung der aktuellen Hefte geht es hier.
Märkischer Verlag Wilhelmshorst

 

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