93. Metroman

Dieser deutsche Dichter französischer Sprache wird wohl noch lange eine Verlegenheit bleiben. Die Franzosen haben ihn nie als einen der Ihren anerkannt, trotz der Komplimente von Voltaire, Marmontel und anderen zu seinen Lebzeiten. Und in Deutschland ist er unbekannt geblieben, trotz wiederholter Versuche, ihn durch Übersetzungen zu popularisieren, wie unmittelbar nach seinem Tod, wie zur 200. und jetzt zur 300. Wiederkehr seines Geburtstags. Es scheint, als ob er mit Übersetzungen ins Deutsche nur immer ferner rückte und wir immer weniger verstehen, was diesen unermüdlichen Reime-Schmied, diesen frenetischen Metromanen, wie er sich selber nannte, bewegte. …

Gedichte müssen nicht immer als autonome Kunstwerke verstanden werden, schon gar nicht die rhetorisch wirkungsbezogenen Verse eines Autors, der selber hellsichtig von seiner tudesken und bizarren Muse sprach (‚ma muse tudesque et bizarre‘), von seinem ‚français barbare‘ und der sich lediglich etwas darauf zugutehielt, ‚frei von allen Abhängigkeiten‘ das auszusprechen, was er jeweils wollte.

Liest man heute seine Verse, die in den sechs Bänden ‚Oeuvres poétiques‘ der Preuß’schen Ausgabe von 1854 nicht weniger als 1600 Seiten umfassen, wird man viel Ödland durchmessen müssen, langweilige Reimerei im klassizistischen Stil, steifleinene Gedankenpoesie und langatmige Ergüsse, die häufig der kritischen Kontrolle ermangeln. Man spürt, dass Französisch nicht Friedrichs Muttersprache gewesen ist, sondern eine erlernte Bildungssprache, die er mit einem gewissen Respekt behandelte. / REINHART MEYER-KALKUS, SZ 21.1.

JÜRGEN OVERHOFF, VANESSA DE SENARCLENS (Hrsg.): An meinen Geist. Friedrich der Große in seiner Dichtung. Eine Anthologie. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2011. 336 Seiten, 24,90 Euro. 

 

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