141. Anderer Band, andere Frau

In #133 berichtete ich über die neue französische Ausgabe der Moskauer Hefte Ossip Mandelstams. Dort ist als letztes Gedicht ein Liebesgedicht vom Februar 1934 enthalten, das in Ralph Dutlis Ammann-Ausgabe „Moskauer Hefte. Gedichte“ fehlt. Es gibt einen Grund dafür, den Ralph Dutli dankenswerterweise aufklärt. In seiner Ausgabe steht es nicht in den Moskauer, sondern im Folgeband, den Woronescher Heften:

Ossip Mandelstam: DIE WORONESCHER HEFTE. Letzte Gedichte 1935-1937. Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Ralph Dutli. Ammann Verlag, Zürich 1996, S. 7.

Es hat in seiner Übersetzung folgenden Wortlaut:

Deine Schultern so schmal, rotgepeitscht an der Wand,
Rotgepeitscht an der Wand, und vom Frostwind verbrannt.

Deine kindliche Hand, die das Plätteisen hebt,
Die das Plätteisen hebt, und die Stricke verwebt.

Deine Füße so zart, müssen nackt übers Glas,
Müssen nackt übers Glas, und den Sand blutig-nass.

Als ein Kerzenlicht schwarz, muss ich brennen für dich,
Muss ich brennen für dich, und nicht beten darf ich.

Dutli schreibt:

Die beiden Bände „Mitternacht in Moskau“ und „Die Woronescher Hefte“ habe ich bezüglich der Reihenfolge und Ordnung der Gedichte nach den Aufzeichnungen Nadeschda Mandelstams ediert. Sie wollte das zitierte Gedicht
auf sich beziehen und damit die Woronescher Hefte eröffnen. Allerdings ist diese Entscheidung umstritten, worauf ich auch in meinem Kommentar zum Gedicht auf Seite 258/259 desselben Bandes hingewiesen habe:

„Nadeschda Mandelstam bezieht dieses Gedicht, wenn auch mit einem gewissen Zögern, auf sich; M. habe es aus Angst um sie geschrieben, als sie im Sommer 1934 an Flecktyphus und Dysenterie erkrankt war. Wie bereits die ‚Moskauer Hefte‘, mit dem Anfangsgedicht ‚Die Angst ist bei uns, mit im Bund‘ (30. Oktober 1930), in: MITTERNACHT IN MOSKAU, S. 7, würden somit auch die WORONESCHER HEFTE mit einem – tragischen – Liebesgedicht an Nadeschda Mandelstam eröffnet, mit einem Gedicht voller schrecklicher Vorahnungen.
Doch Nadeschda Mandelstams Sicht wurde aufgrund der Briefe Sergej Rudakows, eines Woronescher Bekannten der Mandelstams, angezweifelt bei Emma Gerstejn, Novoe o Mandel’stame, Paris 1986, S. 168; das Gedicht sei in Wirklichkeit der Dichterin und Übersetzerin Marija Petrowych (1908-1974) zugedacht gewesen. M. war im Winter 1933/1934 in sie verliebt und widmete ihr das letzte Gedicht der ‚Moskauer Hefte‘, ‚Meisterin der schuldbewussten Blicke‘ (Februar 1934), in: MITTERNACHT IN MOSKAU, S. 217. Falls diese Sicht zutrifft, könnte das vorliegende Gedicht ebenfalls bereits um den Februar 1934 entstanden sein und läge damit vor der Woronescher Periode.“

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